Landtag von Baden-Württemberg Gedenkstunde zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus im Bürgerhaus Herbolzheim-Tutschfelden; Jugendliche stark vertreten, Mahnung an Gegenwart
GEDENKSTUNDE DES LANDTAGS ZUR ERINNERUNG AN DIE OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS
GEDENKSTUNDE DES LANDTAGS ZUR ERINNERUNG AN DIE OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS am 27. Januar 2026 im Bürgerhaus Herbolzheim-Tutschfelden
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am 27. Januar 2026 im Bürgerhaus Herbolzheim-Tutschfelden GEDENKSTUNDE DES LANDTAGS ZUR ERINNERUNG AN DIE OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS
4 PROGRAMM UND MITWIRKENDE Gedenkstunde des Landtags von Baden-Württemberg zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus Dienstag, 27. Januar 2026 Bürgerhaus Herbolzheim-Tutschfelden Grußwort Thomas Gedemer Bürgermeister der Stadt Herbolzheim Grußwort Alexander Flügler Vorsitzender des Fördervereins der Jenischen und anderer Reisender e. V. Gedenkrede Muhterem Aras MdL Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg Fachvortrag »Verfolgung und Schicksal der Jenischen – Eine Geschichte deutscher Paria« Dr. Boris Weinrich Kulturpsychologe 8 12 16 26
5 Musik Mano Trapp und seine Combo MANOU Beitrag »Leben – Erinnern – Jenisch sein« Zeppelin-Realschule Singen am Hohentwiel Pflanzung einer Trauerweide in Erinnerung an das Schicksal der Jenischen im Nationalsozialismus Begegnung mit Opfergruppen an Infoständen im Foyer des Bürgerhauses Tutschfelden 35 38 44 46 Eine Zusammenfassung der Gedenkstunde ist auf dem YouTube-Kanal des Landtags abrufbar.
6 Vor der Gedenkfeier findet am Denkmal für die aus Herbolzheim deportierte Sinti-Familie Spindler ein stilles Gedenken statt, an der neben Landtagsprä sidentin Aras, Bürgermeister Gedemer und dem Vorsitzenden der Jenischen, Flügler, u. a. auch Abgeordnete des Landtags sowie der Landesvorsitzende der Sinti und Roma, Strauß, teilnehmen. STILLES GEDENKEN
7 Der Standort des Mahnmals markiert eine Stelle, die die Verhafteten auf dem Weg zum Deportationszug passieren mussten. Die dreieckige Form symbolisiert den Winkel, den die Inhaftierten in den Konzentrationslagern an ihrer Kleidung tragen mussten.
8 Thomas Gedemer Bürgermeister der Stadt Herbolzheim Grußwort „Ich wusste gar nicht, was damals hier bei uns geschehen ist.“ So formulierte es vor drei Jahren eine Schülerin der zehnten Klasse beim Volkstrauertag hier in Herbolzheim.
9 Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Jugendliche, in diesem Satz liegen die entscheidenden Stichworte dieser Gedenkstunde. „Ich wusste nicht.“ Mit dieser Gedenkstunde wollen wir dem Nichtwissen entgegenwirken. Wir richten unseren Blick auf eine schreckliche Zeit – auf die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und den Zweiten Weltkrieg. Niemand soll sagen können, er habe davon nichts gewusst. Über diese unmenschlichen Verbrechen darf niemals Gras wachsen. Gerade jetzt, da die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen immer kleiner wird. „Was hier geschehen ist.“ Leid, Not und Tod. Unterdrückung und Gewalt. Die nationalsozialistische Diktatur war kein fernes, anonymes System. Sie hatte Gesichter! Sie wirkte auch hier – in unseren Straßen, in unserer Stadt, in unseren Dörfern.
10 Hier wurden Menschen ausgegrenzt, verachtet, verleumdet. Menschen jüdischen Glaubens, Menschen mit Behinderungen, Menschen anderer Herkunft, Menschen, die Widerstand leisteten. Auch von hier führte der Weg in die Konzentrationslager. Diese Geschichte aufzuarbeiten, sich ihr zu stellen, ist unser Auftrag. „Damals.“ Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Jugendliche, es geht nicht nur um damals. Auch heute gibt es Ausgrenzung, Diskriminierung, Antisemitismus, Antiziganismus und Menschenfeindlichkeit. Auch heute sind diese Entwicklungen wieder spürbar. Darum ist diese Gedenkstunde nicht nur Erinnerung, sondern Mahnung. Ich bin dankbar, dass diese Gedenkstunde des Landtags von Baden-Württemberg in diesem Jahr hier in Herbolzheim stattfindet. Ich begrüße besonders die Präsidentin des Landtags sowie die Abgeordneten. Und ich freue mich sehr, dass so viele junge Menschen heute hier sind. Ihr seid die Generation, die unsere Demokratie weitertragen wird. Ich wünsche mir, dass niemand von euch jemals auch nur ansatzweise erleben muss, was unsere Vorfahren unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erleiden mussten. Wenn es uns gemeinsam gelingt, dass aus dem Satz „Ich wusste gar nicht, was damals hier bei uns geschehen ist“ der Satz wird: „Ich weiß, was damals auch hier geschehen ist – und deshalb setze ich mich für Freiheit, Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ein“, dann brauchen wir um die Zukunft nicht zu bangen. Dann bleibt dieser Tag nicht nur ein Gedenktag. Dann wird Erinnerung zu Verantwortung. Und Verantwortung zu unserem täglichen Handeln.
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12 Alexander Flügler Vorsitzender des Fördervereins der Jenischen und anderer Reisender e. V. Grußwort
13 Liebe Jenische, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste. Am Abend schauen wir hinauf in den Himmel, wo Sterne leuchten. Auch für die Jenischen. Sterne sind die Seelen der Verstorbenen, sagt man. Schön und traurig. Auf dem Berliner Denkmal für die im Hitler-Reich ermordeten Sinti und Roma heißt es: »Von Verfolgungsmaßnahmen betroffen waren auch Angehörige der eigenständigen Opfergruppe der Jenischen und andere Fahrende.« 1938 unterschrieb der NS-Verbrecher Heinrich Himmler einen Erlass, in dem unter Punkt 3 steht: »Ich ordne an, dass alle sesshaften und nicht sesshaften Zigeuner sowie alle nach Zigeunerart herumziehenden Personen beim Reichskriminalpolizeiamt (…) zu erfassen sind.« Auch Jenische also. Sie wurden unter verschiedenen Titeln registriert: »Nach Zigeunerart herumziehend«, »arbeitsscheu« oder einfach als angebliche Kriminelle. Die Wissenschaft und Politik hatten den Boden vorbereitet für die Vernichtung der Jenischen: erbbiologische Forschungen, Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, Rassenhygienische und Erbbiologische Forschungsstelle. Das sind nur Stichworte.
14 Wie sah es konkret aus? Georg Zepf zum Beispiel. Georg Zepf wurde am 27. Juni 1938 in das KZ Dachau eingeliefert, Häftlingsnummer 17733. Grund: »Vorbeugungshaft AZR«, das Kürzel heißt Arbeitszwang Reich. Er wurde von Lager zu Lager verschoben. Am 11. Oktober 1944 kam er ins Konzentrations lager Mauthausen. Er ist dort am 4. November 1944 um 19.45 Uhr verstorben, Todesursache: »Auf der Flucht erschossen«. So berichtet der Internationale Suchdienst Arolsen. Das geschah europaweit. Der Jenische Philippe Gidemann wurde im Kanton Schaffhausen geboren, er lebte im Elsass – möglicherweise auch, weil er den Verfolgungen jenischer Familien in der Schweiz ausweichen wollte. Seine Mutter war Elsässerin. Dann macht er eine Dummheit: In der Straßenbahn von Colmar, am 27. September 1943, pfeift er die Marseillaise. Das reicht. Wegen antideutschem Verhalten wird er von der Gestapo verhaftet, kommt ins sogenannte Sicherungslager Schirmeck-Vorbruck im Norden des Elsass, dann ins Lager Rotenfels bei Gaggenau in Baden-Württemberg. Er erlebt zwar die Befreiung durch französische Verbände der Alliierten, sein Zustand ist aber so schlecht, dass er noch 1945 stirbt. Es gibt das Schicksal der Österreicherin Franziska Leitner, die 1939 von der Polizei in Innsbruck verhaftet wurde und ins KZ Ravensbrück im Norden Brandenburgs gebracht wurde. Besonders tragisch ist das Schicksal des jenischen Knaben Ernst Lossa, der durch einen Film bekannt wurde. Ernst wuchs in Kinderheimen auf und wurde in einer Anstalt der Heil- und Pflege anstalt Kaufbeuren-Irsee ermordet. Durch Injektion eines tödlichen Mittels. Ein Opfer der menschenverachtenden nationalsozialistischen Euthanasie. Er war 14 Jahre alt geworden.
15 Ich habe von Sternen am Himmel gesprochen. Es ist ein Sternengarten. Sie leuchten für Jenische, Juden, Roma, Sinti, für Homosexuelle und viele andere. Ein Gedicht sagt mehr als tausend Worte. Ich schließe mit einem berührenden Gedicht des jüdischen Schriftstellers Moses Rosenkranz: Nachdem sie in den Schlot geschoben des Kesselflickers jüngsten Sohn erschien er quicklebendig oben und machte jauchzend sich davon Wir wollen nicht hassen. Aber wir wollen auch nicht vergessen. Wir wollen, dass das nie wieder geschieht. Viele jenische Familien haben sich nach dem Krieg versteckt, während Jahrzehnten. Haben nichts erzählt und sich nicht gezeigt. Heute ändert sich das. Heute ist ein Coming-out im Gang. Viele stehen auf und sagen: Wir sind ein Volk. Wir sind das europäische Volk der Jenischen. Wir wollen gesehen und anerkannt werden; in der Schweiz sind die Jenischen als nationale Minderheit anerkannt. Vor allem aber sind wir Menschen wie Sie. Wir Jenischen blicken oft zum Himmel hinauf. Zu diesem Seelengarten. Und sehen unsere Geschichte und unser Schicksal. Und Licht, das Hoffnung macht. Ich danke Ihnen. Interne Bemerkung: Das Gedicht von Moses Rosenkranz »Die Moritat vom entflogenen Sintiknaben« handelt nicht direkt von den Jenischen, kann aber natürlich auch auf Jenische bezogen werden.
16 Muhterem Aras MdL Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg Gedenkrede
17 Verehrte Gäste, heute, 81 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungs- lagers Auschwitz-Birkenau, gedenken wir der Seelen aller Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben und ermordet worden sind! Wir gedenken der sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden. Wir gedenken der bis zu 500.000 ermordeten Sinti und Roma. Wir gedenken der ermordeten Zeugen Jehovas. Wir gedenken der ermordeten Menschen mit Behinderung. Wir gedenken der ermordeten queeren Menschen. Wir gedenken der ermordeten Menschen, die als „asozial“ beschimpft und herabgesetzt wurden. Wir gedenken der ermordeten Kriegsdienstverweigerer. Wir gedenken der ermordeten Oppositionellen. Wir gedenken der ermordeten Menschen aus dem aktiven und passiven Widerstand. Wir gedenken der ermordeten Jenischen.
18 Jedes Jahr legen wir den Schwerpunkt des Gedenkens auf eine andere Gruppe. Dieses Jahr liegt er auf der Volksgruppe der Jenischen: auf ihrer Ausgrenzung, auf ihrer Verfolgung, aber auch auf ihrer Kultur. Von Herzen danke ich den Menschen, die diesen Schwerpunkt heute mitgestalten: Herrn Dr. Weinrich, für seinen Fachvortrag zur Ausgrenzungsgeschichte der Jenischen vor, während und nach der NS-Zeit;
den Schülerinnen und Schülern der Zeppelin-Realschule Singen für ihren Beitrag „Leben – Erinnern – Jenisch sein“; und Ihnen, Herr Trapp und Band, für die musikalische Umrahmung. Lieber Herr Trapp, Sie haben uns heute zudem einen Film mitgebracht, der draußen, im Anschluss an die Gedenkstunde, zu sehen ist. Und Sie haben uns historische Dokumente mitgebracht. Im Film sowie in den Dokumenten erhalten wir Einblick in Ihre Familiengeschichte – und damit in die Geschichte der Jenischen. Ihr Urgroßvater, Viktor Berger, war Korbmacher und Handelsreisender. Als junger Mann gründet er mit seiner Frau Luise in Lahr im Schwarzwald eine Familie mit fünf Kindern. Viktor und Luise erleben die Vorurteile, die den Jenischen – und auch Juden, Sinti und Roma – aus Behörden und Bevölkerung entgegen schlagen: von einer „Plage“ ist die Rede. Reisende werden als Räuber verleumdet. Jenische werden mit dem Z-Wort gebrandmarkt und als „asozial“ und „arbeitsscheu“ bezeichnet. Das ist auch deshalb so böswillig, weil zu ihnen das Handwerk, der Handel, der Fleiß gehören.
19 Als die Nationalsozialisten an die Macht gelangen, gießen sie ihren Rassenwahn in Gesetze. Darunter das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“: Wer nicht der Rassenvorstellung der Nazis entspricht, ist von Zwangssterilisation bedroht. Auch Viktor Berger erfährt dieses Leid. Als Opfer der sogenannten Aktion „Arbeitsscheu Reich“ gelangt er in die Fänge des Regimes. Er wird willkürlich verhaftet und verschleppt und zur Zwangsarbeit im KZ Buchenwald verdammt. Dort zertrümmert