Leinerstift Gruppe droht Dietrich Bonhoeffer Klinik in Niedersachsen die Schließung; Entscheidung bis 10. Mai

Finanzierung weiter ungeklärt ❘ Diakonie in Niedersachsen

Klinikschließung rückt näher – Entscheidung bis 10. Mai.

Es war eine Einigung in sprichwörtlich letzter Minute zwischen der Deutschen Rentenversicherung und der Leinerstift Gruppe, die die Übernahme der insolventen Dietrich Bonhoeffer Klinik im November 2024 ermöglichte. Sie war das Ergebnis intensiver Verhandlungen und zahlreicher Gespräche – auch mit politischer Unterstützung und der eindringlichen Bitte, die Klinik zu erhalten.„Das Leinerstift hat mit der Weiterführung der Dietrich Bonhoeffer Klink im November 2024 Verantwortung übernommen und damit ein wichtiges Angebot für Kinder und Jugendliche sichergestellt – auch auf Wunsch der Politik. Schon bei der Übernahme war allen Beteiligten klar, dass die Klinik nur langfristig weiter bestehen kann, wenn die Refinanzierung neu geregelt wird“, berichtet Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen.Die Vereinbarung von 2024 umfasste einen individuellen Tagessatz für den Fortbetrieb der Klinik zunächst für das Jahr 2025, später wurde eine Fortschreibung für 2026 vereinbart. Bereits damals war jedoch absehbar, dass auch dieser Tagessatz keine auskömmliche Finanzierung eines bedarfsgerechten Reha-Angebots für suchtkranke Kinder und Jugendliche ermöglicht. Das Leinerstift hatte frühzeitig darauf hingewiesen, dass eine strukturelle Anpassung der Refinanzierung notwendig ist, um die Mindeststandards in der Versorgung zu gewährleisten.„Wir waren sehr erleichtert, als die Einigung mit der Deutschen Rentenversicherung kurz vor der drohenden Schließung Ende 2024 zustande kam. Gleichzeitig haben wir deutlich gemacht, dass der vereinbarte Kostensatz die tatsächlichen Kosten nicht decken wird und mittelfristig neue Finanzierungsmodelle erforderlich sind. Dass wir nun erneut vor einer Schließung stehen, verdeutlicht das zugrunde liegende strukturelle Problem“, sagt Wolfgang Vorwerk, Vorstand der Leinerstift Gruppe.In den vergangenen 18 Monaten haben Vorstand und Klinikleitung zahlreiche Gespräche mit der Deutschen Rentenversicherung, weiteren Kostenträgern und der Politik geführt. Bis zum 20. März 2026 konnte jedoch keine tragfähige Lösung für eine auskömmliche Refinanzierung gefunden werden. Im Gegenteil: Im Zuge der Strukturreform der Deutschen Rentenversicherung erwartet die Leinerstift Gruppe eine weitere deutliche Absenkung des Tagessatzes. „Diese Prognose ergibt sich klar aus den veröffentlichten Strukturvorgaben der Rentenversicherung“, so Vorwerk, „ein Antrag auf Anerkennung als Spezialeinrichtung, der weiterhin individuelle Vergütungen ermöglicht hätte, wurde ohne Begründung abgelehnt.“Parallel hat das Leinerstift in den vergangenen 18 Monaten in den Standort investiert: Strukturen wurden aufgebaut, Personal eingestellt und Teile der Klinik saniert. Das daraus resultierende Defizit und das Defizit aus der Unterfinanzierung der Kostenträger wurde aus Eigenmitteln gedeckt – allein im vergangenen Jahr in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro.„Das Leinerstift hat sich immer für eine langfristige Lösung für die Klinik stark gemacht, damit die Kinder und Jugendlichen in einer ohnehin schon kritischen Lebenssituation eine gute Behandlung und damit eine Lebensperspektive bekommen. Deshalb wurde auch in die Klinik, z.B. in die Bausubstanz investiert. Auch das durch die nicht auskömmliche Refinanzierung aufgelaufene erhebliche Defizit hat das Leinerstift aufgefangen“, betont Hans-Joachim Lenke.Aktuelle Gespräche ohne ErgebnisIn der vergangenen Woche fanden zwei weitere Gespräche mit Politik und Kostenträgern statt. Die breite mediale Berichterstattung und das öffentliche Interesse haben zwar erneut Bewegung in das Thema gebracht, eine konkrete Lösung wurde jedoch nicht gefunden.An den Gesprächen beteiligten sich u.a. Prof. Dr. Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenbeauftragter des Bundes, Prof. Dr. Rainer Thomasius, Vorsitzender der Gemeinsamen Suchtkommission der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaften (DGKJP, BAG, BKJPP) und ehemaliger Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Dr. Andreas Philippi, Minister für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Gleichstellung in Niedersachsen, Emmi Zeulner, MdB und Mitglied im Bundesausschuss für Gesundheit, sowie Vertreter*innen der Rentenversicherung und weiterer Kostenträger.Ein im Vorfeld eingereichter Lösungsvorschlag des Leinerstifts wurde jedoch nicht inhaltlich diskutiert. Die Rentenversicherung machte vielmehr deutlich, dass es aus ihrer Sicht ein ausreichendes Angebot für Kinder und Jugendliche mit Suchterkrankungen gäbe und signalisierte wenig Bereitschaft zur Erarbeitung einer gemeinsamen Lösung für die Dietrich Bonhoeffer Klinik. Sie sprach dabei von 450 Plätzen für die Reha-Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Abhängigkeitserkrankungen. Auf Nachfrage wurde jedoch nicht mitgeteilt, welche Kliniken diese Plätze anbieten. Nach Kenntnis von Fachleuten sowie des Leinerstifts existieren neben der Dietrich Bonhoeffer Klinik lediglich zwei weitere spezialisierte Einrichtungen mit insgesamt 36 Plätzen. Diese wurden auch für die Weitervermittlung der aktuell behandelten Patientinnen und Patienten durch die Rentenversicherung benannt.„Dass nun auf die vorgeschlagene konkrete Übergangslösung des Trägers so wenig von Seiten der Deutschen Rentenversicherung eingegangen wurde und stattdessen auf angeblich vorhandene Plätze verwiesen wird, die aber nicht genauer erläutert werden, lässt mich ratlos zurück“, gibt Lenke offen zu.

Der 10. Mai als entscheidende FristSollte es noch zu einer Lösung kommen, muss diese bis spätestens 10. Mai 2026 vorliegen. Dafür gibt es mehrere Gründe:Erstenshat die Deutsche Rentenversicherung nach der Ankündigung der Schließung einen sofortigen Aufnahmestopp verhängt. Die Klinik läuft seither schrittweise leer, aktuell werden noch 18 Patientinnen und Patienten versorgt. Während die Einnahmen sinken, bleiben die Betriebskosten bestehen – das Defizit wächst weiter.Zweitenskann der Betrieb nicht kurzfristig wieder hochgefahren werden. Vor einer Rehabilitation steht eine qualifizierte Entgiftung, für die derzeit Wartezeiten von vier bis sechs Monaten bestehen. Hinzu kommen Antrags- und Aufnahmeverfahren, sodass eine Wiederbelegung Zeit benötigt, die finanziell überbrückt werden müsste.

Drittenswirkt sich die angekündigte Schließung bereits auf die Personalstruktur aus. Trotz angebotener Perspektiven innerhalb der Leinerstift Gruppe haben erste Mitarbeitende das Unternehmen verlassen oder entsprechende Schritte eingeleitet. Je näher das angekündigte Datum der Klinikschließung rückt, desto mehr wird sich dieser Prozess verstärken. „Diese Entwicklung ist nachvollziehbar, erschwert aber gleichzeitig einen möglichen Neustart erheblich“, so Vorwerk.

Vorstand und Aufsichtsrat haben daher den 10. Mai 2026 als finale Frist festgelegt. „Sollte bis dahin keine tragfähige Lösung vorliegen, wird die Klinik ihren Betrieb zum 30. Juni 2026 endgültig einstellen“, erklärt Vorstand Wolfgang Vorwerk.

Die Behandlung abhängigkeitserkrankter Kinder und Jugendlicher ist besonders personal- und betreuungsintensiv. Sie erfordert unter anderem eine kontinuierliche Kriseninterventionsfähigkeit, intensive therapeutische und pädagogische Arbeit sowie eine interdisziplinäre Abstimmung. Das erzeugt Kosten, die refinanziert werden müssen.Fachleute und Träger sind sich einig: Eine Schließung der Dietrich Bonhoeffer Klinik würde die ohnehin fragile Versorgungsstruktur erheblich schwächen. Die Folgen beträfen nicht nur die betroffenen jungen Menschen und ihre Familien, sondern hätten auch erhebliche gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Auswirkungen.

Auch die breite, öffentliche Unterstützung von Einzelpersonen, Organisationen und aus der Gesellschaft verdeutlichen die Bedeutung des Angebots der Klinik: „[…] Vor diesem Hintergrund ist die geplante Schließung der Dietrich Bonhoeffer Klinik für uns nicht nur unverständlich – sie ist ein Skandal. Sie ist ein direkter Schlag gegen unsere tägliche Arbeit und gegen die Versorgung besonders vulnerabler junger Menschen […]“, heißt es beispielsweise in einem Statement auf den sozialen Kanälen der Mädchenhaus Bremen gGmbH. Zahlreiche Initiativen, Unterstützungsbekundungen und Spendenaktionen setzen sich für den Erhalt der Klinik ein – so wurden bereits knapp 148.000 Unterschriften für eine Online-Petition gesammelt, die zum Erhalt der Klinik gestartet wurde.„Die breite Solidarität zeigt eindrücklich, wie wichtig dieses Angebot für abhängigkeitserkrankte junge Menschen und letztlich auch für die Gesellschaft ist. Wir hoffen weiterhin, dass in den kommenden Tagen eine Lösung gefunden werden kann“, so Vorwerk abschließend.Auch Hans-Joachim Lenke findet deutliche Worte: „Dieser Fall zeigt eindrücklich, wie starr die Systematik der Sozialgesetzbücher ist und pragmatische Lösungen für ein offensichtlich notwendiges Angebot aufgrund der versäulten Logik nicht gefunden werden können. Sollte in den kommenden fünf Arbeitstagen keine Einigung über eine Übergangslösung gefunden werden, ist das ein Armutszeugnis für unseren Sozialstaat und verursacht einen deutlichen Einbruch in einer sensiblen Angebotsstruktur.“

HINTERGRUNDINFORMATIONENFolgekosten von SuchterkrankungenAbhängigkeitserkrankungen haben nicht nur gravierende Folgen für die betroffenen Personen, sondern stellen auch eine erhebliche Belastung für die Gesellschaft dar. Allein Alkoholkonsum verursacht jährlich Kosten in Höhe von 57 Milliarden Euro (Steuereinnahmen 3,2 Mrd. Euro), Tabakkonsum von rund 97 Milliarden Euro (Steuereinnahmen 15,6 Mrd. Euro), Glücksspielsucht 7 Mrd. Euro (Steuereinnahmen 5 Mrd. Euro). Insgesamt ergeben sich dadurch Kosten von rund 136 Mrd. Euro (Differenz zwischen Kosten und Steuereinnahmen – 81 + 53 + 2 Mrd. Euro).Die Summen setzen sich aus direkten Kosten wie Ausgaben für die Behandlungen von konsumbedingten Krankheiten und Arzneimitteln sowie indirekten Kosten, die sich aus derErwerbsunfähigkeit, Frühverrentung und Todesfällen ergeben, zusammen.2023 verstarben mit 2.227 so viele Personen wie nie zuvor im Zusammenhang mit dem Konsum illegaler Substanzen.Dies ist der höchste Stand seit der erstmaligen Registrierung der drogenbedingten Todesfälle im Jahr 1973.Situation Kinder und Jugendliche mit SuchterkrankungAnfang 2025 gab es 85 Betten in Reha-Kliniken für suchterkrankte Kinder und Jugendliche bei 200.000 betroffenen Jugendlichen allein mit substanzbezogenen Störungen in Deutschland.Laut aktuellen Erhebungen konsumierten circa 3,1 % der 18- bis 59-jährigen Erwachsenen sowie 1,0 % der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen in Deutschland mindestens eine illegale Substanz (außer Cannabis)innerhalb von 12 Monaten, hochgerechnet circa 45.000 Jugendliche.Fehlende Behandlungsangebote und mangelnde Strukturen in der Versorgungskette für suchterkrankte Kinder und JugendlicheDie suchtmedizinische Rehabilitation im Jugendalter setzt eine qualifizierte Entzugsbehandlung (QE) voraus. Doch schon hier besteht Unterversorgung: Nur rund 250 Behandlungsplätze in 20 Schwerpunktkliniken gibt es bundesweit. Die Wartezeiten betragen 4–6 Monate – eine Zeitspanne, in der sich der Substanzkonsum meist verschärft, häufig mit dramatischen Folgen bis hin zum Tod durch Überdosis oder Suizid.

In Deutschland existieren über 13.200 Plätze in Reha-Einrichtungen allein für Erwachsende mit substanzbezogenen Störungen, für Kinder und Jugendliche sind es derzeit noch 85 Plätze für alle Abhängigkeitserkrankungen. Auch Anlaufstellen für suchterkrankte junge Menschen und ihre Angehörigen gibt es kaum: Selbst Fachleute, wie Kinderärzte oder Drogenberatungsstellen wissen oft nicht, wie sie mit suchterkrankten Kindern und Jugendlichen umgehen sollen oder welche Angebote es für diese spezielle Bedarfsgruppe gibt.

ÜBER DAS LEINERSTIFTDer Leinerstift e.V. ist ein freier, gemeinnütziger Komplexträger der Kinder-, Juge