Antje Herzig, Unternehmerin von Kölblin-Herzig, im Interview für Initiative „Starke Frauen – Starker Mittelstand“; innere Stabilität stärkt Führung unter Druck
Antje Herzig - BVMW DE
Die Unternehmerin von Kölblin-Herzig, Wirtschaftspsychologie im Interview für die Initiative „Starke Frauen – Starker Mittelstand“.
Wie sind Sie dazu gekommen, Unternehmerin
Ich bin Unternehmerin geworden, weil Verantwortung für mich niemals nur eine Rolle war, sondern eine Entscheidung. Ich will gestalten und etwas bewegen in dieser Welt. Irgendwann habe ich verstanden, dass mir besonders als Unternehmerin dafür die Möglichkeiten zur Verfügung stehen.
Wenn Sie in der Zeit zurückgehen könnten, würden Sie denselben Weg nochmal gehen? Oder würden Sie etwas anders machen.
Ich würde grundsätzlich den Weg wieder gehen, aber ich würde manches beschleunigen. Aus heutiger Sicht hätte ich nicht so lange an dieser oder jener Stelle verharren sollen. Komfortzonen würde ich heute noch etwas früher verlassen, denn sie sind die wahren Bremsen auf unserem Weg. Im Leben geschieht alles zum rechten Zeitpunkt.
Aber ich habe gelernt, dass man den Zeitpunkt selbst beeinflussen kann. Die Zukunft wird schließlich nicht für uns, sondern von uns gemacht.
Welche Entscheidung würden Sie für sich als wegweisendste bezeichnen oder auch die, aus der Sie am meisten gelernt haben?
Die Entscheidung, mich nicht zu entscheiden. Ich wollte immer möglichst alles. Ich wollte mich nicht entscheiden für den Weg Familie oder Karriere. Mir war beides immer wichtig und ich wusste schon sehr früh, dass ich Kinder haben wollte. Aber die Vorstellung „nur” Mutter zu sein, war für mich nicht tragbar. Das war einfach nicht ich. Da gab es schließlich noch mehr, was das Leben bereit hielt. Aber mir war klar, dass dies bedeutete, mehr zu tun als andere. Ich wollte mehr, also musste ich dafür auch mehr tun. Die Belastung, die daraus entstanden ist, war die Konsequenz, die ich bereit war zu tragen.
Was war die größte Herausforderung, die Ihnen begegnet ist?
Die größte Herausforderung war nicht ein einzelnes Ereignis, sondern die Dauerbelastung: Wenn Komplexität steigt, wird der eigene innere Zustand zum Engpass. Genau dort entscheidet sich, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Halten wir den Stürmen stand? Oder geben wir auf? Zweiteres? Für mich niemals eine Option. Entwicklung geht nur nach vorn, niemals zurück.
Womit beschäftigen Sie sich derzeit besonders intensiv?
Wir beschäftigen uns derzeit mit einem Kernproblem im Mittelstand: Viele Unternehmerinnen und Führungskräfte sind einem enormen Wandel und Druck ausgesetzt. Sie funktionieren nur, dabei verlieren sie die Klarheit und ihre Kraft. Belastung ist ein riesiges Problem, aber rechtzeitig etwas zu tun, fällt vielen schwer. Innere Stabilität zeigt sich auch nach außen, sie beeinflusst unsere Wirkung und Schaffenskraft. Wir arbeiten daran, Entscheidungsfähigkeit und Klarheit unter Druck wieder herzustellen. „Anfangen“ ist dabei das Zauberwort. Was ist notwendig, damit Menschen rechtzeitig anfangen? Eine vermeintlich triviale, aber dennoch sehr diffizile Frage.
Wodurch erfahren Sie besondere Wertschätzung für Ihre Arbeit?
Durch unsere Kunden. Es ist erfüllend, zu sehen, wenn die eigene Arbeit Wirkung erzielt. Wenn Menschen nach Monaten sagen: „Ich schlafe wieder. Ich fühle mich klar. Ich agiere und reagiere nicht länger nur.“ Gedanken werden zu Worten und Worte werden zu Taten. Sind die Gedanken wieder klar, so werden kraftvolle Taten die konsequente Folge sein. Damit verändert sich ein Mensch und dadurch ein Stück die Welt. Dadurch erfahre ich tiefe Zufriedenheit.
Welche Botschaft möchten Sie frisch gebackenen Unternehmerinnen oder Gründerinnen
Unternehmertum bedeutet nicht nur Freiheit. Es hat auch mit Anstrengung und Durchhaltevermögen zu tun. Seien Sie mutig und glauben Sie an sich selbst. Erkennen Sie ihren eigenen Wert und ihre Fähigkeiten. Gerade bei uns Frauen liegt darin nicht immer die Stärke. Und ganz wichtig: Bauen Sie Ihre innere Führungsfähigkeit auf – bevor Sie sich überlasten. Wachstum ohne Selbstführung wird teuer. Suchen Sie sich früh ein Resonanzsystem, nicht erst, wenn es brennt.
Mit welchen wesentlichen Maßnahmen fördern Sie in Ihrem Unternehmen gezielt Female Empowerment und geben Ihren Mitarbeiterinnen Rückenwind?
Als Einzelunternehmerin lebe ich diese Überzeugung in meiner Familie intensiv. Ich versuche, meinen Töchtern Selbstbewusstsein und Stärke mitzugeben. Es gibt noch viele Schubladen und altes Strukturdenken. Davon sollte man sich nicht beeinflussen lassen. Wir versuchen, Ihnen vorzuleben: Grenzen denken wir uns nur.
Von der Politik erwarte ich hinsichtlich einer stärkeren Unterstützung von Unternehmerinnen und der Entwicklung von Frauen in Unternehmen im Allgemeinen…
Es sollte für Frauen nicht um die Entscheidung gehen, Kind oder Karriere. Es braucht Rahmenbedingungen, um dies zu vereinen. Simple Hebel, wie eine garantierte Kinderbetreuung ist noch immer keine Selbstverständlichkeit. Es gibt so viele sehr gut ausgebildete Frauen in unserem Land. In Zeiten von Führungskräftemangel sind das wertvolle Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Ich erwarte weniger Programme und mehr Verlässlichkeit: planbare Rahmenbedingungen und Förderung, die der Umsetzung dient – nicht der Verwaltung. Wenn Politik Wachstum will, muss sie die Grundlagen dafür schaffen.
Warum ist ein starkes Netzwerk für Unternehmerinnen
Weil die Wirtschaft noch immer sehr männlich geprägt ist. Das ist nicht plakativ, sondern die Realität. Es gibt tolle, erfolgreiche, taffe Frauen. Ein starkes Netzwerk ist kein Ort für Selbstdarstellung, sondern ein Resonanzraum, um sich gegenseitig zu stärken, Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Das schafft Vertrauen, auch in sich selbst. Und zeigt, was alles möglich ist.
Wie bereiten Sie sich auf einen wichtigen Termin vor?
Oh, ich bin noch immer nervös. Ich hasse das, aber es sensibilisiert mich. Ich schaue dann in mich hinein und kläre meinen inneren Zustand. Ich aktiviere Ruhe, Präsenz und Kraft. Das gibt mir Stabilität. Dann mache ich mir mein Ziel klar und definiere meine Spielräume (Minimal- und Maximalziel). Die Power-Pose hilft mir dabei.
Was halten Sie von gendern?
Ehrlich gesagt, hielt ich am Anfang nicht viel davon. Die Sprache wurde zum Teil verbogen, es fühlte sich für mich häufig zu extrem an. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich als Frau das brauche. Bis ich verstanden habe, dass es nicht darum geht. Sondern um die Veränderung des Mindsets in der Gesellschaft. Wir leben zwar nicht mehr in den 70ern.
Aber das Rollenbild ist zum Teil doch noch tiefer verhaftet, als wir denken. Gendern soll helfen, das Rollendenken zu verändern, hin zur Selbstverständlichkeit der Gleichheit. Davon sind wir noch immer entfernt. Anfangs empfand ich gendern als sehr vehement. Mit einem guten Maß und dem Verständnis, worum es eigentlich geht, finde ich es den richtigen Weg. Wenn auch nicht den alleinigen. Es braucht noch mehr dazu. Gendern kann nur ein Teil davon sein.
Was wird ihr nächstes Projekt?
Ein gesundes Mindset und die damit verbundenen Auswirkungen auf unseren Körper, bekommen einen immer größeren Stellenwert. Vielen wird immer mehr klar, dass ihr Unternehmen von ihrer Gesundheit abhängt. Unser Leitspruch lautet: Gesundheit ist kein Zufall, Krankheit auch nicht. Rechtzeitig etwas zu tun, ist das, was wir voranbringen wollen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass im Alltag oft wenig Platz ist für einen selbst. Daher braucht es geringe Hürden und machbare Formate. Prävention ist der Blickwinkel dazu. Wir schaffen Räume, in denen Unternehmerinnen und Unternehmer klar denken dürfen, bevor sie handeln müssen – und in denen Wirtschaftlichkeit und Gesundheit nicht getrennt existieren.
Was hat Sie während Ihrer Selbstständigkeit
als Führungskraft am meisten überrascht?
Die Erkenntnis, wozu ich alles fähig bin. Es hat mir die Chance gegeben, immer wieder über mich hinaus zu wachsen. Fortschritt beginnt immer mit uns und in uns selbst. Dafür bin ich dankbar. Raus aus der Komfortzone, so entsteht Wachstum.
Position: im Unternehmer-Duo mit meinem Ehemann
Selbstständig seit: Das erste Mal bereits mit 21 Jahren
Firmensitz: Breisach am Rhein (bei Freiburg)
Interviewreihe der Initiative „Starke Frauen – Starker Mittelstand“
Starken Frauen im Mittelstand: Erleben Sie die spannenden Geschichten weiblicher Talente aus dem Netzwerk des BVMW.
„Starke Frauen – Starker Mittelstand“ – Eine Initiative des BVMW
Das BVMW-Netzwerk für weibliches Unternehmertum
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