Silvia Breher, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, erklärt im Interview Landwirtinnen müssen in Deutschland zusätzlich vorsorgen; zusätzliche Vorsorge nötig

Interview mit der Parlamentarischen Staatssekretärin beim Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Silvia Breher „Landwirtinnen müssen zusätzlich vorsorgen“

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Interview mit der Parlamentarischen Staatssekretärin beim Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Silvia Breher

Silvia Breher, die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat und Beauftragte der Bundesregierung für Tierschutz im Interview zu unserem Titelthema „Jahr der Landwirtin“ im LKV Magazin 02

03 2026 über die Rolle der Frau in der Landwirtschaft. Die Juristin wuchs auf einem Bauernhof im Landkreis Cloppenburg auf.

Frau Breher, warum ist das Internationale Jahr der Landwirtin so wichtig?

Silvia Breher: Es geht vor allem darum, die wichtige Rolle von Frauen in der Landwirtschaft sichtbar zu machen. Frauen leisten seit Generationen unverzichtbare Arbeit in den landwirtschaftlichen Betrieben. Das von den Vereinten Nationen ausgerufene Internationale Jahr der Frauen in der Landwirtschaft macht ganz besonders auf ihr Engagement aufmerksam, aber auch auf die Herausforderungen, mit denen Frauen in der Landwirtschaft konfrontiert sind. Dass nur rund elf Prozent der Betriebe von Frauen geführt werden, ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines strukturellen Ungleichgewichts. Genau das müssen wir ändern.

Welche Rolle spielen Frauen aus Ihrer Sicht heute in der deutschen Landwirtschaft?

Silvia Breher: Frauen tragen die Landwirtschaft – wirtschaftlich, organisatorisch und sozial. Sie geben Tag für Tag alles, ob als Betriebsleiterin, als Inhaberin, als mitarbeitendes Familienmitglied oder in der Verbandsarbeit. Ohne sie würden unsere Landwirtschaft und unsere ländlichen Räume so nicht funktionieren. Gleichzeitig sind Frauen in Führungspositionen und Entscheidungsgremien deutlich unterrepräsentiert.

Warum ist das so – warum haben so wenige Frauen in der Landwirtschaft Führungspositionen?

Silvia Breher: Die Gründe sind vielfältig. Aber vor allem haben Frauen mit strukturellen Hürden zu kämpfen. Hier geht es nicht nur um den erschwerten Zugang zu Kapital, sondern auch um ein Ungleichgewicht bei der Altersvorsorge, bei der sozialen Absicherung und bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gesellschaftliche, wirtschaftliche und institutionelle Strukturen müssen sich ändern, damit Frauen in der Landwirtschaft verstärkt in Verantwortung kommen können.

Frauen übernehmen häufig Aufgaben wie Betriebsorganisation, Buchhaltung oder Direktvermarktung. Wird diese Arbeit politisch ausreichend anerkannt?

Silvia Breher: Wir müssen insgesamt noch stärker auf die Teilhabe von Frauen achten. Das gilt nicht nur für die Landwirtschaft, sondern für unsere gesamte Gesellschaft. Davon ist auch die Politik nicht ausgenommen. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, Ungleichheiten immer weiter abzubauen. Wir brauchen das Talent, die Energie und die Tatkraft von Frauen, um unser Land und unsere Landwirtschaft weiterzuentwickeln.

Wie kann nachgeholfen werden, diese Frauen sichtbarer zu machen? Wie können Frauen in der Landwirtschaft seitens der Politik unterstützt werden? Ich denke da zum einen an deren 24

7-Job – was tut die Politik, um z.B. die Vereinbarkeit von Familie und Betrieb zu verbessern? Zum anderen frage ich mich, ob es gezielte Förderprogramme für Betriebsleiterinnen oder Gründerinnen gibt?

Silvia Breher: Wichtig ist eine stärkere Vernetzung der Frauen untereinander. Dafür hat die Konferenz Starke Frauen – starke Landwirtschaft im Bundeslandwirtschaftsministerium Anfang März eine tolle Plattform geboten. Das ist aber nur ein Baustein. Auch Mentoringprogramme tragen zur Stärkung der Frauen in der Landwirtschaft bei, wie zum Bespiel das Pilotprojekt Farm-Inkubator , bei dem es auch um Beratung bei der Hofnachfolge und bei der Existenzgründung geht. Mit Initiativen und Projekten wie diesen wollen wir Frauen dabei unterstützen, Netzwerke zu knüpfen, ihre Erfahrungen zu teilen, ihre Perspektive einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Je sichtbarer ihre Erfolge sind, desto größer ist die Vorbildfunktion von Frauen in der Landwirtschaft.

Wie bewerten Sie die soziale Absicherung von Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben – insbesondere im Hinblick auf Rente und Mutterschutz?

Silvia Breher: In der eigenständigen landwirtschaftlichen Sozialversicherung sind Landwirtinnen im Rahmen einer Pflichtversicherung bei Krankheit, für das Alter und auch bei Schwangerschaft und Mutterschaft abgesichert. Mit der Betriebs- und Haushaltshilfe der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau gibt es ein etabliertes Leistungsangebot, das auch greift, wenn Frauen bei Schwangerschaft und Mutterschaft ihren Betrieb nicht weiterführen können. Klar ist aber auch, dass die Alterssicherung der Landwirte nur als Teilsicherungssystem konzipiert ist und die Landwirtinnen zusätzlich vorsorgen müssen. Beim Mutterschutz wollen wir in dieser Legislaturperiode praktikable Lösungen für alle selbstständigen Frauen finden. Das ist unser Ziel.

Studien, darunter die Thünen-Studie „Frauen. Leben. Landwirtschaft“ zeigen, dass die Gleichstellung aller Geschlechter auf den landwirtschaftlichen Betrieben noch nicht erreicht ist, dass Frauen auf Höfen oft mitarbeiten, ohne formal als Betriebsleiterinnen anerkannt oder sozial abgesichert zu sein. Kritiker werfen der Agrarpolitik vor, dieses strukturelle Ungleichgewicht seit Jahren nicht konsequent anzugehen. Was entgegnen Sie diesem Vorwurf – und warum sind die Fortschritte hier so langsam?

Silvia Breher: Wir haben kein Erkenntnisproblem. Die Situation und die Herausforderungen von Frauen in der Landwirtschaft sind bekannt. Bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Stärkung der Frauen hinken wir allerdings hinterher. Das müssen wir selbstkritisch anerkennen. Doch es gibt jetzt die Chance, Maßnahmen zur Stärkung von Frauen in der Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2027 explizit zu verankern. Diese Chance werden wir entschlossen nutzen.

Welche persönlichen Begegnungen oder Erfahrungen haben Ihren Blick auf Frauen in der Landwirtschaft geprägt?

Silvia Breher: Ich bin auf einem landwirtschaftlichen Betrieb groß geworden. Meine Großeltern haben ihn gemeinsam aufgebaut, meine Mutter hat den Hof geerbt und auch meine Eltern haben ihn gemeinsam und auf Augenhöhe betrieben. Dennoch war mein Vater der Betriebsleiter. Ich habe selbst erlebt, dass Frauen Verantwortung übernehmen und jeden Tag Großartiges leisten. Es mangelt nicht an Kompetenz. Es mangelt an Strukturen, die Frauen unterstützen und in Verantwortung bringen. Da sind wir alle gefordert.

Silvia Breher Foto: Anne Hufnagl