Thüringer Landesamt für Statistik Auslandszuzüge 2015 Thüringen; 71,8 Tausend Zuzüge, 24,6 Tausend Wanderungsgewinn
Aufsatz aus dem Statistischen Monatsheft Thüringen - Ausgabe Februar 2026
38 Statistisches Monatsheft Februar 2026, Thüringer Landesamt für Statistik AUFSATZ
- Einführung Im Statistischen Monatsheft Dezember 2018 des Thüringer Landesamtes für Statistik wurde der Auf- satz „Die Thüringer Außenwanderungen unter be- sonderer Berücksichtigung der methodischen und technischen Neuerungen in der Wanderungsstatistik“ veröffentlicht. Dieser befasste sich vor allem mit der Entwicklung der Zu- und der Fortzüge von und nach Thüringen in den Jahren 1990 bis 2017. Ein wichtiger Aspekt der damaligen Betrachtung war, inwiefern das Jahr 2015 mit den besonders hohen Zuzugszahlen aus dem Ausland eine Ausnahmesitu- ation im Zu- und Fortzugsgeschehen von Thüringen darstellte. Der Aufsatz endete mit der Feststellung, „dass der 2015 erfasste Wanderungsgewinn vermut- lich in den nächsten Jahren nicht wieder erreicht wird und dieses Jahr in der Wanderungsstatistik eine Ausnahme bleiben wird.“ Jedoch wurde im Fazit auch folgender Satz niedergeschrieben: „Wie sich die Wanderungsbewegungen – insbesondere die mit dem Ausland – jedoch zukünftig entwickeln werden, hängt nicht nur von der Situation in Deutschland, sondern vor allem von den Entwicklungen in den potentiellen Herkunftsgebieten der Zuwanderer und den politischen Rahmenbedingungen in den Herkunfts- und Zielgebieten ab.“ Dass sich tatsächlich die Vermutung aus dem 1. Zitat aufgrund der im 2. Zitat bereits angedeuteten Gründe als falsch herausstellen wird, ist ein vorweg- genommenes Ergebnis des aktuellen Aufsatzes. Seit Erscheinen des Aufsatzes im Jahr 2018 sind 8 Jahre vergangen. In der Zwischenzeit erlebte Deutschland mit der Corona-Krise, dem Lockdown und den (Ein-) Reisebeschränkungen sowie dem Zuzug tausender Schutzsuchender infolge des Ukraine-Kriegs weitere Sondereffekte, welche neben der bereits seit Jahren zu beobachtenden kontinuierlichen höheren Aus- landszuwanderung weitere teils deutliche Folgen auf die Wanderungsbilanz und somit auf die Ein- wohnerentwicklung des Freistaats Thüringen hatten. In diesem Aufsatz wird somit die im Aufsatz aus dem Jahr 2018 aufgezeigte Entwicklung der Zu- und Fortzugszahlen von und nach Thüringen wieder auf- gegriffen und weitergeführt. Dabei werden insbeson- dere die Wanderungsergebnisse nach Herkunfts- und Zielgebiet, Nationalität, Alter und Geschlecht be- trachtet. Dafür werden einige der damals aufgezeig- ten Datenreihen auf den aktuell zur Verfügung ste- henden Zeitraum einschließlich des Berichtsjahres 2024 aktualisiert. Zur besseren Verständlichkeit und Sichtbarmachung der Entwicklung der Wanderungs- zahlen werden die Datenreihen zum Teil mit den Jahren vor 2017 gebildet und somit teilweise wieder- holt. Abschließend werden mit einem kleinen Exkurs die Auswirkungen der Wanderungsbewegungen auf die Bevölkerungsentwicklung Thüringens aufgezeigt, insbesondere die Folgen der Wanderungsgewinne gegenüber dem Ausland.
- Die Wanderungsbilanz Thüringens 2015 bis 2024 Bevor die weitere Entwicklung der Wanderungszah- len ab dem Jahr 2018 betrachtet wird, muss zuerst ein Rückblick auf die Wanderungsentwicklung um das Jahr 2015 in Thüringen geworfen werden. Nur so lässt sich das Geschehen in den Folgejahren besser einordnen und bewerten. Wie Abbildung 1 zeigt, war die Wanderungsentwicklung im Jahr 2015 im Vergleich zu den Jahren zuvor außergewöhnlich. Außergewöhnlich daher, weil die Wanderungssalden in Thüringen bis dahin lange Zeit negativ waren und erst im Jahr 2013 auf einen minimalen positiven Saldo angestiegen sind. Die enorme Zunahme der Auslandszuzüge, welche sich im Jahr 2015 im Ver- gleich zu 2014 mehr als verdoppelten (von rund 21,4 Tausend Personen auf rund 43,3 Tausend Per- sonen), waren für diese Entwicklung verantwortlich. Ausgelöst durch die Konflikte in der Welt, unter anderem der Bürgerkrieg in Syrien, die Konflikte im Irak und in Afghanistan, suchten massenhaft Men- Die Entwicklung der Wande- rungszahlen in Thüringen Alexander Kuhnt Abteilung Bevölkerungs- und Haushaltsstatistiken BEVÖLKERUNG, MIKROZENSUS
Statistisches Monatsheft Februar 2026, Thüringer Landesamt für Statistik 39 AUFSATZ schen Schutz in Europa und kamen so auch nach Deutschland und Thüringen. Die Zahl der Zuzüge über die thüringische Landesgrenze stieg 2015 ins- gesamt auf einen Rekordwert von rund 71,8 Tausend Personen. Der Gesamtwanderungsgewinn stieg auf rund 24,6 Tausend Personen an, was für Thüringen ebenfalls ein vorher nie dagewesener, somit außer- gewöhnlicher Wert war und für ein deutliches Ein- wohnerplus sorgte. Die Entwicklung setzte sich nach 2015 jedoch nicht so fort. Im Jahr 2016 lag der Wanderungssaldo bei einem Minus von 2,3 Tausend Personen. Dies war die Folge aus mehreren Effekten. Zum einen sanken die Zuzugszahlen auf rund 56,8 Tausend Personen, was einem Rückgang um rund 15,1 Tausend Personen ge- genüber dem Vorjahr entsprach. Andererseits stiegen die Fortzugszahlen auf rund 59,0 Tausend Personen an (ein Anstieg von 11,8 Tausend Personen). Dieser Anstieg war vor allem von den gestiegenen Fort- zugszahlen in das Ausland getragen (+9,0 Tausend Personen). Jedoch gab es durch Weiterzugseffekte auch gegenüber den anderen Bundesländern ein Plus bei den Fortzügen in Höhe von 2,8 Tausend Personen auf rund 37,0 Tausend Personen. In den folgenden Jahren stabilisierten sich die Zu- zugszahlen über die thüringische Landesgrenze und lagen zwischen 2017 und 2019 bei rund 54,0 bis maximal rund 55,5 Tausend Personen. Die Fortzugs- zahlen sanken im Vergleich zu 2016 auf rund 50,0 bis maximal 50,9 Tausend Personen ab. In den Jahren 2017 bis 2019 blieb dadurch ein positiver Saldo von rund 3,4 bis maximal 4,6 Tausend Personen. Dann kam das Jahr 2020 und die Corona-Pandemie begann. Umfassende (Ein-)Reisebeschränkungen wurden national wie international erlassen, was zu einem spürbaren Einschnitt im Zu- als auch Fortzugsgeschehen führte. Die Zuzüge lagen 2020 bei knapp 47,0 Tausend Personen und damit rund 7,0 Tausend Personen niedriger als noch 2019. Vor allem die Zuzüge aus dem Ausland (−6,1 Tau- send Personen) waren für diesen Effekt verantwort- lich. Der Rückgang bei den Fortzügen betrug rund 5,1 Tausend Personen. Die Zahl der Fortzüge lag in der Folge bei 45,6 Tausend Personen. Der Gesamt- wanderungssaldo war für Thüringen im Jahr 2020 zwar noch positiv, sank jedoch auf 1,4 Tausend Personen ab und lag damit – ausgenommen das Jahr 2016 – so niedrig wie seit dem Jahr 2013 nicht mehr (Wanderungssaldo 2013: 152 Personen). Das Jahr 2021, nach wie vor durch die Corona-Pandemie Abbildung 1: Wanderungsbewegungen von und nach Thüringen in den Jahren 2010 bis 2024 gegen- über den anderen Bundesländern und dem Ausland -60 000 -40 000 -20 000 0 20 000 40 000 60 000 80 000 100 000 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 Personen Fortzüge ins Ausland Fortzüge in andere Bundesländer Zuzüge aus dem Ausland Zuzüge aus anderen Bundesländern Wanderungssaldo mit anderen Bundesländern Wanderungssaldo mit dem Ausland Gesamtwanderungssaldo
40 Statistisches Monatsheft Februar 2026, Thüringer Landesamt für Statistik AUFSATZ geprägt, brachte zumindest bei den Fortzügen keine Veränderung, aber die Zuzüge stiegen deutlich auf das Vor-Corona-Niveau um rund 6,9 Tausend auf 53,9 Tausend Personen an, was in der Folge auch einen Anstieg beim Saldo in derselben Höhe auf nunmehr insgesamt rund 8,5 Tausend Personen zur Folge hatte. Zumindest bei den Zuzugszahlen und beim Gesamtwanderungssaldo machte dies die Delle des Corona-Jahres 2020 wett. Im Jahr 2022 begann der Ukraine-Krieg. Hundert- tausende vor allem ukrainische Schutzsuchende kamen zusätzlich nach Deutschland und somit auch nach Thüringen. Dies war auch deutlich in den Er- gebnissen der Wanderungsstatistik zu sehen. Die Zuzugszahlen nach Thüringen stiegen um 34,6 Tau- send Personen auf 88,5 Tausend Personen an. Da die Binnenzuzüge nach Thüringen (innerhalb Deutsch- lands) identisch blieben, war der Anstieg ausschließ- lich auf Zuzüge aus dem Ausland zurückzuführen. Die Fortzüge stiegen 2022 zwar ebenfalls leicht um rund 6,0 Tausend Personen an, aber in der Summe führte diese Entwicklung trotzdem zu einem neuen Höchststand beim Wanderungssaldo in Höhe von rund 37,1 Tausend Personen. Das waren nochmals rund 12,4 Tausend Personen mehr als im Jahr 2015, welches bereits als außergewöhnlich erschien. Dass dieser Anstieg eine Folge des Krieges in der Ukraine war, wird im weiteren Verlauf des Aufsatzes noch genauer im Rahmen der Ausführungen der Wande- rungen nach Nationalität betrachtet. Auch im Jahr 2023 waren die Zuzugszahlen mit 68,8 Tausend Personen im Vergleich zum Zeitraum vor 2022 noch deutlich erhöht, aber schon niedriger als ein Jahr zuvor (−19,8 Tausend Personen). Die Fort- zugszahlen nahmen hingegen leicht um 3,3 Tausend Personen zu, was in der Summe für einen gerin- geren, aber immer noch hohen Wanderungssaldo von 14,0 Tausend Personen ausreichte. Im Jahr 2024 erreichten die Zuzugszahlen mit 57,8 Tausend Personen nahezu das Niveau der Vorkriegs- und Vorcorona-Zeit. Jedoch blieben die Zuzugszahlen mit 53,2 Tausend Personen auf dem Niveau der Jahre 2022 und 2023, was zu einer Reduzierung des Wan- derungsplus auf 4,5 Tausend Personen führte. Dieser Wert entsprach den Salden der Jahre 2017 bis 2019. 3. Wanderungen nach Nationalität Aufgegliedert nach Nationalität zeigt sich, dass in den vergangenen 10 Jahren, aber insbesondere in den Jahren 2015 und 2022 das Wanderungsgeschehen, vor allem der Wanderungsgewinn, durch Zuwande- rung Nichtdeutscher bestimmt wurde. Denn wie man anhand der Abbildung 2 erkennen kann, ist im Saldo der Wanderungsverlust von Deutschen über die Lan- desgrenze Thüringens in den vergangenen Jahren relativ konstant im negativen Bereich geblieben. Die Spannweite lag hierbei von -0,7 Tausend deutschen Personen im Jahr 2021 bis hin zu -6,3 Tausend Abbildung 2: Wanderung über die Thüringer Landesgrenze 2015 bis 2024 nach Nationalität der Wan- dernden -60 000 -40 000 -20 000 0 20 000 40 000 60 000 80 000 100 000 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 Personen Zuzüge deutsch Zuzüge nichtdeutsch Fortzüge deutsch Fortzüge nichtdeutsch Wanderungssaldo deutsch Wanderungssaldo nichtdeutsch
Statistisches Monatsheft Februar 2026, Thüringer Landesamt für Statistik 41 AUFSATZ deutschen Personen im Jahr 2016. Bei den nicht- deutschen Personen hingegen lag die Spannweite bei einem positiven Wanderungssaldo von 2,4 Tausend Personen im Jahr 2020 bis zu 38,4 Tausend Perso- nen im Jahr 2022. Vor allem in den Jahren 2015 (+29,1 Tausend nichtdeutsche Personen) und 2022 ist der Zuzugsüberschuss deutlich am Ausschlag der Linie des Wanderungssaldos ablesbar. Eine andere Darstellungsform wird mit Abbildung 3 verfolgt. Diese zeigt zum einen die Anzahl deut- scher und nichtdeutscher Zu- und Fortzüge über die Landesgrenzen Thüringens und zum anderen deren relativer Anteil an der Gesamtwanderung in den Jahren 2015 bis 2024. Anhand des Balkenverlaufs in der Abbildung kann man gut erkennen, dass die Zahl der deutschen Zu- und Fortzüge in den vergangenen Jahren nach einem kleinen Anstieg von 2,7 Tausend Personen von 2015 zu 2016 im Anschluss stetig gesunken ist, von rund 58,7 Tausend Personen im Jahr 2016 auf 47,4 Tausend Personen im Jahr 2024. Bei den Nichtdeutschen ist das Wanderungsvolumen teils sehr sprunghaft, je nach geopolitischer Situation. Im Jahr 2015 gab es bei Zu- und Fortzügen von nicht- deutschen Personen einen Sprung auf 63,1 Tausend Personen (+29,9 Tausend im Vergleich zum Vorjahr). Damit lag die Zahl der nichtdeutschen Wandernden erstmals seit Jahrzehnten über der Zahl der deut- schen Wanderungen (56,0 Tausend). Der Anteil der nichtdeutschen Wandernden am Gesamtwande- rungsvolumen im Jahr 2015 betrug 53 Prozent. Im Ansc