FH Graubünden Studie - Einkaufsverhalten im Detailhandel Region Plessur (Chur, Arosa); Zwei Drittel nutzen Online- und Vor-Ort-Einkauf.

Standortförderung beginnt beim Zuhören - FHGR Blog

Was eine Befragung von über 1'500 Konsumentinnen und Konsumenten über den Detailhandel in der Region Plessur verrät

Der Schweizer Detailhandel steht unter Druck. Digitalisierung, verändertes Konsumverhalten und wachsender Wettbewerb durch Online-Handel und Einkaufstourismus – in dieser Gemengelage stehen lokale Händlerinnen und Händler unter Druck. Ladenschliessungen nähren die Sorge, dass Ortskerne oder Innenstädte an Lebendigkeit verlieren. Doch Totgesagte leben länger – vorausgesetzt, jemand misst den Puls. Genau das hat eine neue Studie der FH Graubünden getan.

Um diese Fragen evidenzbasiert zu beantworten, haben die Region Plessur, die Stadt Chur, die Gemeinde Arosa und die IG Handel Chur eine umfassende Studie bei der Hochschule in Auftrag gegeben. Zwischen März und Juni 2025 wurden über 1'500 Personen in Chur und Arosa zu ihrem Einkaufsverhalten, ihren Bedürfnissen und ihren Erwartungen an den lokalen Handel befragt – eine Erhebung, die in ihrer regionalen Tiefe und Teilnehmendenzahl schweizweit einzigartig ist.

Die Ergebnisse lassen sich nicht auf eine einfache Formel bringen. Zu konstatieren ist zunächst: Chur fungiert als urbanes Versorgungszentrum mit einer bemerkenswert hohen Einkaufsfrequenz: Fast 70 Prozent der Befragten kaufen mindestens ein- bis zweimal pro Woche vor Ort ein. Nur knapp 9 Prozent der Befragten kaufen im grenznahen Ausland ein – gemäss einer schweizweiten Erhebung tut dies rund ein Viertel der Bevölkerung. Das sind ermutigende Zeichen für den Standort Chur. Gleichzeitig identifiziert die Studie klare Handlungsfelder: Das grösste Verbesserungspotenzial besteht gemäss den Befragten bei der Sortimentsvielfalt und der Servicequalität – nicht bei Parkplätzen oder Öffnungszeiten, wie häufig vermutet.

In Arosa erfüllt der Detailhandel eine duale Funktion für Einheimische und Gäste. Geschätzt werden der persönliche Kontakt und regionale Produkte. Zugleich bestehen Lücken in der Grundversorgung, etwa bei Frischwaren und bezahlbarer Alltagsbekleidung. Der Wunsch nach mehr Erlebnis und Aufenthaltsqualität – beispielsweise durch lokale Märkte mit wechselnden Produzierenden – ist stark ausgeprägt.

Ein zentrales Ergebnis betrifft beide Standorte: Die Digitalisierung des Einkaufsverhaltens ist Realität. Rund zwei Drittel der Befragten kaufen je nach Situation sowohl physisch vor Ort (stationär) als auch online ein. Für den lokalen Handel bedeutet dies, dass eine rein stationäre Strategie zunehmend an ihre Grenzen stösst. Der Ausbau digitaler Kompetenzen ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Die Studie blieb nicht bei der Analyse stehen. In partizipativen Workshops wurden die Ergebnisse gemeinsam mit Akteuren aus Detailhandel, Gastronomie, Tourismus, Hotellerie und Verwaltung diskutiert. Für Chur stehen die gezielte Ansiedlung neuer Angebote, ein Pop-up-Flächenpool für innovative Konzepte und die Steigerung der Aufenthaltsqualität als mögliche Massnahmen im Vordergrund. Für Arosa liegt der Fokus auf der Stärkung der Grundversorgung und der Belebung des Dorfzentrums.

Standortförderung ist dann wirksam, wenn sie auf fundierten Erkenntnissen basiert und alle relevanten Akteure einbezieht. Diese FHGR-Studie liefert erstmals eine solide Datengrundlage für die strategische Weiterentwicklung des Detailhandels in der Region Plessur. Entscheidend wird nun sein, die erarbeiteten Massnahmen konsequent umzusetzen – im engen Zusammenspiel von Handel, Gemeinden, Verbänden und der Bevölkerung. Der nächste Schritt ist bereits aufgegleist: Eine Befragung der Händlerinnen und Händler in Chur soll deren Sicht auf Herausforderungen und Entwicklungspotenziale einbringen. Denn der lokale Detailhandel hat eine Zukunft – wenn beide Seiten des Ladentischs gehört werden.

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Das GemeindeFORUM widmet sich in diesem Jahr dem Thema Standortattraktivität in Gemeinden. In Zeiten gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und ökologischer Veränderungen gilt es, Standortattraktivität ganzheitlich zu denken – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in Bezug auf Lebensqualität, Gemeinschaft, Infrastruktur und Identität. Wie können Gemeinden attraktive Lebens- und Arbeitsräume schaffen? Welche innovativen Ansätze stärken sie nachhaltig? Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos, um eine Anmeldung wird gebeten:fhgr.ch

Dario WellingerundTatjana Schädlerforschen und lehren am Zentrum für Verwaltungsmanagement der Fachhochschule Graubünden. Alle Informationen zur Studie finden sichhier. Alle vier Wochen diskutiert die einzige Fachhochschule im Kanton an dieser Stelle aktuelle Themen aus Studium und Forschung.