Redaktion des Heimatkalenders im Landkreis Elbe-Elster erhält Preis für Heimatgeschichte; Ehrenamtliche Redaktion gewürdigt
Kulturreise Elbe-Elster - Heimatgesch
Begründung für die Auszeichnung der Redaktion des Heimatkalenders mit dem “Preis für Heimatgeschichte” des Landkreises Elbe-Elster
„Ein neuer Kalender! Gleich sehe ich zwei Hände abwehrend in die Höhe fahren: ‚Wir haben Kalender genug!‘ Gewiss. Aber haben wir schon einen ‚Heimat-Kalender für den Kreis Liebenwerda‘? Nein! Na also!“
Mit diesen Worten, meine sehr verehrten Damen und Herren, begann Johann Friedrich Arndt die nunmehr 115jährige Tradition des Liebenwerdaer Heimatkalenders im Jahr 1910. Er war von 1889 bis 1910 Pfarrer in Hirschfeld. Als Abschiedsgruß, so könnte man sagen, hinterließ er uns den Heimatkalender, der zunächst kein eigenes Druckwerk, sondern ein 16-seitiger Anhang an den Hauskalender des Christlichen Zeitschriftenvereins in Berlin für die Provinz Sachsen war. Schnell fand Arndt Unterstützer in Pfarrkollegen, Lehrern und Heimatforschern. Auch mit dem Landrat arbeitete Arndt eng zusammen, fand sich doch im Heimatkalender erstmals eine gebündelte Veröffentlichung der kreislichen Behörden, was 1912 durch eine Auflistung der Kommunalbehörden ergänzt wurde.
Es ist ein beachtlicher Umstand, dass Arndt in Mückenberg geboren wurde, gehörte dieses doch zum 1910 immerhin 66.000 Einwohner zählenden Landkreis Liebenwerda. Trotz der historische Zusammenhänge verachtenden Kreisreform von 1952, die das „Mückenberger Ländchen“ und Ortrand auf der einen sowie Falkenberg und Uebigau auf der anderen Seite vom Kreis Liebenwerda abtrennte, fühlt sich der Heimatkalender diesen Gebieten auch noch heute verbunden.
Der Heimatkalender erschien auch über Weltkriege und Wirtschaftskrisen hinweg – mit kurzen Unterbrechungen. In der sich nach außen traditionsbewusst gebenden DDR hatte er dann aufgrund ideologischer Enge und materiellen Mangels seine schwierigste Zeit. So gab es ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre keinen Heimatkalender mehr. Daher feiern wir zwar 115 Jahre Heimatkalender, aber erst den 71. Jahrgang. Nach der friedlichen Revolution war es ein Kraftakt engagierter Bürger, die mit dem 46. Jahrgang für das Jahr 1993 das Wiedererscheinen des Jahrbuchs ermöglichten. Mit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde e.V. im Jahr 1994 erhielt das Werk schließlich eine feste institutionelle Heimat, die den fortlaufenden Bestand bis heute erfolgreich sichert – die Jubiläumsausgabe 2025 umfasste knapp 300 Seiten.
Inspiriert von den Wurzeln des Kalenders, aber auch beeinflusst von der Entwicklung, die unsere Heimat seitdem genommen hat, deckt der Heimatkalender eine große thematische Bandreite ab: Vom Kalendarium, der Auflistung der kommunalen Institutionen und Kirchen über die klassische Heimatgeschichte, Kultur und Kunst, Natur und Landschaft, Wirtschaft und Technik sowie Biografien bis hin zu Anekdoten. Die 30 bis 40 Beiträge reichen vom wissenschaftlichen Aufsatz bis zum Erinnerungsbericht, was den Kalender für ein breites Publikum ansprechend macht. Zu Berichten über vermeintlich sichere und wohlig-warme Zeiten allgegenwärtiger staatlicher „Fürsorge“ gesellen sich zunehmend Beiträge, die sich kritisch mit der Geschichte unserer Heimat, insbesondere im Nationalsozialismus und der DDR, auseinandersetzen.
Hinter dem uns jährlich im November erfreuenden Kalender verbirgt sich eine Leistung, die für Außenstehende unsichtbar bleibt. Nicht mehr Pfarrer und Lehrer als öffentliche Bedienstete verstehen es als Teil ihres Arbeitsethos, einen solchen Kalender zu verantworten. Es ist eine ehrenamtliche Redaktion – ein kleines, eingeschworenes, interdisziplinäres, belesenes, unermüdliches, diszipliniertes und eingespieltes Team. Dieses hat es gleichsam mit promovierten und sogar habilitierten Schreibern zu tun, aber auch mit Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben einen Text veröffentlichen möchten. Diese werden von Beginn an mit Tipps zum Aufbau, zur Sprache oder zur Illustration unterstützt.Diese Arbeit ist ein Marathon im Ehrenamt. In wöchentlichen Treffen beraten die heute zu Ehrenden über Inhalte, prüfen den Arbeitsstand und unterstützen sich gegenseitig bei Nachforschungen. Jedes Manuskript wird nicht nur auf Rechtschreibung und Grammatik geprüft, sondern auch auf seine Plausibilität und Verständlichkeit hin abgeklopft. Als Autor seit der Ausgabe 2020 kann ich die Akribie, mit der die Beiträge geprüft werden, bestätigen. Es ist keine Besserwisserei oder ein Übergriff auf den Text, sondern vielmehr ein anspruchsvolles Lektorat, wofür man an Universitäten und in Verlagen viel Geld bezahlt. Vor dem endgültigen Druck folgen schließlich mehrfache Korrekturrunden für die Probeausdrucke. All dies geschieht in unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden und erfordert einen enormen persönlichen Einsatz sowie den notwendigen Rückhalt in den Familien.
Besonders hervorzuheben ist, dass es durch dieses immense ehrenamtliche Engagement gelingt, den Heimatkalender trotz steigender Produktionskosten für den fast unglaublichen Preis von 10 Euro anzubieten. Zwar helfen das Kulturamt und die Sparkassenstiftung „Zukunft Elbe-Elster-Land“ dankenswerterweise bei den Druckkosten, doch das eigentliche Fundament ist die unbezahlte redaktionelle Arbeit.
Der heute verliehene Kulturpreis für Heimatgeschichte ist das sichtbare Zeichen unserer Anerkennung für dieses jahrzehntelange Engagement. Er ehrt die gegenwärtigen Redaktionsmitglieder, die dieses Erbe mit Herzblut in die Zukunft tragen: Angelika Gollmer, Guntram Götzelt, Sabine Kretzschmann, Renate Sachse, Günter Sadlowski und Ralf Uschner.
Sie schaffen mit jedem Jahrgang ein Dokument für die Zukunft, das die Beziehung der Menschen zu ihrer Heimat festigt – damit schlagen Sie die Brücke zu Pastor Arndt. Dieser beendete sein Geleitwort zur Erstausgabe poetisch – manche würden sagen kitschig. Der Inhalt seiner Zeilen hat jedoch an Aktualität nichts verloren:
„Wer könnte die geweihte Stätte vergessen, da seine Wiege stand? Wen zöge es nicht immer wieder zur Heimat zurück. […] Liebe Landsleute, vergesst eure Heimat nicht! Alle jene Orte, wo ihr der Jugend frohen Traum geträumt, wo die Liebe zum ersten Male euer reines, unschuldvolles Herz beglückt, wo das erste Weh sich eurer Seele unvergesslich tief eingegraben, all jene Fluren, Wiesen und Felder, Bäche, Flüsse und Wälder sind durch die Erinnerung für alle Zeit geheiligt.“
Herzlichen Glückwunsch zum Preis für Heimatgeschichte 2025!
v.l.n.r: Landrat Christian Jaschinski, Anja Miersch, Guntram Götzelt, Sabine Kretzschmann, Renate Sachse, Angelika Gollmer, Günter Sadlowski, Jonas Roch