Alexey Yusupov erläutert Struktur hinter Russlands Kriegsführung am Moltkesaal des BMVg; Russland plant Ukraine-Städte unbewohnbar zu machen
“Beide Seiten sehen und die Prozesse einordnen” - Reservistenverband
„Beide Seiten sehen und die Prozesse einordnen“
Alexey Yusupov, Leiter des Russlandprogramms und des Regionalbüros Osteuropa der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Alexey Yusupov, Leiter des Russlandprogramms und des Regionalbüros Osteuropa der Friedrich-Ebert-Stiftung, richtete am Mittwochabend den Blick auf die strukturellen Faktoren hinter Russlands Kriegsführung: Welche Rolle spielen Wirtschaft und Demographie, der gesellschaftliche Rückhalt oder die russische Bündnis- und Außenpolitik? Eingeladen dazu hatte die Sektion Bonn der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) gemeinsam mit ihren Kooperationspartnern, unter anderem der Reservistenverband.
Eine Antwort, welche konkrete Bedrohung für Europa sich aus den aktuellen Ereignissen ableiten lässt, konnte der Referent freilich nicht geben. Was die mehr als 140 interessierten Bürgerinnen und Bürger, die trotz der hochsommerlichen Temperaturen in den Moltkesaal des BMVg gekommen waren, mitnahmen, waren jedoch interessante und tiefe Einblicke ins russische Innenleben. Etwa dass die ukrainischen Angriffe auf Raffinerien fast ausschließlich zivile Auswirkungen haben. In Russland wurde in 55 Regionen das Benzin rationiert. Treibstoff wird aus Kasachstan und Belarus importiert. Es werden Käufe aus Indien geprüft – Sprit, der aus russischem Rohöl hergestellt wird.
Klingt erst einmal dramatisch, doch Yusupov bemüht sich um Einordnung. Zum einen: Das Militär fährt Diesel. Auf das Kriegsgeschehen haben die ukrainischen Treffer keine Auswirkungen. Ferner produziert Russland noch immer mehr Diesel und Benzin, als es selbst verbraucht. Zum anderen: Die Ukraine verfügt über nicht eine einzige Raffinerie. Der komplette Treibstoff, der das Land am Laufen hält, wird aus der EU importiert.
Ein weiterer wirtschaftlicher Aspekt: das Haushaltsdefizit. Während es in Russland bei 2,5 Prozent des BIP recht moderat ausfällt, liegt es in der Ukraine bei über 18 Prozent. Die ukrainischen Militärausgaben übersteigen die Steuereinnahmen bei Weitem. Und während Russland seine Defizite weitgehend autonom deckt, überlebt die Ukraine nur dank der internationalen Unterstützung. Die Botschaft des Referenten kommt an: Immer beide Seiten sehen, vergleichen, die Schlagzeilen in den deutschen Medien hinterfragen. Wie etwa die, dass Putins Beliebtheitswerte in Russland auf ein neues Tief gefallen seien. Vergleicht man die Zahlen jedoch mit der Zeit der Coronamaßnahmen, stand er bei der Bevölkerung schlechter da.
Auch was die Zustimmung oder Ablehnung zum Krieg angeht, ist das so eine Sache. Ob militärische Stärke oder Diplomatie – eine große „stille Mitte“ von 66 Prozent trägt die Entscheidung mit, in welche Richtung auch immer. Dennoch lässt sich festhalten, dass mehr als die Hälfte der Gesellschaft kriegsmüde ist. Rekrutierungsfirmen werben neue Soldaten mit dem Versprechen, nur im rückwärtigen Raum eingesetzt zu werden – nicht an der Front. Nicht selten werden die Versprechen gebrochen. Mehr als 300 Gefallene pro Tag müssen erstmal kompensiert werden. Das lässt sich der Kreml einiges kosten: umgerechnet 130.000 Euro für einen Gefallenen. Zwölf Jahresgehälter, ordnet Yusupov ein. Die Familie ist plötzlich die reichste im Dorf. Wenn die Särge nach Hause kommen, bleibt gesellschaftlicher Protest aus, die soziale Pyramide wird auf den Kopf gestellt. Anders die Lage in der Ukraine: Mehr als 311.000 offene Verfahren laufen dort wegen Abwesenheit oder Desertion – mit einem massiven Anstieg in den vergangenen Jahren.
Aktuell seien beide Seiten bereits damit beschäftigt, sich auf den Winter vorzubereiten. Russland hat erkannt, dass die Ukraine keine ballistischen Raketen abfangen kann und pumpt viel Geld in diesen Sektor. „Russland bereitet sich darauf vor, ukrainische Städte unbewohnbar zu machen“, sagt Yusupov. Der Krieg sei in eine Phase der Abnutzung eingetreten. Nennenswerte Geländegewinne gibt es nicht, es läuft auf ein langfristiges Kräftemessen der Ressourcen hinaus.
Auf Nachfrage aus dem Publikum lässt sich der Referent doch noch zu einer Einordnung mit Blick auf die EU und die NATO hinreißen. Russland habe – zumindest militärisch – schon sehr viel ausgeschöpft. „Aber sie können uns sehr weit auseinandertreiben in der EU.“ Was die EU brauche, sei eine Interessenhierarchie. Etwas, worauf man sich einigen kann, wofür es sich lohnt, einzustehen. Für eine tragfähige Analyse hat Yusupov zum Schluss zwei Ratschläge: nicht nur die schnelle Schlagzeile sehen, sondern beide Seiten anschauen und die Frage stellen, wie diese Ereignisse und Prozesse in Russland einzuordnen sind.
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