Julia Schmidt-Funke erhält VolkswagenStiftung-Förderzusage an der Universität Leipzig; 940.000-Euro-Förderung stärkt naturkulturelle Geschichtsschreibung

Universität Leipzig: Buch und Forschungsprojekt beleuchten das Verhältnis von Mensch und Natur

Julia Schmidt-Funke auf der Spur des grünen Wohnens – Momentum-Projekt bewilligt

Buch und Forschungsprojekt beleuchten das Verhältnis von Mensch und Natur

„Grüner Wohnen – Pflanzenkulturen um 1800 und um 1900“ ist der Titel einer aktuellen Neuerscheinung. Herausgegeben wird sie von den Historikerinnen Prof. Dr. Julia Schmidt-Funke von der Universität Leipzig und Dr. Stefanie Freyer von der Klassik Stiftung Weimar sowie der Germanistin Dr. Christiane Holm von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sie stellen das Buch, das sich in interdisziplinärer Perspektive mit der Geschichte der Zimmerpflanzen beschäftigt, am 20. Mai um 18 Uhr im Botanischen Garten der Universität Leipzig vor. Thematisch eng damit verknüpft ist das Momentum-Projekt, für das Professorin Schmidt-Funke kürzlich eine Förderzusage der VolkswagenStiftung über 940.000 Euro bekommen hat. Darin forscht sie zu Fragen des historischen Mensch-Natur-Verhältnisses.

„Um 1800 hat die Geschichte der Zimmerpflanzen Fahrt aufgenommen“, berichtet Schmidt-Funke. Einen Schwerpunkt des Buches bilden die Interieurs des klassischen und modernen Weimars, die damals als beispielhaft für schönes Wohnen galten. Die Pflanzen in den guten Stuben der Menschen seien bislang in der Forschung allerdings weitgehend ausgeblendet worden. Das möchten nun Schmidt-Funke und ihre Mitherausgeberinnen mit ihrem Buch ändern. Die Beiträge in dem Band rekonstruieren die Geschichte des Innengrüns und der Einrichtungstrends. Dabei gehe es nicht nur um lebende Pflanzen, sondern auch um Pflanzen in der Malerei und auf Tapeten – das alles im bürgerlichen und höfischen Kontext um 1800 und 1900. Interessant ist für Schmidt-Funke und ihre Mitherausgeberinnen auch, wie Menschen in die Häuser der Pflanzen, in Treib- und Gewächshäuser also, eingezogen sind. „Sie haben dort unter anderem Feste gefeiert“, erklärt die Historikerin und freut sich deshalb besonders, dass dieBuchvorstellung am 20. Mai 2026im Mediterranhaus des Botanischen Gartens stattfinden wird.

Um 1800 zierten zunächst eher mediterrane Pflanzen wie Oleander oder Myrte die Wohnräume in Europa, die dafür genügend Licht und die passenden Temperaturen boten. Im 19. Jahrhundert hielten dann als Folge kolonialer Expeditionen die von da mitgebrachten subtropischen und tropischen Pflanzen wie Palmen oder Begonien Einzug in die Wohnräume hierzulande. „Damals waren Pflanzen der Mode unterworfen – genau wie auch heute noch. Jeder Wohnstil hatte seine eigenen Zimmerpflanzen“, sagt Schmidt-Funke.

Für die Recherche zum Buch analysierten die 22 Autor:innen historische Schriften, Pflanzenpflegebücher, Briefe und Archivmaterial. Die Beiträge umfassen ein breites Spektrum an Raumformaten und Genres, von Möbelformen wie Wintergärten und Blumentischen über Herbarien bis hin zu kunstphilosophischen Essays und pädagogischer Fachliteratur. Die im Buch beschriebenen historischen Beispiele erlangen im Anthropozän – dem menschengemachten Erdzeitalter – Aktualität. Sie zeigen, wie Schmidt-Funke und ihre Mitherausgeberinnen betonen, dass die heutigen Faktoren der Erderschöpfung bereits vor 250 Jahren spürbar waren. Das vom Wallstein-Verlag in Göttingen verlegte Buch wird auch perOpen Accessverfügbar sein.

„Zimmerpflanzen sind selbst schon Naturkulturen“

Zahlreiche inhaltliche Parallelen gibt es zwischen der Neuerscheinung und dem Momentum-Forschungsprojekt Schmidt-Funkes „Towards a natural-cultural history of the early modern period“ („Auf dem Weg zu einer naturkulturellen Geschichte der Frühen Neuzeit“), das im Oktober dieses Jahres starten wird. „Zimmerpflanzen sind interessant für uns, weil in ihnen Natur und Kultur untrennbar miteinander verwoben sind“, erläutert die Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit. In ihrem Momentum-Projekt möchte sie die bislang unterrepräsentierte vorindustrielle Perspektive zwischen 1500 und 1800 in die Debatte über die Geschichtsschreibung im Anthropozän einbringen. „Der starke menschliche Einfluss auf die Natur begann schon früh, nicht erst im Zeitalter der Industrialisierung“, sagt Schmidt-Funke, die ihren Lehrstuhl als Zentrum für naturkulturelle Geschichtsschreibung profilieren möchte.

Schon in der Frühen Neuzeit habe es scheinbar gegenläufige Phänomene wie Naturbeherrschung und -verehrung oder Ressourcenausbeutung und -schonung gegeben. Gerade deshalb sei dieses Zeitalter für den heutigen Umgang mit der Natur relevant. „Geschichte muss anders geschrieben und vermittelt werden, wenn man Natur und Kultur in der Frühen Neuzeit nicht getrennt betrachtet“, betont sie. Deshalb will die Historikerin diese Sichtweise auch in Zusammenarbeit mit demZentrum für Lehrer:innenbildung und Schulforschung (ZLS)der Universität Leipzig in die Ausbildung von Lehrkräften an der Alma mater einbringen, um die historische Umweltbildung an den Schulen zu stärken. Ebenso möchte Schmidt-Funke dazu Fortbildungen für Lehrer:innen anbieten und mit ihren Mitarbeitenden passendes Unterrichtsmaterial entwickeln.

In einem ersten Schritt zur Umsetzung ihres Momentum-Projekts recherchiert die Professorin unter anderem in Ratgeberliteratur aus dem 16. bis 18. Jahrhundert zur Geschichte des Dungs. „Tierische und menschliche Fäkalien waren in der Vormoderne wichtig zum Düngen. Kunstdünger gibt es erst seit dem frühen 20. Jahrhundert“, erklärt sie. Dung war deshalb eine bedeutende Ressource, über die Wissen in gedruckter Form vermittelt wurde. Schafdung, so hat Schmidt-Funke den historischen Quellen entnommen, galt damals als der beste, während Geflügeldung eher gemieden wurde. Menschen, Tiere, Pflanzen und Böden waren über den Dung miteinander verbunden – eine Verbindung, die die Historikerin als Naturkultur analysieren möchte.

Geschichte der Frühen NeuzeitworkBeethovenstraße 1504107Leipzig

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Buchvorstellungam 20.5.2026 im Botanischen Garten

Pressemitteilungzur Momentum-Förderung der VolkswagenStiftung vom 31.3.2026

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am 20.5.2026 im Botanischen Garten

zur Momentum-Förderung der VolkswagenStiftung vom 31.3.2026