Bundesstiftung LiveKultur Schriftliche Stellungnahme zur Rolle von Musikfestivals im ländlichen Raum vor dem Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages; 6 Milliarden Euro Umsatz Ausschussdrucksache 21(20)65 Ausschussdrucksache 21(20)65 Ausschuss für Tourismus 27. Sitzung am 06.05.2026 Öffentliche Anhörung Stellungnahme zum Thema „Freizeitwirtschaft“ Nelly Welskop Bundesstiftung LiveKultur, 3000Grad Festival Dem Ausschuss ist das vorliegende Dokument in nicht barrierefreier Form zugeleitet worden. 21. Wahlperiode Bundesstiftung LiveKultur . c/o Verband für Popkultur in Bayern e.V. - Schloss Alteglofsheim - Am Schlosshof 1 - 93087 Alteglofsheim Steuer-ID: 244 / 174 / 02682 - Bankverbindung: GLS Bank Bochum - IBAN: DE 66 4306 0967 1204 6145 00 - BIC: GENODEM1GLS Bundesstiftung Livekultur, c/o VPBy e.V., Am Schlosshof 1, 93087 Alteglofsheim Ausschuss für Tourismus des Deutschen Bundestages Frau Vorsitzende Anja Karliczek Bundesstiftung Livekultur c/o Verband für Popkultur in Bayern e.V. Schloss Alteglofsheim Am Schlosshof 1 93087 Alteglofsheim post@bundesstiftung-livekultur.org www.bundesstiftung-livekultur.org Geschäftsführender Vorstand: Karsten Schölermann, Anna Blaich, Felix Grädler, Bernd Strieder Schriftliche Stellungnahme für den Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages Zur Rolle von Musikfestivals im ländlichen Raum als Faktor für Tourismus, regionale Wertschöpfung und kulturelle Infrastruktur Ich nehme Stellung aus der Perspektive langjähriger praktischer Arbeit mit Musikfestivals und Musikclubs, kultureller Infrastruktur sowie regionalen Entwicklungsprozessen. Mein Schwerpunkt liegt insbesondere auf kleinen und mittleren Festivals sowie auf Chancen und Herausforderungen im ländlichen Raum. Darüber hinaus war ich im Rahmen der bundesweiten Festivalstudie 2025 in den Bereichen Koordination, Berichtswesen und redaktionelle Aufbereitung maßgeblich beteiligt. Mein zentraler Befund lautet: Musikfestivals im ländlichen Raum sind weit mehr als Freizeitveranstaltungen. Sie sind Kulturorte, wirtschaftliche Impulsgeber, touristische Anziehungspunkte, soziale Begegnungsräume und sichtbare Zeichen regionaler Zukunftsfähigkeit zugleich. Sie tragen zur Lebensqualität, Attraktivität und Identität ländlicher Räume bei. Dieses Potenzial ist hoch – die strukturellen Rahmenbedingungen bleiben bislang jedoch hinter ihrer tatsächlichen Bedeutung zurück. Die Live‑Entertainment‑Branche ist eine der stärksten Säulen der deutschen Musikwirtschaft. Sie erzielt jährlich rund 6 Milliarden Euro Umsatz, zählt über 115 Millionen verkaufte Tickets und .. A .. 3000GRAD .LIVEKOMM LiveMusikKommission ~erband der Musikspielstätten in Deutschland e.V. 0 BUNDES STIFTUNG LIVEKULTUR Bundesstiftung LiveKultur . c/o Verband für Popkultur in Bayern e.V. - Schloss Alteglofsheim - Am Schlosshof 1 - 93087 Alteglofsheim Steuer-ID: 244 / 174 / 02682 - Bankverbindung: GLS Bank Bochum - IBAN: DE 66 4306 0967 1204 6145 00 - BIC: GENODEM1GLS beschäftigt etwa 70.000 Menschen. Mit mehr als 300.000 Veranstaltungen pro Jahr ist sie nicht nur kulturell prägend, sie ist ein elementarer Wirtschaftsfaktor für Regionen. Der Musiktourismus allein generiert 11,7 Milliarden Euro Umsatz. Nach Zahlen des Deutsches Wirtschaftswissenschaftliches Institut für Fremdenverkehr e.V. entfallen 31,2 Millionen Hotelübernachtungen rein auf Konzert‑ und Festivalbesuche. Hinzu kommen Ausgaben für Gastronomie, Einzelhandel und Mobilität. Besuchende geben bei Musikreisen im Durchschnitt sogar zwölf Prozent mehr für Übernachtungen aus als bei anderen Reisen. Gerade für ländliche Räume ist das von besonderer Bedeutung. Festivals schaffen Sichtbarkeit, zusätzliche Nachfrage, saisonale Impulse und neue Gästegruppen. Sie wirken damit in Politikfelder hinein, die weit über den Bereich “Kultur” hinausgehen. 1. Einordnung: Rolle von Festivals im ländlichen Raum 1.1 Ländliche Räume sind unterschiedlich – Festivals auch Für eine sachgerechte Bewertung ist zunächst wichtig: Der ländliche Raum ist keine einheitliche Kategorie. Zu unterscheiden sind unter anderem: ● touristisch geprägte Regionen mit vorhandener Infrastruktur, ● strukturschwächere Räume mit begrenzten wirtschaftlichen Ressourcen, ● periurbane Regionen im Umfeld größerer Städte. Diese Unterschiede bestimmen maßgeblich, unter welchen Bedingungen Festivals entstehen und welche Wirkungen sie entfalten können. 1.2 Mikroebene: Das Beispiel 3000Grad Festival Das 3000Grad Festival in der Mecklenburgischen Seenplatte zeigt beispielhaft, welche Rolle Festivals im ländlichen Raum einnehmen können. Es verbindet Musikprogramm, kulturelle Angebote und Naturerlebnis mit mehrtägigem Aufenthalt sowie touristischer Infrastruktur. Jährlich reisen rund 4.000 bis 5.000 Besucher:innen an und verbringen häufig mehrere Tage in der Region. Unterkünfte im Umfeld sind vielfach Monate im Voraus ausgebucht. Daraus entstehen unmittelbare regionale Effekte: zusätzliche Übernachtungen, höhere Umsätze in Gastronomie und Einzelhandel, Aufträge für regionale Dienstleister, saisonverlängernde Nachfrage "*" 3000GRAD .LIVEKOMM LiveMusikKommission yerband der Musikspielstätten in Deutschland e.V. 0 BUNDES STIFTUNG LIVE KULTUR Bundesstiftung LiveKultur . c/o Verband für Popkultur in Bayern e.V. - Schloss Alteglofsheim - Am Schlosshof 1 - 93087 Alteglofsheim Steuer-ID: 244 / 174 / 02682 - Bankverbindung: GLS Bank Bochum - IBAN: DE 66 4306 0967 1204 6145 00 - BIC: GENODEM1GLS und erhöhte Sichtbarkeit der Region. Aus praktischer Erfahrung zeigt sich zudem: Viele Gäste lernen den Ort erstmals über das Festival kennen und kehren später als Urlaubsgäste zurück. 1.3 Bundesweite Bedeutung von Festivals Das 3000Grad Festival ist kein Einzelfall. Es steht exemplarisch für eine bundesweite Festivalstruktur, deren wirtschaftliche, kulturelle und regionale Bedeutung häufig unterschätzt wird. Die Festivalstudie 2025 erfasst 1.764 regelmäßig stattfindende Musikfestivals in Deutschland. Davon finden 35 Prozent im ländlichen bzw. dörflichen Raum statt – das entspricht rund 617 Festivals. Weitere große Teile der Festivallandschaft liegen in Klein- und Mittelstädten. Insgesamt finden 60 Prozent aller Festivals in Gemeinden unter 100.000 Einwohner:innen statt. Die kulturelle Festivalstruktur Deutschlands wird somit maßgeblich von kleineren Kommunen getragen. Festivals sind kein überwiegend großstädtisches Phänomen, sondern ein flächendeckendes kulturelles Ökosystem mit erheblicher regionaler Wirkung. Die Studie liefert zudem belastbare Hinweise auf regionale Einbindung und Wirtschaftseffekte: ● 80 Prozent aller Festivals kooperieren mit regionalen Dienstleistungsunternehmen. ● Im ländlichen Raum arbeiten 86 Prozent mit regionalen Dienstleistern. ● 72 Prozent aller Festivals kooperieren mit gemeinnützigen oder karitativen Organisationen. ● 74 Prozent aller Festivals binden Menschen aus der Region unmittelbar ein. ● 79 Prozent aller Festivals arbeiten wesentlich mit ehrenamtlichem Engagement. Diese Zahlen zeigen: Festivals agieren nicht isoliert, sondern als lokale Kooperationsplattformen. Sie stärken Wirtschaftskreisläufe, fördern zivilgesellschaftliche Beteiligung und schaffen öffentliche Räume der Begegnung. Der Befund ist eindeutig: Musikfestivals im ländlichen Raum sind keine Randerscheinung. Sie sind ein relevanter Teil regionaler Infrastruktur – wirtschaftlich wirksam, gesellschaftlich verankert und zugleich strukturell verletzlich. In vielen Regionen übernehmen sie Funktionen, die über klassische Veranstaltungslogiken hinausgehen: Sie schaffen kulturelle Teilhabe, stiften lokale Identität und sichern öffentliche Begegnungsräume dort, wo dauerhafte Kulturangebote begrenzter sind. Fällt ein Festival weg, existieren im ländlichen Raum häufig keine gleichwertigen Alternativen. "*" 3000GRAD .LIVEKOMM LiveMusikKommission yerband der Musikspielstätten in Deutschland e.V. 0 BUNDES STIFTUNG LIVE KULTUR Bundesstiftung LiveKultur . c/o Verband für Popkultur in Bayern e.V. - Schloss Alteglofsheim - Am Schlosshof 1 - 93087 Alteglofsheim Steuer-ID: 244 / 174 / 02682 - Bankverbindung: GLS Bank Bochum - IBAN: DE 66 4306 0967 1204 6145 00 - BIC: GENODEM1GLS 2. Potenziale für Tourismus und Standortentwicklung 2.1 Wirtschaftliche Effekte Musikfestivals erzeugen direkte und indirekte wirtschaftliche Wirkungen. Direkt profitieren insbesondere Beherbergung, Gastronomie, Mobilität und Einzelhandel. Indirekte Effekte entstehen durch Nachfrage nach Veranstaltungstechnik, Sicherheitsdiensten, Logistik, Reinigung, Handwerksleistungen sowie regionalen Zuliefer- und Dienstleistungsstrukturen. Gerade kleine und mittlere Festivals verteilen diese Wertschöpfung häufig breit in die regionale Wirtschaft. 2.2 Touristische Strahlkraft, Aufenthaltsverlängerung und Wiederkehr Festivals schaffen Reiseanlässe. Das ist tourismuspolitisch bedeutsam. Besonders relevant sind drei Effekte: 1. zusätzliche Nachfrage auch außerhalb der klassischen Hochsaison, 2. längere Aufenthaltsdauer, 3. Wiederkehr als reguläre Urlaubsgäste nach einem positiven Festivalerlebnis. Ein Festivalbesuch kann damit zum Einstieg in eine langfristige touristische Bindung an einen Ort werden. 2.3 Imagebildung und Standortattraktivität Ländliche Räume stehen zunehmend im Wettbewerb um Gäste, Fachkräfte, junge Menschen und Investitionen. In diesem Kontext übernehmen Festivals eine wichtige Sichtbarkeits- und Standortfunktion. Sie machen Orte erlebbar, vermitteln ein zeitgemäßes und lebendiges Bild der Region und können das Außenbild eines Standorts positiv prägen. Festivals senden Signale von Offenheit, Lebensqualität, Kreativität und gesellschaftlicher Aktivität. Damit tragen sie zur Attraktivität ländlicher Räume als Wohn-, Arbeits- und Reiseziel bei. Gerade in Regionen mit begrenzten dauerhaften Kulturangeboten stärken sie zudem Identifikation, Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe. "*" 3000GRAD .LIVEKOMM LiveMusikKommission yerband der Musikspielstätten in Deutschland e.V. 0 BUNDES STIFTUNG LIVE KULTUR Bundesstiftung LiveKultur . c/o Verband für Popkultur in Bayern e.V. - Schloss Alteglofsheim - Am Schlosshof 1 - 93087 Alteglofsheim Steuer-ID: 244 / 174 / 02682 - Bankverbindung: GLS Bank Bochum - IBAN: DE 66 4306 0967 1204 6145 00 - BIC: GENODEM1GLS 2.4 Netzwerkeffekte Festivals bringen regelmäßig unterschiedliche Akteursgruppen zusammen, etwa Kommunen, Tourismusorganisationen, Vereine, Ehrenamtliche, Unternehmen, Gastronomie und Kulturakteure. Dadurch entstehen Kooperationen und belastbare Netzwerke, die häufig über das eigentliche Festival hinaus fortwirken und regionale Strukturen nachhaltig stärken. 2.5 Grenzen und Herausforderungen Die genannten Potenziale entstehen nicht automatisch. Viele Festivals stehen derzeit unter erheblichem strukturellem Druck. Erstens: Die ökonomische Lage ist angespannt. 30 Prozent der Festivals arbeiteten 2024 defizitär, lediglich 15 Prozent erzielten Gewinne. Gleichzeitig berichten zahlreiche Veranstalter seit 2022 von Kostensteigerungen zwischen 25 und 35 Prozent, insbesondere in den Bereichen Sicherheit, Energie, Technik und Infrastruktur. 62 Prozent der Festivals können ohne Förderung nicht mehr kostendeckend wirtschaften. Ticketpreise lassen sich dabei nur begrenzt erhöhen, während Vorfinanzierungsrisiken wachsen. Zweitens: Das Publikumsverhalten verändert sich. Die Festivalstudie 2025 zeigt, dass 40 Prozent der Veranstalter:innen eine schlechtere Planbarkeit durch unvorhersehbare Ticketverkäufe als zentrale Herausforderung benennen. Spätere Kaufentscheidungen erschweren Liquiditäts-, Personal- sowie Sicherheitsplanung erheblich. Gleichzeitig berichten große, etablierte Festivals teils wieder von stabilen Vorverkäufen. Dadurch verschärft --- Source: https://www.bundestag.de/resource/blob/1173260/Stellungnahme-Welskop.pdf sdDatePublished: 2026-04-30T12:09:00Z Topics: tourism and leisure industry, music industry, cultural policy, regional development policy, travel and tourism, national government Locations: Regensburg, Munich, Bavaria, Erding, Germany, Mecklenburgische Seenplatte