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title: "KlikAktiv und PRO ASYL veröffentlichen Bericht über Todesfälle und Verschwinden in Serbien auf der Balkanroute; Todesfälle sichtbar gemacht"
sdDatePublished: "2026-07-31T16:47:00Z"
source: "https://www.proasyl.de/news/ohne-jede-spur-vom-sterben-und-verschwinden-auf-der-balkanroute/"
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  - "Afghanistan"
  - "Germany"
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KlikAktiv und PRO ASYL veröffentlichen Bericht über Todesfälle und Verschwinden in Serbien auf der Balkanroute; Todesfälle sichtbar gemacht

Ohne jede Spur – vom Sterben und Verschwinden auf der Balkanroute | PRO ASYL

Ohne jede Spur – vom Sterben und Verschwinden auf der Balkanroute

Jedes Jahr sterben Geflüchtete auf der Balkanroute. Sie ertrinken, erfrieren, verunglücken. Viele dieser Todesfälle bleiben unsichtbar. KlikAktiv, eine serbische Partnerorganisation von PRO ASYL, hat nun untersucht, was mit Menschen geschieht, die auf der Flucht sterben – und mit ihren Familien zu Hause, die oft im Ungewissen bleiben.

Für vie­le geflüch­te­te Men­schen ist Ser­bi­en die letz­te Hür­de auf ihrem Weg in die Euro­päi­sche Uni­on. Vie­le von ihnen haben meist schon Mona­te oder sogar Jah­re der Flucht hin­ter sich. Das Ziel scheint zum Grei­fen nah: Nur noch die Gren­ze nach Kroa­ti­en, Ungarn oder Bul­ga­ri­en trennt sie von der Hoff­nung auf Sicher­heit und ein Leben ohne Krieg und Ver­fol­gung. Doch gera­de auf die­sem letz­ten Abschnitt wird die Flucht noch­mal sehr gefährlich.

Die Flucht aus den kriegs­ge­schüt­tel­ten Regio­nen des Nahen Ostens, Zen­tral­asi­ens und Afri­kas nach West­eu­ro­pa führt die­se Men­schen durch Län­der, von denen sie vor ihrem Auf­bruch oft nie gehört hat­ten. Auch davon, was hier – auch im erklär­ten Inter­es­se der EU – geschieht, hat­ten sie sich vor­her kei­ne Vor­stel­lung gemacht.

Klik­Ak­tiv ist eine Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on mit Sitz in Bel­grad in Ser­bi­en, einem die­ser Län­der. Sie setzt sich für mar­gi­na­li­sier­te Men­schen und ins­be­son­de­re für Geflüch­te­te und Migrant*innen ein. Die Koope­ra­ti­on zwi­schen klik­Ak­tiv und PRO ASYL besteht seit 2021. Jetzt hat klik­Ak­tiv mit der Unter­stüt­zung von PRO ASYL einen Bericht ver­öf­fent­licht (in eng­li­scher Spra­che), der für die Bal­kan­rou­te die Todes­fäl­le und Fäl­le, in denen Men­schen spur­los ver­schwun­den sind, sicht­bar macht: » Vanis­hing Wit­hout a Trace: Death and Dis­ap­pearance in Ser­bia as part of the Bal­kan Rou­te « .

Seit dem Bür­ger­krieg in Syri­en ent­wi­ckel­te sich die Bal­kan­rou­te zu einem der wich­tigs­ten Flucht­we­ge nach Euro­pa. Im Jahr 2015 wur­de der Weg über Grie­chen­land, Maze­do­ni­en, Ser­bi­en, Ungarn und schließ­lich Öster­reich zur Haupt­flucht­rou­te von Schutz­su­chen­den – vor allem aus den Kriegs- und Kri­sen­ge­bie­ten in Syri­en, dem Irak und Afghanistan.

Schrittweise Schließung der Balkonroute seit 2015

Nach­dem Ungarn sei­ne Gren­ze zu Ser­bi­en im Sep­tem­ber 2015 kom­plett geschlos­sen hat­te, begann eine schritt­wei­se Abschot­tung. Mit­te Sep­tem­ber führ­te Deutsch­land wie­der Grenz­kon­trol­len ein. Im Okto­ber 2015 ver­ein­bar­ten die Staa­ten ent­lang der Rou­te (dar­un­ter Deutsch­land, Öster­reich, Kroa­ti­en, Slo­we­ni­en, Ser­bi­en, Nord­ma­ze­do­ni­en und Grie­chen­land) einen 17-Punk­te-Akti­ons­plan, um die Flucht­be­we­gun­gen zu kontrollieren.

Im März 2016 wur­de die Bal­kan­rou­te als orga­ni­sier­ter Tran­sit­kor­ri­dor fak­tisch geschlos­sen . Damit änder­te sich die Situa­ti­on grund­le­gend. Es kamen nicht weni­ger Men­schen – ihre Wege wur­den ledig­lich län­ger, gefähr­li­cher und unsicht­ba­rer. Grenz­zäu­ne, ver­schärf­te Kon­trol­len und gewalt­sa­me Zurück­wei­sun­gen führ­ten dazu, dass immer mehr Men­schen abge­le­ge­ne Wäl­der, Gebir­ge und Flüs­se durch­que­ren muss­ten – und bis heu­te müs­sen. Gleich­zei­tig wur­den sie immer stär­ker von Schleu­ser­netz­wer­ken abhängig.

Auch in Ser­bi­en hat sich die Situa­ti­on für Geflüch­te­te und Migrant*innen immer wei­ter ver­schärft, berich­tet klick­Ak­tiv. Weil Ser­bi­en das Nadel­öhr der West­bal­kan­rou­te ist, das letz­te Nicht-EU-Land, ver­üben Grenz­po­li­zis­ten hier beson­ders vie­le gewalt­sa­me Push­backs. Die Stim­mung in der Bevöl­ke­rung ist nach einer Pha­se des Will­kom­mens stark nach rechts gekippt. Die Poli­zei geht immer häu­fi­ger mit Gewalt gegen Geflüch­te­te vor.

In der Fol­ge ist auch die Skep­sis von Geflüch­te­ten und Migrant*innen gegen­über der Poli­zei und ande­ren staat­li­chen Insti­tu­tio­nen gewach­sen. Die Angst vor Abschie­bun­gen oder Zurück­wei­sun­gen ist groß. Des­halb ste­hen auch die staat­li­chen Auf­nah­me­ein­rich­tun­gen so gut wie leer. Die meis­ten Men­schen gehen in inof­fi­zi­el­le Camps, die » squats « , und lie­fern sich damit den Schleu­sern aus, die die­se Lager betrei­ben. Sie lie­gen an den Stadt­rän­dern, in Wäl­dern und zum Teil in den Grenz­re­gio­nen. Von medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung und huma­ni­tä­rer Hil­fe sind die Schutz­su­chen­den dort weit­ge­hend abgeschnitten.

Ihr höchs­tes Ziel: für den Staat unsicht­bar zu blei­ben, um es über die Gren­ze zu schaf­fen. Unter den Geflüch­te­ten hat sich dafür der zyni­sche Begriff » Game « ein­ge­bür­gert. Ein » Spiel « , bei dem es um Leben und Tod geht. Immer wie­der endet es für Schutz­su­chen­de mit dem Tod.

Nie­mand weiß genau, wie vie­le Men­schen auf der Bal­kan­rou­te ster­ben. Ver­schie­de­ne Behör­den füh­ren unter­schied­li­che Lis­ten – oder gar kei­ne. Poli­zei, Staats­an­walt­schaf­ten, Gerichts­me­di­zin und Fried­hofs­ver­wal­tun­gen arbei­ten kaum zusam­men. Dadurch erge­ben sich wider­sprüch­li­che Zah­len, und vie­le Todes­fäl­le wer­den über­haupt nicht registriert.

Mindestens 744 Tote in zehn Jahren auf der Balkanroute

Als Reak­ti­on auf das staat­li­che Ver­sa­gen hat ein Netz­werk aus NGOs und Aktivist*innen in den Bal­kan­län­dern eine eige­ne Daten­bank für Todes­fäl­le erstellt: die » 4D «- Daten­bank. Laut den 4D«-Daten wur­den zwi­schen 2015 und Ende 2025 auf der Bal­kan­halb­in­sel (vor allem in Kroa­ti­en, Slo­we­ni­en, Ser­bi­en und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na) 744 Todes­fäl­le regis­triert. Die Autor*innen des klik­Ak­tiv-Berichts ver­mu­ten, dass die tat­säch­li­che Zahl deut­lich höher ist, da vie­le Todes­fäl­le nicht gemel­det werden.

Wie gefähr­lich die Flucht über die Bal­kan­rou­te ist, zei­gen unzäh­li­ge Ein­zel­schick­sa­le. Im Novem­ber 2017 starb die sechs­jäh­ri­ge Madi­na Hus­si­ny aus Afgha­ni­stan an der ser­bisch-kroa­ti­schen Gren­ze. Ihre Fami­lie war von kroa­ti­schen Behör­den zurück­ge­wie­sen wor­den und soll­te ent­lang der Bahn­glei­se nach Ser­bi­en zurück­lau­fen. Dabei wur­de das Mäd­chen von einem Zug erfasst und getö­tet. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ent­schied , dass hier Men­schen­rech­te ver­letzt wor­den waren und ver­ur­teil­te Kroa­ti­en wegen ille­ga­ler Push­backs – doch bis heu­te wur­de nie­mand für ihren Tod zur Ver­ant­wor­tung gezogen.

Eine häu­fi­ge Todes­ur­sa­che ist Ertrin­ken. Beson­ders gefähr­lich ist die Dri­na, der Grenz­fluss zwi­schen Ser­bi­en und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na. Immer wie­der kom­men hier Men­schen ums Leben. Im August 2024 ertran­ken zwölf Men­schen, nach­dem Schleu­ser etwa 30 Per­so­nen in ein viel zu klei­nes Boot gesetzt hat­ten. Es sei geken­tert, berich­te­ten Über­le­ben­de. Unter den Ver­stor­be­nen war die zehn Mona­te alte Lana mit ihren Eltern. Drei ihrer Geschwis­ter über­leb­ten das Unglück. Erst nach einem lan­gen büro­kra­ti­schen Kampf konn­ten sie ein Jahr spä­ter zu Ver­wand­ten in die Nie­der­lan­de ziehen.

Die Dri­na ist nur einer der töd­li­chen Flüs­se ent­lang der Bal­kan­rou­te. Auch in der Donau und der Theiß ertrin­ken Men­schen. Ande­re ver­ir­ren sich in den Ber­gen an der ser­bisch-bul­ga­ri­schen Gren­ze, wo sie bei eisi­gen Tem­pe­ra­tu­ren erschöpft ster­ben oder erfrie­ren. Immer wie­der berich­ten Über­le­ben­de, dass sie unter­wegs Lei­chen gese­hen haben oder schwer ver­letz­te Men­schen zurück­las­sen muss­ten, weil sie aus Angst vor Poli­zei oder Push­backs kei­nen Not­ruf wag­ten. Man­che erzäh­len, sie hät­ten Ver­stor­be­ne not­dürf­tig mit Erde oder Laub bedeckt, weil sie kei­ne ande­re Mög­lich­keit hatten.

Hin­zu kom­men töd­li­che Ver­kehrs­un­fäl­le, Schie­ße­rei­en zwi­schen riva­li­sie­ren­den Schleu­ser­grup­pen und lebens­ge­fähr­li­che Trans­port­me­tho­den. Men­schen wer­den in über­füll­te Lie­fer­wa­gen gepfercht, ver­ste­cken sich unter Last­wa­gen oder ver­su­chen, auf Güter­zü­gen Gren­zen zu über­win­den. Der Preis für die Hoff­nung auf Sicher­heit ist für vie­le das eige­ne Leben.

Quälende Ungewissheit für die Familien

Doch der Tod ist oft nicht das Ende der Geschich­te, wie der Bericht deut­lich macht. Es folgt ein zwei­tes Ver­schwin­den – aus den Akten, Daten­ban­ken und Zustän­dig­kei­ten der Behör­den. Auch hier ver­su­chen NGOs wie klik­Ak­tiv, dage­gen zu steu­ern. Eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung ist die Iden­ti­fi­zie­rung der Ver­stor­be­nen. Vie­le besit­zen kei­ne Aus­weis­pa­pie­re mehr oder haben unter­wegs fal­sche Namen ange­ge­ben. Häu­fig wer­den sie nur als » NN « – Nomen Nescio , unbe­kann­ter Name – regis­triert und auf kom­mu­na­len Fried­hö­fen bei­gesetzt. Ihre Grä­ber tra­gen ledig­lich eine Num­mer oder die Buch­sta­ben » NN « . Mit der Zeit ver­wit­tern selbst die­se ein­fa­chen Kennzeichnungen.

Für die Fami­li­en der Ver­stor­be­nen ist die­se Situa­ti­on ein Alb­traum, der oft nie endet. Eltern, Geschwis­ter oder Ehe­part­ner ver­lie­ren plötz­lich jeden Kon­takt. Viel­leicht mel­det ein Schleu­ser, jemand sei im Fluss ertrun­ken. Viel­leicht berich­tet ein Mit­rei­sen­der von einem Unfall in den Ber­gen. Viel­leicht hört die Fami­lie ein­fach nie wie­der etwas. Einen Beweis gibt es meist nicht. Vie­le hof­fen des­halb jah­re­lang wei­ter, der Sohn oder die Toch­ter könn­te in einer staat­li­chen Ein­rich­tung für Geflüch­te­te, in einem Kran­ken­haus oder Gefäng­nis auftauchen.

»Diese Ungewissheit ist wie Folter«

Klik­Ak­tiv erzählt die Geschich­te des damals 15-jäh­ri­gen Amir Khan aus Afgha­ni­stan. Er hat­te sich 2021 auf den Weg nach Euro­pa gemacht und von unter­wegs Fotos, Vide­os, Stand­or­te geschickt. Das letz­te Lebens­zei­chen war ein Anruf von Amir bei sei­ner Fami­lie am 24. Novem­ber 2021. Er sei in Ser­bi­en und wol­le jetzt die Gren­ze nach Bos­ni­en über­que­ren. Kurz dar­auf erhiel­ten die Eltern die Nach­richt, Amir sei ver­mut­lich beim Ver­such, die Dri­na zu über­que­ren, ertrun­ken. Sei­ne Lei­che wur­de jedoch nie gefunden.

In einem Gespräch mit PRO ASYL beschrei­ben Amirs Eltern, wie es ist, seit Jah­ren zwi­schen Hoff­nung und Ver­zweif­lung zu leben: » Unse­re Träu­me sagen uns, dass Amir lebt. Wir haben immer noch Hoff­nung. Aber ein gan­zes Leben lang zu war­ten, ohne jemals Gewiss­heit zu haben, wäre noch schmerz­haf­ter, als an einem Tag zu erfah­ren, dass er nicht mehr am Leben ist. Nicht zu wis­sen, was mit ihm gesche­hen ist – dar­un­ter lei­den wir am meis­ten. Jede Sekun­de war­ten wir auf irgend­ei­ne Nach­richt über ihn. Trau­er ist etwas, das wir durch­ste­hen könn­ten. Aber die­se Unge­wiss­heit ist wie Fol­ter. « Und die­se Unge­wiss­heit gehört zu den grau­sams­ten Fol­gen der Flucht.

Men­schen kön­nen trau­ern, wenn sie Abschied neh­men dür­fen. Sie könn­ten ein Grab besu­chen, Blu­men nie­der­le­gen und Gewiss­heit fin­den. Den Fami­li­en der Ver­miss­ten bleibt all das verwehrt.

Hin­ter jeder Zahl steht ein Mensch mit einer Geschich­te, mit Hoff­nun­gen. Und Ange­hö­ri­ge, die auf Nach­richt war­ten. Wer auf der Flucht stirbt, darf nicht ein zwei­tes Mal ver­schwin­den – in anony­men Grä­bern, lücken­haf­ten Akten oder büro­kra­ti­scher Gleich­gül­tig­keit, sind die Autor*innen des Berichts über­zeugt. Jeder Mensch hat das Recht auf einen Namen, auf eine wür­de­vol­le Bestat­tung und dar­auf, dass sei­ne Fami­lie erfährt, was gesche­hen ist. Nie­mand soll­te spur­los ver­schwin­den, weil er eine Gren­ze über­quert hat. Und kei­ne Fami­lie soll­te für immer im Unge­wis­sen bleiben.

Dabei gäbe es Mög­lich­kei­ten, die­ses Leid zu ver­rin­gern. Eine davon ist der DNA-Test. For­mal hat Ser­bi­en Ver­fah­ren zur Iden­ti­fi­zie­rung von Lei­chen. Die­se wer­den in der Pra­xis aber oft nicht durch­ge­führt. Grund dafür, erläu­tert klik­Ak­tiv, ist neben einem Man­gel an Res­sour­cen auch feh­len­des Inter­es­se der Behör­den, wenn die Ver­stor­be­nen aus dem Aus­