Jasmin Bleul tritt bei der Karate-EM in Frankfurt am Main an; Karriereende nach Heim-EM

Jasmin Bleul: Heim-EM als Abschluss einer herausragenden Karriere

Jasmin Bleul: Heim-EM als Abschluss einer herausragenden Karriere

Die 32-Jährige tritt bei der Karate-EM in Frankfurt am Main in dieser Woche zum 13. Mal im Kata an. Im DOSB-Interview blickt sie auf die wichtigsten Stationen ihrer Karriere zurück und erklärt, was ihr Sport sie gelehrt hat und wie sie ihm treu bleiben wird.

Körpersprache ist ihr Metier. Aber dass sie auch ihre Worte so präzise einzusetzen weiß wie ihre Gliedmaßen, beweist Jasmin Bleul schon bei der Einstiegsfrage. Wenn sie heute auf die Person schaue, die sie war, als sie 2012 zum ersten Mal an einer Europameisterschaft im Karate teilnahm, welche Veränderung falle ihr ganz besonders auf, lautete die Frage. „Der größte Unterschied zu damals ist, dass ich gelernt habe, belastende Dinge schnell abzuhaken. Ich kann heute richtig lange leiden, ohne daran zu zerbrechen. Damals habe ich mir sehr vieles von dem zu Herzen genommen, was von außen kam. Heute weiß ich: Die Menschen, die einen kritisieren, sind zu 99 Prozent Menschen, die nicht so viel erreicht haben in ihrem Leben wie die, die sie attackieren, deshalb kann ich damit viel entspannter umgehen“, antwortet sie.

Das sind nachdenkliche Sätze, aber sie erzählen viel über die Vorzeigeathletin des Deutschen Karate Verbands (DKV), der in dieser Woche sein 50-jähriges Bestehen mit einem ganz besonderen Event feiert: der ersten Heim-EM seit 2003 in Bremen, die von Mittwoch bis Sonntag in der Eissporthalle in Frankfurt am Main stattfindet. Der Grund für den Rückblick auf ihre Karriere dürfte einleuchten: Jasmin Bleul, die am Mittwoch zur Vorrunde antritt, zwei Tage später ihren 33. Geburtstag feiert und am 23. Mai um die Medaillen mitzukämpfen hofft, wird ihre Karriere nach der EM beenden. „Ich habe das nicht an die große Glocke gehängt, aber es ist auch kein Geheimnis. Ich spiele schon länger mit dem Gedanken und finde, dass es keinen besseren Zeitpunkt gibt, als nach dem Saisonhöhepunkt aufzuhören, zu dem all meine Freunde und Familie dabei sein werden“, sagt die aus Mömbris im Landkreis Aschaffenburg stammende Sportsoldatin, die in Wiesbaden lebt, am Frankfurter Bundesstützpunkt trainiert und für den SC Judokan Frankfurt startet.

Für den DKV, der laut aktueller DOSB-Bestandserhebung mehr als 155.000 Mitglieder in rund 2.600 Vereinen vertritt, ist das Turnier eine große Chance, den japanischen Kampfsport in Deutschland noch populärer zu machen. „Der Erfolgsdruck ist hoch, wir haben am Wochenende eine ausverkaufte Halle, was für einen nicht-olympischen Sport etwas sehr Besonderes ist“, sagt Verbandspräsident Wolfgang Weigert. Rund 120 Freiwillige werden das 15 Personen umfassende Organisationsteam unterstützen. Am vergangenen Sonntag kamen zur Jubiläumsfeier rund 500 Karateka zusammen, um in der Frankfurter Leichtathletikhalle gemeinsam mit mehreren Bundestrainern und dem japanischen Großmeister Masao Kagawa am „DKV-Tag“ zu trainieren. „Außerdem sind wir die erste Sportveranstaltung in Deutschland, die von der EU über das Erasmus+ Sport-Programm direkt gefördert wird, weil wir das UN-Projekt Guardian Girls unterstützen“, sagt Wolfgang Weigert.

Jasmin Bleul erlebt in Frankfurt ihre 13. EM

51 Nationen haben für die EM gemeldet, dazu kommen Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus, die unter neutraler Flagge antreten. Deutschland hat alle fünf Gewichtsklassen pro Geschlecht in der Zweikampf-Kategorie Kumite besetzt, am Start sind auch Johanna Kneer (28

über 68 kg) und Mia Bitsch (22

bis 55 kg), die bei den World Games 2025 in Chengdu (China), den Weltspielen der nicht-olympischen Sportarten, Gold gewinnen konnten. Nicht starten kann Reem Khamis (23

bis 61 kg), die Europameisterin von 2023 laboriert weiterhin an Knieproblemen, die bereits ihre Chengdu-Reise verhindert hatten, musste vor wenigen Wochen operiert werden und ist aktuell in der Reha.

Welchen Status Jasmin Bleul im DKV-Team genießt, lässt sich allein schon daran ablesen, dass sie in Frankfurt zum 13. Mal bei kontinentalen Titelkämpfen auf die Matte geht. „Natürlich bin ich die Erfahrenste in der Mannschaft und versuche, das auch an die Jüngeren weiterzugeben. In erster Linie möchte ich aber diejenige sein, die für gute Stimmung sorgt und Lockerheit reinbringt, denn das ist für mich ein ganz wichtiges Element“, sagt sie.

Um einordnen zu können, was für eine Leistung es ist, als bald 33-Jährige 13 EM-Turniere erlebt zu haben, muss man wissen, dass im Karate in jedem Jahr eine EM ausgetragen wird, und dass Jasmin nicht im Kumite antritt, sondern im Kata. Das ist ein Formenlauf, bei dem die Athlet*innen festgelegte Abfolgen von Kampftechniken gegen imaginäre Gegner ausführen, von denen es mehr als 100 gibt. „Beim Kata gibt es zwar auch viele Verschleißerscheinungen am Körper, aber das Verletzungsrisiko ist deutlich geringer als im Kumite. Ich bin glücklicherweise von schweren Blessuren verschont geblieben und konnte deshalb bis auf 2020, als die EM wegen Corona abgesagt wurde, in jedem Jahr starten“, sagt Jasmin.

Ich will alles zeigen, was ich über die Jahre gelernt habe. Wenn ich an den Start gehe, will ich das Maximum herausholen, und das wäre der Gewinn einer Medaille.Jasmin BleulMitglied des Nationalkaders im KarateSC Judokan Frankfurt

Ich will alles zeigen, was ich über die Jahre gelernt habe. Wenn ich an den Start gehe, will ich das Maximum herausholen, und das wäre der Gewinn einer Medaille.

Als Siebenjährige war sie auf Empfehlung ihres Vaters zum Karatetraining in ihrem Heimatverein TV Strötzbach gegangen und hatte sehr bald gespürt, dass sie dem individuellen Kampfstil deutlich mehr abgewinnen konnte als dem direkten Duell. Sich über einen solch langen Zeitraum in der europäischen Spitze halten und Jahr für Jahr für den EM-Start motivieren zu können, schreibt sie der Beharrlichkeit zu, mit der sie grundsätzlich an Herausforderungen herangeht. „Beim Kata arbeitet man jahrelang daran, Techniken zu verbessern, von denen man weiß, dass man sie niemals optimal wird ausführen können. So etwas prägt den Charakter, und das schätze ich sehr“, sagt sie.

Kein Wunder also, dass sich Zielstrebigkeit und Geduld auch in anderen Bereichen ihres Lebens paaren. So beschäftigt Jasmin sich gern mit dem Lernen neuer Sprachen. Englisch, Französisch und Spanisch hatte sie in der Schule, in ihrer Freizeit versucht sie sich aktuell am Hochvalyrischen, der vom US-Linguisten David Peterson für die Serie „Game of Thrones“ geschaffenen Kunstsprache. „Bringt mir zwar nichts für den alltäglichen Gebrauch, ist aber trotzdem sehr spannend“, sagt sie. Auch Norwegisch lernen steht auf ihrer To-do-Liste weit oben. Weiß man um diese Leidenschaft, überrascht es kaum, dass die 1,57 Meter große Kampfkünstlerin Trainingsdisziplin als die wichtigste Eigenschaft für ihr sportliches Fortkommen benennt.

Zu einem Rückblick gehört selbstverständlich auch die Einordnung der wichtigsten sportlichen Triumphe. Einzelbronze bei der Heim-WM 2014 in Bremen nennt sie sehr schnell, ebenso den WM-Titel mit dem Kata-Team 2014. Der schönste EM-Moment sei der Gewinn ihrer dritten Einzel-Bronzemedaille gewesen, 2024 in Zadar (Kroatien). „2023 war ein richtig hartes Jahr für mich gewesen, da war ich komplett im Leistungs- und Motivationsloch. Deshalb war diese Medaille absolut überraschend und besonders schön“, sagt sie. Die Teilnahme an den World Games 2022 in Birmingham (USA) zählt sie ebenfalls zu den schönen Erfahrungen.

Ultimativer Karrierehöhepunkt waren die Olympischen Spiele in Japan

Als ultimativen Höhepunkt nennt sie aber – trotz des sportlich mit dem Aus in der ersten Runde enttäuschenden Abschneidens – ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen 2021 in Japan. Im Mutterland ihres Sports den bislang einzigen Auftritt des Karate unter den fünf Ringen miterlebt zu haben, erfülle sie mit großer Dankbarkeit. „Auch wenn die Umstände wegen Corona sehr schwierig waren, war ich so selig, dass ich dabei sein durfte. Wir haben über Jahre darauf hingearbeitet, und es dann geschafft zu haben, war ein unglaublich intensives Gefühl“, sagt sie.

In der Starterliste der Tokio-Spiele wird sie als Jasmin Jüttner geführt. Im Karate ist sie jedoch unter ihrem Geburtsnamen Jasmin Bleul deutlich bekannter. Und will dies auch nach dem Ende der aktiven Karriere bleiben. Im kommenden Jahr, wenn der DKV einige Trainerstellen neu ausschreibt, will sie sich um eine dieser Positionen bewerben. „Ich habe so viel gelernt in den vergangenen 13 Jahren, dass es sich wie eine große Verschwendung anfühlen würde, das nicht weiterzugeben“, sagt sie. Die A-Lizenz hat sie bereits in der Tasche. Aber sie möchte auch andere Sportarten ausprobieren, Modern Dance kann sie sich sehr gut vorstellen; sie möchte reisen, ihre kreative Ader ausleben – und auf ihren Bachelor in Media Management noch ein Masterstudium des Sport- und Eventmanagements folgen lassen, das ihr die Bundeswehr ermöglicht, aus der sie als Sportsoldatin zum Jahresende ausscheidet.

Langeweile wird also nicht aufkommen, wenn der aktive Leistungssport als Lebensinhalt wegfällt. Bevor es allerdings so weit ist, möchte Jasmin Bleul in dieser Woche in Frankfurt noch einmal „alles zeigen, was ich über die Jahre gelernt habe. Wenn ich an den Start gehe, will ich das Maximum herausholen, und das wäre der Gewinn einer Medaille“, sagt sie. Sie wird also vor ihrem Wettkampf die obligatorische Pasta Bolognese verspeisen und sich an all ihre Routinen halten, die sie sich über die Jahre angeeignet hat, um den Kopf freizubekommen. Und dann wird sie ein letztes Mal unter Beweis stellen, dass Körpersprache ihr Metier ist.