Vertreter aus Wissenschaft, Museumswesen und Gedenkstättenarbeit diskutieren Tagung im Museumsquartier Osnabrück; Villa_ Forum eröffnet Lernort stärkt Demokratie
Tagung zur Zukunft der Erinnerungskultur: Lernorte stärken Demokratie - Osnabrücker Rundschau
Tagung zur Zukunft der Erinnerungskultur: Lernorte stärken Demokratie
Wie lassen sich Orte als aktive Begegnungs- und Bildungsräume nutzen?
Vertreter aus Wissenschaft, Museumswesen und Gedenkstättenarbeit kamen Mitte April im Museumsquartier Osnabrück zusammen, um über die Rolle historischer Lernorte in der modernen Zivilgesellschaft zu diskutieren. Unter dem Titel „Mehr Demokratie wagen“ organisierte der Arbeitskreis Historisches Lernen der Konferenz für Geschichtsdidaktik eine zweitägige Tagung, die sich mit der Transformation von Museen zu aktiven Begegnungs- und Bildungsräumen befasste. Das Historisch-politisches Lernen stand im Fokus vom Fachkongress im Museumsquartier und forderte eine stärkere Positionierung für außerschulischer Lernorte und gegen antidemokratische Tendenzen.
Der Direktor des Museumsquartiers, Nils Arne Kässens, eröffnete die Veranstaltung und betonte die Bedeutung des Standortes, insbesondere der im September 2024 neu eröffneten Villa_ Forum für Erinnerungskultur und Zeitgeschichte. Er unterstrich, dass das Museumsquartier als Ort des Miteinanders fungiere, an dem Vielfalt und ein demokratisches Grundverständnis als fundamentale Werte getragen würden. Die Villa bildet dabei den abschließenden Baustein einer langjährigen Neukonzeption, die darauf abziele, Geschichte als Quelle für gesellschaftspolitisches Handeln nutzbar zu machen.
Im Zentrum der inhaltlichen Auseinandersetzung standen innovative Ansätze zur Friedens- und Demokratiebildung. Professorin Gabriele Danninger von der PH Salzburg legte in ihrem Vortrag dar, dass Museen einen orientierungsstiftenden Auftrag in Zeiten globaler Krisen wahrnehmen müssten. Sie definierte Friedensbildung als kontinuierliche Entwicklung in einer pluralen Gesellschaft und forderte, dass historische Lernorte die Vielfalt menschlicher Biografien und Lernmotive stärker berücksichtigen sollten. Danninger betonte, dass die Schaffung von Frieden eine der schwierigsten politischen Aufgaben darstelle, weshalb Museen als kritische Reflexionsräume unverzichtbar seien. Ergänzend dazu stellte Museumskurator Dr. Thorsten Heese das Konzept der Villa für Demokratie vor. Er erläuterte die museale Transformation des Gebäudes von der industriellen Fabrikantenvilla über den Sitz der britischen Militärregierung bis hin zum heutigen Lernort. Heese verdeutlichte, dass durch gezielte Inszenierungen, wie etwa einen interaktiven Medientisch zum Verwaltungshandeln in der NS-Zeit, strukturelle Mechanismen von Diktatur und Demokratie für Besucher erfahrbar gemacht würden.
Einen methodischen Schwerpunkt bildete die Sichtbarmachung ehemals „ausradierter“ Orte durch moderne Forschungsansätze. Die Historikerin Edith Blaschitz von der Universität für Weiterbildung Krems präsentierte ein Projekt zur digitalen Erfassung von NS-Zwangsarbeitslagern in Österreich. Sie zeigte auf, wie Citizen Science – die Einbeziehung der Zivilgesellschaft in die Forschung – dabei helfen könne, die über 2.000 identifizierten Opferorte im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern. Blaschitz verwies auf die Problematik des „Invisible Heritage“ und die Herausforderung, dass viele ehemalige Lagerstandorte heute im Stadtbild nicht mehr als solche erkennbar seien. Die Einbindung lokaler Gemeinschaften und internationaler Nachkommen der Opfer spiele eine entscheidende Rolle, um eine authentische und nachhaltige Erinnerungskultur jenseits klassischer Gedenkstätten zu etablieren.
Die politische Dimension der Bildungsarbeit wurde beim Empfang im historischen Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses durch Andrea Brait, Leiterin des Arbeitskreises Geschichtsdidaktik, thematisiert. Sie konstatierte einen wachsenden Druck auf Bildungsinstitutionen, die sich für demokratische Werte und Diversität positionierten. Brait mahnte, dass Neutralität nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden dürfe, und forderte insbesondere große Institutionen dazu auf, offensiv und transparent gegen Bedrohungen von rechts einzutreten. Demokratie müsse als Prozess begriffen werden, der eine ständige Erprobung erfordere, wobei Museen als „Fenster in die Gesellschaft“ fungieren sollten, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken.
In den abschließenden Podiumsdiskussionen am zweiten Tag zogen Sebastian Weitkamp, Thorsten Heese und Oliver Plassow eine Bilanz der Tagung. Die Experten waren sich einig, dass die Professionalisierung des Feldes voranschreite, jedoch durch knappe Ressourcen und den Zeitdruck medialer Aufmerksamkeitszyklen erschwert werde. Besonders die Digitalisierung bietet enorme Chancen für die Sichtbarkeit, dürfe aber den realen Begegnungsraum nicht ersetzen. Dr. Thorsten Heese betonte in seinem persönlichen Fazit, dass die Zeit der rein objektiven, zurückhaltenden Erzählweise vorbei sei. Angesichts der Tatsache, dass historische Fakten zum Nationalsozialismus bei vielen Jugendlichen nur noch lückenhaft vorhanden seien, müssten Lernorte heute eine klare Haltung zeigen. Das Ziel müsse sein, aktiv für die Stärkung der Demokratie einzutreten und über gezielte Fragestellungen in einen Dialog mit der Gesellschaft zu treten, ohne dabei belehrend zu wirken.
Die Teilnehmenden sahen in der interdisziplinären Vernetzung zwischen Geschichtsdidaktik, Museumspraxis und Gedenkstättenpädagogik den Schlüssel, um auf diese gesellschaftlichen Veränderungen zu reagieren. Die Veranstaltung im Museumsquartier verdeutlichte, dass außerschulische Lernorte heute mehr denn je als Labore der Demokratie gefragt sind, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern aktiv zur zivilgesellschaftlichen Resilienz beitragen.