Regierungsratskandidaten diskutieren Behindertenpolitik in Graubünden; Kanton übernimmt künftig mehr Verantwortung.
Behindertenpolitik in Graubünden: Zwischen klaren Forderungen und weiterhin grossem Handlungsbedarf | Procap Grischun
Behindertenpolitik in Graubünden: Zwischen klaren Forderungen und weiterhin grossem Handlungsbedarf
Regierungsratskandidatinnen und – Kandidaten vlnr: Carmelia Maissen, Martin Bühler, Nora Saratz Cazin, Valérie Favre Accola, Michael Maurizio, Peter Peyer, Reto Bott, Marcus Caduff, Aita Zanetti.
Den Auftakt des Podiums machten die beiden Behindertenorganisationen: Fabian Collenberg stellte Pro Infirmis vor, während Reto Crameri für Procap Grischun sprach. Dabei wurde gleich zu Beginn eine zentrale Herausforderung angesprochen: die Finanzierung von Leistungen. Aktuell wird nur ein Teil davon abgegolten – entsprechend stellte sich die Frage, ob der Kanton künftig mehr Verantwortung übernehmen wird.
Im Anschluss diskutierten neun Regierungsratskandidatinnen und -kandidaten über zentrale Fragen der Behindertenpolitik im Kanton Graubünden. An der Veranstaltung nahmen knapp 80 Personen teil. Moderiert wurde sie von Pierina Hasler von der Südostschweiz.
Zu Beginn der Diskussion wurde deutlich, wie präsent Barrieren im Alltag sind. Die Kandidierenden wurden gebeten, sich vorzustellen, sie wären im Rollstuhl unterwegs oder von einer Sehbehinderung betroffen. Die Antworten zeigten, dass Hindernisse oft schon im eigenen zu Hause beginnen und sich im öffentlichen Raum fortsetzen. Zu steile Strassen, nicht barrierefreie Eigenheime sowie kleine, nicht umgebaute Bahnhöfe stellen konkrete Alltagshürden dar.
Im Verlauf der Diskussion wurde klar, dass Behindertenpolitik kein Randthema ist, sondern zahlreiche Lebensbereiche betrifft – von Wohnen über Mobilität bis hin zu Bildung und Arbeitsmarkt. Entsprechend müsse Inklusion als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden und in allen politischen Prozessen mitgedacht werden. Nora Saratz Canzin betonte, die öffentliche Hand müsse auch einmal über das gesetzliche Minimum hinausgehen. Carmelia Maissen hob hervor, Organisationen wie Pro Infirmis und Procap seien wichtig, auch weil sie Druck aufbauen könnten. Martin Bühler ergänzte, es seien Fortschritte erzielt worden, das Ziel aber noch nicht erreicht. Solche Organisationen seien Partner und keine Bittsteller. Peter Beyer wies darauf hin, dass die Umsetzung der Behindertenpolitik oft unterschiedlich ausfalle und mehr Unterstützung notwendig sei.
Ein zentrales Thema war der Wandel hin zu mehr Selbstbestimmung beim Wohnen. Die Abkehr von institutionellen Lösungen hin zu ambulanten Angeboten wurde grundsätzlich begrüsst. Gleichzeitig wurde betont, dass dies nur gelingt, wenn neben finanziellen Mitteln auch ausreichend Fachpersonal, geeignete Wohnformen und funktionierende Strukturen vorhanden sind. Der akute Fachkräftemangel – insbesondere im Gesundheitsbereich – erschwert diese Entwicklung zusätzlich.
Maurizio Michael führte aus, er komme aus einer Grenzregion, die stark auf Arbeitskräfte angewiesen sei. Die Distanzen seien enorm, wodurch Lösungen für abgelegene Regionen schwierig würden. Hinzu kämen sprachliche und kulturelle Barrieren. Im Bergell sei es nicht immer gewährleistet, dass ein Kind mit Behinderung eine Schule besuchen könne, in der seine Sprache gesprochen wird.
Martin Bühler äusserte sich kritisch zur 10-Millionen-Schweiz-Initiative und gab zu bedenken, ob diese sinnvoll sei, wenn bereits heute ein deutlicher Personalmangel in der Pflege bestehe. Peter Peyer meinte pointiert, man müsse nicht nur die Regierung wählen, sondern generell richtig wählen. Valérie Favre Accola brachte ein Beispiel aus Australien ein, wo sie selbst eine Zeit lang lebte, wo Fachkräfte gezielt in Regionen mit grossem Bedarf entsendet würden.
Auch bei der Mobilität zeigte sich deutlicher Handlungsbedarf. Trotz gesetzlicher Vorgaben ist der öffentliche Verkehr im Kanton noch nicht flächendeckend barrierefrei. Besonders in abgelegenen Regionen führen grosse Distanzen zu zusätzlichen Herausforderungen. Gleichzeitig wurde betont, dass Investitionen in Barrierefreiheit langfristig allen zugutekommen.
Neben der physischen Infrastruktur rückte auch die digitale Barrierefreiheit in den Fokus. Kantonale Dienstleistungen und Informationen sollen so gestaltet werden, dass sie für alle Menschen zugänglich sind. Marcus Caduff anerkannte bereits relevante Fortschritte, gleichzeitig seien aber weitere Anstrengungen gefordert.
Im Bereich Arbeitsmarkt wurde die Verantwortung des Kantons als grosser Arbeitgeber betont. Es brauche nicht nur Programme und Budgets, sondern konkrete Anstellungen von Menschen mit Behinderungen sowie eine stärkere Sensibilisierung in Verwaltung und Wirtschaft. Valérie Favre Accola brachte dies auf den Punkt: «Wir müssen es vorleben.»
Ein besonders intensiver Teil der Diskussion drehte sich um die inklusive Bildung. Dabei wurde deutlich, dass es keine einfachen Antworten gibt. Inklusion kann insbesondere in den frühen Schuljahren gut funktionieren, wird jedoch mit zunehmendem Alter komplexer. Einigkeit bestand darin, dass das Kindeswohl im Zentrum stehen muss und individuelle Lösungen gefragt sind. Gleichzeitig wurde betont, dass inklusive Bildung auch einen gesellschaftlichen Mehrwert schafft – insbesondere, wenn Familien selbstverständlich in den Alltag integriert sind. Ein Beispiel aus Scuol, eingebracht von Aita Zanetti, zeigte dies: Ein Kind mit cerebraler Lähmung wurde integriert, die Familie war Teil der Gemeinschaft, und ein neu eingebauter Lift kam letztlich allen zugute. Reto Bott ergänzte, dass Inklusion auch aus finanzieller Sicht günstiger sein könne als Separation.
In der Abschlussrunde richtete sich der Blick in die Zukunft: Woran werden Menschen mit Behinderungen konkret merken, dass sich in den kommenden vier Amtsjahren etwas verbessert hat?
Die Antworten zeigten, dass es weniger um einzelne Projekte als um nachhaltige Veränderungen im Alltag geht. Genannt wurden Fortschritte bei der digitalen Inklusion, verbindliche Vorgaben innerhalb der Verwaltung sowie eine stärkere Verankerung sozialer Nachhaltigkeit. Entscheidend sei, dass Inklusion nicht nur politisch gefordert, sondern tatsächlich gelebt wird.
Das Podium machte insgesamt deutlich: In Graubünden wurden bereits wichtige Schritte unternommen, doch der Weg zu einer umfassenden Inklusion ist noch lang. Es braucht kontinuierliches Engagement, konkrete Massnahmen und eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung und Organisationen, um die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen nachhaltig zu stärken. Dabei wurde auch festgehalten, dass der Austausch mit Behindertenorganisationen bisher noch zu wenig stattfindet – und künftig gestärkt werden sollte.