Vereinigte Staaten erhöhen Einfuhrzölle weltweit; 12% Durchschnittszollsatz, Höchster Stand seit den 1940ern
Zu den Auswirkungen des „Liberation Day“ auf die von deutschen Unternehmen wahrgenommene Unsicherheit
DE Monatsbericht – Juli 2026 EN Monthly Report – July 2026
Welchen Beitrag leistete die schlechtere preisliche Wettbewerbsfähigkeit zur jüngsten deutschen Exportschwäche?
US-Zölle und geoökonomische Fragmentierung: Implikationen für die Weltwirtschaft
2 Wirtschaftliche Auswirkungen der neuen US‑Zölle
2.1 Effekte auf die USA
label.digression: Modellbasierte Schätzungen zu den globalen Auswirkungen der US‑Zölle
label.digression: Zu möglichen zollbedingten Umlenkungen von chinesischen Exporten in die EU
label.digression: Zu den Auswirkungen des „Liberation Day“ auf die von deutschen Unternehmen wahrgenommene Unsicherheit
3 Geoökonomische Fragmentierung und Implikationen für Europa
Die US ‑Handelspolitik ist seit Anfang 2025 deutlich protektionistischer ausgerichtet. Die Vereinigten Staaten hoben ihre Einfuhrzölle stark an und stellten zentrale Prinzipien der regelbasierten multilateralen Handelsordnung offen infrage. Dieser Aufsatz untersucht die gesamtwirtschaftlichen Folgen dieser Neuausrichtung und ordnet sie in den längerfristigen Trend zunehmender geoökonomischer Fragmentierung ein.
Bislang blieben die weltwirtschaftlichen Auswirkungen der US ‑Zollerhöhungen begrenzt. Hierzu trug bei, dass die Zölle nach einer Phase der Zuspitzung teilweise wieder gesenkt wurden und viele Handelspartner auf umfassende Gegenmaßnahmen verzichteten. Zudem stützten Vorzieheffekte im Vorfeld höherer Zölle sowie die kräftige Nachfrage nach KI - bezogenen Gütern den Welthandel. Eine stärkere oder länger anhaltende Eskalation der Handelskonflikte hätte deutlich größere weltwirtschaftliche Schäden verursacht. Die bislang robuste Entwicklung der Weltwirtschaft sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Protektionismus mit erheblichen Kosten verbunden ist. Vielmehr gehen handelspolitische Restriktionen langfristig mit spürbaren Wohlfahrtsverlusten einher.
Für die Vereinigten Staaten selbst erfüllten sich zentrale Ziele der Zollpolitik bislang nicht. Das Handelsbilanzdefizit blieb hoch, die Zollkosten trugen maßgeblich zum hartnäckig hohen inländischen Preisauftrieb bei, und eine breit angelegte Reindustrialisierung ist nicht erkennbar. Für Deutschland und den Euroraum ergaben sich Belastungen vor allem über schwächere Exporte in die USA und eine erhöhte handelspolitische Unsicherheit; gesamtwirtschaftlich blieben die Auswirkungen aber bislang überschaubar.
Die jüngsten restriktiven handelspolitischen Maßnahmen der USA verstärken eine bereits seit Längerem erkennbare Fragmentierung der Weltwirtschaft entlang geopolitischer Linien. Für die Europäische Union besteht die Herausforderung darin, sich in diesem schwierigeren außenwirtschaftlichen Umfeld als handelspolitischer Akteur zu behaupten. Dabei gilt es, kritische Abhängigkeiten zu verringern und Beziehungen zu verlässlichen Handelspartnern auszubauen, etwa durch neue Handelsabkommen. Zugleich bleibt eine offene, multilaterale Handelsordnung zentral. Ihre Regeln sollten aber in Bereichen weiterentwickelt werden, in denen sie an Grenzen stoßen, ohne die grundlegenden Prinzipien infrage zu stellen.
Seit Januar 2025 wurde die US ‑Handelspolitik deutlich protektionistischer ausgerichtet. Zwar hatten die Vereinigten Staaten bereits in den Jahren 2018 und 2019 Einfuhrzölle angehoben, die handelspolitischen Maßnahmen blieben damals jedoch vor allem auf China beschränkt, und ihr Ausmaß fiel gesamtwirtschaftlich überschaubar aus. 1 Die seit Anfang 2025 beschlossenen Maßnahmen gingen deutlich darüber hinaus. Die US ‑Regierung hob Einfuhrzölle auf breiter Front an, mit Akzentuierungen bei einzelnen Handelspartnern sowie bestimmten Sektoren. Insgesamt stieg der durchschnittliche US ‑Einfuhrzollsatz von 2,3 % im Jahr 2024 auf aktuell knapp 12 % – ein Niveau, das zuletzt Anfang der 1940er Jahre erreicht worden war. 2
Die US ‑Regierung begründete die verschärfte Zollpolitik mit handels-, sicherheits- und industriepolitischen Zielen. Zu den zentralen Motiven zählten die Verringerung anhaltender Handelsbilanzdefizite, die als Ergebnis unfairer Handelspraktiken interpretiert wurden, sowie die Stärkung der heimischen industriellen Basis. Diese Zielsetzung stand im Zusammenhang mit dem zunehmenden Konkurrenzdruck durch chinesische Unternehmen auf den Weltmärkten. Chinas staatlich gelenkte Industriepolitik und der starke Ausbau industrieller Kapazitäten gingen in einigen Sektoren mit Wettbewerbsverzerrungen und Überkapazitäten einher. Darüber hinaus wurden Zölle für außenpolitische Ziele eingesetzt, wie beispielsweise gegen Kanada, Mexiko und China mit Verweis auf illegale Migration und internationalen Drogenhandel. Schließlich stellte die US ‑Regierung Einfuhrzölle als mögliche Einnahmequelle zur Begrenzung des Haushaltsdefizits dar, verbunden mit der wiederholt vorgetragenen Einschätzung, dass die Kosten weitgehend von ausländischen Handelspartnern getragen würden.
Die Neuausrichtung der US ‑Handelspolitik folgte zwar einer klaren protektionistischen Grundtendenz, sie war in ihrer konkreten Ausgestaltung jedoch von häufigen Kurswechseln und Unsicherheit geprägt. Zollregelungen wurden wiederholt angepasst, temporär ausgesetzt oder durch neue Ausnahmetatbestände ergänzt. Hinzu kamen juristische Auseinandersetzungen über die Rechtmäßigkeit einzelner Maßnahmen. 3 Dies vergrößerte die handelspolitische Unsicherheit für Unternehmen weltweit und erschwerte Entscheidungen über Investitionen, Beschaffungen und Produktionsstandorte.
Die meisten Handelspartner schlossen Vereinbarungen mit den USA , um eine Eskalation des Handelskonflikts zu vermeiden. Ausgangspunkt waren die am sogenannten „ Liberation Day “ verkündeten länderspezifischen Zusatzzölle, mit denen die US ‑Regierung aus ihrer Sicht bestehende Wettbewerbsnachteile der USA ausgleichen und persistente bilaterale Handelsdefizite verringern wollte. Fast ausnahmslos machten die Handelspartner den USA dabei in wichtigen Punkten Zugeständnisse. Das Muster bestand darin, dass Handelspartner einen weiterhin erhöhten, aber gegenüber den zuvor angedrohten Sätzen niedrigeren US ‑Importzoll akzeptierten und im Gegenzug Erleichterungen beim Marktzugang für US ‑Exporte zusagten. Ausschlaggebend waren dabei die große Bedeutung des US ‑Marktes für viele Exportländer sowie die Sorge, dass Gegenmaßnahmen zu einer handelspolitischen Eskalation mit schweren wirtschaftlichen Schäden für die eigene Volkswirtschaft führen würden. Daneben dürften teilweise Abhängigkeiten von den USA in anderen Politikfeldern, etwa der Verteidigungspolitik, eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben.
Auch die EU und die Vereinigten Staaten einigten sich auf ein Handelsabkommen. Das Abkommen sieht für den weit überwiegenden Teil der EU ‑Exporte in die USA eine Zollobergrenze von 15 % vor. 4 Gegenüber dem durchschnittlichen Zollsatz des Jahres 2024 von rund 1,2 % entspricht dies einem deutlichen Anstieg. Die Marktzugangsbedingungen für europäische Anbieter gegenüber in den USA tätigen Unternehmen verschlechterten sich somit spürbar. Die Vereinbarung entsprach weitgehend den Konditionen, die die USA auch gegenüber anderen bedeutenden Handelspartnern wie Japan und Südkorea durchsetzten.
China hingegen reagierte auf amerikanische Zollerhöhungen zunächst mit umfassenden handelspolitischen Gegenmaßnahmen. Im Frühjahr 2025 eskalierte der Zollkonflikt zwischen den USA und China. Beide Länder überzogen sich gegenseitig mit massiven Zöllen. Zudem setzte China Exportkontrollen bei Seltenen Erden ein, bei denen es entlang wichtiger Teile der Wertschöpfungskette über eine sehr starke Marktstellung verfügt. Daraufhin einigten sich beide Länder wieder auf eine deutliche Senkung der gegenseitigen Zölle. Dies stabilisierte die Handelsbeziehungen, beendete den Konflikt jedoch nicht. Beide Länder sind weiterhin bestrebt, gegenseitige Abhängigkeiten zu reduzieren.
Die verschärfte US ‑Zollpolitik stellte einen Einschnitt für die Weltwirtschaft dar und verstärkte den Trend zu einer Fragmentierung der internationalen Handelslandschaft. Der vorliegende Aufsatz untersucht vor diesem Hintergrund zunächst die internationalen wirtschaftlichen Auswirkungen der neuen US ‑Zölle. Dabei werden die direkten und indirekten Effekte auf Handel, Produktion und Preise analysiert. Anschließend werden die handelspolitischen Entwicklungen in den längerfristigen Trend einer zunehmenden geoökonomischen Fragmentierung der Weltwirtschaft eingeordnet. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Europa in einem stärker machtbasierten handelspolitischen Umfeld seine wirtschaftliche Resilienz stärken kann, ohne die Vorteile offener Märkte und regelbasierter multilateraler Kooperation aufzugeben.
2 Wirtschaftliche Auswirkungen der neuen US ‑Zölle
Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in den USA blieb nach Einführung der neuen Zölle robust. Das reale BIP stieg 2025 um 2,1 %. Damit fiel das Wachstum zwar geringer aus als in den Vorjahren, bewegte sich aber weiterhin im Bereich des Potenzialwachstums. Dabei überlagerten stützende Faktoren, insbesondere der KI ‑Investitionsboom, die negativen Wirkungen der Zollpolitik.
Die Zollpolitik führte zu erheblichen Schwankungen bei den US ‑Importen. Im Vorfeld der Zollanhebungen wurden Einfuhren in beträchtlichem Umfang vorgezogen. Die US ‑Warenimporte stiegen im ersten Vierteljahr 2025 kräftig und über zahlreiche Herkunftsländer hinweg an. Nach dem Inkrafttreten vieler Zusatzzölle im Zuge des sogenannten „ Liberation Day “ sanken sie wieder deutlich. Zeitweise fielen die Einfuhren von Vorleistungsprodukten, Konsumgütern und Kraftfahrzeugen preisbereinigt um rund ein Fünftel unter den Stand des Jahres 2024. Gleichzeitig zogen die Importe von Investitionsgütern erheblich an. Im Jahresdurchschnitt 2025 übertrafen die Warenimporte insgesamt ihren Vorjahresstand preisbereinigt um 2½ %. 5 Dies deutet darauf hin, dass die Zölle nach ihrer Einführung die Importnachfrage dämpften, der Rückgang im Gesamtjahr aber durch die robuste Wirtschaftslage, die Sonderkonjunktur im Hochtechnologiesegment und Vorzieheffekte begrenzt wurde.
Die von der US ‑Regierung angestrebte deutliche Verbesserung der Handelsbilanz blieb bislang aus. Zwar schrumpfte das Defizit der Handelsbilanz in Relation zur Wirtschaftsleistung etwas, blieb mit rund 3 % aber auch im ersten Vierteljahr 2026 hoch. Zu der leichten Verbesserung trugen vor allem steigende Ausfuhren bei. Diese Entwicklung dürfte durch Wechselkursbewegungen begünstigt worden sein: 2025 verlor der US ‑Dollar gegenüber dem Euro und einem breiten Korb an Währungen deutlich an Wert. Diese Abwertung stand im Gegensatz zu gängigen makroökonomischen Modellen, die in Reaktion auf die drastischen Zollerhöhungen eine Aufwertung des US ‑Dollar hätten erwarten lassen. Die Abwertung dürfte Einflussfaktoren widerspiegeln, welche die Nachfrage nach Vermögensanlagen in den USA verringerten. Dazu zählten Sorgen vor Handelskriegen mit negativen Auswirkungen für die US ‑Wirtschaft sowie eine offenbar gestiegene Unsicherheit der Marktteilnehmer hinsichtlich der Verlässlichkeit der US ‑Handelspolitik sowie der US ‑Wirtschafts- und Finanzpolitik im Allgemeinen. 6
Die Zollbelastung fiel bisher überwiegend in den USA an. Die Einfuhrpreise in den USA stiegen im vergangenen Jahr auch ohne Berücksichtigung der Zölle weiter an. Dies spricht dagegen, dass ausländische Exporteure die höheren Zölle in größerem Umfang nachhaltig durch Preisnachlässe kompensierten. Eine eigene detaillierte ökonometrische Analyse bestätigt dieses Bild. 7 Demnach drückte eine Anhebung des Zollsatzes um 10 Prozentpunkte zwar kurzfristig die Importpreise vor Zöllen um gut 5½ %. In den Folgemonaten bildete sich der Preisrückgang aber rasch zurück, sodass die Zollbelastung nach kurzer Zeit nahezu vollständig von US ‑Importeuren getragen wurde.
Die Kostenbelastung wirkte über die unmittelbaren Importe hinaus entlang der Wertschöpfung