Alice Weidel und Sarah Bossard Theaterstück über deren Beziehung in Einsiedeln; Identitätspolitik-Debatte in Frage gestellt
Wie sollen wir lieben? | Surprise
Für die Recherche zum Theaterstück «Die weisse Madonna von Einsiedeln», das ich mit Laurin Buser geschrieben habe, sprach ich mit verschiedenen Leuten über Alice Weidel. Viele beschäftigte ihre Beziehung zur Schweizer Filmemacherin Sarah Bossard. Oft wird die Beziehung als Widerspruch zu Weidels Politik hervorgehoben. Dass Rassismus in Beziehungen nicht einfach verschwindet, nur weil Liebe im Spiel ist, ist klar. Sei es durch harte Arbeit und Geduld, durch Verdrängung oder Beschönigung – irgendeinen Umgang muss man auch im Privaten damit finden. Die Beziehung Weidel – Bossard weckt bei vielen Leuten aber Zweifel: Liegt die viel diskutierte Identitätspolitik falsch? Ist die Beziehung ein Beweis dafür, dass die AfD doch kein Problem mit Minderheiten hat?
Dabei gleicht eine Rechtsaussen-Politikerin, die mit einer nicht-weissen Frau in einer Beziehung ist, natürlich noch lange nicht automatisch die Statistik der Gewalt an Frauen, Queers und rassifizierten Menschen aus. Die Frage nach der Liebe wird im Theaterstück in einem Gespräch der drei Einsiedler Hansi, Hampe und Hans-Ueli verhandelt:
HA: Am Ende sind wir Hormone, Triebe.HP: Du vielleicht. Ich bin ein Mann, der gerne liebt. Ein Verfechter der Liebe, die alles überwindet: Die Welt, den Krieg und die Politik.HU: Ich glaube jedenfalls, dass man nicht sagen kann, was mehr stimmt: «Gegensätze ziehen sich an» oder «Gleich und Gleich gesellt sich gern».HA: Es geht doch nicht darum, dass die Eine braun auf die eine Art und die Andere braun auf die andere Art ist. Es geht darum, was mit dem Schmerz ist!HU: Schmerz?HA: Darüber, dass die Eine eine Politik vertritt, die den beiden eigentlich schadet. Kann mir niemand erzählen, dass das nicht irgendwo weh tut!HP: Vergiss nicht, es gibt nicht nur Herzensliebe. Es gibt auch die Liebe der Buchhalter, und wenn die Bilanz sagt: Zusammen sind wir im Plus, dann ist die Beziehung ein Plus – einfache Mathematik!HU: Das ist doch vermessen zu sagen, sie lieben sich aus Opportunismus!HA: Nein, aber es ist doch logisch. Oder glaubst du etwa, dein Hund liebt dich? Der will einfach etwas zu fressen und Sicherheit.HU: Klar liebt mich mein Hund! So wie dich deiner liebt, und zwar für den, der du bist. Vielleicht findet er es auch einfach anziehend, wie dominant du bist!HP: Ja! Du bist nämlich liebenswert!HA: Ah. Danke. Ich glaube einfach, wahre Liebe bedeutet Fürsorge, Respekt, Verantwortung, Vertrauen, Ehrlichkeit. Auch sich selbst gegenüber. Wenn ich draussen in der Welt das hasse, was ich zuhause im Kleinen liebe – dann ist das keine Liebe.HP: Du bist dogmatisch. Alles ist Liebe. Liebe ist chaotisch, sie ist zärtlich, aber auch egoistisch und heilend und gleichzeitig krankmachend.HU: Angenommen, es ist wahre Liebe, glaubt ihr, das ist ein gutes Zeichen?HA: Was?HU: Dass sie sich lieben können!HA: Nein. Liebe in Zeiten des Kapitalismus muss mehr heilen als zwei Herzen. Jeder Akt der Liebe ist ein Akt des Widerstands gegen den Hass!HP: Man kann auch egoistisch lieben. Dann kann man froh sein, wenn das auch nur ein Herz berührt.HU: Du vergisst immer wieder: Ich meine die wahre Liebe!HP: Ja eben!
Wie nimmt man Menschen etwas weg?
Text: FATIMA MOUMOUNI, ILLUSTRATION: CHRISTINA BAERISWYL