Schleswig-Holstein Politiker:innen beschließen 4,5% Honorar-Kürzung ab 1. April für Psychotherapeuten; Praxisfinanzielle Schieflage droht
Psychische Gesundheit darf kein Luxusgut werden
- Mai 2026, 14:11 Uhr
am 08. Mai 2026, 14:11 Uhr
Psychische Gesundheit darf kein Luxusgut werden
a) Psychotherapeutische Versorgung nicht gefährden
b) Psychotherapeutische Versorgung sichern – Honorarkürzungen aussetzen, faire Vergütung gewährleisten
c) Psychotherapeutische Versorgung bedarfsgerecht und wohnortnah weiterentwickeln (Drs. 20
Die Gesundheitspolitiker:innen aller Fraktionen haben in den letzten Wochen dieselben Mails erhalten, die gleichen Gespräche geführt und im Sozialausschuss die gleichen eindringlichen Informationen erhalten.
Die Botschaft aus den Reihen der Psychotherapeuten ist eindeutig: Die vom erweiterten Bewertungsausschuss beschlossene Kürzung der Honorare um 4,5 Prozent ab dem 1. April wird viele Praxen in eine finanzielle Schieflage bringen. Das Ergebnis ist absehbar: Das Angebot an psychotherapeutischen Behandlungen wird sich reduzieren – und das in einer Zeit, in der wir einen wachsenden Bedarf erleben. Zwar gilt in Schleswig-Holstein die psychotherapeutische Versorgung offiziell als übererfüllt. Laut dem Bedarfsplan des Gemeinsamen Bundesausschusses liegt die Versorgung in vielen Kreisen und Städten bei mehr als 110 Prozent. Aber wir alle wissen: Papier ist geduldig.
Die erlebte Realität der Patientinnen und Patienten sieht völlig anders aus. Vielleicht klappt es noch mit einem relativ zügigen Erstgespräch, aber dieses sichert längst noch keine Therapie. Wochen- und monatelange Wartezeiten sind eher die Regel als die Ausnahme. In ländlichen Gebieten ist die Lage oft noch schwieriger als in den Städten.
Laut dem Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung wurden im Jahr 2024 in Schleswig-Holstein 520.000 Einzeltherapien abgerechnet. Das sind fast 50 Prozent mehr als noch im Jahr 2013. Die Anzahl psychischer Erkrankungen wächst stetig. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund dieser Diagnosen hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Wobei wir es ja gerade im Bereich der Frauen oft genug mit Fehldiagnosen zu tun haben. Dieser steigende Bedarf hat viele Ursachen, die ich in meinen Gesprächen der letzten Wochen deutlich gelernt habe.
Erstens: Zukunftsängste und Krisen haben zugenommen. Die Covid-19-Pandemie mit ihren sozialen Einschränkungen und der Isolation belastet besonders junge Menschen weiterhin. Die Kriege mit ihren Auswirkungen auf unseren Alltag, die Angst vor Inflation und der Klimawandel wirken sich auf die Psyche aus. Zweitens: Eine veränderte Mediennutzung führt bei jungen Menschen zu Stress, Schlafstörungen und einer Veränderung des sozialen Miteinanders. Drittens: Erfreulicherweise erleben wir einen Abbau der Stigmatisierung. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche ist keine Schwäche, sondern im Gegenteil eine Stärke. Ich kann verstehen, dass ein Bewertungsausschuss genauer hinschauen muss, wenn die Ausgaben in einem Bereich steigen. Aber dann muss man auch hinschauen,warumdas so ist. Wenn es einen realen Mehrbedarf gibt, dann ist es gegen die Interessen der Patientinnen und Patienten, das Angebot durch Honorarkürzungen zu verknappen. Erschwerend kommt die immer noch nicht geregelte Weiterbildungsvergütung hinzu. Auch die Diskussion über die Re-Budgetierung ist wenig zielführend. Es ist ja nicht so, dass durch eine eingeschränkte Verfügbarkeit von Behandlungen die Bedarfe der Menschen automatisch sinken. Wenn den Betroffenen nicht zügig geholfen wird, erhöhen sich die Krankheitstage weiter. Eine hohe Anzahl an Fehltagen kann weder im Interesse der Gesellschaft noch der Arbeitgeber sein.
Wir reden hier viel über Zahlen. Aber worüber wir eigentlich reden müssten, sind die Menschen, die morgens mit einer bleiernen Schwere aufwachen und monatelang auf einen Therapieplatz warten müssen. Eine Honorarkürzung von 4,5 Prozent ist keine Antwort auf diesen Bedarf. Das ist ein Schlag ins Gesicht derer, die unsere psychosoziale Versorgung täglich aufrechterhalten! Der Antrag von Schwarz-Grün liest sich zwar ganz nett. Sie wollen „evaluieren“, „prüfen“ und das Thema auf die Gesundheitsministerkonferenz setzen. Das klingt nach viel Papier, aber nach wenig Tempo. Wir brauchen keine Evaluation des Mangels, wir brauchen eine Sicherung der Existenz der Praxen. Mit weniger Geld mehr Versorgung im ländlichen Raum oder auf unseren Halligen zu organisieren, wird schwierig.
Was wir jetzt brauchen, sind drei Dinge:
Schluss mit den Kürzungen:Diese 4,5 Prozent müssen vom Tisch, bevor die ersten Praxen die Segel streichen.
Eine echte Bedarfsplanung:Es nutzt der Mutter in Dithmarschen nichts, wenn der Plan auf dem Papier erfüllt ist, sie aber 20 Absagen bekommt.
Verlässlichkeit für den Nachwuchs:Wir bilden hervorragende Therapeuten aus. Wenn wir aber die Weiterbildung nicht finanzieren und ihre wirtschaftliche Perspektive kaputtkürzen, wandern sie ab. Das können wir uns nicht leisten!
Psychische Gesundheit darf kein Luxusgut werden. Wir unterstützen die Forderung, Druck auf Bundesebene zu machen. Aber bitte mit ordentlich Wumms und nicht nur mit einem freundlichen „Man müsste mal“. Die Patientinnen und Patienten haben keine Zeit für lange Prüfschleifen. Sie brauchen Hilfe – und zwar jetzt!
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