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title: "Landtag von Baden-Württemberg Gedenkstunde zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus im Bürgerhaus Herbolzheim-Tutschfelden; Jugendliche stark vertreten, Mahnung an Gegenwart"
sdDatePublished: "2026-04-30T08:10:00Z"
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Landtag von Baden-Württemberg Gedenkstunde zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus im Bürgerhaus Herbolzheim-Tutschfelden; Jugendliche stark vertreten, Mahnung an Gegenwart

GEDENKSTUNDE DES LANDTAGS ZUR ERINNERUNG AN DIE OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS

GEDENKSTUNDE DES LANDTAGS
ZUR ERINNERUNG AN DIE OPFER
DES NATIONALSOZIALISMUS
am 27. Januar 2026 im Bürgerhaus Herbolzheim-Tutschfelden

Herausgeber
Landtag von Baden-Württemberg
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Konrad-Adenauer-Str. 3
70173 Stuttgart
Bildnachweis
Landtag von Baden-Württemberg
Leif Piechowski
Internet
www.landtag-bw.de
© 2026
Landtag von Baden-Württemberg

am 27. Januar 2026 im Bürgerhaus Herbolzheim-Tutschfelden
GEDENKSTUNDE DES LANDTAGS
ZUR ERINNERUNG AN DIE OPFER
DES NATIONALSOZIALISMUS

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PROGRAMM UND MITWIRKENDE
Gedenkstunde des Landtags von Baden-Württemberg
zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
Dienstag, 27. Januar 2026
Bürgerhaus Herbolzheim-Tutschfelden
Grußwort
Thomas Gedemer
Bürgermeister der Stadt Herbolzheim
Grußwort
Alexander Flügler
Vorsitzender des Fördervereins der Jenischen
und anderer Reisender e. V.
Gedenkrede
Muhterem Aras MdL
Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg
Fachvortrag
»Verfolgung und Schicksal der
Jenischen – Eine Geschichte deutscher Paria«
Dr. Boris Weinrich
Kulturpsychologe
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Musik
Mano Trapp und seine Combo MANOU
Beitrag
»Leben – Erinnern – Jenisch sein«
Zeppelin-Realschule Singen am Hohentwiel
Pflanzung einer Trauerweide
in Erinnerung an das Schicksal
der Jenischen im Nationalsozialismus
Begegnung mit Opfergruppen
an Infoständen im Foyer des
Bürgerhauses Tutschfelden
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Eine Zusammenfassung der Gedenkstunde ist
auf dem YouTube-Kanal des Landtags abrufbar.

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Vor der Gedenkfeier findet am Denkmal für die aus Herbolzheim deportierte
Sinti-Familie Spindler ein stilles Gedenken statt, an der neben Landtagsprä­
sidentin Aras, Bürgermeister Gedemer und dem Vorsitzenden der Jenischen,
Flügler, u. a. auch Abgeordnete des Landtags sowie der Landesvorsitzende
der Sinti und Roma, Strauß, teilnehmen.
STILLES GEDENKEN

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Der Standort des Mahnmals markiert eine Stelle, die die Verhafteten auf
dem Weg zum Deportationszug passieren mussten. Die dreieckige Form
symbolisiert den Winkel, den die Inhaftierten in den Konzentrationslagern
an ihrer Kleidung tragen mussten.

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Thomas Gedemer
Bürgermeister der Stadt Herbolzheim
Grußwort
„Ich wusste gar nicht, was damals hier bei uns geschehen
ist.“ So formulierte es vor drei Jahren eine Schülerin der
zehnten Klasse beim Volkstrauertag hier in Herbolzheim.

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Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Jugendliche,
in diesem Satz liegen die entscheidenden Stichworte
dieser Gedenkstunde.
„Ich wusste nicht.“
Mit dieser Gedenkstunde wollen wir
dem Nichtwissen entgegenwirken.
Wir richten unseren Blick auf eine schreckliche Zeit – auf die
nationalsozialistische Gewaltherrschaft und den Zweiten Weltkrieg.
Niemand soll sagen können, er habe davon nichts gewusst.
Über diese unmenschlichen Verbrechen darf niemals Gras wachsen.
Gerade jetzt, da die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen immer
kleiner wird.
„Was hier geschehen ist.“
Leid, Not und Tod.
Unterdrückung und Gewalt.
Die nationalsozialistische Diktatur war kein fernes, anonymes System.
Sie hatte Gesichter!
Sie wirkte auch hier – in unseren Straßen, in unserer Stadt, in unseren
Dörfern.

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Hier wurden Menschen ausgegrenzt, verachtet, verleumdet.
Menschen jüdischen Glaubens, Menschen mit Behinderungen,
Menschen anderer Herkunft, Menschen, die Widerstand leisteten.
Auch von hier führte der Weg in die Konzentrationslager.
Diese Geschichte aufzuarbeiten, sich ihr zu stellen, ist unser Auftrag.
„Damals.“
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Jugendliche, es geht nicht
nur um damals.
Auch heute gibt es Ausgrenzung, Diskriminierung, Antisemitismus,
Antiziganismus und Menschenfeindlichkeit.
Auch heute sind diese Entwicklungen wieder spürbar.
Darum ist diese Gedenkstunde nicht nur Erinnerung, sondern Mahnung.
Ich bin dankbar, dass diese Gedenkstunde des Landtags von
Baden-Württemberg in diesem Jahr hier in Herbolzheim stattfindet.
Ich begrüße besonders die Präsidentin des Landtags sowie die
Abgeordneten.
Und ich freue mich sehr, dass so viele junge Menschen heute hier sind.
Ihr seid die Generation, die unsere Demokratie weitertragen wird.
Ich wünsche mir, dass niemand von euch jemals auch nur ansatzweise
erleben muss, was unsere Vorfahren unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft erleiden mussten.
Wenn es uns gemeinsam gelingt,
dass aus dem Satz
„Ich wusste gar nicht, was damals hier bei uns geschehen ist“ der Satz wird:
„Ich weiß, was damals auch hier geschehen ist – und deshalb setze ich
mich für Freiheit, Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie
ein“, dann brauchen wir um die Zukunft nicht zu bangen.
Dann bleibt dieser Tag nicht nur ein Gedenktag.
Dann wird Erinnerung zu Verantwortung.
Und Verantwortung zu unserem täglichen Handeln.

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Alexander Flügler
Vorsitzender des Fördervereins der
Jenischen und anderer Reisender e. V.
Grußwort

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Liebe Jenische, sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste.
Am Abend schauen wir hinauf in den Himmel, wo Sterne
leuchten. Auch für die Jenischen. Sterne sind die Seelen
der Verstorbenen, sagt man. Schön und traurig.
Auf dem Berliner Denkmal für die im Hitler-Reich
ermordeten Sinti und Roma heißt es: »Von Verfolgungsmaßnahmen
betroffen waren auch Angehörige der eigenständigen Opfergruppe
der Jenischen und andere Fahrende.«
1938 unterschrieb der NS-Verbrecher Heinrich Himmler einen Erlass, in
dem unter Punkt 3 steht: »Ich ordne an, dass alle sesshaften und nicht
sesshaften Zigeuner sowie alle nach Zigeunerart herumziehenden
Personen beim Reichskriminalpolizeiamt (...) zu erfassen sind.«
Auch Jenische also. Sie wurden unter verschiedenen Titeln registriert:
»Nach Zigeunerart herumziehend«, »arbeitsscheu« oder einfach als
angebliche Kriminelle. Die Wissenschaft und Politik hatten den Boden
vorbereitet für die Vernichtung der Jenischen: erbbiologische Forschungen,
Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, Rassenhygienische und
Erbbiologische Forschungsstelle. Das sind nur Stichworte.

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Wie sah es konkret aus? Georg Zepf zum Beispiel. Georg Zepf wurde am
27. Juni 1938 in das KZ Dachau eingeliefert, Häftlingsnummer 17733. Grund:
»Vorbeugungshaft AZR«, das Kürzel heißt Arbeitszwang Reich. Er wurde von
Lager zu Lager verschoben. Am 11. Oktober 1944 kam er ins Konzentrations­
lager Mauthausen. Er ist dort am 4. November 1944 um 19.45 Uhr verstorben,
Todesursache: »Auf der Flucht erschossen«. So berichtet der Internationale
Suchdienst Arolsen.
Das geschah europaweit. Der Jenische Philippe Gidemann wurde im
Kanton Schaffhausen geboren, er lebte im Elsass – möglicherweise auch,
weil er den Verfolgungen jenischer Familien in der Schweiz ausweichen
wollte. Seine Mutter war Elsässerin. Dann macht er eine Dummheit: In der
Straßenbahn von Colmar, am 27. September 1943, pfeift er die Marseillaise.
Das reicht. Wegen antideutschem Verhalten wird er von der Gestapo
verhaftet, kommt ins sogenannte Sicherungslager Schirmeck-Vorbruck
im Norden des Elsass, dann ins Lager Rotenfels bei Gaggenau in
Baden-Württemberg. Er erlebt zwar die Befreiung durch französische
Verbände der Alliierten, sein Zustand ist aber so schlecht, dass er noch
1945 stirbt.
Es gibt das Schicksal der Österreicherin Franziska Leitner, die 1939 von der
Polizei in Innsbruck verhaftet wurde und ins KZ Ravensbrück im Norden
Brandenburgs gebracht wurde. Besonders tragisch ist das Schicksal des
jenischen Knaben Ernst Lossa, der durch einen Film bekannt wurde. Ernst
wuchs in Kinderheimen auf und wurde in einer Anstalt der Heil- und Pflege­
anstalt Kaufbeuren-Irsee ermordet. Durch Injektion eines tödlichen Mittels.
Ein Opfer der menschenverachtenden nationalsozialistischen Euthanasie.
Er war 14 Jahre alt geworden.

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Ich habe von Sternen am Himmel gesprochen. Es ist ein Sternengarten.
Sie leuchten für Jenische, Juden, Roma, Sinti, für Homosexuelle und viele
andere. Ein Gedicht sagt mehr als tausend Worte. Ich schließe mit einem
berührenden Gedicht des jüdischen Schriftstellers Moses Rosenkranz:
Nachdem sie in den Schlot geschoben
des Kesselflickers jüngsten Sohn
erschien er quicklebendig oben
und machte jauchzend sich davon
Wir wollen nicht hassen. Aber wir wollen auch nicht vergessen. Wir wollen,
dass das nie wieder geschieht. Viele jenische Familien haben sich nach
dem Krieg versteckt, während Jahrzehnten. Haben nichts erzählt und sich
nicht gezeigt. Heute ändert sich das. Heute ist ein Coming-out im Gang.
Viele stehen auf und sagen: Wir sind ein Volk. Wir sind das europäische
Volk der Jenischen. Wir wollen gesehen und anerkannt werden; in der
Schweiz sind die Jenischen als nationale Minderheit anerkannt. Vor allem
aber sind wir Menschen wie Sie.
Wir Jenischen blicken oft zum Himmel hinauf. Zu diesem Seelengarten.
Und sehen unsere Geschichte und unser Schicksal. Und Licht, das Hoffnung
macht.
Ich danke Ihnen.
Interne Bemerkung: Das Gedicht von Moses Rosenkranz »Die Moritat vom
entflogenen Sintiknaben« handelt nicht direkt von den Jenischen, kann
aber natürlich auch auf Jenische bezogen werden.

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Muhterem Aras MdL
Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg
Gedenkrede

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Verehrte Gäste,
heute, 81 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungs­-
lagers Auschwitz-Birkenau, gedenken wir der Seelen
aller Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt,
vertrieben und ermordet worden sind!
Wir gedenken der sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden.
Wir gedenken der bis zu 500.000 ermordeten Sinti und Roma.
Wir gedenken der ermordeten Zeugen Jehovas.
Wir gedenken der ermordeten Menschen mit Behinderung.
Wir gedenken der ermordeten queeren Menschen.
Wir gedenken der ermordeten Menschen, die als „asozial“
beschimpft und herabgesetzt wurden.
Wir gedenken der ermordeten Kriegsdienstverweigerer.
Wir gedenken der ermordeten Oppositionellen.
Wir gedenken der ermordeten Menschen aus dem
aktiven und passiven Widerstand.
Wir gedenken der ermordeten Jenischen.

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Jedes Jahr legen wir den Schwerpunkt des Gedenkens auf eine andere
Gruppe. Dieses Jahr liegt er auf der Volksgruppe der Jenischen: auf ihrer
Ausgrenzung, auf ihrer Verfolgung, aber auch auf ihrer Kultur.
Von Herzen danke ich den Menschen, die diesen Schwerpunkt heute
mitgestalten:
Herrn Dr. Weinrich, für seinen Fachvortrag zur Ausgrenzungsgeschichte
der Jenischen vor, während und nach der NS-Zeit;

den Schülerinnen und Schülern der Zeppelin-Realschule Singen für
ihren Beitrag „Leben – Erinnern – Jenisch sein“;
und Ihnen, Herr Trapp und Band, für die musikalische Umrahmung.
Lieber Herr Trapp,
Sie haben uns heute zudem einen Film mitgebracht, der draußen,
im Anschluss an die Gedenkstunde, zu sehen ist. Und Sie haben uns
historische Dokumente mitgebracht.
Im Film sowie in den Dokumenten erhalten wir Einblick in Ihre
Familiengeschichte – und damit in die Geschichte der Jenischen.
Ihr Urgroßvater, Viktor Berger, war Korbmacher und Handelsreisender.
Als junger Mann gründet er mit seiner Frau Luise in Lahr im Schwarzwald
eine Familie mit fünf Kindern.
Viktor und Luise erleben die Vorurteile, die den Jenischen – und auch
Juden, Sinti und Roma – aus Behörden und Bevölkerung entgegen­
schlagen: von einer „Plage“ ist die Rede. Reisende werden als Räuber
verleumdet. Jenische werden mit dem Z-Wort gebrandmarkt und als
„asozial“ und „arbeitsscheu“ bezeichnet. Das ist auch deshalb so
böswillig, weil zu ihnen das Handwerk, der Handel, der Fleiß gehören.

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Als die Nationalsozialisten an die Macht gelangen, gießen sie ihren
Rassenwahn in Gesetze. Darunter das „Gesetz zur Verhütung erbkranken
Nachwuchses“: Wer nicht der Rassenvorstellung der Nazis entspricht, ist
von Zwangssterilisation bedroht.
Auch Viktor Berger erfährt dieses Leid. Als Opfer der sogenannten Aktion
„Arbeitsscheu Reich“ gelangt er in die Fänge des Regimes. Er wird willkürlich
verhaftet und verschleppt und zur Zwangsarbeit im KZ Buchenwald
verdammt.
Dort zertrümmert