Nordrhein-Westfalen führt Reanimationskurs in Klassen 7–9 ein; Schüler gewinnen Selbstvertrauen und Sicherheit
Johanniter Juni 2026 Magazin für die Freundinnen und Freunde der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. Mit Ihren Regionalseiten Weil das Leben draußen spielt, machen die Johanniter Menschen wieder mobil und bringen sie mit anderen zusammen. Nichts wie raus. Langfristig engagiert Der „WeltPate“ setzt auf Kontinuität Helfen macht Schule Reanimation steht jetzt auf dem Stundenplan
Willkommen im Team! Ein Ehrenamt bei den Johannitern Ob im Sanitätsdienst, im Katastrophen- schutz, beim Besuchsdienst für ältere Menschen oder in der Integrations- oder Jugendarbeit: Ohne das Engagement unserer 50.000 Ehrenamtlichen wäre die Arbeit der Johanniter-Unfall-Hilfe nicht möglich. Werden auch Sie Teil einer lebendigen Gemeinschaft von Gleichgesinnten! Informieren Sie sich, wenn Sie Mitmen- schen helfen und den Sinn des Einsatzes direkt erleben wollen – durch ein Lächeln, einen Blick oder ein Dankeschön. Weitere Infos unter: www.johanniter.de/ehrenamt Service-Telefon: 0800 32 33 800
Johanniter / Juni 2026 / Willkommen 3 Präsident der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. Volker Bescht Liebe Freundinnen und Freunde der Johanniter, meine Zeiten übermütiger Outdoor-Aktivitäten – auch in den Bergen – sind spätestens seit einem Bandscheibenvorfall samt Operation vorbei. Mit dem Fahrrad vor den Toren Lüneburgs bin ich aber dennoch viel unterwegs. Und mein neuer Hund hält mich sowieso auf Trab. Ich weiß diese Freiheit und Beweglichkeit zu schätzen, so wie wohl jeder, der sie – vielleicht auch nur zwischenzeitlich – verloren hat. Dass die Johanniter zu Lande, zu Wasser und in der Luft Menschen mobil machen, und das nicht nur nach Notfällen, finde ich deshalb wunderbar. Wer davon profitiert, zeigen wir Ihnen in unserer Auf- machergeschichte. Dass wir nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen, haben viele als lateinisches Sprichwort im Kopf. Im kommenden Schuljahr gewinnt diese Um- kehrung des Seneca-Zitats in Nordrhein-Westfalen eine ganz neue Bedeutung: Denn dort wird ein Re- animationskurs für die Klassen 7 bis 9 verpflichtend. Und die Schulsanitäterinnen und -sanitäter der Johanniter sind mittendrin. Eine segensreiche Neue- rung, wie ich finde. Jungen Menschen zu zeigen, dass sie helfen können, schafft Selbstvertrauen und Sicherheit auf breiter Basis. Davon profitieren nicht nur Familienangehörige – sondern alle in unserer Gesellschaft. Denken auch Sie an andere, wenn Sie selbst die Kapazitäten dafür haben. Dieses Zusam- mengehörigkeitsgefühl macht uns Menschen aus! Themen Enge lokale Ver- netzung und lang- jährige Erfahrung macht die Arbeit im Südsudan effizient. Nordrhein-Westfalen führt Pflichtunter- richt in Erster Hilfe ein. Andere Bundes- länder sollten folgen. Vorwort Ihr Fotos: Nikolaus Brade, Peter Irungu, MSB NRW/Andrea Bowinkelmann Johanniter-Mitgliedertelefon 0800 32 33 900 (kostenlos) In Aktion Ambulante Hilfen – Mit Schwung ins Leben 04 Südsudan – Kontinuität schafft Vertrauen 10 Laienreanimation – Helfen macht Schule 13 In Kürze Namen & Nachrichten 14 Fürs Leben Gesundheit & Sicherheit 23 Service: Sommerurlaub, sorgenfrei 24 Unter Freunden Lesertelefon 26 Im Porträt – Früher war mehr Erbsensuppe! 27 Drei Fragen an Sven Korsch / Leserstimmen 28 Denkanstoß – Leichtigkeit in Sicht? 29 Zum Schluss Rätselspaß 30 Augenklick 31
15 10 13 Ihre Johanniter in Hessen, Rheinland-Pfalz und Saar
Ambulante Hilfe Bringt Schwung ins Leben.
Wer im Alter selbst nicht mehr beweglich genug ist, um das Haus zu verlassen, erhält Unterstützung von den Johannitern. Ob durch den Mobilitätshilfedienst in Berlin oder mit den Rikschas, die es gleich an mehreren Orten gibt. Wir waren bei der Saison eröffnung in Siegburg dabei. Hinten ein rüstiger Rentner, der strampelt. Und vorn zwei betagte Damen, die den noch frühlingshaft frischen Fahrtwind und die abwechslungsreiche Kulisse von Siegburg beim Auftakt der Saison 2026 genießen: Die Rikschas der Johanniter sind durch einen Elektromotor unterstützte Dreiräder – und das beliebteste Ausflugsmobil der Stadt an der Sieg. „Etwa 77 Mal sind wir vergangene Saison raus- gefahren, mehr hat uns das Wetter nicht erlaubt“, erzählt Eike Hundhausen. Tatsächlich stapeln sich die Anfragen nach einer Rikscha-Ausfahrt bei der Leiterin der „Aktiven Senioren Siegburg“ auf dem Schreibtisch. „2024 sind wir mit nur einer Rikscha gestartet.“ Schnell war klar, dass das nicht reicht. Inspiriert wurden Hundhausen und ihr Projektteam von dem sehr erfolgreichen Projekt „Radeln ohne Alter“ in Bonn. Ganz ursprünglich kommt diese Mobilitätsidee aus Kopenhagen. „Raus aus der Ein- samkeit: durch den Wald nach Lohmar, an der Sieg entlang nach Hennef oder einfach durch die Stadt zur Eisdiele und auf ein Schwätzchen. Es geht uns darum, die zu erreichen, die sonst nicht erreicht werden“, erklärt Eike Hundhausen. Eben „Rikscha op jück“, wie das Projekt in Siegburg im rheinischen Dialekt heißt, also: „Rikscha unterwegs“. Möglich wurde dieses besondere Angebot nur in Kooperation, wie Eike Hundhausen betont. Die Anschaffung der Räder – eines kostet rund Foto: Nikolaus Brade 5 Johanniter / Juni 2026 / In Aktion
„Es geht uns darum, die zu erreichen, die sonst nicht erreicht werden.“ Eike Hundhausen, Projektkoordinatorin „Aktive Senioren“ Zuhause abgeholt, wieder zu- hause abgeliefert: Das Rikscha- Taxi kommt wie gerufen. Neben den „Rikscha op jöck“ kümmert sich Eike Hundhauusen noch um eine Viel- zahl weiterer Angebote für Senioren. 14.000 Euro – und die Betriebskosten von mehreren hundert Euro pro Jahr trägt der Evangelische Verein für Altenhilfe. Auch der Evangelische Kirchenkreis beteiligt sich und der Radfahr-Verein 1894 Siegburg kümmert sich um die rechtlichen Details. Schirmherr des Projekts ist Stefan Rosemann, der Bürgermeis- ter der Stadt. Im Ruhestand Pilot / Das ehrenamtliche Team um Johanniterin Eike Hundhausen organisiert die Bu- chung der Fahrten, die Wartung der Räder und stellt die „Piloten“, wie sie ihre Fahrerinnen und Fahrer nennen. „Unsere acht Piloten sind ebenfalls alles eh- renamtliche Aktive im Ruhestand“, so Hundhausen. Einer von ihnen ist Klaus Beib. Der 66-Jährige enga- giert sich seit zwei Jahren bei den Aktiven Senioren. Er ist für Fahrdienste für all jene zuständig, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln die Fahrt zum Arzt oder zur Behörde nicht mehr schaffen, sich aber auch kein Taxi leisten können. Viel lieber aber als mit dem Auto unterwegs zu sein, tritt er bei Ausfahrten mit der Rikscha in die Pedale. „Sich bewegen in der Natur und dabei jemandem eine Freude machen: Das ist gut für die eigene Fitness, aber eben auch für das gute Gefühl, jemandem zu helfen“, erklärt er. Jahrelang war er Fördermitglied der Johanniter, bevor er sich entschloss, auch in der Seniorenhilfe aktiv dabei zu sein. Eva-Maria Schwanke gehört zu den Menschen, denen er auf diese Weise eine Freude macht. Die 87-Jährige ist nach langer Ehe nach Siegburg ge- kommen, wo eine ihrer Töchter wohnt. Sie hat Anschluss gesucht – und die „Aktiven Senioren“ der Johanniter gefunden. Ob Handarbeitskurs oder Wanderausflug: Hier gibt es Bewegung und vor allem Gemeinschaft. „Ich hab hier Freundinnen ken- nengelernt. Und wir waren auch schon gemeinsam im Urlaub“, so die Seniorin. Eine Weile hat sie selbst andere Frauen unterstützt, die nicht mehr so fit wa- ren wie sie selbst. „Doch inzwischen werden leider meine Augen immer schlechter. Ich kann kaum noch was sehen.“ Sie ist froh, mit den Aktiven Senioren Fotos: Nikolaus Brade 6
in Siegburg einen Ort zu kennen, wo ihr auch mal geholfen wird, wenn es etwa um Behördenschreiben oder Anträge für finanzielle Unterstützung geht. Und bei denen man auch einfach mal auf einen Plausch vorbeikommen kann. Lebensfreude im Taunus / Wo sie auch immer un- terwegs sind – die Rikschas sorgen in jedem Stadt- bild für Aufmerksamkeit. Seit Sommer 2025 ist das im hessischen Liederbach am Taunus genauso. Auch hier bieten die Johanniter für Seniorinnen und Se- nioren, die kaum noch selbst aktiv herauskommen, das Gefühl von Wind im Gesicht und Sonne auf der Haut. Bewegung durch die Natur bringt Lebensfreu- de: „Wir machen das für Menschen, die nicht mehr von alleine an die Orte kommen, die sie besuchen möchten“, erzählt Vera Neumann. Sie koordiniert im Begegnungsraum Liederbach diese Aktivitäten. Ak- tuell sucht der Verein noch weitere „Scouts“, wie die Fahrerinnen und Fahrer der von Geldern der Crons- tett- und Hynspergischen evangelischen Stiftung angeschafften Rikschas genannt werden. Eine ganz andere Form der Mobilisierung ist das Projekt „Wheels on Water“ in Mainz. Dort erhalten körperlich und geistig beeinträchtigte Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, mal über den Rhein zu schippern. Die Rollstühle werden dafür im vorderen Teil eines Rettungsbootes befestigt, und zwar direkt vorn am Bug. „Damit entsteht ein bisschen das Ge- fühl, schwerelos über das Wasser zu gleiten“, erklärt Claudia Siebner vom Regionalverband Rheinhessen der Johanniter – ein unvergleichliches Erlebnis für die Kinder und Jugendlichen. Raus aus der Wohnung / Mit viel mehr Bodenhaf- tung geht es dagegen in Berlin zu, wenn Ralf Luczak in Schöneberg den Klingelknopf bei seinen Klienten drückt. Sofort summt da auch schon der Öffner und es hallt ihm ein fröhliches „Guten Morgen!“ durch das Treppenhaus entgegen. Der Mobilitätshelfer der Berliner Johanniter wird nämlich bereits sehnsüchtig erwartet. Heute geht es zum Spaziergang. Wenig später bugsiert der schlanke, hochgewachsene Hel- fer seine Klientin mit dem Rollstuhl durch die Haus- tür. Brigitte Zimmer, eine zierliche Frau in fliederfar- bener Steppjacke, drückt ihm zwei Schachteln in die Hand. Ihre wachen Augen blitzen: „Puzzeln ist meine Leidenschaft!“ 300 Teile sind für sie ein Klacks. „Ich tausche immer mit meiner Freundin, die ich bei den Spaziergängen treffe.“ Brigitte Zimmer wohnt seit 1967 in der gepflegten Wohnanlage. Dass sie hier auch nach dem Tod ihres Mannes noch alleine leben kann, macht sie glücklich. Mit dem Rettungsboot bieten die Mainzer Johanniter unvergessliche Erlebnisse für Rollstuhlfahrende. Fotos: Janina Werner, Claudia Siebner Auch im hessischen Liederbach am Taunus gibt es die begleiteten Aus fahrten – wenn das Wetter mitspielt. 7 Johanniter / Juni 2026 / In Aktion
Seit gut zehn Jahren weiß sich Brigitte Zimmer in guten Händen, wenn sie mit dem Mobilitätshilfedienst unterwegs ist. Ralf Luczak ist ihr dafür ein treuer Begleiter. Einen großen Anteil daran haben die Berliner Mobili- tätshilfedienste. Das vom Land Berlin geförderte Angebot eröffnet Menschen, die eingeschränkt be- weglich sind, Mobilität und eine aktive Teilhabe am Leben. Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg erfüllen die Johanniter diese Aufgabe. Das fachlich geschulte Team begleitet mehr als 450 Klienten im Alltag – ob bei Einkäufen, ins Theater oder zu Arzt- und Friseur- besuchen. Brigitte Zimmer nimmt diese Hilfe schon seit mehr als zehn Jahren in Anspruch. Am meisten fiebert sie den Angeboten zur Teilhabe entgegen. Da treffen sich Interessierte zu gemeinsamen Spazier- gängen im Park oder Ausflügen in die Umgebung. „So oft, wie ich darf“, antwortet sie auf die Frage, wie häufig sie dort ist. „Das sind meine Highlights!“ Wohin dann letztendlich die Reise geht, ist ihr fast egal: „Das Beste ist immer das Zusammensein!“ Am liebsten zusammen / Heute steht der Körner- park im Stadtteil Neukölln auf dem Programm. Während Ralf Luczak seine Klientin die Rampe zur Liegewiese hinunter schiebt, erspäht Brigitte Zim- mer schon die kleine Gruppe, die sich dort versam- melt hat. Ihre Freundin ist noch nicht da. Nervös nestelt sie an ihrem Handy. Endlich trifft die Nach- züglerin ein, die Puzzles wechseln die Besitzerin. Nach ein, zwei Runden durch den Park macht der Trupp an einer Bank Pause. Die Stimmung ist ausge- Die Johanniter machen mobil Erreichbar sind die im Text genann