Afro-Schweizer*innen – ZANTHRO Working Paper N°19 zur Zugehörigkeit in der Schweiz; Mehrfachzugehörigkeit widerspricht Schweizer Selbstverständnis

Zurich Anthropology Working Paper ZANTHRO Nº

19 «Woher bist du wirklich?» Afro-Schweizer*innen: Zugehörigkeit und Schwarz-Sein in der Schweiz Tanja Luchsinger, Selina Ahlidjah, Adamma Ezeanyika, Danielle Isler KI-generierte Bilder / ChatGPT Department of Social Anthropology and Cultural Studies

© 2026 TANJA LUCHSINGER, SELINA AHLIDJAH, ADAMMA EZEANYIKA, DANIELLE ISLER ZANTHRO - Zurich Anthropology Working Papers Published by ISEK – Ethnologie Andreasstrasse 15 CH 8050 Zurich zanthro@isek.uzh.ch Editorial Board: Annuska Derks Nadja Kempter Olivia Killias Esther Leemann Tanja Luchsinger Christine Schenk Lindsay Vogt Michelle von Dach

Graphic Design: University of Zurich, Information Technology, MELS/SIVIC Cover Photos: AI-generated images (prompts: Adrian Frutiger and Tanja Luchsinger) Creative Commons License CC BY NC ND 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/) ISSN: 2571-6190

ZANTHRO Working Papers N°19 | Mai 2026 1 Zwischen Fremd- und Selbstwahr­ nehmung: Ein Vorwort über multiple Zugehörigkeit und Schweizer Selbst­ verständnis TANJA LUCHSINGER, ISEK-ETHNOLOGIE – UNIVERSITÄT ZÜRICH «Wie erfassen wir Identität und Zugehörigkeit ethnologisch? Was bedeutet es, wenn Men­ schen mehrere Zugehörigkeiten haben, sich nirgends zugehörig fühlen oder sich zwischen verschiedenen scheinbar unvereinbaren Identitätskategorien befinden?» Mit diesen Wor­ ten hatte ich ein Ethnologie-Seminar zum Thema «Identität, Belonging und Biographie» ausgeschrieben, welches ich im Frühling 2023 an der Universität Zürich unterrichtete. Be­ reits in der Diskussion der ersten Sitzung wurde klar, dass ein Grossteil der Studierenden das Seminar gewählt hatte, um sich akademisch mit ihrer/ihren Zugehörigkeit/en und der/ den damit verbundenen Lebensrealität/en auseinanderzusetzen. Im Verlauf des Semesters reflektierten die Studierenden ihre Positionalität und Herkunft. Viele beschäftigten sich mit ihrer eigenen Migrationsgeschichte oder der ihrer Familie, ihrer Herkunft mit Wur­ zeln in mehreren Nationen oder ihrer Beziehung und Zugehörigkeit zur Schweiz. In vie­ lerlei Hinsicht repräsentierte die Seminar-Zusammensetzung die Diversität der heutigen Schweiz. Die Diskussionen im Seminar widerspiegelten dabei aber auch die vorherrschen­ de Beschäftigung mit Fragen der gefühlten und zugeschriebenen (Un)Zugehörigkeit zur Schweiz. Die im Seminar behandelten Themen fanden auch bei anderen Studierenden Reso­ nanz. Das zeigte sich darin, dass im Winter 2023 insgesamt drei Ethnologie-Studentinnen afro-schweizerischer1 Herkunft am ISEK Bachelorarbeiten schrieben, die sich auf unter­ schiedliche Weise mit afro-schweizerischen Lebensrealitäten – von Community-Bildung über Identitätskonzepte bis hin zu Zugehörigkeitserfahrungen – auseinandersetzen. Diese Bachelorarbeiten, wie auch die Diskussionen im erwähnten Seminar, zeigen, dass die Le­ bensrealitäten von Menschen mit multipler Zugehörigkeit in der Schweiz noch nicht dem Selbstverständnis der Mehrheit entsprechen. Alle Bachelorarbeiten reflektierten die Kate­ gorisierung als Schweizerinnen versus Ausländerinnen sowie die oft schwer zu beant­ wortende und potenziell exkludierende Frage «Woher bist du wirklich?». Die Interviews und Erfahrungen, auf denen die Arbeiten basieren, verdeutlichen, dass im gesellschaftlichen Verständnis der Schweiz noch immer die Vorstellung einer homogenen, Weissen2 und na­ tionalitätstechnisch eindimensionalen Schweiz verankert ist. 1 Die Begriffe Afro-Schweizer*in bzw. Afro-Schweizerisch werden im Essay von Adamma Ezeanyika genau­ er behandelt. 2 Die erste Fussnote im Beitrag von Danielle Isler erklärt, warum in diesem ZANTHRO Working Paper Weiss beziehungsweise Schwarz grossgeschrieben wird.

ZANTHRO Working Papers N°19 | Mai 2026 2 Die Bachelorarbeiten erforschten unter anderem, was dieses gesellschaftliche Selbst­ verständnis mit Schweizerinnen macht, die diesen zunehmend realitätsfernen Vorstel­ lungen nicht entsprechen. Bei den Bachelorarbeiten sowie in meinem Seminar sind es die Schweizerinnen mit Migrationsbezug oder multipler Zugehörigkeit selbst, die akademisch ihrer Realität nachspüren, um Wissen zu generieren und Diskussionen anzureissen zu Themen, die erst wenig Beachtung finden. In diesem Sinne haben sich zwei der drei Stu­ dierenden entschieden, ihre Bachelorarbeiten über afro-schweizerische Lebensrealitäten als kürzere Essays in diesem ZANTHRO Working Paper zu veröffentlichen. Bevor die Essays kurz eingeführt werden, möchte ich hier zwei Aspekte hervorheben. Zum einen ziehen sich zwei zentrale Themen durch alle Beiträge dieses ZANTHRO Wor­ king Papers, nämlich race beziehungsweise Rassismus sowie Zugehörigkeit. Da race im abschliessenden Essay von Danielle Isler auf sehr erhellende Weise behandelt wird, möch­ te ich mich im Vorwort dem Thema Zugehörigkeit widmen. Zum anderen werde ich kurz auf den Schweizer Kontext eingehen, in dem alle nachfolgenden Essays verortet sind und auf den sich viele der geschilderten Erfahrungen von Personen in meinem Seminar sowie Afro-Schweizer*innen in den Essays beziehen. Schweizer Kontext Musik schallt von der Bühne weit über die angrenzende Wiese. Menschen sitzen in kleinen Gruppen auf dem Gras, lachen, plaudern und prosten sich zu. Kinder rennen umher unter bunten Girlanden, die im Wind flattern. Der Duft von Essen liegt in der Luft: An den Essens­ ständen gibt es tibetanische Momos, Kottu Roti aus Sri Lanka, thailändische Spezialitäten und vieles mehr. Hier, in diesem kleinen Kosmos, zeigt sich die gelebte multikulturelle Rea­ lität der Schweiz – verdichtet, sichtbar, gefeiert. Seit mehr als zehn Jahren findet auf der Zürcher Bäckeranlage immer am 1. August, dem Nationalfeiertag der Schweiz, das Äms Fäscht statt. Die Veranstaltung versteht sich als «Gegenöffentlichkeit zum traditionellen 1. August». Im «Manifäscht» des organisieren­ den Vereins heisst es, dass nationalistische, konservative Gründungsmythen wie etwa der Rütli-Schwur3 «die Realität der interkulturellen Gesellschaft, in der wir leben,» nicht an­ erkennen. Das Manifäscht proklamiert: «Wir wollen diese Realität am 1. August sichtbar machen, bejahen und fördern» (Äms Fäscht Manifest, n. e.). Bota, Pham und Topçu, drei Journalistinnen mit biografischem Bezug zu Migration, schreiben in ihrem Buch darüber, in einer Gesellschaft zu leben, in deren Selbstverständ­ nis sie nicht vorkommen. Sie reflektieren, dass sie als Menschen mit Migrationsbezug Teil einer Veränderung sind, die von vielen lieber verdrängt wird (Topçu, Bota und Pham 2012). Die Autorinnen formulieren ihre Überlegungen zwar im deutschen Kontext, sie lassen sich jedoch in vielerlei Hinsicht auch auf die Schweiz übertragen. Im Jahr 2023 verzeichnete die Schweiz fast 40% der ständigen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren als Menschen mit «Migra­ tionshintergrund» (BFS 2024).4 Dies deutet auf eine sich verändernde Realität hin, die von 3 Zum historischen und erinnerungskulturellen Kontext des Rütlischwur-Mythos siehe u. a. Kreis und Wiget (2004) sowie Maissen (2015). 4 Zur vom BFS definierten «Bevölkerung mit Migrationshintergrund» gehören Personen ausländischer Staatsangehörigkeit und eingebürgerte Schweizerinnen und Schweizer – mit Ausnahme der in der Schweiz Geborenen mit Eltern, die beide in der Schweiz geboren wurden (3. Generation) – sowie die gebürtigen Schweizerinnen und Schweizer mit Eltern, die beide im Ausland geboren wurden» (BFS 2024).

ZANTHRO Working Papers N°19 | Mai 2026 3 vielen Weissen Schweizerinnen bis heute nicht anerkannt wird (vgl. Putschert, Falk und Lüthi 2012; Dahinden 2014). Gwendolyn Gilliéron fasst zusammen, dass in der Schweiz «Personen mit ausser­ europäischer Herkunft, einer muslimischen Religionszugehörigkeit und nicht-‹weisse› Personen» häufig immer noch «als Fremde und Andere» konstruiert werden (2022, 46-47). Gilliéron wie auch Rohit Jain (2018), auf deren Arbeiten ich mich im folgenden kurzen his­ torischen Abriss hauptsächlich stütze, verorten diese Dynamik in schweizerischen Vor­ stellungen kultureller Distanz. Damit rückt die Idee des «Fremden» ins Zentrum – ein Be­ griff, der in der Schweiz historisch untrennbar mit Migrationspolitik verknüpft ist (Gilliéron 2022, 37). Es ist wichtig, sich darauf zu besinnen, dass die Schweiz ursprünglich als «Willens­ nation» entstand, die vier Sprachregionen vereint und sich auf gemeinsame Rechte statt auf eine einheitliche Kultur stützt. Im Zuge der Industrialisierung liessen sich viele Men­ schen aus dem Ausland in der Schweiz nieder und wurden als Arbeitskräfte willkommen geheissen und schnell eingebürgert. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts spielten im staats­ politischen Diskurs ethnisch-kulturelle Erwägungen eine zunehmend prominente Rolle. Assimilation beschrieb bald nicht mehr nur die Aufnahme von Ausländerinnen in die politische Nation der Schweiz, sondern eine explizit gewünschte kulturelle Anpassung (Jain 2018, 78–81). Politische Parteien, Gruppierungen und Volksinitiativen warnten vor einer «Überfremdung», welche die Schweizer Eigenart bedrohe (Hoffmann-Nowotny 2001, 22). Eine restriktive Auffassung nationaler Identität gewann an Einfluss, die sich immer stärker auf ethnische Merkmale und das Prinzip der Abstammung stützte (Arlettaz und Arlettaz 2004). Rassistische Vorstellungen von Anpassungs(un)fähigkeit wurden zuneh­ mend durch eine Rhetorik von kultureller Nähe und Distanz abgehandelt, im Sinne eines «raceless racism» (Dahinden 2014; Jain 2018, 87; Michel 2015). Es entwickelte sich eine Hier­ archie zwischen erwünschten, kulturell nahegeglaubten Migrantinnen und unerwünsch­ ten, die bis heute nachwirkt (Gilliéron 2022, 40-42). Es wird deutlich, dass Menschen mit Migrationsbezug oder später auch Fluchtgeschichte seit den 1960er Jahren in der Schweiz immer wieder politisch thematisiert und in den Medien häufig negativ dargestellt werden. Seit 9/11 wird auch eine «Verschiebung der Grenzziehung von einer ethnischen hin zu einer religiösen ‹Kultur›» beobachtet, wobei Fremdheit immer stärker über religiöse Zugehörig­ keit definiert wird (Gilliéron 2022, 42).5 Seit den 1990er Jahren hat sich zwar ein Verständnis von kultureller Vielfalt durch­ gesetzt, das auch Mehrfachzugehörigkeiten anerkennt. Dennoch bleibt die Unterscheidung zwischen einer «schweizerischen» und einer «anderen» Kultur bestehen (Gilliéron 2022, 43). Gerade Secondos6, wie etwa Afro-Schweizerinnen, die in der Schweiz leben, bleiben die «anderen», da sie eine «andere» Kultur oft visuell repräsentieren (Putschert 2013 in: Gil­ lieron 2022, 43). In ihrem Buch zum Thema binationale Herkunft beschreibt Gilliéron, dass 5 Dies ist nur ein sehr knapper Abriss der Schweizer Migrationsgeschichte, der vieles auslässt, sich zudem weitgehend auf die Deutschschweiz beschränkt und Unterschiede zu anderen Landesteilen unberücksich­ tigt lässt. Für eine vertiefte Auseinandersetzung verweise ich auf die entsprechenden Kapitel bei Gilliéron (2022), Jain (2018) sowie zahlreiche weitere Publikationen. Zum Thema Rassismus in der Schweiz mit Fokus auf den öffentlichen Diskurs vergleiche beispielsweise Boulila (2019) oder Michel (2015). 6 In der Forschung und im öffentlichen Diskurs werden Kinder von Migrant*innen häufig als «zweite Gene­ ration» oder als «Secondos» bzw. «Secondas» bezeichnet. Der Begriff ist jedoch uneinheitlich verwendet und umfasst Personen mit sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten. Für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Begriff siehe Juhasz und Mey (2003).

ZANTHRO Working Papers N°19 | Mai 2026 4 durch Einbürgerung zwar die rechtliche Dimension der Binationalität aufgelöst wird, die transnationalen und biografischen Bezüge sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung als «anders» jedoch bestehen bleiben (2022, 17). Gilliéron stellt die Frage, wie es Menschen mit binationaler Herkunft erleben, «mehr als einen Herkunftskontext als Referenzpunkt zu haben», und