Katrin Tschupp erklärt Red Flags Erkennung Schweiz; CAS stärkt Sicherheit in klinischer Entscheidungsfindung
Warum Physiotherapeut*innen Red Flags erkennen müssen | BFH
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Warum Physiotherapeut*innen Red Flags erkennen müssen
17.06.2026 Screening und Differentialdiagnostik gewinnen in der Physiotherapie zunehmend an Bedeutung. Katrin Tschupp erklärt, weshalb Physiotherapeut*innen potenziell schwerwiegende Erkrankungen erkennen müssen und welche Kompetenzen das neue CAS vermittelt.
Das neue CAS vermittelt Kompetenzen, um Red Flags und Risikofaktoren systematisch zu erkennen und Screening-Ergebnisse fundiert zu beurteilen.
Ziel ist es, die Sicherheit in der klinischen Entscheidungsfindung zu stärken und somit die Patient*innensicherheit zu erhöhen.
Katrin Tschupp bringt internationale Erfahrung aus Studium und Berufspraxis in den USA ein und setzt sich seit Jahren für die Weiterentwicklung der Physiotherapie ein.
Was hat dich dazu bewogen, das Thema Screening und Differentialdiagnostik stärker in die physiotherapeutische Weiterbildung einzubringen?
Katrin Tschupp: Ich habe über zehn Jahre in den USA gelebt und dort als Physiotherapeutin gearbeitet. Während meines Studiums zum Doctor of Physical Therapy wurde das Thema Screening und Differentialdiagnostik – einschliesslich Bildgebung, Pharmakologie und teilweise auch Laborwerten – sehr ausführlich behandelt. Zudem arbeitete ich im Direktzugang und musste regelmässig entscheiden, ob eine Indikation für Physiotherapie bestand oder ob Patient*innen ärztlich abgeklärt werden mussten. Das systematische Screening und das Wissen über Differentialdiagnosen haben mich bei diesen Entscheidungen stark unterstützt.
Viele Patient*innen litten an Adipositas, Hypertonie oder Diabetes mellitus Typ 2, oft bereits in jüngeren Jahren. Immer wieder musste ich beurteilen, ob eine Therapie durchgeführt werden konnte oder ob eine dringliche ärztliche Abklärung oder sogar eine Überweisung in den Notfall notwendig war, beispielsweise aufgrund eines gefährlich erhöhten Blutdrucks.
Nach meiner Rückkehr in die Schweiz wurde mir bewusst, dass viele Physiotherapeutinnen zu diesem Thema deutlich weniger Ausbildung erhalten hatten und das Screening noch nicht umfassend in der Grundausbildung verankert war. Da die Patientinnensicherheit einer der wichtigsten Aspekte der Therapie ist, sollte das Screening und die Differentialdiagnostik aus meiner Sicht einen hohen Stellenwert in der Aus- und Weiterbildung haben. Zudem engagiere ich mich seit vielen Jahren für den Direktzugang in der Physiotherapie. Dafür werden fundierte Kenntnisse in Screening und Differentialdiagnostik unerlässlich sein.
Da die Patient*innensicherheit einer der wichtigsten Aspekte der Therapie ist, sollte das Screening und die Differentialdiagnostik einen hohen Stellenwert in der Aus- und Weiterbildung haben.
Wo erlebst du in der Praxis die grössten Herausforderungen oder Unsicherheiten beim Erkennen von Red Flags und potenziell schwerwiegenden Erkrankungen?
Viele Physiotherapeutinnen verlassen sich darauf, dass Patientinnen bereits ärztlich untersucht wurden. Dabei können sich Symptome verändern oder erst nach dem Arzttermin manifestieren.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass Untersuchungen wie Blutdruckmessungen, Reflexprüfungen oder die Palpation und Auskultation von Arterien in der Praxis zu wenig routinemässig durchgeführt werden. Fehlt die Übung, wird es schwieriger einzuschätzen, ob tatsächlich eine Auffälligkeit vorliegt oder ob das Ergebnis durch die eigene Unsicherheit beeinflusst wurde. Zudem sind Untersuchungen wie die Palpation des Abdomens für viele Physiotherapeut*innen noch Neuland.
Hinzu kommt, dass Patient*innen oft nur jene Informationen schildern, die sie selbst mit ihrem aktuellen Beschwerdebild in Verbindung bringen. So berichtet jemand mit neu aufgetretenen Rückenschmerzen möglicherweise nicht von gleichzeitig bestehenden Bauchschmerzen, obwohl gerade diese Kombination wichtige Hinweise auf eine andere Erkrankung liefern kann.
Umso wichtiger sind eine ausführliche Symptomanamnese, systematisches Screening und ein sorgfältiger Erstbefund. Sie bilden die Grundlage dafür, potenziell schwerwiegende Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und die richtigen Entscheidungen bei der Triage und für weitere Behandlung zu treffen.
Patient*innen schilden oft nur jene Informationen, die sie selbst mit ihrem aktuellen Beschwerdebild in Verbindung bringen.
Welche Kompetenzen sollen die Teilnehmenden durch das neue CAS erlangen?
Die Teilnehmenden lernen, Red Flags und Risikofaktoren mittels strukturiertem Screening sicher zu erkennen. Sie können Organ- und Körpersysteme gezielt untersuchen, internistische, rheumatologische und neurologische Auffälligkeiten frühzeitig identifizieren und zwischen muskuloskelettalen und potenziell schwerwiegenden Erkrankungen unterscheiden.
Mithilfe eines fortgeschrittenen Clinical-Reasoning-Prozesses interpretieren sie Screening-Ergebnisse präzise, bestimmen den Level of Concern und treffen fundierte Triage-Entscheidungen. Zudem lernen sie, Laborwerte, Bildgebung und medikamentöse Einflüsse sicher in ihre Befundung einzubeziehen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Kommunikation von Screening-Ergebnissen gegenüber Patientinnen und Ärztinnen.
Katrin Tschupp ist Physiotherapeutin und Expertin für Screening und Differentialdiagnostik. Während ihres Studiums zum Doctor of Physical Therapy und ihrer langjährigen Berufstätigkeit in den USA vertiefte sie sich umfassend in dieses Fachgebiet, das sie später auch in ihrer Doktorarbeit wissenschaftlich bearbeitete.
Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz entwickelte sie Weiterbildungsangebote zum Thema und unterrichtet seit 2017 in Master- und Weiterbildungsprogrammen. Sie wirkte an einem internationalen Expert*innenkonsens zu Screening mit, engagiert sich für den Direktzugang in der Physiotherapie und hat für die BFH das CAS Screening und Differentialdiagnostik entwickelt. Neben ihrer Lehrtätigkeit arbeitet sie in einer ambulanten Praxis in Zürich.
Was möchtest du mit dieser Weiterbildung langfristig bei den Teilnehmenden bewirken?
Die Teilnehmenden sollen langfristig mehr Sicherheit in der klinischen Entscheidungsfindung gewinnen. Sie lernen, mögliche Gefahrensituationen fundiert und strukturiert zu erkennen und müssen sich so nicht nur auf ihre Intuition verlassen.
Dadurch gewinnen sie mehr Vertrauen in ihr eigenes Clinical Reasoning und mehr Klarheit im Umgang mit komplexen Fällen. Das erhöht die Patientinnensicherheit. Gleichzeitig können Physiotherapeutinnen im Austausch mit Ärzt*innen souveräner auftreten und Screeningbefunde auf Augenhöhe besprechen.
Die CAS-Teilnehmenden lernen, mögliche Gefahrensituationen fundiert und strukturiert zu erkennen.
An wen richtet sich diese Weiterbildung und was macht sie besonders empfehlenswert?
Die Weiterbildung richtet sich an Physiotherapeutinnen, die mit Patientinnen arbeiten, insbesondere im ambulanten muskuloskelettalen Bereich. Sie ist besonders wertvoll, weil sie Sicherheit im Umgang mit potenziell kritischen Situationen vermittelt. Das fundierte und strukturierte Vorgehen stärkt die klinische Entscheidungsfindung, erhöht die Patientinnensicherheit und unterstützt Physiotherapeutinnen in ihrer professionellen Rolle.
+41 31 848 32 47
CAS Screening und Differentialdiagnostik in der Physiotherapie
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