Martha Kiehl berät Steuerkanzleien beim Einstieg in KI in München, ex-Finanzbeamtin mit LinkedIn-Reichweite; Aufträge boomen, sieben Kammern buchen sie Porträt Martha Kiehl KI Beratung | Steuern | Haufe Vom Finanzamt auf die Taxfluencer-Bühne Martha Kiehl hat das Finanzamt hinter sich gelassen und berät heute Steuerkanzleien beim Einstieg in KI. Das Steuerberaterexamen hat sie dafür auf Eis gelegt. "Als ich 2020 mein Studium abgeschlossen und danach auf Lebenszeit verbeamtet wurde, habe ich beinahe zeitgleich meinen Antrag auf Entlassung gestellt", sagt Martha Kiehl, heute 26 Jahre alt. Ein sehr offenes Lachen, rot gefärbte Haare und eine markante quadratische Brille flankieren den Gedanken, dass man sich keiner Finanzbeamtin, zumindest keiner solchen klassischer Prägung, gegenüber sieht. Doch wer ist Martha Kiehl? "Auf der Münchener Steuerfachtagung, auf der ich Speakerin war, kannte mich keiner", sagt sie. Das habe sie sehr überrascht, doch es habe sich herausgestellt, dass kaum einer der Anwesenden ein LinkedIn-Profil besessen habe. Dort nämlich ist sie keine Unbekannte, sondern das, was unter dem Label "Taxfluencerin" subsumiert wird. Zu viele Aufträge für die Nebenberuflichkeit In dem sozialen Netzwerk hat Kiehl es in den vergangenen 14 Monaten verstanden, nicht nur Reichweite, sondern auch eine Community aufzubauen, und letztlich so viele Aufträge zu generieren, "dass ich das mit Urlaub neben meinem Job in der Kanzlei einfach niemals mehr hätte abdecken können", so die AI-Trainerin. Eine Entscheidung musste her, und die war womöglich ebenso schnell getroffen, wie der Abschied vom Finanzamt beschlossen. Doch zurück an den Anfang, zum ersten Kontakt mit ChatGPT. "Der war im November 2022, ich weiß es noch genau, über meinen Freund, der ITler ist, habe ich einen Blick darauf bekommen und war sofort fasziniert", erinnert sie sich. Heute komme ihr das ein bisschen lächerlich vor, angesichts der damaligen Möglichkeiten des Large Language Models. Nichtsdestotrotz lässt die Technologie Kiehl, die in dieser Zeit in einer Kanzlei arbeitet und sich auf das Steuerberaterexamen vorbereitet, nicht mehr los. Sie macht neben dem Job eine dreimonatige Qualifizierung und lässt sich im Sommer 2023 als AI Trainerin zertifizieren. Gleichzeitig beginnt sie, auf LinkedIn zu posten, "das hat aber zu dieser Zeit niemand gelesen", sagt sie. Selbstständige Trainerin wird sie trotzdem, zunächst im Nebengewerbe Ende Herbst 2023, ehe im Januar 2025 klar wird, dass dieser Rahmen mittlerweile zu eng geworden ist. Danach geht es richtig los: "Ich werde gebucht, ein Training jagt plötzlich das andere, ich stehe auf Bühnen, bin in sieben Steuerberaterkammern beim KI-Jour-Fixe, sehe eine große Menge von Kanzleien. Und das alles in einem Tempo, bei dem ich manchmal das Gefühl habe, das geht alles viel zu schnell." Was wollen die Leute alle von ihr? Die Bandbreite sei groß, berichtet die Trainerin, die einen fingen gerade erst an, sich zu fragen, wie man prompte, andere arbeiteten bereits mit Mandantendaten in einer professionellen Branchen-KI. Und das Wichtigste an ihrer Beratung? "Es geht oft vor allem darum, den Leuten die Angst zu nehmen", sagt sie. Zwei Arten von Ängsten gebe es, zum einen die Befürchtung, sich selbst abzuschaffen, wenn man KI in die Kanzlei lasse, und zum anderen die Sorge, etwas kaputtzumachen. Beide Aspekte verdienten Beachtung, und die Mitarbeitenden hätten auch nicht immer alle gleich viel Lust, sich mit dem Thema zu beschäftigen. "Übrigens, das sind nicht immer die Älteren, ich hatte auch schon Jüngere, die sich sperrten", sagt Kiehl. Aber muss man denn überhaupt mit KI arbeiten? Die Frage ist natürlich rhetorisch, wenn man sie Martha Kiehl stellt, denn ihre Antwort ist eindeutig: "Erst Digitalisierung und dann KI, denn beides geht nicht mehr weg." Schuhkarton neben eigenem Large Language Model In der Steuerberatungsbranche beobachte sie aktuell, wie das Gefälle immer größer werde, wie einige sechsstellige Investitionen nicht scheuten, um von Anfang an dabei zu sein, während andere noch den sprichwörtlichen Schuhkarton bekämen, das sei die Realität, die sie aus ihrer Zeit als "Finanzbeamtin auf dem Dorf" noch kenne, aber gelegentlich vergesse, in "meiner LinkedIn-Bubble". Doch was rät sie der, sagen wir, der Durchschnittskanzlei? Im Grunde gebe es zwei Möglichkeiten, sich dem Thema KI in der Kanzlei sinnvoll zu nähern; das sei zum einen eine professionelle ChatGPT oder Microsoft-Copilot-Version in Kombination mit den inzwischen mit KI aufgerüsteten Verlagsangeboten. "Klar muss dabei aber sein: mit Mandantendaten können Sie so nicht in der KI arbeiten", sagt die Trainerin. Jenes sei nämlich deutlich teurer und erfordere entweder eine Branchenlösung, von der es derzeit eigentlich nur eine einzige am Markt gebe, oder aber das Invest in ein eigenes Large Language Model, eigens für die Kanzlei programmiert. Lösung mit Hilfe von KI selbst programmieren Und die Zukunft? Die ist ja nie sicher prognostizierbar, gut möglich sei aber, "dass sich in zehn Jahren sehr einfach jeder mit KI seine eigene Softwarelösung bauen kann." Ob das jeder und jede auch tatsächlich möchte, sei offen. Für Martha Kiehl stellt sich die Frage schon heute nicht, hat sie doch mithilfe von Claude, einer weiteren allgemeinen KI, ihr eigenes CRM-System gebaut, das perfekt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Dazu zählt seit geraumer Weile die Steuerberatung nicht mehr, auch das Examen liegt auf Eis. Warum? "Erstens haben mir meine Kunden, also die Steuerberater selbst, davon abgeraten. Sie sagen: Du bist flexibel, agil, generierst deine Umsätze ohne einen Riesenapparat im Hintergrund – perfekt! Das finde ich schon sehr überzeugend", so Kiehl. "Wenn das Thema KI irgendwann in jedem Kopf angekommen ist und niemand mehr meine Beratung braucht, dann kann ich immer noch den Faden wieder aufnehmen", so Kiehl. Derzeit aber hätte sie so viele spannende Projekte in der Pipeline, die sie hätte absagen müssen, hätte sie sich fürs Examen anmelden wollen. Wie sehr ihre aktuelle Arbeit sie gefangen nehme, zeige ihr auch der Blick auf ihr Privatleben. "Hier wird es höchste Zeit, ein Gegengewicht durch Sport zu schaffen, schließlich war ich mal Marathonläuferin." Steuerberater im Porträt: "In erster Linie Unternehmer und nur zufällig Steuerberater" Steuerberater im Porträt: Vom Tatort zur Steuerkanzlei Gründerstory: Steuerberater und Partner mit 27 Jahren Lesen Sie außerdem:Sieben Insider-Tipps zur Selbständigkeit Vom Finanzamt auf die Taxfluencer-Bühne30.04.2026 Steuerberatungsbranche wächst – aber der Nachwuchs fehlt28.04.2026 Was die Debatte um Private Equity in der Steuerberatung zeigt22.04.2026 Podcast: Burnout in der Kanzlei – warum Pausen keine Schwäche sind21.04.2026 Kanzlei gestalten statt verwalten: Gute Führung ist kein Zufall16.04.2026 Das sollten Steuerberater zur Ehegattensplitting-Debatte wissen09.04.2026 Podcast: Keine Zeit für KI? Warum Kanzleien sich diese Ausrede nicht leisten können07.04.2026 "In erster Linie Unternehmer und nur zufällig Steuerberater"31.03.2026 Podcast: So steht es um die E-Rechnung24.03.2026 Sie müssen JavaScript aktivieren, um einen Kommentar schreiben zu können. 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Auf LinkedIn hat Martha Kiehl es in den vergangenen 14 Monaten verstanden, nicht nur Reichweite, sondern auch eine Community aufzubauen, Ihre Meinung ist uns wichtig rudolf.ai - Haufe meets AI Profitieren Sie von personalisierten Inhalten, Angeboten und Services! --- Source: https://www.haufe.de/steuern/taxulting/portraet-martha-kiehl-ki-beratung_598848_684228.html sdDatePublished: 2026-04-30T08:11:00Z Topics: artificial intelligence, social media, financial service, employment Locations: Germany, Munich