Fachhochschule Graubünden entwickelt IdiomVoice Chatbot für Sursilvan in Ilanz, Graubünden; Webseite frei zugänglich im Herbst
Eine Chatbot-«Familie» zum Erhalt der Idiome - FHGR Blog
Eine Chatbot-«Familie» zum Erhalt der Idiome
«Hallo, co vai cun tei?» Wann haben Sie sich zuletzt auf Rätoromanisch unterhalten – beim Einkaufen, im Bus oder auf der Strasse? Spontane Gespräche halten eine Sprache lebendig. Doch dafür braucht es Menschen, die die Idiome im Alltag sprechen und weitergeben. Was aber, wenn die Zahl der Sprecherinnen und Sprecher abnimmt und sich der Austausch zunehmend in den digitalen Raum verlagert?
Dann muss auch das Rätoromanische dort seinen Platz finden. Digitale Werkzeuge können helfen, die Sprache im Alltag sichtbarer zu machen und Sprachlernenden neue Übungsmöglichkeiten zu bieten. Genau hier setzt das Projekt «IdiomVoice» an: es bietet einen innovativen Ansatz, um den Sprachenerhalt der rätoromanischen Idiome zu sichern. Im Rahmen des Projekts hat die Fachhochschule Graubünden einen Chatbot für das Idiom Sursilvan entwickelt, mit dem einfache Alltagsgespräche geführt werden können.
Gesprächspartnerin ist keine anonyme Maschine, sondern Mitglieder der fiktiven Familie Camenisch aus Ilanz. Sie erzählen von ihrem Alltag, ihren Gewohnheiten und dem Leben in der Surselva. So üben die Nutzerinnen und Nutzer nicht nur Sursilvan, sondern begegnen ganz nebenbei auch der Kultur der Region. Der Chatbot knüpft inhaltlich an das Lehrmittel «arvaportas» der Pädagogischen Hochschule Graubünden an und ergänzt es um etwas, das beim Sprachenlernen oft zu kurz kommt: das freie Sprechen.
Denn viele kennen die Situation: Man versteht vieles, doch im entscheidenden Moment fehlen einem die Worte – oder der Mut, sie auszusprechen. Die Chatbots der «Chattaria Camenisch» bieten einen geschützten Raum, in dem niemand bewertet wird und jedes Gespräch beliebig oft neu begonnen werden kann. Ziel ist es, Hemmungen abzubauen und die mündliche Sicherheit zu stärken.
Damit ein Chatbot solche Gespräche führen kann, braucht es im Hintergrund ein leistungsfähiges Sprachmodell. Gängige Modelle beherrschen vor allem verbreitete Sprachen wie Englisch, Deutsch oder Französisch. Minderheitensprachen sind dagegen meist ungenügend vertreten. Für «IdiomVoice» musste deshalb zunächst ein eigenes Sprachmodell für Sursilvan entwickelt werden. Der Start mit diesem Idiom lag nahe: Sursilvan hat die grösste Sprecherzahl und verfügt über vergleichsweise viele digitale Textdaten. Unser Sprachmodell ist kein Übersetzungsprogramm und auch kein digitaler Assistent. Es ist auf Dialogisierung spezialisiert und als digitaler Chatpartner konzipiert: Es geht auf Fragen ein, setzt selbst Gesprächsimpulse und führt Gespräche über alltägliche Themen in Sursilvan. Trainiert wurde es mit Unterstützung der Swiss AI Initiative auf den Supercomputern des Swiss National Supercomputing Centre.
«IdiomVoice» ergänzt bestehende Initiativen zur Digitalisierung des Rätoromanischen. Das kürzlich veröffentlichte Übersetzungssystem ALAS der Universität Zürich und der Lia Rumantscha beispielsweise ist ein wichtiges Werkzeug für Gemeinden und Institutionen. Ergänzend hierzu liegt der Schwerpunkt von «IdiomVoice» auf der gesprochenen Alltagssprache und auf dem Erwerb von Sprachkompetenz.
Im Herbst wird die «Chattaria» mit den Chatbots der Familie Camenisch über eine Webseite frei zugänglich sein. Auch das Sprachmodell für Sursilvan soll zur freien Verwendung veröffentlicht werden und damit die Grundlage für weitere Anwendungen schaffen. Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Tourismus und Gemeinden untersuchen wir zudem, wo solche Lösungen künftig sinnvoll eingesetzt werden könnten. Dann beginnt der nächste rätoromanische Dialog vielleicht nicht auf der Strasse, sondern am Bildschirm. Entscheidend ist, dass er überhaupt beginnt – und dass aus dem digitalen Üben bald wieder ein echtes «Co vai cun tei?» im Alltag wird.
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Nadine Ganz und Prof. Dr. Elke Schlote forschen und lehren am Institut für Multimedia Production der Fachhochschule Graubünden. Alle Informationen zum Projekt finden sich auf: fhgr.ch
idiomvoice. Alle vier Wochen diskutiert die Fachhochschule im Kanton Graubünden an dieser Stelle aktuelle Themen aus Studium und Forschung.