Goethe Die Mitschuldigen Lustspiel in drei Aufzügen Weimarer Liebhabertheater; Goethe in der Rolle des Alcest.

Die Mitschuldigen – Lustspiel in drei Aufzügen von Johann Wolfgang von Goethe (1768)

 Die Mitschuldigen ein Lustspiel in drei Aufzügen von Johann Wolfgang von Goethe

 Die Mitschuldigen ein Lustspiel in drei Aufzügen von Johann Wolfgang von Goethe Der Wirt Harald Arnold Sophie, seine Tochter

Lisa Altenpohl Söller, ihr Mann Andreas Schmitz Alcest Gerda Müller Ein Kellner Gerda Müller (Stimme) Regie: Nils Niemann Kostüme: Tamiko Yamashita-Gegusch Ausstattung: Nils Niemann und Silke Gablenz-Kolakovic Produktion: Silke Gablenz-Kolakovic Fassung von 1769. Aufgeführt wie zur Zeit der Uraufführung 1777. Ausstattung und Kostüme wurden inspiriert durch Bil­ der von Daniel Nikolaus Chodowiecki. Der Schauplatz ist im Wirtshaus. Gefördert von Fotos: Maik Schuck

Mit dem Lustspiel »Die Mitschuldigen« des noch sehr jungen Goethe blicken wir gewissermaßen in eine frühe Entwicklungs­ phase des späteren Klassikers hinein. Im August 1768 musste der neunzehnjährige Goethe sein Stu­ dium in Leipzig wegen gesundheitlicher Probleme unterbre­ chen und reiste zurück ins Elternhaus nach Frankfurt. Erst im Frühjahr 1769 verbesserte sich sein Zustand. In dieser Umbruchphase zwischen den Studienjahren in Leipzig und dem späteren Studium in Straßburg verfasste er sein Lust­ spiel »Die Mitschuldigen«. Der junge Goethe verarbeitete hier u. a. seine Erfahrungen aus einer Liebelei mit der Leipziger Wirtstochter Käthchen Schönkopf, die er als Stammgast im väterlichen Gasthaus kennengelernt hatte. Diese Art des Ver­ arbeitens von Erlebtem durch Verwandlung in Literatur wird Goethe zeitlebens beibehalten. Die erste Fassung des Stückes entstand zur Jahreswende 1768/69 in der Form eines Einakters, die zweite Fassung in drei Akten arbeitete Goethe wahrscheinlich zwischen Juni und September 1769 aus. Das Stück wurde schließlich am 9. Januar 1777 mit Goethe in der Rolle des Alcest im Weimarer Liebhabertheater uraufgeführt. 1787 lag der Erstdruck der bis April 1783 überar­ beiteten Fassung vor. In seiner Bearbeitung 1769 machte Goethe aus der ursprünglich einaktigen Farce ein dreiaktiges Lustspiel. Wir sehen hier ein frühes Beispiel für sein Talent, eigene Werke durch Erweiterung in Charakter und Qualität zu verändern. Gegenüber dem einak­ tigen Erst-Entwurf werden im dreiaktigen Stück, das wir hier zeigen, die Charaktere der vier Figuren stärker konturiert und deren Handlungen motiviert. Dem schon im Einakter beschrie­ benen Geschehen setzte Goethe folglich einen Expositionsakt voran und teilte den folgenden Akt der ersten Fassung in zwei Akte auf. Eine besondere Spannung entsteht dadurch, dass in gewissem Sinn Inhalt und Stil einander entgegenstehen. Das Stück enthält neben Bezügen zum deutschen Fastsnachts­ schwank deutlich Elemente der Commedia dell’arte. Es geht einerseits um commedia-typische Themen wie Eifersucht, ver­ botene Liebe, Bespitzelung und Diebstahl. Söller ist eine Art Arlecchino-Figur, der Wirt ähnelt dem Typus des Pantalone. Die Anrede der Zuschauer und auch die Streit-, Versteck-, Be­lauschungs- und Prügelszenen sind typisch für eine Comme­ dia dell’arte. Zugleich ist aber der Text im Alex­andriner- Versmaß gehalten. Der Alexandriner, ein ursprünglich aus Frankreich nach Deutschland gekommenes Jamben-Versmaß, wurde im Barock häufig genutzt und galt als das klassische Versmaß für Bühnenstücke.

Das Stück spielt im Wirtshaus zum Schwarzen Bären. Die han­ delnden Personen sind der Wirt, seine Tochter Sophie, ihr Ehe­ mann Söller und Alcest, ein vornehmer Gast, mit dem Sophie vor ihrer Ehe ein Liebesverhäntnis verband. Des Nachts wird Alcests Geld gestohlen. Aus unterschiedlichen Beweggründen befanden sich in der Nacht alle handelnden Personen in Alcests Zimmer. Es entwickelt sich eine Kette von gegenseitigen Beschuldigungen und Verdächtigungen. Am Ende des Lustst­ piels wird klar: Alle haben sich auf ihre Weise moralisch ver­ strickt und einander etwas zu vergeben. Das Stück, das im unteren bürgerlichen Milieu spielt, lässt uns augenzwinkernd in menschliche Abgründe blicken und galt deshalb lange Zeit als leicht »anrüchig«. Mit uns können Sie es neu entdecken und werden sich ebenso wie wir fragen: »Sind wir nicht alle laufend »Mitschuldige?«. Goethe selbst schrieb dazu 1824, also mehr als 50 Jahre später, an Carl Friedrich Zel­ ter: »Ein sogenanntes gebildetes Publicum will sich selbst auf dem Theater sehen und fordert ungefähr eben soviel vom Drama als von der Societät.« Da hat sich also nicht viel geän­ dert! Auch die im Stück anklingende Kritik an dem Verhalten von manchen Großen und Mächtigen ist heute so angebracht wie im 18. Jahrhundert: Allein, ihr großen Herrn, ihr habt wohl immer recht! Ihr wollt mit unserm Gut nur nach Belieben schalten; Ihr haltet kein Gesetz, und andre sollens halten? Der vielleicht etwas zu leicht daherkommende versöhnliche Schluss des Lustspiels fordert uns dazu auf, nicht überheblich die Verfehlungen unserer Mitmenschen zu richten. Auch das ist zeitlos. Als Schaubühne der Klassik Stiftung Weimar zeigen wir das Lustpiel entsprechend der historischen Aufführungspraxis sei­ ner Uraufführungszeit im späteren 18. Jahrhundert im authenti­ schen Theater der Epoche, so dass Ort, Werk und Aufführung zusammen ein stimmiges Gesamtkunstwerk bilden. Für die Kostüme und Ausstattung haben wir auf Gemälden und Bildern aus der Mitte des 18. Jahrhunderts nach Vorbildern gesucht und sind vor allem bei dem Kupferstecher, Grafiker und Illustrator Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726–1801) fündig geworden. Silke Gablenz-Kolakovic, Künstlerische Leiterin, Liebhabertheater Schloss Kochberg

Nils Niemann Regie Nils Niemann zählt zu den wenigen Spezialisten für die szenische Auf­ führungspraxis des barocken und klassischen Theaters. Als Regisseur, Wissenschaftler, Dramaturg und Leh­ rer widmet er sich seit vielen Jahren der Erforschung und Erprobung his­ torischer Schauspiel- und Bühnen­ technik. Er arbeitete u. a. für die Opernakademie München, Musica Bayreuth, die Händelfestspiele Halle, die Semperoper Dresden, die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci oder das Boston Early Music Festival sowie die Musikhochschulen in Hamburg, Dresden, Leipzig und die udk Berlin. Von 2007 bis 2012 war er als Dramaturg und Regisseur maßgeblich an der Entwicklung von Inszenierungen für den Barocken Opernsommer Sanssouci beteiligt. Seit 2012 verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit dem Liebhabertheater Schloss Kochberg – Theater an der Klassik Stiftung Weimar, wo er regelmäßig inszeniert. Harald Arnold der Wirt Harald Arnold studierte an der Thea­ terhochschule »Hans Otto« in Leip­ zig und war 37 Jahre lang Mitglied des Ensembles am Brandenburger Theater, wo er mehrere Jahre als stellvertretender Intendant und über­ gangsweise auch als Intendant tätig war. Hier trat er in vielen Rollen als Schauspieler, Sänger und Sprecher auf: u. a. als Henry Higgins in »My Fair Lady«, Serge in »Kunst« und Prospero in »Der Sturm«. Am Hans-Otto-Theater Potsdam und bei den Freilichtspielen Schwä­ bisch-Hall war er als Gastschauspieler zu sehen. Im Rahmen des »Barocken Theatersommer« im Neuen Palais von Sanssouci wirkte er 2012 als F. W. L. Gleim in der Aufführung »Oh, meine Phantasie ist heftig« mit. Am Zimmertheater Tübingen spielte er den alten Mann in »Sibirien« von Felix Mitterer, Herrn Brus­ con in »Der Theatermacher« von Thomas Bernhard sowie den Vater in «Zeit im Dunkeln« von Henning Mankell. Seit Sommer 2016 war er im Liebhabertheater Schloss Kochberg als Alcest in »Der Misanthrop« von Molière zu erleben.

Lisa Altenpohl Sophie Lisa Altenpohl besuchte die Schau­ spielschule für junge Menschen am Comedia Theater Köln, wo sie in die­ ser Zeit regelmäßig auch in Produkti­ onen des Hauses auftrat. 2006 stand sie in den Spielfilmen »Dresden – Das Inferno« und »Die Mauer – Berlin ’61« erstmals vor der Kamera. Ihrer Theaterleidenschaft folgend, setzte sie ihr Studium ab 2008 in Ber­ lin fort: Am Actor’s Space ließ sie sich in Meisner Technik schu­ len. Seit 2011 arbeitet sie als freischaffende Schauspielerin. 2012 war sie an der Seite der Hauptdarstellerin Aylin Tezel im Kino­ film »Am Himmel der Tag« zu sehen. In jüngerer Zeit hat Lisa Altenpohl eine Leidenschaft für die historische Aufführungspra­ xis entwickelt. Am Liebhabertheater Schloss Kochberg wirkte sie bisher als Célimène bei Molières »Der Misanthrop« und in der Opernproduktion »Der Apotheker« (Lo speziale) von Joseph Haydn mit, wo sie auch erstmals die Regieassistenz übernahm. Andreas Schmitz Söller Andreas Schmitz stammt aus Bonn. Seit 1987 lebt er in Berlin, wo er eine private Schauspielausbildung absol­ vierte. Hier ist er als Tanzlehrer, Kabarettist, Chansonnier und Schau­ spieler tätig. Er arbeitet mit zahlrei­ chen Künstlern zusammen, wie der Gruppe »Collage«, dem Harfenisten Thomas Siener, der Pianistin Kerstin Ellert, dem Pianisten Holger Perschke, den Regisseuren Sabine Beck-Barut, Particia Schon und Thomas Schmuckert. Sein Repertoire umfasst u. a. das Zarah-Leander- Pogramm »LeAnders«, das Mittelaltermusical »Aucassin und Nicolette«, das Kriminalhörspiel auf der Bühne »Der Harfenmör­ der« und die Kindertheaterstücke »Märchenkoffer und Zauber­ harfe« sowie »Manuel, der Junge, der die Sonne weckte«. In Meisterkursen bei David Zurbuchen und Margit Legler erwei­ terte er sein Repertoire um die historische Schauspielkunst. 2010 war er als Pierrot im Palais Lobkowitz in Wien zu sehen. Seit 2016 spielte er im Liebhabertheater Schloss Kochberg in Molières »Der Misanthrop« die Rollen des Philint und Acast.

Gerda Müller Alcest Gerda Müller absolvierte ihre Schau­ spielausbildung an der Kunstuniversi­ tät Graz. Damit begab sie sich in die Welt der Stadt- und Staatstheater (Oberhausen, Freie Volksbühne Ber­ lin, Erfurt, Potsdam, Hannover, …). In Marseille spielte sie ihre erste Helden­ rolle, die »Penthesilea«! Es folgten vier Jahre im Ensemble von Theater­ sport in Berlin und die Gründung eines Spontantheaters sowie viele Jahre im Ensemble der »auf­ takter«. Lieblingsrollen von ihr waren der Clown Karfunkel in F. K. Waechters »Schule mit Clowns«, die psychopathische Kran­ kenschwester Annie Wilkes in Stephen Kings »Misery« und die Urmutter Eva in »Evas Tagebuch« von Dario Fo. Gerda Müller spielt, erzählt, schreibt und unterrichtet in Berlin. Am Liebha­ bertheater Schloss Kochberg spielte sie in der Produktion »Der Misanthrop« von Moliere die Rollen der Eliante und der Arsinoe sowie die Rollen des Oront und des Hauptmanns. Bei Goethes »Die Mitschuldigen« verwandelt sie sich ganz in einen Mann – sie freut sich auf die Rolle des Liebhabers Alcest.

Das Ensemble von Schloss, Park und Theater in Kochberg zählt zu den besonders reizvollen Orten im Besitz der Klassik Stif­ tung Weimar. Weltweit einzigartig ist das festlich gestaltete klassizistische Privattheater aus dem späten 18. Jahrhundert, das zur European Route of Historic Theatres gehört. Um dieses zauberhafte historische Theater vor der Schließung zu bewahren, übernahm der ursprünglich zu dessen Förderung gegründete gemeinnützige Verein vor über 15 Jahren die künst­ lerische und wirtschafltiche Verantwortung und wandelte sich zum kompletten Theaterbetrieb. Seitdem gelang es, das Theater zu einer Bühne mit internationalem Erfolg zu entwickeln. Ohne regelmäßige staatliche Förderung! Jährliche Sommerfestivals locken mit Opern-, Theaterauffüh­ rungen und Konzerten ein Publikum von fern und nah auf den ehemaligen Landsitz von Goethes Liebe Frau von Stein. Alle Aufführungen werden mit renommierten Künstlern speziell für diese Festivals konzipiert. Als Schaubühne der Klassik Stiftung für Bühnenwerke aus Barock, Klassik und Romantik präsentiert das Theater die Stücke an diesem authentischen Ort der histori­ schen Aufführungspraxis entsprechend. Im Idealfall werden sie so aufgeführt, wie ihr Schöpfer es gewollt hätte. Die Gäste erle­ ben ganz unmittelbar die ex