Weihbischof Joshy George Pottackal, erster Bischof mit außereuropäischen Wurzeln, Mainz, Deutschland; Historische Premiere für Migration in der Kirche

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Weihbischof Pottackal: Deutschland kann auch von Indien lernen

Köln‐ Der Mainzer Weihbischof Joshy Pottackal ist der erste Bischof mit außereuropäischen Wurzeln in Deutschland. Im Interview erzählt er, welchen Herausforderungen er aufgrund seiner Herkunft bis heute begegnet.

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Im März wurde er mit seiner Weihe in Mainz zum ersten Bischof mit außereuropäischen Wurzeln in Deutschland: Weihbischof Joshy George Pottackal. Vor 22 Jahren zog er aus seiner Heimat Kerala in Indien nach Deutschland und war unter anderem als Jugendseelsorger in Mainz tätig. Wie der erste Kulturschock für ihn aussah, welche Probleme er für Menschen mit Migrationshintergrund bis heute sieht und was Deutschland von Indien lernen könnte, erzählt er im Interview.

Frage:Sie leben jetzt seit 22 Jahren in Deutschland. Worüber haben Sie sich hier am Anfang gewundert? Was fanden Sie vielleicht auch komisch?

Pottackal:Komisch kann ich nicht sagen, aber es war schon sehr anders. Das habe ich zum Beispiel gemerkt, als ich anfangs als Schulseelsorger eingesetzt war. In Indien sind wir Frontalunterricht gewohnt: Der Lehrer erzählt, die Schüler haben zu folgen. Ungefähr so funktioniert das Schulsystem. Hier läuft es ganz anders. Die Schüler sind selbstbewusster, vieles passiert im Dialog und die Lehrer dürfen ihre Macht auch nicht in dem Sinn ausüben, dass sie Gewalt anwenden. Ein anderes Beispiel ist dieArbeit in der Pfarrei. Die ist hier synodal organisiert: Die Ehrenamtlichen, aber auch die Räte, können mitreden und auch viel gestalten. In Indien machen sie zwar auch viel, aber eher in dem Sinne, dass sie einem Pfarrfest helfen. Aber hier gibt es zum Beispiel auch Liturgiegruppen, die mitreden dürfen. Die Ehrenamtlichen, die Gläubigen, reden also auch bei spirituellen Fragen mit und bei pastoralen Aufgaben. Das war für mich am Anfang eine völlig neue Welt, das musste ich erst einmal kennenlernen und selbst erleben.

Frage:Was hat Ihnen dabei geholfen, diese neue Kultur und auch diese religiöse Kultur kennenzulernen und hineinzuwachsen?

Pottackal:Ich habe viel Unterstützung bekommen. Wir hatten eine ungefähr sechs Jahre lange Ausbildungszeit im Bistum Mainz. Außerdem war ich nicht allein, ich konnte mich mit den Mitbrüdern austauschen. Es war mein Glück, dass ich in Mainz im Kloster war und meine Erlebnisse mit den anderen besprechen konnte. Diese Gespräche haben mich einigermaßen auf den Alltag in Deutschland vorbereitet. Dazu muss man eine gewisse Offenheit mitbringen und die Gegenseitigkeit respektieren. Wenn man die Sprache lernt, viel miteinander redet und offen ist, dann funktioniert es. Und man muss auch das Verständnis haben, dass alle Christen getauft sind und eine Verantwortung haben, den Glauben gemeinsam zu leben.

Frage:Mittlerweile kennen Sie Deutschland gut, können die Unterschiede besser einschätzen. Haben Sie trotzdem manchmal noch ein Gefühl von Fremdheit?

Pottackal:Deutschland ist zwar längst ein Einwanderungsland, trotzdem ist vieles noch immer nicht selbstverständlich. Das merkt man immer wieder und da kann auch noch vieles besser werden. Andererseits habe ich mich eigentlich nie fremd gefühlt, wenn ich imBistum Mainzunterwegs war, bei meiner Arbeit nicht, in der Pfarrei nicht und auch in der Gesellschaft nicht.

„Deutschland ist zwar längst ein Einwanderungsland, trotzdem ist vieles noch immer nicht selbstverständlich.“

Frage:Deutschland ist ein Land mit einer schweren Vergangenheit, was den Umgang mit Anderen oder vermeintlich Anderen angeht. Haben Sie in diesen über 20 Jahren, die Sie jetzt hier sind, auch Erfahrungen von Diskriminierung oder Rassismus machen müssen?

Pottackal:Wenn ich zivil unterwegs bin, ist es anders, als wenn ich klar als Priester oder Ordensmann erkennbar bin. Und 2004 bin ich ja nicht allein nach Deutschland gekommen, sondern wir waren zu dritt, und die Leute haben uns oft für indische Studenten gehalten, für Informatiker oder so etwas in der Richtung. Wir sind damals zum Beispiel öfter gefragt worden, ob wir denn Rindfleisch essen dürfen. Das hat sich nach 2015

2016 geändert. Wenn wir jetzt als Gruppe junger Männer unterwegs waren, haben uns die Leute eher als Flüchtlinge wahrgenommen und dann gefragt, ob wir Schweinefleisch essen dürfen. Es gab 2015

16 in dieser Hinsicht einen Kulturwandel, das habe auch ich erfahren. Viele haben anders auf uns geschaut. Ich will nicht sagen, dass es generell so war, aber wir haben mit der Zeit doch klar einen Unterschied gespürt. Das finde ich ein bisschen traurig, weil ich eigentlich in meinem Leben zu 99,9 Prozent Gutes erlebt habe. Und auf einmal ist da dieses kleine Bisschen anders. Ich möchte das nicht übertreiben, aber das gibt es, und es ist letzten zehn Jahren ein bisschen stärker geworden, das muss ich schon sagen.

2016 also schwieriger geworden für Menschen mitMigrationshintergrund…

Pottackal:Ja genau. Wie gesagt, ich will es überhaupt nicht übertreiben. Aber zum Beispiel gab es die Silvesternacht von Köln. Und wenn wir danach unter viele Menschen gekommen sind, haben wir schon gemerkt, dass wir kritisch beäugt wurden, dass die Leute ganz genau geguckt haben, wer wir sind.

Frage:Umso wichtiger ist es wohl, dass es mit Ihnen jetzt in der katholischen Kirche Deutschlands einen Bischof mit nicht–europäischem Migrationshintergrund gibt. Die Nachricht von Ihrer Ernennung ist natürlich auch in Ihrem Herkunftsland Indien angekommen. Mit welchem Effekt?

Pottackal:Das war eine große Freude! Ich kann zwar nicht von ganz Indien mit seinen 1,4 Milliarden Menschen sprechen. Aber inKerala, also meinem Bundestaat, haben sehr viele Leute mein Bild in ihrem WhatsApp–Status gepostet. Das war etwas ganz Besonderes, die Leute haben sich einfach gefreut und waren stolz. Auch viele Inderinnen und Inder, die in Deutschland leben, haben sich gefreut: all die Studenten, Krankenpfleger und Krankenschwestern. Meine Ernennung und Weihe hat deutlich gezeigt, dass man in Deutschland auch mit Migrationshintergrund etwas werden kann. Das war einfach sehr positiv.

Pater Joshy George Pottackal ist überzeugt, dass Deutschland mehr Flexibilität guttun würde.

Frage:Dass Sie jetzt Weihbischof sind, dass Sie künftig aktiv an der Bischofskonferenz teilnehmen, macht die katholische Kirche in Deutschland zumindest ein wenig diverser. Wie wichtig finden Sie das?

Pottackal:Ich habe noch überhaupt keine Erfahrung mit der Deutschen Bischofskonferenz. Bei derFrühjahrskonferenzwar ich noch nicht geweiht und konnte deshalb noch nicht teilnehmen. Wenn ich im kommenden September dabei sein werde, muss ich erst einmal kennenlernen, wie die Situation oder wie die Diskussionen dort sind.

Frage:Dann müssen wir im Herbst noch einmal sprechen. Zum Prinzip Weltkirche gehört, dass man voneinander lernt. Was kann die katholische Kirche in Deutschland von der katholischen Kirche in Indien lernen?

Pottackal:Diese Frage habe ich öfter gehört und so habe ich überlegt, was die katholische Kirche in Deutschland denn lernen könnte. Tatsächlich sind beide Kulturen sehr unterschiedlich und wir können nicht einfach etwas von dort hier hereinpacken, weil jeweils eine andere Mentalität des Christentums entwickelt und gelebt wird. Kultur und Mentalität lassen sich nicht einfach so überstülpen. Aber vielleicht könnten wir uns doch etwas abgucken von der Flexibilität, die in Indien so viel größer ist. Um zum Beispiel ein Pfarrfest auf die Beine zu stellen, brauchen wir in Deutschland mindestens fünf Sitzungen. In Indien schaffen sie das mit ein deutlich weniger Vorbereitung. Vorbereiten ist nicht schlecht und wir Deutschen brauchen das auch. Aber in Indien können sie einfach flexibler agieren. Und vielleicht würde es uns in Deutschland ganz guttun, ein bisschen flexibler zu sein und nicht immer nach Protokoll zu gehen. Ein bisschen mehr Leichtigkeit würde ich mir übrigens auch wünschen.

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