Willy Wilkens HFV Gewaltprävention Hamburg; nur fünf von fast 500 negativ aufgefallen

HFV-Themenwoche: „Gewalt lässt sich nicht komplett vermeiden, aber wir können etwas dafür tun“ - Hamburger Fußball-Verband e.V.

HFV-Themenwoche: „Gewalt lässt sich nicht komplett vermeiden, aber wir können etwas dafür tun“

Interview mit Willy Wilkens aus dem Bereich Gewaltprävention

Fußball lebt von Emotionen, Leidenschaft und Wettkampf. Doch wo viele Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen und Gefühlen aufeinandertreffen, entstehen auch Konflikte. Deshalb ist Gewaltprävention seit vielen Jahren ein wichtiger Bestandteil der Verbandsarbeit im Hamburger Fußball-Verband.

Im Rahmen unserer Themenwoche „Gesellschaftliche und soziale Verantwortung“richten wir den Blick auf die Themen, die den Fußball weit über den Spielbetrieb hinaus prägen. Für den Bereich Gewaltprävention haben wir mit Willy Wilkens gesprochen. Er engagiert sich seit vielen Jahren im Gewaltpräventionsteam des HFV und setzt sich dafür ein, Konflikte frühzeitig zu erkennen, Eskalationen zu vermeiden und den respektvollen Umgang im Fußball zu stärken.

Während unseres Themenschwerpunkts „Soziale und gesellschaftliche Verantwortung“ und im Rahmen der diesjährigen Hamburger Pride Week stellen wir diese Woche verschiedene Bereiche des HFV vor, die weit über das Geschehen auf dem Fußballplatz hinausgehen. Dazu gehört neben Integration, Fair Play, sexuelle Vielfalt und Inklusion auch Gewaltprävention. Über den digitalen Bildschirm hinaus geht dabei die Out-of-Home-Plakatkampagne „Alle im Spiel – für Vielfalt & Respekt auf und neben dem Platz“, die bis Anfang dieser Woche an rund 250 Standorten in und um Hamburg zu sehen war. Zudem setzt der HFV mit der Pride-Flagge an der Geschäftsstelle sowie der Teilnahme am Christopher Street Day am Samstag, den 1. August, ein Zeichen für Vielfalt, Respekt und gesellschaftlichen Zusammenhalt im Fußball.

HFV: Wie kann Gewalt im Fußball verhindert werden?

Willy Wilkens: Gute Frage. Indem alle sensibilisiert sind. Gewalt lässt sich meines Erachtens nicht in einem so dynamischen und emotionsgeladenen Sport wie Fußball komplett vermeiden. Dieser Illusion sollten wir nicht nachlaufen. Aber wir können etwas dafür tun, dass sich Gewalt im Rahmen hält und die negativen Schlagzeilen, die dadurch produziert werden, nicht überhandnehmen.

Wir hatten eine Zeit lang an jedem Wochenende Spielabbrüche. Das hat sich offensichtlich in den letzten zwei bis drei Jahren etwas relativiert. Die meisten Vorfälle konzentrieren sich auf den Herbst, wenn die Saison gerade startet und viele besonders motiviert sind, sowie auf die entscheidende Phase zum Saisonende, wenn es um Meisterschaften, Auf- oder Abstiege geht. Dann wird es häufig etwas hektischer. Ansonsten haben sich aus meiner Sicht in den vergangenen Jahren viele positive Entwicklungen ergeben. Das ist zwar keine wissenschaftlich belastbare Einschätzung, sondern eher eine Wahrnehmung aus der Arbeit in den Vereinen und auf den Sportplätzen vor Ort. Aber genau diese Entwicklung nehme ich wahr.

HFV: Welche Auswirkungen haben Gewaltvorfälle auf Spielerinnen und Spieler, Schiedsrichterinnen, Schiedsrichter und Vereine?

Willy Wilkens: In erster Linie führen Eskalationen zu großer Verunsicherung. Eskalation und Gewalt verunsichern Menschen immer. Sie produzieren Angst, Verletzungen, Demütigungen und Erniedrigungen. All das sind Dinge, die wir in einem respektvollen Sport nicht brauchen. Je mehr wir solche Situationen reduzieren können, desto sicherer, souveräner und selbstbewusster können Spielerinnen und Spieler sowie Trainerinnen und Trainer auftreten.

Die gesellschaftliche Realität sieht leider an vielen Stellen etwas anders aus. Gerade respektvoller Umgang wird auch im Spitzenfußball nicht immer vorgelebt. Das konnte man zuletzt bei internationalen Turnieren beobachten, als Mannschaften wie Argentinien in Niederlagen- oder Konfliktsituationen kein gutes Beispiel abgegeben haben. Solche Bilder wirken natürlich auch in den Amateurfußball hinein. Gerade bei Kindern und Jugendlichen hinterlässt das Spuren, die wir anschließend wieder aufarbeiten und korrigieren müssen, wenn die Auswirkungen allzu stark sind.

HFV: Welche Entwicklungen hast du in den letzten Jahren erlebt?

Willy Wilkens: Wir haben sehr viele positive Entwicklungen bei den einzelnen Spielerinnen und Spielern erlebt, die hier an den Coolness-Trainings teilgenommen haben. Wir haben dazu eine kleine Statistik. Die ist eher Kaffeesatzforschung als wissenschaftlich belastbar. Aber was sehr deutlich heraussticht, ist, dass nur fünf Spieler, die in den letzten 20 Jahren am Coolness-Tag teilgenommen haben, anschließend in irgendeiner Form noch einmal negativ aufgefallen sind – von fast 500 Personen, die durch die verschiedenen Trainings gelaufen sind. Das bewerte ich als deutlichen Erfolg.

Wir haben aber auch dramatische Rückfälle erlebt bei einzelnen Vereinen und Teams, die trotz der Maßnahme „Fit für Fairplay“ und trotz Coolness-Tag Schwierigkeiten hatten, sich auf dem Platz angemessen zu verhalten. Auf der anderen Seite gibt es Vereine, die mehrere Maßnahmen durchlaufen haben und sehr positive Entwicklungen gemacht haben. Sie fallen heute gar nicht mehr negativ auf und sparen dadurch auch Strafgelder ein, weil sie Zeit und Energie in diese Maßnahmen investiert haben.

HFV: Du sprichst von „Fit für Fairplay“ und Coolness-Tagen…

Willy Wilkens: Genau, wir haben in den letzten 20 Jahren jede Menge Veranstaltungen auf den verschiedensten Ebenen der Prävention entwickelt und durchgeführt. Angefangen mit dem Coolness-Tag für Jugendliche, der inzwischen über 20 Jahre alt ist, bis hin zu den „Fit für Fairplay“-Veranstaltungen für Teams in den Vereinen, dem Spielabbruchcoaching sowie Führungsspielerinnen-Trainings. Damit haben wir eine ganze Reihe von Angeboten auf den unterschiedlichen Ebenen der Primärprävention, der Sekundärprävention und der Tertiärprävention.

HFV: Was genau ist „Fit für Fairplay“ genau?

Willy Wilkens: „Fit für Fairplay“ ist ein primärpräventives Angebot, bei dem wir in erster Linie schwierige Situationen für Teams, einzelne Spielerinnen und Spieler oder Teilteams theoretisch durchsprechen. Anschließend versuchen wir, diese Situationen auf den Platz zu übertragen, sie dort durchzuspielen und gemeinsam zu schauen, wie die Spielerinnen und Spieler solche schwierigen Situationen – teilweise unter Einbezug der Trainerinnen und Trainer, teilweise auch ohne sie – lösen können, ohne dass es zu Eskalationen oder Gewalt kommt.

HFV: Was sind deine Aufgaben in der Gewaltprävention?

Willy Wilkens: Meine Aufgaben waren bisher immer, die verschiedenen Maßnahmen und Angebote im Bereich Gewaltprävention zu koordinieren. Diese Aufgaben hat Yorrick Heimsath, der sich im Hauptamt um den gesamten Bereich „Soziale und gesellschaftliche Verantwortung“ kümmert, inzwischen freundlicherweise übernommen. Dadurch wird sichergestellt, dass die geplanten Veranstaltungen auch tatsächlich durchgeführt werden können. Darüber hinaus gehört auch die Durchführung von Trainings mit Trainerinnen und Trainern, Spielerinnen und Spielern, Betreuerinnen und Betreuern sowie Verantwortlichen aus den Vereinen zu den Aufgaben.

HFV: Du sprichst das Gewaltpräventionsteam des HFV an. Was ist das genau?

Willy Wilkens: Das Gewaltpräventionsteam ist eine offene Gruppe von fußballaffinen Menschen, die unter anderem Wurzeln in der Pädagogik haben, insbesondere in der Sozialpädagogik. Viele arbeiten mit Konflikten und in Konfliktfeldern, insbesondere mit Jugendlichen, oder kommen aus der Jugendhilfe beziehungsweise Jugendarbeit. Gleichzeitig sind sie in Vereinen angebunden und aktiv. Diese beiden Bereiche sind aus meiner Sicht besonders wichtig, wenn man in der Gewaltprävention arbeiten möchte. Man braucht einerseits Erfahrungen aus dem Fußball und andererseits fachliches Hintergrundwissen, um die Arbeit gut machen zu können.

HFV: Was wünschst du dir für die Zukunft?

Willy Wilkens: Für die Zukunft wünsche ich mir, dass der Fußball weniger Spielabbrüche produziert, dass es weniger böse Fouls gibt und vor allem mehr Respekt untereinander herrscht. Vor allem gegenüber Schiedsrichtern und Schiedsrichterinnen, aber auch gegenüber der gegnerischen Mannschaft und dem gegnerischen Team. So, dass wir dann hier im Präventionsteam irgendwann weniger Arbeit haben. Für das Präventionsteam wünsche ich mir, dass es weiterhin ein sehr belastbares Team bleibt, das gute Arbeit leisten kann, gute Voraussetzungen vorfindet, sich hier im Verband willkommen fühlt und gut ankommen kann – auch dann, wenn in Zukunft viele neue Gesichter dazukommen werden.

Vielen Dank für das Interview!

HFV-Themenwoche „Soziale und gesellschaftliche Verantwortung“

Im Rahmen des Themenschwerpunktes „Soziale und gesellschaftliche Verantwortung“ stellen wir Bereiche des Verbandes vor, die weit über das Geschehen auf dem Fußballplatz hinausgehen. Fußball ist mehr als Spielbetrieb, Tabellen und Titel. Inklusion, sexuelle Vielfalt, Integration, Gewaltprävention und Fair Play sind ebenso fester Bestandteil der Verbandsarbeit und Entwicklung des Hamburger Fußballs.

Mehr davon? Alle Interviews gibt es im Video auf den HFV-Social-Kanälen auf Instagram und Facebook und am 01.08. sind wir beim Hamburger CSD dabei! Sehen wir uns?

Hamburger Fußball-Verband e. V. (HFV) Wilsonstraße 74 a-b 22045 Hamburg