Trump will den Hinterhof der USA vom Rio Grande bis Feuerland stärker kontrollieren; El Mencho getötet in Mexiko

Trumps Donroe-Doktrin - Reservistenverband

Während die Welt auf den Krieg am Persischen Golf schaut, ist die Politik der USA in Lateinamerika vorübergehend in den Hintergrund getreten. Kuba dürfte Trumps nächstes Ziel sein. Der amerikanische Präsident will den „Hinterhof der USA“ vom Rio Grande bis Feuerland stärker kontrollieren und hat dabei historische Vorbilder. Widerstand fällt den Staaten Südamerikas schwer – zu groß ist das Machtgefälle zum nördlichen Nachbarn.

Demonstration gegen die US-amerikanische Intervention in Venezuela im Januar in New York.

Porfirio Díaz, legendärer Staatspräsident Mexikos in den Jahren 1876 bis 1880 und von 1884 bis 1911, hat einmal gesagt: „Armes Mexiko – so weit von Gott entfernt, doch so nah an den Vereinigten Staaten.“ Dem würden aktuell bestimmt viele Mexikaner zustimmen. Die USA üben massiv Druck auf die mexikanische Regierung aus, um stärker gegen die Drogenkartelle im Land vorzugehen. Ende Februar führte eine gemeinsame Operation von mexikanischen Spezialkräften und US-Geheimdiensten zum Tod des berüchtigten Drogenbosses Nemesio Oseguera Cervantes alias El Mencho. In der Folge zettelten dessen Anhänger schwere Unruhen in mehreren Bundesstaaten Mexikos an.

„Im Grunde genommen“, so der chilenische Historiker Fernando Mora Araneda, „könnte man auch sagen: Armes Lateinamerika – so weit von Gott entfernt, doch so nah an den Vereinigten Staaten.“ Dabei ist die Nähe nicht unbedingt geografisch gemeint. Zwar verbindet – oder trennt – Mexiko und die USA eine gemeinsame Grenze, doch Chile liegt weit im Süden Südamerikas, etwa 8.000 Kilometer von Washington entfernt. Der Historiker weist darauf hin, dass die chilenische Rockband „Los Prisioneros“ in einem ihrer Songs singt: „Chile ist ein Dorf im Süden der Vereinigten Staaten.“ Das hört sich zwar erst einmal kurios an, doch die Behauptung hat durchaus einen historischen Hintergrund: Geostrategisch umfasst der wenig schmeichelhafte Begriff „America´s backyard“, Amerikas Hinterhof, den größten Teil des amerikanischen Kontinents, also außer Mexiko auch Zentral-und Südamerika.

Die Wortschöpfung entstand in Zusammenhang mit der sogenannten Monroe-Doktrin. Im Jahr 1823 erläuterte der damalige US-Präsident James Monroe in einer Rede zur Lage der Nation vor den Abgeordneten des Kongresses die Grundlagen einer zukünftigen geostrategischen Außenpolitik der USA. Die noch jungen Vereinigten Staaten – nach einem jahrelangen Krieg gegen die Kolonialmacht England hatten sie 1783 die Unabhängigkeit erlangt – strebten nach wirtschaftlichem Aufschwung und politischer Stabilität im Inneren. Dazu kam die Vergrößerung ihres Territoriums. So hatten sie die französischen Kolonien in Louisiana erworben und auch die spanischen Besitztümer in Florida übernommen.

Auf dem übrigen Kontinent wurde jedoch fast überall Krieg gegen die europäischen Kolonialmächte geführt: Kolumbien, Ecuador und Venezuela 1819 bis 1823, Peru 1811 bis 1824, Bolivien 1809 bis 1825, Argentinien 1810 bis 1818, Mexiko 1810 bis 1821 sowie Guatemala, Honduras, El Salvador, Costa Rica, Nicaragua 1821. Der amerikanische Kontinent befand sich de facto im Kriegszustand. Die damalige US-Regierung befürchtete, dass die bedrängten Kolonialmächte Militärexpeditionen entsenden würden, um die Volksaufstände niederzuschlagen. Ein Wiedererstarken des europäischen Einflusses, so sah man es, hätte auch die USA in ihrer Existenz bedroht.

Darum, so Präsident Monroe, sollten sich die Europäer – später auch die Japaner – aus den Belangen der amerikanischen Staaten heraushalten. Tatsächlich handelte es sich dabei um eine frühe Form des Panamerikanismus. Folgerichtig erkannten die USA denn auch die neu entstandenen lateinamerikanischen Republiken formell an. Im weiteren Verlauf der Geschichte definierten US-Politiker die Länder Süd- und Zentralamerikas als ihr Einflussgebiet, und mit der Zunahme an wirtschaftlicher und militärischer Macht der USA, wandelte sich die Bedeutung der Monroe-Doktrin unter Präsident Roosevelt. Die USA wollten nun auch direkt in den betroffenen Ländern eingreifen, wenn es ihren Interessen diente, was ja auch mit direkten Militärinterventionen in Kuba, Nicaragua, der Dominikanischen Republik und Haiti geschah.

Während des Kalten Krieges unterstützten die Vereinigten Staaten antikommunistische Regierungen in der Region, darunter – wie in Chile und Nicaragua – auch Diktaturen. Spätestens seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wird die Monroe-Doktrin mit einer imperialistischen Politik der Supermacht in Verbindung gebracht.

„Die Geschichte Lateinamerikas wurde seit dem 19. Jahrhundert in vielen Bereichen von den USA geprägt“, sagt Max Yuri Ramírez, Direktor des Instituts für politische Studien an der Universidad des Antioquia in Medellín (Kolumbien), „weil sie den Kontinent als ihren Hinterhof definiert haben. Seitdem gab es ungefähr 20 direkte Militärinterventionen der USA.“ Ramírez nennt unter anderem die Operation Urgent Fury 1983 in Grenada und die Operation Just Cause 1989 in Panama. Konservative oder rechtsgerichtete Regierungen, so der Politologe, hätten meistens den Kurs der US-Regierungen unterstützt.

Das ist soweit nichts Neues, doch seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres, so sagt der kolumbianische Wissenschaftler, habe sich die Situation deutlich verschärft. Unter der Prämisse, den „Narco-Terrorismus“ – eine Bedrohung der nationalen Sicherheit der USA – in Süd-und Zentralamerika zu bekämpfen, hat Washington starke Militäreinheiten – unter anderem Flugzeugträger – in die Region verlegt, und ist dazu übergegangen, mutmaßliche Drogenschnellboote samt Besatzung durch Luftangriffe zu vernichten. Ein großer Teil der militärischen Drohkulisse baute sich vor der venezolanischen Küste auf und fand ihren vorläufigen Höhepunkt darin, dass Anfang Januar 2026 US-Spezialkräfte den venezolanischen Staatspräsidenten Maduro und seine Ehefrau in Caracas verhafteten und außer Landes brachten, um sie in New York wegen Drogenhandel vor Gericht zu stellen.

Zu einem Machtwechsel im Land hat die Festsetzung Maduros allerdings nicht geführt, auch wenn die venezolanische Oppositionelle und Nobelpreisträgerin Maria Corina Machado in einer Geste, die von vielen Lateinamerikanern als demütigend empfunden wurde, ihren Nobelpreis Donald Trump überreichte. „Trump spricht nicht über eine Demokratisierung Venezuelas, er redet nur davon, die Erdölvorräte kontrollieren zu wollen“, sagt Politologe Ramírez.

Die zunehmende Präsenz Chinas in Südamerika wird von der Trump-Regierung als Bedrohung wahrgenommen. Dabei ist diese Präsenz weit mehr eine ökonomische als eine militärische. Südamerika ist wegen seiner Rohstoffe – darunter Lithium und Kupfer – sowohl für die USA als auch für die EU und mittlerweile auch für China interessant. Dem World Economic Forum zufolge ist das Handelsvolumen zwischen China und den südamerikanischen Staaten zwischen 2000 und 2020 um das 26-fache gestiegen. 2023 lag der Gesamtwert des chinesisch-lateinamerika-nischen Handels bei 478,9 Milliarden USD. China hat die USA als wichtigster Handelspartner Südamerikas abgelöst.

Ein Element der chinesischen Einfluss- und Wirtschaftspolitik ist die „Neue Seidenstraße“ (Belt and Road Initiative, BRI). Ursprünglich hatte die Regierung in Peking bei dem gigantischen Investitions-und Infrastrukturprojekt nicht einmal an Südamerika gedacht. Ziel war es, Europa, Asien und Afrika miteinander zu verknüpfen. Heute ist wegen der begehrten Mineralien und des lukrativen Absatzmarktes für chinesische Produkte auch der südamerikanische Kontinent Teil der BRI. So wurde an der peruanischen Pazifikküste der Tiefwasserhafen Chancay gebaut. Haupteigentümer ist die staatliche chinesische Gesellschaft Cosco Shipping. Etliche Länder der Region sollen auf dem Landweg an den neuen Überseehafen angebunden werden. Dadurch ließen sich der Panamakanal oder der längere Seeweg um die Südspitze Südamerikas umgehen.

Experten sprechen von einer Revolution in der Logistik Südamerikas. Es werden aber nicht nur massiv Häfen, Bahnlinien und Straßen unter chinesischer Führung ausgebaut, sondern auch digitale Infrastruktur, darunter 5G-Technologie, Künstliche Intelligenz und Unterseekabel, die Südamerika mit China verbinden. Die Chinesische Weltraumbehörde (CNSA) unterhält seit 2018 eine Basis in der zu Patagonien gehörenden Provinz Neuquén in Argentinien. Die Nutzung der Deep Space Station – Espacio Lejano Station – wird China vertraglich für die kommenden 50 Jahre zugestanden. Eine gigantische Antenne kann sowohl Satellitenbahnen erfassen, als auch bei künftigen Mondmissionen von Bedeutung sein. Die US-Regierung sagt, dass sich die Anlage zivil, wie auch militärisch nutzen lässt.

All dies führt zwar dazu, dass die USA den Druck auf Lateinamerika erhöhen und beispielsweise die Regierung Panamas dazu bewegt haben, die Verträge mit der chinesischen Firma CK Hutchinson betreffend der Häfen am Panamakanal zu annullieren. Doch die Bekämpfung von Migration und Narco-Terrorismus sind die Themen, die die US-Regierung am stärksten mit Lateinamerika – zumindest vordergründig – in Verbindung bringt.

Die Vereinigten Staaten unter Präsident Trump haben die Monroe-Doktrin in Bezug auf Lateinamerika wiederentdeckt. Man könnte auch von einer Donroe-Doktrin sprechen. Die Kontrolle Südamerikas wird von der US-Regierung als Priorität angesehen, und das nicht nur, weil Venezuela mit die größten Ölvorräte des Planeten besitzt. Gleich zu Beginn seiner zweiten Amtszeit ließ Donald Trump den Golf von Mexiko in Golf von Amerika umbenennen, wobei es fraglich ist, ob mit diesem Amerika der gesamte amerikanischen Doppelkontinent gemeint ist, wie beispielsweise bei der Bridge of the Americas an der Einfahrt zum Panamakanal. Im Kabinett der Trump-Regierung sind auffallend viele Mitglieder mit lateinamerikanischem Wurzeln zu finden. Die Eltern von US-Außenminister Marco Rubio beispielsweise sind Exilkubaner.

Die Regierungen von Brasilien, Kolumbien und Mexiko betonen ihre Unabhängigkeit von den USA und geben sich kritisch, doch eben darum lastet auf ihnen ein enormer Druck, der sie dann doch zu Zugeständnissen zwingt. Gustavo Petro und Lula da Silva haben sich beispielsweise bislang nicht zur Blockadepolitik der USA gegenüber Kuba geäußert, obwohl sie sonst einen antiimperialistischen Kurs verfolgen.

Die Kombination aus Drohungen, Handelsbeschränkungen und militärischem Eingreifen trifft alle Länder Lateinamerikas gleichermaßen. Diejenigen, die sich gegenüber Washington kooperativ verhalten, werden belohnt, die anderen bestraft. Zuckerbrot und Peitsche: Das sind die Instrumente der Trump-Regierung für einen gefügigen Hinterhof.

Martin Specht ist freier Journalist mit Sitz in Medellín, Kolumbien. Anmerkungen zu diesem Artikel schreiben Sie anloyal-magazin@fazit.de.

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