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title: "Livia Anne Richard inszeniert So viu Läbe auf dem Gurten; Letzte Gurten-Produktion nach 24 Jahren"
sdDatePublished: "2026-06-19T11:19:00Z"
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  - "Bern-Mittelland"
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Livia Anne Richard inszeniert So viu Läbe auf dem Gurten; Letzte Gurten-Produktion nach 24 Jahren

18.06.2026 / 16h29 - Bis zum letzten Atemzug

Mit «So viu Läbe» erzählt Livia Anne Richard vom Zusammenleben der Generationen – und verabschiedet sich gleichzeitig von der Gurtenbühne, die sie fast ein Vierteljahrhundert geprägt hat.

«Schau, dass das Kissen beim Bewegen keinen Falz macht», sagt Livia Anne Richard zur Darstellerin der hochschwangeren Ärztin Aurelia. Am linken Rand spielt Musiker und Darsteller Dänu Brüggemann auf dem Klavier die titelgebende Erkennungsmelodie «So viu Läbe». Und dann macht Livia Anne Richard noch kurz einen Anruf: «Heyhey, bist du noch im Bähnli? Wir fangen um 6 mit den Proben an.»

Livia Anne Richard steht vor der Bühne auf dem Gurten, im Rücken die noch fast leere Tribüne. Es ist Anfang Juni, die zweite von elf Durchlaufproben, die Hauskulisse steht schon länger, nach und nach treten die Darstellenden fürs Aufwärmen auf die Bühne, es folgt der Soundcheck. Noch ein paar Minuten Verschnaufpause für die Crew. Ein guter Moment, um sich mit der Produzentin, Regisseurin und Autorin zu unterhalten.

Am Erfolg kanns nicht liegen

Seit 24 Jahren inszeniert Livia Anne Richard im Zweijahrestakt Freilichttheater auf dem Gurten. Diesen Sommer kommt die zwölfte Produktion auf die Bühne – es ist auch die letzte. Warum hört Livia Anne Richard ausgerechnet mit «So viu Läbe» auf? Am Erfolg kanns nicht liegen. Stücke wie «Dällebach Kari», «Einstein», «Abefahre» und «Da chönnt ja jede cho!» sahen sich 200 000 Menschen an. Auch der aktuelle Vorkauf läuft gut, das 10 000. Billett ist an dem Tag bereits verkauft. 32 Mal wird das Stück zu sehen sein.

«Nach 30 Jahren, in denen ich die volle Verantwortung für alles getragen habe, möchte ich mehr Zeit für anderes haben.» Livia Anne Richard ist nicht nur Regisseurin und Bühnenautorin, sie schreibt auch Romane und gestaltet musikalisch begleitete Lesungen. Zwei Romane seien quasi fertig in der Schublade, sagt sie. Und sie wolle einfach Theaterstücke schreiben und inszenieren, ohne Gesamtverantwortung.

Dass Livia Anne Richard aufhört, hat sehr viel mit dem Inhalt des Stücks zu tun, erklärt sie: «Mir ist die eigene Endlichkeit bewusst geworden. Das Leben vergeht so schnell, wir kommen auf die Welt, wir gehen wieder – und dazwischen haben wir einen kurzen Moment, den wir nutzen sollten, richtig zu leben. Bis zum letzten Atemzug.»

Kommen wir also zum Stück, der Durchlauf beginnt. In den gut 90 Minuten lernen wir die liebenswürdigen Bewohner*innen des «Inseli» kennen. Man muss sich ein Mehrgenerationenprojekt vorstellen, in dem ältere und teils pflegebedürftige Menschen mit ihren Kindern oder Grosskindern unter einem Dach wohnen.

Mit dem «Inseli» schafft Livia Anne Richard ein Abbild der Gesellschaft, eine schräge Arche Noah. Gegründet hat dieses «Inseli» Remo, ein ehemaliger Pfarrer, der an der Abdankung lieber fröhliche Songs zum Besten gab als Trauerreden zu halten: «Bi üs im Inseli geit ke Sarg zur Hingertüüre uus.» Mit Tochter Noemi und deren Lebenspartnerin, der Köchin Raffaela, führt er das alternative Heim, in dem Sterben und zur Welt kommen sich die Klinke in die Hand geben.

«Ich will den freien Fall!»

Auch für die frühdemente alleinstehende Lilly, die immer ihr Köfferchen dabeihat, findet sich hier ein Platz – und immer wer, der Puzzle mit ihr spielt. Zum Beispiel Pfleger Diego oder sein Bruder Yago, die hier mit ihrer hochaltrigen Mutter Margrith wohnen. Und diese Margrith, sie lässt sich weder von ihren 87 Lebensjahren noch von den Söhnen davon abhalten, einen Fallschirmflug zu buchen: «Ich will den freien Fall!», schwärmt sie.

Ein Paradiesli ist das «Inseli» dann doch nicht, denn zwischen den Generationen hängt der Haussegen oftmals schief: Das Neudeutsch der Jungen macht der resoluten Paula, einst Deutschlehrerin, zu schaffen: «Man sagt nicht ‹fighten›, sondern ‹chifle›.» Köchin Raffaela wiederum nervt sich darüber, dass Vreni, die hochbetagte Mutter von Remo, heimlich die Kochschokolade verputzt, die nun für den Coupe Dänemark fehlt.

Und Remo leidet darunter, dass es immer dieses «vegaane Züüg» gibt, und nicht jeden Tag Fleisch wie früher. Als Remo mit seinem Date Eveline auftaucht, und das «noch in seinem Alter», liegen die Nerven endgültig blank, denn Remo ist «allergisch auf das Wörtli ‹no›». Höchste Zeit, dass Theaterpädagogin Ingrid an der Tür klingelt und mit Improvisationstheater für Frieden zwischen den Jungen und den Alten sorgt – oder zumindest für eine ziemlich lustige Konfrontationstherapie.

«So viu Läbe» lebt von Situationskomik und den temperamentvollen Charakteren, die hier aufeinandertreffen. Und bringt durchaus ernste Themen ins Spiel: Genderdiversität, Klimawandel, Altersdiskriminierung – Livia Anne Richard verhandelt das auf gewohnt leichte und zugängliche Art. «Ich hatte nie das Interesse, Bubbletheater zu machen. Links und rechts soll im Publikum sitzen», erklärt sie dazu. «Ich habe meine Botschaften, aber belehren will ich nicht.» Livia Anne Richard setzt auf Sympathie und Wiedererkennung. Dies auch mit ihren Darstellenden, grossteils Laien. Viele Crew-Mitglieder sind seit Jahren dabei, die Stimmung ist familiär. Die älteste Darstellerin ist wie ihre Figur 87 Jahre alt. «Da gibts dann schon mal hitze- oder regenfrei. Wir schauen gut zueinander.»

Der Bauch setzt sich durch

Tut es nicht weh, zu gehen? «Zu wissen, dass wir alles zum letzten Mal machen, schafft ein gesteigertes Bewusstsein. Die letzte Leseprobe, die letzte zweite Durchlaufprobe. Und das darf manchmal wehtun, ja.» Beim Schreiben des Stücks habe sich das Bauchgefühl gemeldet und ihr gesagt, dass der Moment gekommen sei: «Der Kopf sagte erst nein, aber der Bauch setzt sich am Ende immer durch bei mir.»

Sie sinniert einen Moment und schiebt dann nach: «Man muss dann gehen, wenns am schönsten ist.» Diese Lebensweisheit findet sich auch im Stück gespiegelt. Bis zum letzten Atemzug bleibts spannend.

Fr., 26.6., 20.30 Uhr. Vorstellungen bis 29.8.

Wir verlosen 2x2 Tickets für eine Vorstellung nach Wahl: [email protected]