Unbekannter Attentäter versuchte Attentat in Hackländerstraße; 1960 Attentatsversuch scheiterte
Häuptlingspfeile auf Soldaten. Oder: Warum 1960 in der Hackländerstraße ein Attentat scheiterte - Osnabrücker Rundschau
Häuptlingspfeile auf Soldaten. Oder: Warum 1960 in der Hackländerstraße ein Attentat scheiterte
Wie ich mich schon früh mit der bewaffneten Staatsmacht anlegte
„Um den Pudding fahren!“ So nannten wir sechsjährigen Tour-Spezialisten anno 1960 unseren Rundkurs zwischen Häckländer-Liebig-, Kreling- und Alter Poststraße. Jenen Pudding umfuhren wir für unsere Verhältnisse mit einem unglaublichen Speed auf zwei Pedalen. Nur Weicheier hatten noch Stützen am Hinterrad ihrer Kinderfahrräder und wurden von uns darum nicht ernstgenommen.
Rund um unseren Pudding gab es eine persönliche kleine Welt mit vielen Entdeckungsorten. Der Start begann vor der Backhausschule. Wir sausten dann beim Milchhändler Beckmann um die Kurve, wo, angekommen beim Zwischenstopp in der Liebigstraße, die Bäckerei Brackmann ein leckeres Eis im Hörnchen versprach. Das galt aber nur für ganz wenige Tage, in denen man 10 Pfennige aus einer Sonderzahlung wohlmeinender Erwachsener in der Tasche hatte.
Aus der Rücktour über die Krelingstraße ging es immer am Schulhof der Backhaus-Schule vorbei. Dort gab es zuweilen pfeilschnelle Sprints einiger Zeitgenossen, die sich auf dem Asphalt des Schulhofs knallharte Laufduelle lieferten. Alle wollten so schnell sein wie Armin Harry, der gerade bei den Olympischen Spielen in Rom Gold für die deutsche Leichtathletik-Mannschaft geholt hatte.
Wie mir erst Jahre später klar wurde, hat dieser Kerl als erster Mensch der Welt 100 Meter in exakt zehn Sekunden gelaufen. Ich selbst lief nur einmal bei einem solchen Sprintwettkampf mit. Aufgrund meines höheren Kampfgewichts erblickte ich dabei schon nach wenigen Metern nur noch Rücken, die sich danach immer weiter von mir entfernten. Als die ersten an der Schulwand anschlugen, hatte ich noch nicht einmal die Hälfte geschafft. Wahrscheinlich hätte ich damals für jene 100 Meter von Armin Harry 100 Sekunden gebraucht. So blieb mir Harry als persönliches Idol lebenslang verschlossen.
Das Fahrrad lag mir besser. Darauf konnte ich wenigstens sitzen. Die eigentlichen Abenteuer-Orte meiner Tour de Pudding blieben in Richtung Alter Poststraße Geschäfte wie Radio Fleddermann, Drogerie Güber, Frau Müllers Tante-Emma-Laden und der angeblich so reiche Gemüsehändler Germedong. Meinen frustrierend verlaufenen Überfall auf diesen Gemüsemenschen hatte ich der OR-Leserschaft ja bereits neulich gebeichtet. Das muss ab jetzt für immer reichen.
Konkurrenzlos wie erhaben schaute von Ferne der alte Gasometer der Stadtwerke auf uns herab. Er stand von 1955 bis 1972 auf dem Stadtwerke-Gelände Alte Poststraße
Luisenstraße. Mit seinen 75 Metern war er noch neun Meter höher als das 14 Jahre später hochgezogene Iduna-Hochhaus.
Ein Ort, der als besonders geheimnisvoll galt, lag unserer Mietwohnung im Haus Raabe an der Hackländerstraße schräg gegenüber: In der Hausnummer 19 der Alten Poststraße, einbiegend in unsere Wohnstraße, befand sich, wie ich später als offizielle Bezeichnung nachlesen konnte, die Standortverwaltung der örtlichen Bundeswehr. Das war ein Thema. Denn die Truppe gab es 1960 ja erst vier Jahre und weckte, über Generationen hinweg, Neugier. Beliebt war eine deutsche Armee in meiner eigenen, sozialdemokratisch geprägten Familie, in jener Zeit nie. Oma hätte, mit ihrer Erfahrung aus zwei Weltkriegen, statt meiner lieber eine Enkelin gehabt, die im Kriegsfall keiner Wehrpflicht unterlag.
Unsereinen, so fürchtete sie, könne ja irgendwann das Los eines in den Krieg ziehenden Soldaten treffen. Gern zeigte Oma bei solchen Andeutungen Familienfotos. Abgelichtet waren auf denen Konterfeis nicht mehr lebender männlicher Verwandte. Die seien, sagte Oma, „gefallen“, was sich mir nur sehr dunkel erschloss. Dass sich die Bundeswehr in jener Anfangszeit noch mit Zigtausenden ehemaliger Nazis in Funktionsstellen und fragwürdigen Kasernennamen brüstete, habe ich überdies erst etliche Jahre später erfahren. Zum Glück gibt es mittlerweile eine oft selbstkritische Aufarbeitung derartiger Irrwege in der aktuellen Armee und ihrer Führung.
Die Hausnummer 19 in der Alten Poststraße barg trotzdem alle Chancen, die wilden Fantasien eines Knaben zu wecken, der unbedingt mutig und heldenhaft sein will. Mir schien, das wusste ich aus irgendwelchen Informationen, das Soldatentum dazu zu gehören, ein mutiger Held zu werden.
Viel Unverständnis fanden in meinem Freundeskreis allerdings lindgrün angepinselte VW-Käfer, aus denen fast immer nur uniformierte Menschen mit todernstem Gesicht stiegen. Nie habe ich damals vor der Bundeswehr-Adresse einen echten Panzer gesehen, wie ich das eigentlich fest erwartet hätte. Nicht mal eine dicke Kanone, von einem Düsenjäger ganz zu schweigen, war jemals in Sichtweite. Selbst Soldaten mit Helm, Tarnuniform, Rucksack und Gewehr waren mir nicht in Erinnerung. Dabei wusste ich doch aus belauschten Männergesprächen, illegal observierten Fernsehfilmen und aus Fotos umherliegender Zeitungen und Illustrierten, dass Soldaten offenbar ständig kämpften und mit ihren Waffen herumballerten. Doch hier war alles totlangweilig. Soldaten im lindgrünen VW-Käfer spielten in meinen ehrfürchtigen Kampffantasien überhaupt keine Rolle. Waren das überhaupt „die Echten“? Kurzum: Der Standort der Wehr und sein Drumherum blieb eine einzige Enttäuschung.
Von wegen kämpfen und schießen. Unsere sogenannten Soldaten tuckerten, wie wir es penibel beobachteten, scheinbar den ganzen Tag im VW-Käfer umher. Sie marschierten nie im pathetischen Paradeschritt, ganz im Gegenteil sogar: Sie schlurften, nachdem sie ihren lindgrünen Käfer auf dem Parkplatz in Sichtweite abgestellt hatten, um nicht zu lange zu laufen, bierernst und grußlos an uns vorüber. Es gab also gleich viele Gründe dafür, warum all meine Freunde und ich diese Kerle nicht besonders mochten.
Hinzu kam die Tatsache, dass den meisten von uns amtierenden Cowboys mittlerweile Schusswaffen mit Zündplättchen suspekt geworden waren. Die Zündplättchen knallten zwar laut, streckten aber niemanden so wirklich nieder, der nicht freiwillig umfallen wollte. Und das wollte nie einer. Im Gegenteil stritten wir fast immer darüber, wer denn nun von einer tödlichen Feuersalve getroffen war und wer nicht. Beweise gab es nie. Dauerzoff umso häufiger.
Abhilfe versprach ein Seitenwechsel: Wir begaben uns, weg von den Cowboys mit Cowboyhut, hin zu Menschen mit Häuptlingsschmuck und Flitzebogen, die wir seinerzeit „Indianer“ nannten. Beim fachgerechten Nutzen dieser Waffe war eindeutig zu erkennen, wer sein Ziel mit den Gummipfropfen der Pfeile getroffen hatte und wer nicht. Das war fair. Zumindest waren die erbittert ausgetragenen Kämpfe jetzt viel gerechter. Man musste sich nur noch entscheiden, wer zu den Sioux oder wer zu den Apatschen zählen wollte. Winnetou sollte ich erst später kennenlernen. Bis dahin blieb mir der zugeteilte Stamm völlig egal. Hauptsache, tapferer Krieger.
Nötig ist an dieser Stelle eine kleine Verzeihung für den Begriff „Indianer“. Dass der Begriff heute problematisch ist und unsereins natürlich „Indigene Bevölkerung“ sagen würde, war damals keinem bewusst. Vielmehr drückte ein Bekenntnis zum spielerischen Dasein eines „Indianers“ deutliche Sympathie mit Amerikas Ureinwohnern aus. Die meisten fanden jene mutigen Krieger nämlich viel toller als herumballernde Cowboys mit albernen Hüten, die sich ständig Kinnhaken versetzten und sich in dramatischen Revolverduellen mit Musikuntermalung gegenseitig über den Haufen schossen.
Zurück zur Handlung. Wenn wir die Pfeile nicht auf uns selbst abschossen, mussten zuweilen auch Dosen, Kartons oder alte Flaschen als Ziel herhalten. Auf die Dauer war so etwas aber öde und langweilig. Es sollte mehr passieren.
Eines Tages stand ich in der Mitte eines Ratschlags mutiger Krieger. Mich schmückte dabei ein von Mutti persönlich gebastelter Federschmuck, allerdings einer völlig ohne Federn. Alles bestand aus zerschnibbeltem Packpapier, das gut mit Uhu verklebt war. Es befand sich unter einem Stirnband, dessen Text „Suwa wäscht perfekt“ ich mangels Schulbesuchs noch nicht lesen konnte. Der Spruch, da habe ich mich vor dem Aufsetzen dieses Textes noch schlaugemacht, stammte aus einer Werbekampagne für das gleichnamige Waschmittel der Marke Sunlicht aus den 1950er Jahren. Die Kampagne bewarb die angeblich strahlende Reinigungskraft des Produkts.
Ich hätte sicher mehr gestrahlt, wenn ich auf meinem stolzen Haupt echten Häuptlingsschmuck mit Federn getragen hätte. Aber den gab es nur im Kaufhaus Merkur, vielleicht auch bei Schäffer und war schweineteuer. Darum strahlte nun ich unter dem Häuptlingsschmuck Marke Eigenbau nur so gut, wie ich das unter diesen Umständen vermochte. Dass ich mit der bescheidenen Kopfbedeckung auf Dauer keine Chance für den Job des Oberhäuptlings hatte, war mir klar.
Während wir mit einem halben Dutzend schießwütiger Stammeskrieger noch unseren Häuptlingsrat abhielten und bislang zu keinem Ergebnis gekommen waren, hörten wir plötzlich in der Höhe unserer Mietwohnung ein vernehmliches Fahrgeräusch. Wie zu befürchten war, näherte sich wieder mal ein lindgrüner Käfer. Auffallend war diesmal allein, dass dieses Gefährt an jenem heißen Sommertag mit offenen Seitenfenstern fuhr. Drinnen saß wieder so eine grimmige Gestalt in Uniform, die, natürlich, weder Helm noch Waffe trug. Für die damalige Abschreckung schien ein Gesicht mit schlechter Laune auszureichen.
Keine Ahnung mehr, wie nun alles begann. War es gar mein Freund Bernhard, der seinen Bogen spannte und den ersten Pfeil mit Gummipfropfen auf den herannahenden Käfer abschoss? Oder war es einer der beiden gleichaltrigen Kamphues-Zwillinge? Auf jeden Fall ergoss sich schnurstracks ein wahrer Pfeilregen auf den Bundeswehrmann und dessen Auto. Eines aber blieb mir restlos unverständlich: Kein Mensch versuchte, den grimmigen Insassen persönlich zu treffen. Alle schossen ihre Pfeile tief unter den Käfer. Was zum Teufel soll das? Nicht mal das tiefe Auspuffrohr versuchte jemand zu treffen. Alle Pfeile rutschten unter das Gefährt, flatterten lautlos über das Pflaster der Straße.
Ich selbst war unter riesigem Druck, weil ich nur einen einzigen Pfeil für mein Vorhaben besaß. Ein Schuss nur! Schweißperlen auf der Stirn sagten mir sofort: Dieser Schuss muss sitzen! Aber doch nicht unter dem Auto! So ein Nonsens! Pure Verschwendung!
„Seid ihr alle doof?“, schrie ich aus Leibeskräften. „Warum schießt ihr alle daneben?“
Während die anderen irgendetwas Unverständliches vor sich hin brabbelten, handelte ich sofort. Zuerst holte ich tief Luft. Eiskalt legte ich an. Ich spannte meinen Flitzebogen bis kurz vor dem Auseinanderbrechen. Dann ließ ich die Sehne cool und zielgerichtet los. Und der Pfeil fand tatsächlich etwas flatternd, aber trotzdem samt Gummipfropfen seinen Weg. Zack! Volltreffer! Ein lauter Schrei hinter dem geöffneten Seitenfenster zeigte, dass ich den vermeintlichen Feind erwischt hatte. Und zwar mitten auf die Zwölf bierernster Gesichtsmimik.
Schinkenröllchen als fiese Rache der Armee
Sofort quietschten die Käfer-Reifen ohrenbetäubend. Postwendend flog die Fahrertür auf und knallte laut zu. Heraus stürzte der Insasse, die jetzt noch viel grimmiger aussah als sonst. Der Kerl schnaubte vor Wut. Unablässig fasste der Soldat sich dabei an die Stirn und rieb sie, als wenn sie für sein restliches Leben beschädigt war. Dann holte er tief Luft, marschierte schnurstracks auf uns zu und postierte sich breitbeinig, beide Händen zackig in die Hüften gestemmt, direkt von unsere zitternde Kampflinie.
„Wer war das?“, brüllte es so laut, wie ich es noch nie von einem menschlichen Wesen gehört hatte. Es folgte der nackte Verrat: Von irgendwem aus der Runde wurde ich sofort denunziert. Schlimmer noch: Alle Blicke und Zeigefinger der fiesen Denunzianten wiesen allein auf mich. Mit rasenden Schritten jagte der Vaterlandsverteidiger passgenau auf mich zu