---
title: "Advije Delihasani hält Rede zum 1. Mai in Uster; Offenheit stärkt Chancen, schützt Löhne und Familien."
sdDatePublished: "2026-05-02T00:54:00Z"
source: "https://advije.ch/rede-zum-1-mai-in-uster/"
topics:
  - name: "labour"
    identifier: "medtop:09000000"
  - name: "politics and government"
    identifier: "medtop:11000000"
  - name: "society"
    identifier: "medtop:14000000"
  - name: "immigration"
    identifier: "medtop:20000771"
locations:
  - "Switzerland"
  - "Uster"
  - "Zürich (Kanton)"
---


Advije Delihasani hält Rede zum 1. Mai in Uster; Offenheit stärkt Chancen, schützt Löhne und Familien.

Rede zum 1. Mai in Uster - Advije Delihasani

Rede zum 1. Mai in Uster

„Jobs und Löhne verteidigen – Nein zur Abschottung“

Es ist für mich eine grosse Ehre, heute hier am 1. Mai zu euch sprechen zu dürfen.Dieser Tag hat für mich eine besondere Bedeutung – nicht nur politisch, sondern auch persönlich.

Denn genau heute hat mein Vater Geburtstag.

Mein Vater hat als Elektriker gearbeitet.Er war ein Arbeiter durch und durch.Einer, der sein Leben lang hart gearbeitet hat – oft unter Bedingungen, die wir uns heute kaum mehr vorstellen können.

Mein Vater kam Ende der 1970er‑Jahre in die Schweiz.Nicht als Tourist.Nicht mit grossen Versprechen.Sondern alsSaisonnier.

Er musste Frau und Kinder in der Heimat zurücklassen.Eine Beziehung über Monate hinweg – zu einer Zeit, in der es weder WhatsApp noch Viber gab.Nicht einmal jedes Haus hatte ein Festnetztelefon.

Für uns Kinder war das schwer.Für meine Mutter war es einsam.Für meinen Vater war es ein Leben zwischen zwei Welten – mit harter Arbeit hier und einem gebrochenen Herzen dort.

Und trotzdem haben meine Eltern nie aufgegeben.

Sie haben jede Anstrengung auf sich genommen, um hier in der Schweiz ein neues Leben aufzubauen –

für sich,für uns Kinder,für unsere Zukunft.

Dass ich heute hier vor euch stehe, hat mit ihrer Kraft zu tun.Mit ihrem Mut.Und mit ihrem Glauben daran, dass sich Einsatz lohnt.

Ich stehe heute also nicht nur hier als Kantonsrätin.

Ich stehe hierals Arbeiterkind.Als Tochter eines Elektrikers.Als Tochter einer Mutter,die Hausfrau war,weil sie sein musste –und in jener Zeitunsere Familie alleine getragen hat.Als Schwester eines Sanitärinstallateurs.Als Schwester einer Verkäuferin.Als Ehefrau eines Eisenlegers.Als Mutter zweier Automechaniker.

Ich bin Teil einer Familie, die ihre Würde, ihren Stolz und ihren Lebenswillen nie verloren hat.

Und ich weiss aus eigener Erfahrung:Von Arbeit allein kann man nur dann würdig leben, wenn der Lohn zum Leben reicht.

Dafür stehen wir heute hier.

Der 1. Mai erinnert uns daran, dass faire Löhne, sichere Arbeitsbedingungen und soziale Rechte nie Zufall sind.Sie wurden erkämpft.Von Frauen und Männern, die den Mut hatten, aufzustehen.Und sie müssen immer wieder verteidigt werden.

Darum lautet unser Motto heute:

„Jobs und Löhne verteidigen – Nein zur Abschottung.“

Denn Abschottung schützt keine Menschen.Abschottung schützt keine Arbeitsplätze.Abschottung schützt keine Löhne.

Was Abschottung wirklich tut, ist:Sie spaltet.Sie macht Angst.Sie stellt Menschen gegeneinander.Sie erklärt gewisse Menschen zu Problemen.

Ich sage euch ganz offen:Wäre dieses Land früher so abgeschottet gewesen, wie es manche heute fordern,dann wäre ich heute nicht hier.

Ich hätte nie die Chance gehabt, Verantwortung zu übernehmen.Ich sässe nicht im Kantonsrat.Ich würde heute nicht an diesem Rednerpult stehen.

Ich bin ein Beispiel dafür, was möglich wird,wenn ein Land offen ist.Wenn es Chancen bietet.Wenn es Menschen aufnimmt, statt sie auszugrenzen.

Darum lassen wir uns nicht spalten.Nicht heute.Nicht morgen.Nie.

Heute wird uns erzählt, ein grosser Teil unserer Probleme habe einen Namen: Migration.

Zu hohe Mieten? Migration.Volle Züge? Migration.Zersiedelte Landschaften? Migration.

Und genau hier setzt die sogenannte Volksinitiative«Keine 10‑Millionen‑Schweiz!»an.

Was auf den ersten Blick technisch klingt, ist in Wahrheit hoch ideologisch –und vor allem eineAblenkungsinitiative.

Der Kern dieser Initiative ist folgender:Zur ständigen Wohnbevölkerung sollen nur noch jene Menschen zählen,die länger als zwölf Monate in der Schweiz leben.

Migrant:innen dürfen weiterhin in die Schweiz kommen, um zu arbeiten –aber sie müssten mindestens einmal pro Jahr wieder ausreisen.

Und damit sind wir wieder dort,wo mein Vater war.BeimSaisonnierstatus.

Ein Status, der Menschen zwar arbeiten liess,ihnen aber grundlegende Rechte verweigerte.

Kein Recht auf Familiennachzug.Keine Sicherheit.Keine Perspektive.Kein richtiges Zuhause.

Die SVP will Arbeitskräfte.Aber sie will keine Menschen.Sie will Hände –aber keine Stimmen.Sie will Arbeitsleistung –aber keine Rechte.

Ich bin ein Kind eines Saissoniers.

Und ich weiss, was dieser Status bedeutet hat.Nicht in der Theorie.Sondern im echten Leben.

Ich weiss, wie es ist, den eigenen Vater nur ein paar Wochen im Jahr zu sehen.Wie es ist, ständig Abschied zu nehmen.Wie es ist, zu warten.

Ich erinnere mich daran, wie sehr ich meinen Vater vermisst habe.So sehr, dass ich an einem Pullover gerochen habe,den er bei uns gelassen hatte.

Ich dachte, ich könnte ihm so wenigstens nahe sein.

Was ich damals nicht wusste:Es war meist der Weichspüler.Nicht wirklich der Geruch meines Vaters.

Aber für ein Kind machte das keinen Unterschied.Für ein Kind zählt nur die Nähe.Und die fehlte.

Diese Initiative will genau zu diesen Missständen zurück.Zu einer Politik, die Familien auseinanderreisst.Zu einem System, das Menschen bewusst prekär hält.Zu einer Ausbeutung mit System.

Das ist unwürdig.Und das dürfen wir nie wieder zulassen.

Die Annahme dieser Initiative hätte weitere massive Folgen.

Sie würde den Austritt aus internationalen Vereinbarungen wie der Flüchtlingskonvention nach sich ziehen.Sie würde den Weg ebnen für ein Kontingentierungssystem von ausländischen Arbeitskräften.

Das bedeutet:Arbeitskräfte kommen –aber nur befristet.Ohne Rechte.Ohne Familien.Ohne Zukunft.

Diese Initiative verletzt das Menschenrecht auf Familienleben strukturell.Sie schafft eine Zwei‑Klassen‑Gesellschaft.Und sie senkt den Schutz füralleArbeitnehmenden.

Denn eines müssen wir klar sagen:Wenn Menschen erpressbar sind,wenn sie keine Rechte haben,dann geratenalle Löhne unter Druck.

Abschottung schützt keine Arbeiter:innen.Sie schwächt sie.

Der 1. Mai ist ein Tag der Solidarität.Ein Tag der Würde.Ein Tag des Widerstands gegen Ungerechtigkeit.

Heute stehen wir hierfür die Menschen, die unser Land am Laufen halten.Für die Menschen, die arbeiten, aber nicht mitbestimmen dürfen.Für die Menschen, die Steuern zahlen, aber kein Stimmrecht haben.

Wir sagen ihnen:Wir sehen euch.Wir hören euch.Wir kämpfen an eurer Seite.

Denn eine diskriminierende Politik trifft immer zuerst jene,die sich am wenigsten wehren können.

Und genau deshalb braucht es uns.Die, die eine Stimme haben.Die, die Verantwortung übernehmen.

Ich bin als Kind eines Saisoniers aufgewachsen.Mein Vater durfte arbeiten in diesem Land –aber nicht ankommen.

Er durfte mit seinen Händen bauen –aber nicht mitentscheiden.

Heute stehe ich hier.Als seine Tochter.Als Kantonsrätin.Mit Stimmrecht.Mit Verantwortung.

Zwischen diesen beiden Punkten liegt kein Wunder.Es liegt Solidarität.Es liegt politischer Kampf.Es liegt der Fortschritt, den Generationen vor uns erkämpft haben.

Und diese Brücke dürfen wir nicht abbrechen.

Wenn ich heute in eure Gesichter schaue,sehe ich keine Zahlen.Keine Quoten.Keine Schlagzeilen.

Ich sehe Menschen.Menschen, die dieses Land tragen.Menschen, deren Arbeit systemrelevant ist –auch wenn ihre Stimmen oft überhört werden.

Als Kind habe ich an einem Pullover gerochen,um meinem Vater nahe zu sein.Heute trage ich etwas anderes weiter:seine Würde.Seinen Einsatz.Und seinen Anspruch, als Mensch ernst genommen zu werden.

Und ich verspreche euch:Solange ich politische Verantwortung trage,wird diese Schweiz nicht zurückfallenin eine Zeit,in der Menschen nur geduldet, getrenntund ohne Rechte ausgebeutet werden.

Nie wieder Saisonnierstatus.Nie wieder Arbeiten ohne Perspektive.Nie wieder Familien ohne Zukunft.

Lasst uns dafür kämpfen,dass jede Arbeit respektiert wird.Dass jeder Mensch von seinem Lohn leben kann.Dass Abschottung keinen Platz hat.Und dass Solidarität stärker ist als Angst.

Danke, dass ihr hier seid.Danke für eure Arbeit.Danke für eure Stimme.Und danke, dass ich heute zu euch sprechen durfte.