BMJV + DigitalService GmbH Online-Verfahren Pilotstart in Mannheim, Nürnberg, Schöneberg, Bremen, Hamburg-Mitte, Frankfurt, Leipzig; Ab 15.04.2026 Pilotphase gestartet
Innovation in der deutschen Justiz
eJustice.ch · Postfach · 3001 Bern · +41 58 462 47 23 · info@ejustice.ch Innovation in der deutschen Justiz Was tut sich? Wie werden wir „AI-ready“?
Agenda ▪Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? ▪Innovationen in der deutschen Justiz: ▪Ersatz der besonderen elektronischen Postfächer durch EUDI- Wallet? ▪Neue technische Lösungen für Online-Klage, Online-Anträge ▪Gesetz zur Entwicklung und Erprobung eines Online-Verfahrens in der Zivilgerichtsbarkeit: ▪Erprobungsgesetz ▪Digitales Eingabesystem ▪Digitale Kommunikationsplattform ▪Übermittlung ▪Nutzungspflichten ▪Aufbau einer einheitlichen Justizcloud ▪Innovationen im BMJV ▪Wie werden wir AI-ready?
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Rechtsanwalt, Managing Director der BITM-Consult, Honorarprofessor an der Universität Leipzig für IT-Recht Ministerialdirigent und CIO des BMJ a.D. Sächsischer Staatssekretär der Justiz und für Europa und CIO a.D Exekutive Anwaltschaft, Wirtschaft, Wissenschaft
Bisher: Digitalisierung der deutschen Justizkommunikation über besondere elektronische Postfächer, um Anbringen des Schriftformersatzes „qualifizierte elektronische Signatur“ zu vermeiden. • beA – besonderes elektronisches Anwaltspostfach→ für Rechtsanwälte, • beN – besonderes elektronisches Notarpostfach→ für Notare, • beSt – besonderes elektronisches Steuerberaterpostfach→ für Steuerberater, • beBPo – besonderes elektronisches Behördenpostfach→ für Behörden und juristische Personen, • eBO– besonderes elektronisches Bürger- und Organisationenpostfach→ für Bürger, Unternehmen, Verbände. Zugang zur Justiz auch über „Mein Justizpostfach“ (Nutzung der Infrastruktur des Verwaltungsportalverbundes mit BundID). Zukünftig: EUDI-Wallet mit Attributen – Kommunikation über besondere elektronische Postfächer noch erforderlich? Aber: EUDI-Wallet enthält nicht immer Postfächer für klassische Zustellungen, geplante kostenlose deutsche Wallet (der Bundesdruckerei) wohl ohne Postfächer, aber von Privatunternehmen angebotene Wallets möglicherweise mit Postfächern. 4 E R S A T Z D E R B E S O N D E R E N E L E K T R O N I S C H E N P O S T F Ä C H E R D U R C H E U D I - W A L L E T ?
E R A R B E I T U N G N E U E R T E C H N I S C H E R L Ö S U N G E N F Ü R O N L I N E - K L A G E , O N L I N E - A N T R Ä G E • Bisher: lediglich digitale Abbildung im Wesentlichen analoger Vorgänge (Austausch von Schriftsätzen). • Zu umständlich bei kleineren Geldsummen oder Massenverfahren (zB gerichtliche Geltendmachung von Ansprüchen im Falle von Entschädigungen wegen Annullierungen oder Verspätungen von Flügen). • In den letzten Jahren Arbeit des BMJV + der DigitalService GmbH an technischen Lösungen für eine digitale Rechtsantragsstelle und für zivilgerichtliche Online- Verfahren. • Seit August 2024 neben einem sog. „Vorab-Check“ auch webbasierte Möglichkeit zur Erstellung eines Antrags auf Beratungshilfe verfügbar. 5
I N N O V A T I O N D U R C H N E U E Z I V I L P R O Z E S S U A L E R E G E L U N G E N - Z I E L E Ziel der gesetzlichen Neuregelung von Dezember 2025 („Gesetz zur Entwicklung und Erprobung eines Online-Verfahrens in der Zivilgerichtsbarkeit) : Für neue technische Instrumente und Weiterentwicklungen rechtliches Fundament schaffen. Erstmals eigenständige, vollständig digital konzipierte Verfahrensart für einfach gelagerte Streitigkeiten - effizient, niedrigschwellig und medienbruchfrei: • Klageeinreichungen mit Online-Tools (Digitales Eingabesystem) über erweitertes gemeinsames Justizportal www.service.justiz.de mit Plausibilitätsprüfungen, • Einsatz einer Kommunikationsplattform, • Einreichung von Klageinhalten und Metadaten in einem strukturierten Datensatz und mit automatisierter Verarbeitung durch das Gericht, • kollaboratives Arbeiten in einem „gemeinsamen Prozessdokument“ – Abkehr von klassischem freiem Parteivortrag –Parteivortrag wird formalisiert und standardisiert. • Richterliche Entscheidungsgrundlagen werden vorstrukturiert. 6
C H A R A K T E R „ E R P R O B U N G S G E S E T Z “ Erprobung von Online-Verfahren vor flächendeckender Einführung: • bei Amtsgerichten beschränkt auf bürgerliche Rechtsstreitigkeiten bei Geltendmachung von Geldsummen im Zuständigkeitsstreitwert der Amtsgerichte von nicht mehr als 10.000€, § 23 Ziff.1 GVG, ausgenommen bestimmte Bereiche gem. § 23a GVG (Familiensachen, freiwillige Gerichtsbarkeit). • Spezifizierungen durch VOen der Landesregierungen (auf bestimmte Amtsgerichte, bestimmte (Massen-) Verfahren, Zeitpunkt des Beginns der neuen Möglichkeiten). • Eröffnung eines Online-Verfahrens „mittels eines digitalen Eingabesystems bei Gericht“ und Einreichung über Kommunikationsplattform. 7
E R P R O B U N G S T A R T E T E A M 1 5 . A P R L 2 0 2 6 Pilotverfahren: • Ab 15.4 Amtsgerichte Mannheim und Nürnberg, Schöneberg, Bremen, Hamburg (Mitte), Frankfurt am Main und Leipzig, • Ab 20.04. Amtsgericht Nürtingen, • Ab 01.06. Amtsgerichte Bonn, Essen, Dortmund, Bitburg und Sinzig, • Ab 01.06. Amtsgerichte in Düsseldorf und Steinfurt (beschränkt auf
Fluggastrechte), • Ab 1.10. Amtsgerichte Erding, Eilenburg, Königs- Wusterhausen (beschränkt auf Fluggastrechte. 8
D I G I T A L E S E I N G A B E S Y S T E M M I T S T R U K T U R I E R T E M E I N G A B E - U N D A B F R A G E S Y S T E M ; S C H R I F T F O R M E R S A T Z
Strukturierte Dateneingabe in Textfelder/Auswahlfelder/Uploads,
maschinenlesbare Daten statt Fließtext,
logikgesteuerte Führung: System „denkt mit“ und stellt Folgefragen („Wenn A → dann B“),
verhindert unvollständige Eingaben,
gibt Hinweise („Anspruch möglicherweise verjährt“),
Integration in Kommunikationsplattform.
Ablauf (konkret) Beispiel: Klage im Online-Verfahren
Nicht anwaltlich vertretener Bürger öffnet Online-Portal System und identifiziert sich z.B. mit „Mein Justizpostfach“,
führt Eingabeschritte aus, Daten werden strukturiert erfasst; System erstellt daraus eine „digitale Klage“; Übermittlung an Gericht über Kommunikationsplattform.
Eingabesystem ersetzt Schriftform! 9
K O M U N I K A T I O N S P L A T T F O R M Schaffung einer Kommunikationsplattform = digitaler Arbeitsraum • als Ersatz Austausch von Schriftsätzen, • für Einsichtnahme und den Abruf von elektronische(n) Dokumenten. • Zugangsebene (Frontends): Nutzer greifen über unterschiedliche Oberflächen zu: • Web-Portal (für Bürger), Fachanwendungen (für Gerichte), Kanzleisoftware (für Anwälte), • Integration von Besonderen elektronischen Postfächer, • Verknüpfung mit eDokumentenmanagement und Registerdaten, • Identitätsmanagement für sichere Identifikation (für unterschiedliche Rollen- Richter, Anwalt, Bürger), • Nachrichtenlogik: strukturierte Nachrichten (keine freien E-Mails), Verknüpfung mit Verfahren und Aktenzeichen, • Sicherheit: Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, Zugriffskontrollen, Protokollierung. 10
Ü B E R M I T T L U N G A N K O M M U N I K A T I O N S P L A T T F O R M U N D R Ü C K K A N A L Ziel aus Sicht der Gerichte: Möglichkeit der digitalen Weiterverarbeitung der Dokumente oder der strukturierten Datensätze durch Gerichte, etwa bei der Übermittlung standardisiert aufbereiteter Klageinhalte in Massenverfahren. Regelung des Rückkanals: Information des Empfängers eines elektronischen Dokuments über die Abrufbarkeit eines elektronischen Dokuments spätestens am dritten Tag nach der Bereitstellung. Wenn Empfänger im konkreten Verfahren zustimmt, kann auch die Bereitstellung auf Kommunikationsplattform als Zustellung gelten. Anwendungsfälle für die neuen Regelungen beispielhaft Fluggastrechtefälle und andere sog. Massenverfahren mit geringem Streitwert. Zukünftige Nutzung für komplexeren Fällen hängt von Erfahrungen in den Reallabors ab. 11
N U T Z U N G S P F L I C H T E N Nutzung der Online-Klage-Tools für nicht anwaltlich vertretene Bürgerinnen und Bürger und beklagte Partei freiwillig – als Alternative zu den weiterhin fortbestehenden Verfahrensmöglichkeiten, § 1122 ZPO Pflicht zur Nutzung des digitalen Eingabesystems durch Professionelle im Falle der Geltendmachung von Ansprüchen aus der Fluggastrechte–Verordnung und bei (durch Verordnung zu bestimmenden) weiteren Anwendungsbereichen mit einer Vielzahl gleichgelagerter und standardisierbarer Verfahren. Nutzungspflicht in bestimmten Fällen für die Kommunikationsplattform. 12
E R P R O B U N G S G E S E T Z G E B U N G „ N E U L A N D “ • Erprobungsgesetzgebung: Neue Regelungen nicht in die bestehenden Verfahrensvorschriften integriert, sondern neues (12.) Buch der ZPO „Erprobung und Evaluierung“ als Vorbereitung für mögliche dauerhafte Regulierung. • Schaffung von „Reallaboren“ (Testräume ohne größere technische und organisatorische Vorgaben). • Evaluierungen zusammen mit teilnehmenden Ländern Dezember 2027, 2029, 2033. • Evaluieren:
Umfang der Nutzung digitaler Eingabesysteme einschließlich deren Barrierefreiheit, Nutzerfreundlichkeit und Bedienbarkeit,
Anwendungsbereiche und Bereitstellung von Anwendungsmodulen,
Zahl und Beantwortung von Anträgen auf mündliche Verhandlung,
Kosten und Nutzen bei der Umsetzung der Vorschriften,
Fortentwicklungsmöglichkeiten. 13
K R I T I K / Z U K L Ä R E N D E F R A G E N / • Relativierung des Mündlichkeitsprinzips und Unmittelbarkeitsprinzips durch weitgehende Verlagerung auf schriftlich-digitale Kommunikation sowie Videoverhandlungen (§ 128a ZPO)? • Justizgewährungsanspruch (Art. 19 Abs. 4 GG) betroffen? • Online-Verfahren kann Zugang zur Justiz mit niedrigschwelligen digitalen Zugängen erleichtern, • zugleich aber Exklusionseffekt, daher zunächst an Freiwilligkeit und gleichwertigen analogen Zugängen festhalten. • Beeinträchtigung des Prinzips des rechtlichen Gehörs durch strukturierte Eingabemasken? Eingabesystem als „unsichtbarer Mitgesetzgeber“? • Daher wichtig: Freitextfelder bei Pflicht zur Strukturierung beibehalten. • Prinzip des gesetzlichen Richters betroffen, wenn algorithmische Elemente Verfahrenssteuerung übernehmen (faktische Vorstrukturierung richterlicher Entscheidung muss richterliche Letztentscheidung stets gewährleisten). • Öffentlichkeitsgrundsatz (§ 169 GVG): Saalöffentlichkeit nicht in digitalen Raum übertragbar - Livestreaming von Verhandlungen? Mehr Öffentlichkeit von Dokumenten und richterlichen Entscheidungen? 14
J U S T I Z - C L O U D • Föderierter Ansatz: Mehrere Cloud-Umgebungen. • Länder-Clouds ggfls. mit Bundeskomponenten, verbunden durch gemeinsame Schnittstellen, gemeinsame Standards, gemeinsame Plattformlogik trotz mehrerer Clouds. • Für Nutzer nur einheitliche Justizplattform sichtbar, technische Verteilung im Hintergrund. • Ziel zentraler Steuerung: • Definition einer gemeinsamen Cloud-Architektur, • Festlegung von Schnittstellen, Standards, Datenmodellen, • Weiterentwicklung des elektronischen Rechtsverkehrs, Integration besonderer elektronischer Postfächer, • harmonisierte Fachverfahren, • Aufbau gemeinsamer Datenräume, • Reallabore in der Cloud. 15
J U S T I Z C L O U D • Unterzeichnung einer Vereinbarung von Bund und Länder zur Entwicklung einer bundeseinheitlichen Justizcloud am 7. Januar 2026. • Ziel: Schaffung einer zukunftsfähigen IT-Infrastruktur für die Justiz im Bund und in den 16 Bundesländern. • Erste lauffähige Version bis Anfang 2027 auf Basis einer erfolgreich 2025 durchgeführten Machbarkeitsstudie. • Die Justizcloud baut auf vorhandener Infrastruktur der öffentlichen IT- Dienstleister auf. • eigenes Justiznetz zur Stärkung der Selbstständigkeit der Justiz geplant. • Als erste Anwendung soll Gemeinsames Fachverfahren (GeFa) der Justiz an Gerichten in mehreren Ländern zur Verfügung gestellt werden. • Projektleitung durch Aufbaustab in Baden-Württemberg. • Perspektivisch geplant: Betriebsanstalt zum Betrieb der Justizcloud für die gesamte Justiz („Justizcloud-Einheit“) 16
Wer bin ich – und wenn