Prof. Dr. Lars Schaade, Präsident des Robert Koch-Instituts, Stellungnahme anlässlich der öffentlichen Anhörung in Deutschland; 172.000 Todesfälle 2020-2023
Kommissionsdrucksache 21(27)36
- Wahlperiode Enquete-Kommission Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse Schriftliche Stellungnahme des Sachverständigen Prof. Dr. Lars Schaade Präsident des Robert Koch-Instituts
Öffentliche Anhörung
„Eindämmungsstrategien (NPIs) und Abwägung alternativer Ansätze“
Kommissionsdrucksache 21(27)36 vom 6. Mai 2026 21. Wahlperiode Enquete-Kommission Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse
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Stellungnahme Prof. Dr. Lars Schaade Robert Koch-Institut
Diese Stellungnahme erfolgt anlässlich der öffentlichen Anhörung der Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“ zum Thema „Eindämmungsstrategien (NPIs) und Abwägung alternativer Ansätze“ am 7. Mai 2026.
Zusammenfassung Während der COVID-19-Pandemie starben von 2020 bis zum Auslaufen der Coronamaßnahmen im April 2023 etwa 172.000 Menschen im Zusammenhang mit COVID-19. Im Jahr 2021 war COVID-19 die dritthäufigste Todesursache in Deutschland, weltweit die zweithäufigste Todesursache. Die Lebenserwartung bei Geburt ging im Jahr 2020 in Deutschland um 0,33 Jahre und 2021 um 0,44 Jahre zurück. Einen solchen Rückgang der Lebenserwartung hat es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht gegeben. Weltweit ging die Lebenserwartung bei Geburt zwischen 2019 und 2021 um 1,6 Jahre zurück. Diese Zahlen verdeutlichen, dass es sich bei COVID-19 um eine schwere Infektionskrankheit handelte und die Pandemie 2020-2023 eine Gesundheitskrise war, die auch mit den wirksamen Gegenmaßnahmen in Deutschland immer noch zu einer deutlich erhöhten Sterblichkeit und reduzierten Lebenserwartung geführt hat. Bevor die Impfung im Laufe des Jahres 2021 auf breiter Basis zur Verfügung stand, waren die sogenannten nicht pharmazeutischen Interventionen (NPIs) oder auch Public Health and Social Measures (PHSM) die einzigen verfügbaren Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19. PHSM tragen generell dazu bei, die Übertragung von Atemwegserregern wie SARS-CoV-2 zu reduzieren: Die Kontaktpersonensuche, Isolation von Fällen und Quarantäne von Kontaktpersonen, Absage von Veranstaltungen, Schulschließungen oder Homeoffice-Regelungen reduzieren die Anzahl von Risikokontakten, andere PHSM, wie z. B. das Tragen einer Maske oder Abstandhalten, verringern bei direkten Kontakten das Übertragungsrisiko. Eine Pandemie ist immer eine neue Situation mit einem noch unbekannten Erreger und geht am Anfang mit viel Unsicherheiten einher. Auch wenn zu Beginn der COVID-19-Pandemie die Evidenzlage zur Wirksamkeit von PHSM gegen SARS-CoV-2-Infektionen noch begrenzt und deren Dauer noch nicht absehbar war, zeigte sich früh, dass insbesondere die Kombination verschiedener PHSM (Maßnahmenbündel) die Übertragung auf Bevölkerungsebene deutlich
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reduzieren konnte. Die Wirksamkeit von einzelnen Maßnahmen konnte erst zeitversetzt abgeschätzt werden. Welche PHSM zu welchem Zeitpunkt ergriffen werden, ist eine politische Entscheidung, bei der viele verschiedene Faktoren abzuwägen sind und die von den Entscheidungsträgern entsprechend kommuniziert und begründet werden muss. Das RKI hat frühzeitig und wiederholt während der Pandemie in COVID-19-Strategiepapieren (z.B. ControlCOVID-Strategie) Hinweise und Empfehlungen veröffentlicht, um angepasst an die jeweilige pandemische Situation die politische Entscheidung für die Kombination, Intensität und Dauer von Maßnahmen für verschiedene Settings zu unterstützen. Public Health and Social Measures sind ein zentraler Bestandteil der Pandemiebekämpfung und haben insgesamt wirksam zur Reduktion der Transmission von SARS-CoV-2 beigetragen, jedoch auch Belastungen verursacht. Wichtige Ziele der Maßnahmen waren, schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle zu vermeiden. An diesen Zielen orientierten sich auch die fachlichen Empfehlungen. Ob künftig andere Zielgrößen für die Entscheidung zu Maßnahmen herangezogen werden, bedarf bereits jetzt einer expliziten politischen und gesellschaftlichen Diskussion, auch mit Blick auf mögliche Zielkonflikte.
I. Einleitung Während der Pandemie starben bis zum Auslaufen der Coronamaßnahmen im April 2023 bundesweit etwa 172.000 Menschen im Zusammenhang mit COVID-19 (1). Im Jahr 2021 war COVID-19 die dritthäufigste Todesursache in Deutschland (2). Weltweit war COVID-19 2021 zweithäufigste Todesursache (3). Die Lebenserwartung bei Geburt ging 2020 in Deutschland um 0,33 Jahre und 2021 um 0,44 Jahre zurück (am stärksten in Thüringen und Sachsen 2021: -1,58 bzw. -1,57 Jahre) und COVID- 19 hat allein 2021 zu 2.600 zusätzlich verlorenen Lebensjahren pro 100.000 Einwohnern geführt (4). Einen solchen Rückgang der Lebenserwartung hat es in Deutschland seit Jahrzenten nicht gegeben. Diese Zahlen verdeutlichen, dass es sich bei COVID-19 um eine schwere Infektionskrankheit und bei der Pandemie um eine Gesundheitskrise gehandelt hat, die auch mit den wirksamen Gegenmaßnahmen in Deutschland immer noch zu einer deutlich erhöhten Sterblichkeit und reduzierten Lebenserwartung geführt hat. In Großbritannien und den USA, ebenfalls Industrienationen mit einem gut entwickelten Gesundheitssystem, ist dieser Effekt noch deutlich stärker: In den USA ging die Lebenserwartung bei Geburt um 1,8 Jahre von 2019 auf 2020 zurück, und um 0,6 Jahre von 2020 auf 2021 (5), und in Großbritannien von 2019 auf 2020
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um 1,3 Jahre bei Männern und 1 Jahr bei Frauen (6). Auch weltweit ging die Lebenserwartung bei Geburt zwischen 2019 und 2021 um 1,6 Jahre zurück (7). Wichtige gesellschaftliche und politische Ziele der Maßnahmen waren die Vermeidung schwerer Krankheitsverläufe und Todesfälle. Bevor die Impfung auf breiter Basis zur Verfügung stand, waren die sogenannten nicht pharmazeutischen Interventionen (NPIs) oder auch Public Health and Social Measures (PHSM) die zentrale verfügbare Maßnahme des öffentlichen Gesundheitswesens zur Eindämmung des Infektionsgeschehens und damit der Reduktion schwerer Krankheitsverläufe und Todesfälle. Diese Maßnahmen trugen auch zur Verringerung postinfektiöser Komplikationen bei Kindern (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome; PIMS-TS) (8) und langfristiger Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion (Long COVID) durch die zunächst zirkulierenden, besonders gefährlichen Virusvarianten des Wildtyps sowie der Variants of Concern (VOC) Alpha und Delta (9, 10) bei. Auch nach Beginn der bevölkerungsweiten Impfungen im Jahr 2021 waren PHSM teils weiterhin notwendig, weil der Impfschutz in der Bevölkerung sich zunächst aufbauen musste und der Schutz der Impfung vor Infektion sowie Transmission insbesondere seit Auftreten der Omikron-Variante reduziert war. Die Wirksamkeit der PHSM in Deutschland wurde unter anderem schnell deutlich durch den frühzeitigen Rückgang der Grippewelle im Frühjahr 2020 und dem starken Rückgang akuter Atemwegserkrankungen in der Bevölkerung (11). Im weiteren Verlauf zeigten unter anderem Ergebnisse bevölkerungsweiter seroepidemiologischer Studien (12, 12a), dass bis Ende 2020 nur rund 2,1 % und bis Ende 2021 erst 10,3 % der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland eine SARS-CoV-2 Infektion durchgemacht hatten; mit regional höheren Seroprävalenzen (12b). Bevölkerungsgruppen mit niedrigerem Bildungs- und Einkommensniveau hatten ein höheres Risiko für eine Infektion (13). Durch die PHSM wurde Zeit gewonnen; weite Teile der Bevölkerung hatten so die Möglichkeit, sich impfen zu lassen und ein gewisses Maß an Immunität aufzubauen, bevor sie in Kontakt mit dem Erreger gekommen sind.
II. Rahmenbedingungen und Einsatz von PHSM Die Ansteckung mit COVID-19 erfolgt über die Ausscheidung virushaltiger Partikel über die Atemwege, die über eine kurze Distanz (ca. 1,5 m) oder in geschlossenen Räumen auch über längere Distanzen als Aerosole übertragen werden (14). Eine entscheidende Eigenschaft von SARS-CoV-2 ist, dass eine Erregerausscheidung schon beginnt, bevor die infektiöse Person typische Krankheitszeichen entwickelt hatte. Hierdurch kann sich COVID-19 sehr rasch und oftmals unbemerkt ausbreiten. PHSM tragen generell dazu bei, die Übertragung von Atemwegserregern wie SARS-CoV-2 zu reduzieren. Während die Isolation von Fällen, die Quarantäne von Kontaktpersonen, die Absage von Veranstaltungen, Schulschließungen oder Homeoffice-Regelungen die Anzahl von
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Kontakten reduzieren, bei denen eine Infektion erfolgen kann, helfen z. B. das Tragen einer Maske oder Abstandhalten dabei, dass bei (nicht zu vermeidenden) Kontakten das Risiko einer Übertragung reduziert wird. In der COVID-19-Pandemie wurde in Deutschland und in vielen Ländern weltweit der Ansatz verfolgt, die Übertragung durch eine Kombination von mehreren, sich ergänzende Maßnahmen zu bremsen (15). Durch weniger Infektionen sollte auch die Zahl der Hospitalisierungen und Todesfälle so niedrig wie möglich gehalten werden. Es gibt ein berechtigtes Interesse, die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen – also deren Beitrag zur Verringerung von Übertragungen und damit zur Vermeidung schwerer Verläufe und Todesfälle – zu bewerten. Solche Analysen sind durch die Gleichzeitigkeit mehrerer Maßnahmen erschwert, aber möglich: Weil regional verschiedene Maßnahmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ergriffen wurden, konnten die Effekte auch einzelner Maßnahmen im Nachgang berechnet werden (16, 17). Die Evidenz zeigt jedoch auch eindeutig, dass das Zusammenwirken von unterschiedlichen PHSM das Infektionsrisiko am effektivsten gemindert hat.
III. PHSM während der COVID-19-Pandemie Unter den ersten Maßnahmen, noch vor oder in der frühen Phase der Ausbreitung in Deutschland, waren Maßnahmen im Reiseverkehr. Sie zielten darauf ab, den Eintrag von Infektionen zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Die Evidenz zeigt, dass solche Maßnahmen nur begrenzt Infizierte identifizieren und die Ausbreitung von SARS-CoV-2 nicht dauerhaft stoppen konnten, jedoch insbesondere zu Beginn der Pandemie einen zeitlichen Aufschub von Tagen bis wenigen Wochen ermöglichten (18). Entscheidend waren dabei weniger die Grenzschließungen selbst als vielmehr die Reduktion von Mobilität. Gleichzeitig waren diese Maßnahmen mit erheblichen sozialen, wirtschaftlichen und psychischen Belastungen verbunden, sodass auch ihr Einsatz abgewogen werden muss (19). Kontaktreduzierende Maßnahmen wie Größenbeschränkungen und Verbote öffentlicher Veranstaltungen zielten darauf ab, die Zahl enger Kontakte insgesamt zu verringern und damit die Transmission zu bremsen. Viele Studien zeigen, dass solche Maßnahmen einen wesentlichen Beitrag zur Verringerung von Inzidenz und Mortalität leisten konnten, insbesondere wenn sie frühzeitig und konsequent umgesetzt wurden (20, 21, 22). Dabei scheint insbesondere die Reduktion häufiger, alltäglicher Kontakte entscheidend zu sein (16,). Eng mit der Kontaktreduktion verbunden war das Abstandhalten als grundlegende Maßnahme zur Verringerung direkter Übertragungen. Die Evidenz zeigt, dass mit zunehmendem physischem Abstand das Infektionsrisiko deutlich gesunken ist (23). Besonders wirksam hat sich diese Maßnahme im Zusammenspiel mit weiteren Interventionen entfaltet, wodurch die Schutzwirkung insgesamt verstärkt wurde.
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Auch Teststrategien können mittelbar Kontakte mit kontagiösen Personen reduzieren. Studien aus mehreren Ländern zeigen, dass breit eingesetzte Teststrategien die Ausbreitung von SARS- CoV-2 messbar beeinflussen können. Dabei wurden sowohl Rückgänge der Prävalenz als auch der Hospitalisierungen beobachtet. Der Effekt ist jedoch kontextabhängig und entfaltet sich insbesondere dann, wenn Teststrategien mit schneller Befundübermittlung und Isolation kombiniert werden. Insgesamt weisen die Studien darauf hin, dass Testen ein wirksamer Bestandteil der Pandemiekontrolle sein kann, vor allem im Zusammenspiel mit weite