PRO ASYL fordert dauerhaftes Bleiberecht für Jesid*innen in Deutschland; 699 und 793 Abschiebungen in Irak 2024–2025

Zwölf Jahre nach dem Genozid: Deutschland muss Jesid*innen endlich dauerhafte Sicherheit geben | PRO ASYL

Zwölf Jahre nach dem Genozid: Deutschland muss Jesid*innen endlich dauerhafte Sicherheit geben

Zum zwölf­ten Jah­res­tag des Geno­zids an den Jesidinnen am 3. August for­dert PRO ASYL ein dau­er­haf­tes Blei­be­recht für jesi­di­sche Geflüch­te­te in Deutsch­land. Bis eine sol­che bun­des­wei­te Rege­lung geschaf­fen ist, muss ein Abschie­be­stopp gel­ten. Es ist ein ekla­tan­ter Wider­spruch, den Völ­ker­mord an den Jesidinnen anzu­er­ken­nen und zugleich Über­le­ben­de des Geno­zids sowie Ange­hö­ri­ge der ver­folg­ten Gemein­schaft mit der Abschie­bung an den Ort der Ver­bre­chen zu bedrohen. „Wer den Völ­ker­mord aner­kennt, über­nimmt Ver­ant­wor­tung für die Über­le­ben­den – und muss die­ser Ver­ant­wor­tung durch poli­ti­sches Han­deln gerecht wer­den. Gedenk­re­den rei­chen nicht. Die Bun­des­re­gie­rung und der Bun­des­tag müs­sen end­lich ein dau­er­haf­tes Blei­be­recht für Jesid*innen auf den Weg brin­gen. Bis dahin braucht es einen bun­des­wei­ten Abschie­be­stopp für die im Irak wei­ter­hin gefähr­de­te Gemein­schaft“, sagt Karl Kopp, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL.

Deut­lich mehr Abschie­bun­gen in den Irak

Die Abschie­bun­gen in den Irak haben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark zuge­nom­men. Wäh­rend im Jahr 2020 ins­ge­samt 27 Men­schen dort­hin abge­scho­ben wur­den, waren es 2024 bereits 699. Im Jahr 2025 wur­den wei­te­re 793 Men­schen abge­scho­ben. Die Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit der Abge­scho­be­nen wird sta­tis­tisch nicht erfasst. Es ist jedoch davon aus­zu­ge­hen, dass sich unter ihnen auch Jesid*innen befinden.

Auch zwölf Jah­re nach dem Völ­ker­mord ist eine siche­re und nach­hal­ti­ge Rück­kehr für vie­le Jesid*innen kei­ne rea­lis­ti­sche Per­spek­ti­ve . Berich­te über Sui­zi­de, Dro­gen­ab­hän­gig­keit und schwe­re psy­chi­sche Belas­tun­gen zei­gen die Per­spek­tiv­lo­sig­keit, unter der vie­le Men­schen in den Flücht­lings­la­gern lei­den. Zehn­tau­sen­de leben wei­ter­hin als Bin­nen­ver­trie­be­ne in der Auto­no­men Regi­on Kur­di­stan. Vie­le Fami­li­en sind bis heu­te auseinandergerissen.

Gera­de in Sind­schar sind die Fol­gen des Geno­zids wei­ter­hin all­ge­gen­wär­tig: zer­stör­te Häu­ser und Infra­struk­tur, feh­len­de Arbeits- und Ein­kom­mens­mög­lich­kei­ten, unge­klär­te Land- und Eigen­tums­fra­gen sowie eine fra­gi­le Sicher­heits­la­ge. Hin­zu kom­men poli­ti­sche Kon­flik­te und die Prä­senz unter­schied­li­cher bewaff­ne­ter Grup­pen in der Region.

Vie­le Jesid*innen fürch­ten einen erneu­ten Völ­ker­mord – ins­be­son­de­re ange­sichts erstar­ken­der dschi­ha­dis­ti­scher Kräf­te. Der Geno­zid hat die sozia­len und fami­liä­ren Struk­tu­ren der jesi­di­schen Gemein­schaft nahe­zu zer­stört. Auch die Fol­gen der sys­te­ma­ti­schen sexua­li­sier­ten Gewalt prä­gen die Über­le­ben­den, ihre Fami­li­en und die gesam­te Gemein­schaft bis heu­te. Davon betrof­fen sind auch Kin­der, die infol­ge die­ser Ver­bre­chen gebo­ren wurden.

Beim Abschie­bungs­schutz herrscht ein Flickenteppich

Dass Jesid*innen beson­de­ren Schutz benö­ti­gen, haben meh­re­re Bun­des­län­der längst aner­kannt. Nord­rhein-West­fa­len erließ im Dezem­ber 2023 einen Abschie­be­stopp für jesi­di­sche Frau­en und Kin­der. Thü­rin­gen folg­te Anfang 2024, Rhein­land-Pfalz im Febru­ar 2024. Nie­der­sach­sen setz­te ab Juni 2024 Abschie­bun­gen jesi­di­scher Frau­en und Min­der­jäh­ri­ger in den Irak aus und bezog zum Schutz der Fami­li­en­ein­heit auch Ange­hö­ri­ge der Kern­fa­mi­lie ein. Schles­wig-Hol­stein beschloss im Okto­ber 2024 eben­falls einen befris­te­ten Abschie­be­stopp und streb­te dar­über hin­aus eine län­ger­fris­ti­ge Auf­ent­halts­re­ge­lung an.

Die­se Abschie­be­stopps sind inzwi­schen aus­ge­lau­fen. Wei­te­re Ver­län­ge­run­gen oder län­ger­fris­ti­ge Lösun­gen schei­ter­ten teil­wei­se am feh­len­den Ein­ver­neh­men des Bun­des. In ande­ren Bun­des­län­dern gab und gibt es kei­nen ver­gleich­ba­ren Schutz. Baden-Würt­tem­berg und Bran­den­burg haben bei­spiels­wei­se aus­drück­lich erklärt, kei­nen gene­rel­len Abschie­be­stopp für Jesid*innen zu ver­hän­gen. Auch Sach­sen-Anhalt lehn­te einen ent­spre­chen­den Vor­stoß ab.

Für die Betrof­fe­nen bedeu­tet das: Ob sie zumin­dest zeit­wei­se vor einer Abschie­bung geschützt waren, hing bis­lang wesent­lich davon ab, in wel­chem Bun­des­land sie leb­ten. Ein sol­cher Fli­cken­tep­pich wird der beson­de­ren Situa­ti­on der Über­le­ben­den des Geno­zids nicht gerecht.

Bun­des­tags­an­hö­rung zeigt: Eine auf­ent­halts­recht­li­che Lösung ist möglich

Der Innen­aus­schuss des Deut­schen Bun­des­ta­ges befass­te sich am 23. Febru­ar 2026 in einer öffent­li­chen Anhö­rung mit zwei par­la­men­ta­ri­schen Initia­ti­ven: dem Gesetz­ent­wurf von Bünd­nis 90

Die Grü­nen zur Ände­rung des Auf­ent­halts­ge­set­zes – „Auf­ent­halts­recht für Jesi­din­nen und Jesi­den“ (Bun­des­tags­druck­sa­che 21

795 ) – und dem Antrag der Frak­ti­on Die Lin­ke „Huma­ni­tä­res Blei­be­recht für jesi­di­sche Geflüch­te­te vor dem Hin­ter­grund des Geno­zids“ (Bun­des­tags­druck­sa­che 21

3601 ). Die gela­de­nen Sach­ver­stän­di­gen bewer­te­ten die vor­ge­schla­ge­nen auf­ent­halts­recht­li­chen Lösun­gen über­wie­gend posi­tiv. Die recht­li­chen und poli­ti­schen Vor­schlä­ge lie­gen damit auf dem Tisch. Nun müs­sen die Bun­des­re­gie­rung und der Bun­des­tag handeln.

Am 3. August 2014 über­fiel die Ter­ror­mi­liz „Isla­mi­scher Staat“ die jesi­di­sche Bevöl­ke­rung in der Regi­on Sind­schar im Nord­irak. Tau­sen­de Men­schen wur­den ermor­det, ver­schleppt und ver­sklavt. Frau­en und Mäd­chen wur­den sys­te­ma­tisch Opfer sexua­li­sier­ter Gewalt. Hun­dert­tau­sen­de Men­schen wur­den ver­trie­ben. Bis heu­te wer­den jesi­di­sche Frau­en und Kin­der vermisst.

In Deutsch­land lebt mit schät­zungs­wei­se mehr als 200.000 Men­schen die welt­weit größ­te jesi­di­sche Dia­spo­ra. Im Janu­ar 2023 erkann­te der Deut­sche Bun­des­tag die Ver­bre­chen des soge­nann­ten Isla­mi­schen Staats an den Jesid*innen als Völ­ker­mord an. Eine ver­läss­li­che Blei­be­per­spek­ti­ve für jesi­di­sche Geflüch­te­te in Deutsch­land hat er bis­lang jedoch nicht geschaffen.