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title: "Deutsche Bundesbank warnt vor steigendem Kreditrisiko der Banken in Deutschland; Energiepreisschock erhöht Kreditrisiken"
sdDatePublished: "2026-05-06T14:04:00Z"
source: "https://www.bundesbank.de/de/presse/interviews/-die-zentrale-herausforderung-fuer-banken-entsteht-daraus-dass-die-welt-schneller-und-volatiler-wird--995206"
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Deutsche Bundesbank warnt vor steigendem Kreditrisiko der Banken in Deutschland; Energiepreisschock erhöht Kreditrisiken

„Die zentrale Herausforderung für Banken entsteht daraus, dass die Welt schneller und volatiler wird“ | Deutsche Bundesbank

„Die zentrale Herausforderung für Banken entsteht daraus, dass die Welt schneller und volatiler wird“Interview mit Michael Theurer, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank und Karlheinz Walch, Leiter des Generaldirektorats Finanzaufsicht, Deutsche Bundesbank

Das Interview führte Philipp Otto, Chefredakteur der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen(ZfgK)

Herr Theurer, wie hat sich Ihr Blick auf die Finanzstabilität in Deutschland aufgrund des Nahostkonflikts verändert? Die Inflation steigt, die Konjunkturerholung verzögert sich – wo sehen Sie drohende Risiken?

Theurer:Die geopolitischen Spannungen spielen für die Risikolage des deutschen Finanzsystems derzeit eine zentrale Rolle. Der Nahostkonflikt hat die ohnehin schwierige Lage– denken wir nur an den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, dieUS-Zollpolitik oder den schwelenden China-Taiwan-Konflikt –weiter verschärft, und die Finanzstabilitätsrisiken erhöht.

Kurzfristig sehen wir aber bislang keine akuten Warnsignale für stark negative Auswirkungen. Die Reaktionen an den Finanzmärkten waren bisher moderat. Auch zeigen unsere Analysen zu den Auswirkungen steigender Energiepreise und Zinsen, dass die Effekte aus den erwarteten Steigerungen für die Banken zwar spürbar, aber verkraftbar wären.

Mittelfristig könnte das Risikobild aber anders aussehen, besonders beim Kreditrisiko. Hierfür wird entscheidend sein, wie stark und wie langanhaltend etwa der Energiepreisschock ausfällt. Anhaltend höhere Energiepreise würden den bereits gebeutelten Unternehmenssektor weiter belasten, das verfügbare Einkommen der Haushalte reduzieren, Inflationserwartungen anheizen und Finanzierungskosten erhöhen. Die Kreditrisiken der Banken würden dann absehbar steigen.

Insgesamt gehe ich davon aus, dass uns die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts noch länger begleiten und deutsche Kreditnehmer belasten werden – mit entsprechenden Folgen für die Banken.

Herr Walch, wie reagiert man da als Aufseher? Schauen Sie bei bestimmten Geschäften genauer hin? Herrscht größerer Gesprächsbedarf mit den Kreditinstituten?

Walch:Durch die eben skizzierte Risikolage haben wir das Kreditrisiko der deutschen Banken gerade besonders im Fokus. Bei Banken, die viele Kreditnehmer aus energie- oder konjunktursensitiven Sektoren haben, schauen wir genauer hin. Dazu zählen beispielsweise Maschinenbau-, Chemie- oder Automobilunternehmen, aber auch Unternehmen, die in der Schiff- und Luftfahrt oder im Tourismus tätig sind. Hinzu kommen Unternehmen, die stark exportabhängig sind. Diese Geschäftsmodelle sind von den höheren Energiepreisen und den wirtschaftlichen Folgeeffekten, die Herr Theurer gerade beschrieben hat, besonders betroffen. Und Banken, die viele solcher Unternehmen im Kreditportfolio haben, natürlich ebenso.

Die Gesprächsfrequenz haben wir schon zu Beginn des Nahostkonflikts erhöht. Die kritischste Phase steht uns aber voraussichtlich noch bevor, wenn die Krise länger andauert. Daher äußern wir gegenüber den Banken die klare Erwartung, die aktuell noch gute Ertragslage und robuste Kapitalsituation zu nutzen, um ausreichend Risikovorsorge zu bilden. Parallel sollten sie risikoreiche Sektoren im Kreditportfolio engmaschig verfolgen.

Herr Theurer, nicht nur die geopolitische Gemengelage wird immer unübersichtlicher, auch das Regulierungsrahmenwerk für europäische Banken wurde über Jahre hinweg immer dichter und komplexer. Nun sendet die deutsche Aufsicht Signale für eine Vereinfachung der Regeln. Was steht hinter diesem neuen Kurs?

Theurer:Um die Regulierung in ihrer heutigen Form zu verstehen, muss man sich bewusst machen, wie sie entstanden ist. Der Ursprung der Regeln, wie wir sie kennen, liegt in der Zeit nach der großen Finanzkrise von 2008. Zuvor mussten sich Banken nur an wenige und wenig komplexe Regeln halten. Diese Krise legte dann leider schmerzhaft offen, wie unzureichend diese Regeln in weiten Teilen waren. Mit dem damals gültigen Regelwerk konnten Banken Risiken eingehen, die in keinem Verhältnis zu ihren Kapitalreserven standen – im Vertrauen darauf, die Verluste im Zweifelsfall nicht selbst tragen zu müssen. Leider gab ihnen die Alternativlosigkeit, das Finanzsystem vor dem Zusammenbruch zu retten, damals Recht. Die Verluste wurden sozialisiert, während die vorherigen Gewinne privatisiert blieben. Die gemeinsame Lektion, die Gesellschaft, Politik und Aufsicht daraus zogen, war: So etwas darf sich nicht wiederholen. Und diesem Leitsatz folgten auch die Regulierer, als sie das Rahmenwerk damals grundlegend reformierten und Basel III auf den Weg brachten.

Heute, 18 Jahre später, kann man sagen, dass diese Reform sehr erfolgreich war: Sie stärkte die Finanzstabilität erheblich, reduzierte Risiken für Steuerzahlende und sicherte eine verlässlichere Kreditvergabe. Europäische Großbanken sind heute widerstandsfähiger denn je, das haben sie in verschiedenen Turbulenzen in den vergangenen Jahren unter Beweis gestellt.

In diesem Umfeld gibt es jetzt Forderungen nach einer Lockerung der Regulierung. Hier muss man aus meiner Sicht genau hinterfragen, was unter „Lockerung“ verstanden wird: Ist damit gemeint, dass die Regeln – gerade die Kapitalanforderungen – zu scharf sind? Oder, dass die Regeln zu kleinteilig, zu kompliziert und mitunter widersprüchlich sind?

Für die erste Lesart gibt es aus meiner Sicht keine Belege. Empirische Untersuchungen zeigen eher, dass höhere Kapitalanforderungen die Profitabilität von Banken nicht negativ beeinflussen[1]. Dagegen gibt es für die zweite Lesart aus meiner Sicht klare Hinweise. Als Aufseher erkennen wir an, dass es mittlerweile viele, komplexe Regeln gibt. Einige davon produzieren einen hohen Aufwand, um sie zu erfüllen; übrigens auch für uns, um sie zu überwachen. Aber sie tragen nicht nennenswert zur Finanzstabilität bei. Bei allen Verdiensten, die die reformierten Regeln zweifellos für die Finanzstabilität tragen, ist es essenziell, Regulierung immer wieder kritisch zu überprüfen. Daher setzen wir uns zusammen mit derBaFindafür ein, die Regeln zu verschlanken und zu vereinfachen, wo sie unnötig komplex geworden sind. Für die Institute bietet das große Chancen: Sie können administrativen Aufwand einsparen und entstehende Freiräume nutzen, um beispielsweise ihr Kerngeschäft effizienter aufzusetzen und die Digitalisierung voranzutreiben. Hier wird es darauf ankommen, freiwerdende Ressourcen klug einzusetzen.

Unsere Haltung lässt sich also einfach zusammenfassen: Vereinfachung der Regeln ja; Deregulierung mit Absenkung der Kapitalanforderungen nein.

Zu den geplanten Vereinfachungsmaßnahmen zählt auch die Novelle der Mindestanforderungen an das Risikomanagement(MaRisk),die im Sommer dieses Jahres veröffentlicht werden soll. Warum brauchte es die Neugestaltung?

Walch:Gemeinsam mit derBaFinhaben wir dieMaRiskgrundlegend überarbeitet. Wir adressieren damit zwei Punkte: Die neuenMaRisksollen weniger komplex sein und den Banken noch größeren Spielraum geben, die Regeln proportional anzuwenden.

Mit der Novelle kehren wir übrigens zurück „zu den Wurzeln“, könnte man sagen – denn bei ihrer Einführung im Jahr 2005 waren dieMaRisknoch ein ziemlich schlankes und prinzipienorientiertes Regelwerk. Über die Jahre wurden die Regeln dann allerdings immer umfangreicher und detaillierter. Das drehen wir jetzt zurück, in dem wir vereinfachen, wo immer das möglich ist, und uns stärker an Prinzipien als an detaillierten Vorgaben orientieren.

Derzeit sind wir auf der Zielgeraden der Konsultationsphase der 9. Novelle, die bis zum 8. Mai andauern wird. Mit Inkrafttreten der überarbeitetenMaRiskMitte des Jahres sollen die neuen Regeln dann unmittelbar – also ohne Übergangsfrist – wirksam werden.

Mit welchen Erleichterungen dürfen Banken durch dieMaRisk-Novelle rechnen?

Walch:Zur Reduzierung der Komplexität haben wir uns den Regeltext Wort für Wort vorgenommen. Dabei haben wir Dopplungen,z. B.zwischenKWGundMaRisk,entfernt und inhaltlich verwandte Anforderungen zusammengelegt. Auch stark detaillierte Regelungen haben wir kritisch geprüft. Dabei haben wir festgestellt, dass an etlichen Stellen die aktuellen Anforderungen granularer sind als nötig und sinnvoll. Dort haben die Banken künftig Ermessensspielräume – im Sinne einer prinzipienorientierten Regulierung.

Zur Stärkung der Proportionalität haben wir eine neue Institutsklassifizierung eingeführt, die zwischen sehr kleinen Instituten (Bilanzsumme unter einer Milliarde Euro), kleinen Instituten (Erfüllung der europäischen Definition fürSmall and Non-Complex Institutions) und übrigenLSIsunterscheidet. Besonders für die ersten beiden Kategorien haben wir neue Öffnungsklauseln eingeführt und auch die Erleichterungen der Aufsichtsmitteilung Proportionalität vom 26.11.2024 in den Regelungstext übernommen. Zusätzlich haben wir die bisherigen Öffnungsklauseln klargestellt und erweitert. So dürfen kleine Institutez. B.auf inverse Stresstests verzichten und müssen nur noch einen statt drei Liquiditätsstresstests durchführen. Im Berichtswesen können kleine Institute beispielsweise auf vorherige Risikoberichte verweisen, sollte es keine relevanten Veränderungen in einer Risikoart geben. Die Öffnungsklauseln machen dieMaRiskalso flexibler, und senken gerade für kleine und sehr kleine Banken spürbar den Erfüllungsaufwand.

Können Sie ein konkretes Beispiel für die stärkere Prinzipienorientierung der neuenMaRisknennen?

Walch:Die bisherigenMaRisk-Vorschriften zum Kreditgeschäft habenz. T.direkt auf die einschlägigenEBA-Leitlinien verwiesen, die teils sehr detaillierte Anforderungen stellen. Wir haben diese Verweise in den neuenMaRiskgrößtenteils zurückgebaut, allerdings so, dass der Kern der Regelungen erhalten bleibt. Zum Beispiel haben wir die Verweise im Bereich der Kreditvergabe und der Überwachung von Kreditnehmern durch prinzipienorientierte Vorgaben ersetzt. Damit geben wir den Instituten mehr Spielraum in der Umsetzung dieser Regelungen.

Ein prinzipienorientiertes Regelwerk stellt andere Anforderungen an Banken als die bisherigen, detaillierteren Vorschriften. Wie sollten sich die Institute hierauf vorbereiten?

Theurer:Ich gehe davon aus, dass viele Banken die stärkere Prinzipienorientierung der neuenMaRiskbegrüßen werden, da dieses Thema schon länger an uns herangetragen wurde. Dabei darf man jedoch eines nicht vergessen: Prinzipienorientierte Regeln stellen höhere Anforderungen an die Eigenverantwortung der Anwendenden als granulare, spezifische Vorgaben. Wer weniger „Checklisten“ zur Abarbeitung an die Hand bekommt, steht vor Ermessensspielräumen. Hier muss der jeweilige Anwendende Sachverhalte bewerten, sein Vorgehen argumentativ gut begründen und gegebenenfalls auch verteidigen.

Walch:An dieser Stelle komme ich gerne auf das Beispiel aus der Risikoberichterstattung zurück: Wenn kleine Institute künftig auf vorherige Risikoberichte verweisen dürfen, falls es keine relevanten Veränderungen in einer Risikoart gegeben hat, muss sich das Institut ausgehend vom eigenen Geschäftsmodell selbst Gedanken machen: Was sind relevante Veränderungen für unser Haus? Man wird also von der Regulierung weniger „an die Hand genommen“.

Theurer:Meine Einschätzung ist, dass dieser Paradigmenwechsel von granularen zu prinzipienorientieren Regeln für Anwendende zu Beginn herausfordernd sein kann, mittelfristig aber große Chancen für Entlastungen bietet. Um die Chancen wirklich nutzen zu können, sollten Banken aber zeitnah einen internen Kulturwandel anstoßen – hin zu mehr Reflexion und Eigenverantwortung.

Betrifft dieser Kulturwandel auch Sie als Aufseher?

Walch:Selbstverständlich. Auch wir Aufseher und Vor-Ort-Prüfende haben lange mit vergleichsweise detaillierten Regeln gearbeitet und dabei auch mal „abgehakt“, ob bestimmte Anforderungen erfüllt waren. Wie meinBaFin-Kollege Nikolas Speer es kürzlich ausdrückte, lautet u