Bundesregierung kippt Bonpflicht in Deutschland; nächstes Entlastungspaket kommt Ende des Jahres
DIE WIRTSCHAFTSZEITUNG FÜR DEN MITTELSTAND Verlagsangabe | Verkaufte Auflage: 505.009 Exemplare (IVW II/2026) Schwerpunkt Im Reformpaket von Union und SPD stecken einige Verbesse- rungen, auf die sich das Hand- werk freuen kann. Seiten 4/5 Allwissenheit kann nervtötend sein. Und so erzeugt es eine ge- wisse Schadenfreude, zu hö- ren, dass „de KI Meenzer Dia- lekt ned erkenne ka“. Jeden- falls haben das jetzt Forscher der Universität Mainz heraus- gefunden. KI-Modelle hätten große Schwierigkeiten, den Di- alekt korrekt zu verstehen. Gra- tulation an die rheinland-pfäl- zische Landeshauptstadt: Der in jeden Lebensbereich hinein- mäandernden KI zu trotzen und ein weißer Fleck auf der Spracherkennungslandkarte zu bleiben. Das schafft nicht jeder. Man möchte sich vor Freude beim Mainzer Marktfrühstück vor dem Dom gleich zwei Schoppen Woischorle reinpfei- fen. Wenn Sie also Dialekt sprechen, bewahren Sie sich diese Kompetenz. Wer weiß, wofür sie Ihnen noch einmal nützlich sein kann. Sehen Sie es als Privileg, einfach mal nicht verstanden zu werden und keine belastbare Antwort zu erhalten. Das gilt übrigens auch für Spracherkennungsas- sistenten. Schimpfen wie ein Rohrspatz oder fluchen wie ein Kesselflicker wirkt sich mit diesem Wissen herrlich befrei- end und positiv auf die men- tale Gesundheit aus. Sie müs- sen sich nicht mal die Hand vor den Mund halten wie ein Profifußballer. Und selbst wenn die KI besser verstehen könnte, eine weitere Eskalati- onsstufe hätte Dialekt noch im Köcher: das Nuscheln. dan SATIRE Wie bitte? Foto: Niklas Blum | Insta: nikiblum ÜBER 500.000 VERKAUFTE EXEMPLARE Porzellanvasen fürs Schloss In der Manufaktur Golem Kunst und Baukeramik im brandenburgi- schen Sieversdorf entstehen derzeit rund 40 originalgetreue Vasenrepliken für die Orangerie im Potsdamer Park Sanssouci – ein Unesco-Welterbe. Keramiker Michael Marschel (Foto, links) und sein Kollege Patrick Herbrich haben gerade zwei monumentale Vasen samt filigraner Formteile aus dem Brennofen geholt. Der Spezialbetrieb ist ein Beispiel für die Verbindung von traditioneller Handwerkskunst mit denkmal- gerechter Restaurierung. Das Ge- werk der Keramiker gehört laut Handwerksordnung zur Anlage B1 – es zählt damit zu den Hand- werksberufen, die auch ohne Ab- legung der Meisterprüfung selbst- ständig ausgeübt werden dürfen.
Foto: picture alliance/dpa/Patrick Pleul Die Regierung kippt die Bonpflicht Zum zweiten Mal widmet die Bundesregierung eine Kabinettssitzung ausschließlich dem Bürokratieabbau VON KARIN BIRK D ie Bundesregierung will bei der Bürokratieentlas- tung am Ball bleiben. „Das nächste Entlas- tungspaket kommt zum Ende des Jahres“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei seiner Sommerpressekonferenz. „Die Bundesregierung hat ihren Rhythmus gefunden, trotz man- cher Kritik. Wir haben geliefert“, sagte Merz. Zuvor hatte sich das Kabinett zum zweiten Mal seit Start der schwarz-roten Regie- rung ausschließlich dem Thema Bürokratieabbau gewidmet. Nach den Worten des zuständi- gen Bundesministers für Digitali- sierung und Staatsmodernisie- rung, Karsten Wildberger (CDU), gewinnt die Bundesregierung beim Bürokratieabbau an Tempo. Wildberger verwies auf das „Ein- fachMachen-Portal“ seines Mi- nisteriums, bei dem rund 25.700 Vorschläge zur Bürokratieentlas- tung eingegangen seien. Für ZDH-Generalsekretär Hol- ger Schwannecke gehen die An- strengungen nicht weit genug: „Trotz richtiger Ansätze und er- kennbarer Fortschritte, etwa bei der Beschleunigung von Verwal- tungsverfahren, bleibt die Bilanz für Handwerksbetriebe jedoch er- nüchternd und noch weit hinter den selbst ausgegebenen Zielen zurück.“ Es mangele an Entlas- tungen, die für Handwerksbe- triebe in ihrem Alltag spürbar wä- ren. Er nannte etwa die überfäl- lige Abschaffung der Bonpflicht. Mittlerweile hat die Bundesregie- rung dazu zumindest Eckpunkte beschlossen. „Die Pflicht zur Aus- gabe papierhafter Kassenbelege wird schrittweise abgeschafft – zunächst für Bagatellbeträge, an- schließend vollständig“, teilte Wildbergers Ministerium mit. Als weitere Beispiele für den Büro- kratieabbau nannte der CDU-Po- litiker das geplante Berichtsent- lastungsgesetz mit der sogenann- ten Beweislastumkehr. Heute müsse ein Unternehmen oder Bürger begründen, weshalb eine Vorschrift nicht mehr zeitgemäß sei. „In Zukunft wollen wir es er- reichen, dass der Staat im Gegen- zug erklären muss, weshalb er es überhaupt braucht“, betonte Wildberger. Beschlossen wurden auch meh- rere Vorhaben aus dem Bereich von Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD). So sollen die Prozesse der Arbeitsverwaltung digitaler werden. Leistungen sol- len leichter beantragt werden können und Vermittlungsgesprä- che auch digital möglich sein. Hinzu kommen Beschlüsse aus dem Verkehrsressort: Wer ein rei- nes E-Auto fährt, soll künftig keine grüne Plakette mehr kaufen müssen. Außerdem soll das Lkw- Fahrverbot künftig nur noch an bundesweit einheitlichen Feier- tagen gelten – und natürlich wei- terhin an Sonntagen. Bis zum Jahresende soll auch der Gebäudetyp E auf den Weg ge- bracht werden. Seite 2 bis 5 Wir haben geliefert.“ Friedrich Merz Bundeskanzler Die Bilanz bleibt ernüchternd.“ Holger Schwannecke ZDH-General- sekretär Interview Zimmerermeister Laurin Bock folgen Hunderttausende Men- schen auf Social Media. Seite 6 Porträt Coming-out nach jahrzehnte- langer Identitätskrise: Schlos- sermeisterin Elisabeth Metzger schmiedet ihr Glück. Seite 16 | Ausg. 13-14 | 24. Juli 2026 | 78. Jahrgang www.DHZ.net SACHSEN HANDWERKSKAMMER CHEMNITZ HANDWERKSKAMMER CHEMNITZ Die „denkmal“ ist die Europäi- sche Leitmesse für Denkmal- pflege, Restaurierung und Alt- bausanierung. Alle zwei Jahre trifft sich die nationale und in- ternationale Fachwelt in Leip- zig. Ergänzt wird das Angebot der denkmal durch die Fach- messe Lehmbau, den Ausstel- lungsbereich Archäologie sowie die Mutec (Internationale Fach- messe für Museums- und Aus- stellungstechnik). Vom 5. bis 7. November 2026 ist es wieder soweit. Sie würden die Messe Gemeinschaftsstand geplant gern als Aussteller nutzen und wünschen Unterstützung bei der Messeplanung, Vorberei- tung und Durchführung? Dann präsentieren Sie sich am Ge- meinschaftsstand der sächsi- schen Handwerkskammern. Die Anmeldeunterlagen sowie die aktuelle Kalkulation sind jetzt verfügbar. Wir beraten Sie gern individuell. DHZ Ansprechpartnerin: Susanne Blank, Tel. 0371/5364-208, s.blank@hwk-chemnitz.de Ende Juni haben sich trotz der sehr hohen Temperaturen acht Schweiß fachmänner in der Hand- werkskammer Chemnitz der Prü- fung zum International Welding Specialist (IWS) gestellt und diese erfolgreich bestanden. Sie erhiel- ten stolz und glücklich ihr Dip- lom, welches europaweite Gültig- keit besitzt. Der nächste IWS-Kurs startet am 9. Oktober 2026 in Teilzeit in Chemnitz. DHZ Ansprechpartnerin: Mandy Frohs, Tel. 0371/5364-302, m.frohs@hwk-chemnitz.de Die Internationalen Schweißfachmänner (IWS) werden im Unternehmen als Schweißaufsichtsperson nach EN ISO 14731 eingesetzt.
Foto: Handwerkskammer Chemnitz Internationale Schweißzertifikate ausgestellt
| Ausg. 13-14 | 24. Juli 2026 | 78. Jahrgang 7 IMPRESSUM 09116 Chemnitz, Limbacher Str. 195, Tel. 0371/5364-234, m.winkelstroeter@hwk-chemnitz.de Verantwortlich: Hauptgeschäftsführer Markus Winkels tröter HANDWERKSKAMMER CHEMNITZ www.hwk-chemnitz.de Mit Konsequenz und Weitblick Umweltpreise der Handwerkskammer machen Umweltschutz im Handwerk sichtbar 14 Unternehmen – und mindes tens genauso viele individuelle Lösungen für Nachhaltigkeit, Um weltschutz und Ressourcenscho nung. Die am 18. Juni mit dem Umweltpreis der Handwerkskam mer ausgezeichneten Betriebe stehen stellvertretend für zahlrei che Unternehmen, die betriebli chen Umweltschutz leben. Die ersten fünf stellen wir Ihnen in dieser Ausgabe genauer vor. Gesamtkonzept als Modell für die Branche Der Didssun Karosserie & La ckiermeisterbetrieb setzt neue Maßstäbe für nachhaltiges Wirt schaften im KfzHandwerk. Mit dem Aufbau eines CO2neutralen Unfallreparaturzentrums in Heinsdorfergrund entsteht ein ganzheitlich durchdachter Mo dellbetrieb, der ökologische, wirt schaftliche und soziale Aspekte vereint. Das Unternehmen kom biniert energieeffiziente Bau weise im Passivhausstandard mit innovativer Gebäudetechnik, Photovoltaik und Wärmepum pen. Besonders hervorzuheben sind die konsequente Kreislauf wirtschaft, der Einsatz gebrauch ter Ersatzteile sowie lösemittel freier Materialien. Auch Biodiver sität, Mitarbeiterzufriedenheit und moderne Arbeitskonzepte werden aktiv gefördert. Mit ei nem eigenen Bildungszentrum und der Beteiligung an der Ent wicklung eines branchenspezifi schen Nachhaltigkeitstools geht das Engagement weit über den ei genen Betrieb hinaus und hat Vorbildcharakter für die gesamte Branche. Die HansJürgen Müller GmbH & Co. KG aus Stützengrün über zeugt mit einem nachhaltigen Firmenneubau in Holzbauweise und innovativer Gebäudetechnik. Der Fokus lag auf regionalen Ma terialien, kurzen Transportwegen und einer energieeffizienten Bau weise. Eine Kombination aus Erd wärme, Photovoltaik und opti mierter Lüftungstechnik ermög licht eine klimaneutrale Tempe rierung der Produktionshalle. Er gänzend verfolgt das Unterneh men eine Nachhaltigkeitsstrate gie, die von CO2neutralem Strom über Verpackungsreduktion bis hin zu regionalen Lieferketten reicht. Produkte werden langlebig und reparierbar konzipiert. Das kontinuierliche Engagement und die konsequente Weiterentwick lung machten das Unternehmen besonders preiswürdig. Tradition und Nachhaltigkeit in perfekter Balance Die Reichenbacher Wurstfabrik steht für nachhaltige Unterneh mensführung über Generationen hinweg. Das Familienunterneh men verbindet wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwor tung und aktivem Umweltschutz. Moderne Technik, ressourcen schonende Produktion und er neuerbare Energien gehen Hand in Hand mit regionalen Wert schöpfungsketten und langfristi gen Geschäftsbeziehungen. Be sonders hervorzuheben ist die strategische Weiterentwicklung im Rahmen des „Nachhaltigkeits checks 360 Grad“. Die Verbin dung von Tradition und Innova tion sowie das ausgeprägte Ver antwortungsbewusstsein gegen über Mitarbeitenden und der Re gion machen den Betrieb zu ei Am neuen Firmenstandort von Steven Didssun (rechts) entsteht derzeit ein komplett CO2-neutrales Unfall- reparaturzentrum. Foto: Sebastian Paul „Es muss gespart werden!“ Sommerinterview mit Präsident Frank Wagner – Was beschäftigt das Handwerk? Z ur Jahresmitte hat Kam merpräsident Frank Wag ner in einem Interview eine Einschätzung zur aktuellen Lage gegeben. Auszüge erschei nen in dieser und der nächsten Ausgabe der DHZ. Auf die Frage, woran es liege, dass das Handwerk die Auswir kungen der Coronapandemie, des Ukrainekriegs, des Bruchs der AmpelKoalition in Berlin, der US-Zollpolitik oder des Iran kriegs spüre, antwortet Frank Wagner: „Es hängt alles zusam men: Wenn die Kunden weniger Geld haben, sparen sie auch bei handwerklichen Produkten. An deres Beispiel: Wenn die Liefer ketten reißen oder die Preise für Benzin, Diesel, Gas und Heizöl nach oben schießen, spüren das die Betriebe direkt, weil die ei genen Kosten immer weiter stei gen oder Aufträge nicht in ge wünschter Art und Weise er bracht werden können.“ Wie geht’s dem Handwerk im Kammerbezirk Chemnitz ganz konkret? „Das Ergebnis unserer Konjunkturumfrage mag über raschen: Die Betriebe bewerten die Lage relativ gut. Blicken sie hingegen in die Zukunft, sieht es eher düster aus. Man muss er gänzen, dass vor allem Betriebe des Bauhaupt und Ausbauge werbes die Bilanz retten.“ Doch wie die Wirtschaft unter stützen, wenn bei Bund und Land das Geld fehlt? Hier macht Wagner deutlich, dass es kein Einnahmeproblem gebe und da her gel