SWR und a+ präsentieren Bericht ‘Research Libraries as Data Hubs’ in der Schweiz; drei Empfehlungen: nationale Strategie, Finanzierung gesichert, Governance.

Wissen sichern in Zeiten der KI: Zwischen Dateninfrastruktur und Desinformation

Wissen sichern in Zeiten der KI: Zwischen Dateninfrastruktur und Desinformation

Beim Science@Noon vom 6. Mai 2026, organisiert von den Akademien der Wissenschaften Schweiz (a+) und dem Schweizerischen Wissenschaftsrat SWR, ging es um wichtige Fragen rund um Wissenssicherung und Künstliche Intelligenz: Welche Rolle spielen Bibliotheken, Forschungsinfrastrukturen und Hochschulen in einer Wissenslandschaft, die durch Künstliche Intelligenz immer schneller, aber auch fehleranfälliger wird? Dieser Frage gingen Expertinnen und Experten an der Podiumsdiskussion nach – mit überraschend klaren Antworten.

Den Rahmen setzte Joël Graf (SWR Geschäftsstelle) mit der Vorstellung des Berichts «Research Libraries as Data Hubs». Der Wissenschaftsrat hatte dafür Stakeholder einbezogen, Workshops durchgeführt und zwei externe Mandate vergeben. Das Ergebnis: drei klare Empfehlungen. Erstens braucht die Schweiz eine nationale Strategie für Bibliotheken als Forschungsdateninfrastrukturen. Zweitens muss deren Finanzierung gesichert werden. Und drittens braucht es eine bessere Governance und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren – denn Wissen entsteht nicht im Silo.

Wer stellt Wissen zur Verfügung – und wie?

Auf dem Podium versammelten sich vier Personen mit unterschiedlichen Perspektiven: Sabine Süsstrunk (Präsidentin SWR, Professorin und Direktorin des Image and Visual Representation Lab, EPFL), Rita Gautschy (Direktorin DaSCH, Professorin für Altertumswissenschaften und Digital Humanities), Gabriela Lüthi (Präsidentin SLiNER und Leiterin Hochschulbibliothek ZHAW) und Beat Immenhauser (Generalsekretär der Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW (in Co-Leitung).

Rita Gautschy beschrieb, was es bedeutet, Forschungsdaten nicht nur zu sammeln, sondern langfristig nutzbar zu machen: strukturieren, aufbewahren, publizieren – auf einer Oberfläche, die auch ohne Informatikstudium bedienbar ist. Beat Immenhauser ergänzte das Bild: Die SAGW hat neun Institute, die Grundlagen erarbeiten, wie das historische Lexikon der Schweiz oder die Diplomatischen Dokumente der Schweiz; diese sind nicht nur Dienstleister, sondern selbst Produzenten wissenschaftlich aufbereiteten Wissens – mit einem klaren Alleinstellungsmerkmal: langfristige Förderung, Forschungsnähe und gesellschaftliche Vermittlung.

Gabriela Lüthi schliesslich wies darauf hin, dass Hochschulbibliotheken heute weit mehr sind als Bücherregale. Mit SLiNER (Swiss Library Network for Education and Research) und SLSP (Swiss Library Service Platform) verbinden sie Hochschulen, Gedächtniseinrichtungen und die Öffentlichkeit – und kämpfen dafür, dass auch Menschen ausserhalb der Universität Zugang zu lizenzierten Quellen bekommen. Sabine Süsstrunk brachte die Vision auf den Punkt: Bibliotheken als «Data Hubs» der Zukunft – Einrichtungen mit einer strategisch gemeinsamen Positionierung, die nicht nur archivieren, sondern dafür geradestehen, dass Forschungsresultate langfristig unverfälscht weitergegeben und weiter genutzt werden können.

KI: Werkzeug, Herausforderung und blinder Fleck

Der zweite grosse Block der Diskussion gehörte der Künstlichen Intelligenz – und hier wurde es sowohl konkret als auch unbequem. Die gute Nachricht zuerst: KI erleichtert viele Alltagsaufgaben spürbar. Übersetzung, Zusammenfassung, Inhaltserschliessung – all das gelingt heute überraschend gut. Rita Gautschy berichtete, dass KI beim Programmieren schlicht schneller ist als Menschen. Der Preis: Man muss jetzt gut erklären können, was ein Programm tun soll. Präzision im Denken und sprachlich präzises Beschreiben ersetzt Präzision im Tippen. Aber es gibt eine unbequeme Kehrseite.

Sabine Süsstrunk, die selbst zu KI-Modellen forscht, wurde deutlich: Wir wissen nicht, warum KI-Modelle funktionieren – und entsprechend auch nicht, warum sie in bestimmten Situationen halluzinieren. Und diese Halluzinationen landen zunehmend in wissenschaftlichen Journalen. Das Publikationsvolumen wächst laut Gabriela Lüthi um über zehn Prozent pro Jahr – was eine seriöse Qualitätskontrolle erschwert oder gar verunmöglicht. Beat Immenhauser ergänzte: Konferenzen und Fachzeitschriften werden mit KI-generiertem Inhalt überflutet, was den Open-Science-Gedanken unter Druck setzt.

Ein Kuriosum am Rande: Süsstrunk berichtete von einem Kurs zu Sicherheit und Datenschutz, bei dem Lernende dank KI das Gefühl hatten, den Stoff besser zu verstehen – aber bei der Lernerfolgskontrolle die hohe Durchfallquote dieses Gefühl als Trugschluss enttarnte. Konsumieren ist nicht dasselbe wie Lernen.

Desinformation: ein gesellschaftliches, kein technisches Problem

Im Publikumsgespräch kam eine grundsätzliche Frage auf: Was ist eigentlich Desinformation, und wer ist dafür verantwortlich? Sabine Süsstrunk machte eine entscheidende Unterscheidung: Technisch gesehen produziert KI weder Richtiges noch Falsches, sondern statistische Wahrscheinlichkeiten – die manchmal von der Realität deutlich abweichen; dann spricht man von Halluzinationen. Problematisch wird es erst, wenn diese Inhalte als Wahrheit verbreitet werden. Das ist kein Bug im System, das ist ein menschliches Verhalten.

Gabriela Lüthi ergänzte die politische Dimension: In bestimmten Ländern werden unliebsame Daten von digitalen Plattformen gelöscht und Bibliotheken engagierten sich, um die Daten aus dem Netz so rasch wie möglich langfristig zu sichern. Informationen würden sonst langfristig kontextlos – und damit einseitig. Hier sieht Lüthi Bibliotheken in der Pflicht: Sie müssen selektionieren, damit ausgewogene Informationsbeschaffung überhaupt möglich bleibt.

Die Podiumsdiskussion machte deutlich: Die technischen Werkzeuge werden schneller besser, als wir gesellschaftliche Antworten finden. Flexibilität, Deklarationspflicht, kritisches Denken und kontinuierliche Weiterbildung – das war der Grundkonsens der Runde. Kein Modell für immer, keine Antwort für alle Fragen, aber kluge Fragen als Grundhaltung.

Marianne Bonvin, Geschäftsführerin von a+, brachte es am Ende auf den Punkt: «Das Thema hat Potenzial.» Man darf ergänzen: Es hat auch Dringlichkeit.

Conseil suisse de la science CSS, Secrétariat