Christine Eriksen, ETH Zürich Waldbrände in Europa außer Kontrolle geraten; Zunehmende Schäden in Europa
«Europa muss lernen, mit Feuer zu leben» | ETH Zürich
«Europa muss lernen, mit Feuer zu leben»
In ganz Europa wüten schwere Waldbrände. Die ETH-Forscherin Christine Eriksen zeigt, dass deren zerstörerische Auswirkungen häufig von sozialen und kulturellen Prozessen mitgeprägt werden.
Frankreich, Spanien und Griechenland kämpfen schon wieder mit schweren Waldbränden. Ist dies die neue Normalität für Europa? Christine Eriksen: Nicht überall, aber der Trend ist klar. Waldbrände gehören in Südeuropa seit jeher zur Realität. Verändert haben sich jedoch ihre Häufigkeit, ihre Intensität und ihr Ausmass – und das gilt inzwischen auch für Nordeuropa. Immer häufiger kommt es zu Bränden, die von der Feuerwehr nicht mehr unter Kontrolle gebracht werden können. Dann bleibt ihr nur noch, die Bevölkerung in Sicherheit zu bringen.
Könnte die Schweiz mit ähnlichen Problemen konfrontiert werden? Länder wie die Schweiz, Österreich und Slowenien galten lange Zeit nicht als besonders waldbrandgefährdet. Doch das verändert sich. Klimaprognosen zeigen, dass das Waldbrandrisiko im gesamten Alpenraum weiter zunehmen wird.
Warum sind die Brände, die wir derzeit in Europa erleben, so zerstörerisch? Der Klimawandel spielt dabei eine wichtige Rolle, erklärt die Entwicklung jedoch nicht vollständig. Vielmehr ist es das Zusammenspiel eines heisseren und trockeneren Klimas, des zunehmenden Baumsterbens, veränderter Landnutzungsformen und einer jahrzehntelang konsequenten Brandbekämpfungspolitik.
Was meinen Sie mit Brandbekämpfungspolitik? In vielen Ländern dürfen Landwirtinnen und Landwirten sowie Försterinnen und Förstern schon seit einiger Zeit keine kontrollierten Brände mit geringer Intensität zur Pflege widerstandsfähiger Landschaften einsetzen. In Frankreich beispielsweise haben sich dadurch im Unterholz grosse Mengen trockenen Materials angesammelt, das ideale Voraussetzungen für die Ausbreitung von Waldbränden schafft. Zusammen mit hohen Temperaturen und starken Winden entstehen so äusserst gefährliche Bedingungen.
externe Seite Christine Eriksen leitet das fünfjährige Forschungsprojekt FiRES zur Widerstandsfähigkeit von Gemeinden gegenüber Waldbränden in Europa. Das Projekt wird durch einen Förderbeitrag des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) im Rahmen eines Consolidator Grants finanziert und von der ETH Zürich durchgeführt. Bevor sie an die ETH Zürich wechselte, war sie als Sozialwissenschaftlerin an der University of Wollongong in Australien tätig. Sie hat zahlreiche Fallstudien zu den sozialen Dimensionen von Katastrophen in Australien, den USA, Europa und Afrika veröffentlicht.
Welche Rolle spielen Veränderungen in der Landnutzung? Ein wichtiger Faktor ist, dass immer mehr Menschen am Rand von Wäldern und anderer natürlicher Vegetation leben. Dadurch sind immer mehr Häuser gefährdet – und werden selbst zum Brennstoff, wenn sie von einem Waldbrand erfasst werden. Ein weiterer Faktor ist die Landflucht.
Das müssen Sie erklären. Viele ländliche Regionen haben infolge der Modernisierung der Landwirtschaft und besser bezahlter Arbeitsplätze in den Städten einen grossen Teil ihrer Einwohnerinnen und Einwohner verloren. Traditionelles Wissen über die Umwelt geht verloren, und immer weniger Menschen bewirtschaften kleine Wälder und landwirtschaftliche Betriebe aktiv. Dadurch gibt es weniger natürliche Brandschneisen, und die Vegetation kann sich ungehindert ausbreiten. Auch das erhöht das Waldbrandrisiko.
Was sollte Europa anders machen? Wir müssen Landschaften schaffen, die widerstandsfähiger gegenüber Feuer sind, und uns von der Vorstellung verabschieden, dass jedes Feuer schädlich ist. Früher profitierten viele Landschaften von kontrollierten Bränden und anderen Formen der Landbewirtschaftung, welche die Menge an brennbarem Material reduzierten. Die Frage ist einfach: Würden Sie lieber während einiger Tage etwas Rauch bei einem kontrollierten Brand in Kauf nehmen oder während Wochen oder Monaten enorme Rauchmengen infolge eines katastrophalen Waldbrands?
Wie können sich Gesellschaften auf eine Zukunft vorbereiten, in der Waldbrände häufiger auftreten? Wir brauchen gesündere und artenreichere Wälder. Monokulturen sind besonders anfällig. Eine vielfältige Mischung von Baumarten macht Wälder widerstandsfähiger. Ausserdem braucht es feuerresistente Bauweisen, eine bessere Raumplanung und eine engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, lokalen Gemeinden und Fachleuten aus der Praxis. Vor allem aber müssen die Gemeinden viel stärker in die Vorbereitung auf Waldbrände einbezogen werden.
Sie haben viele Jahre in Australien gelebt und gearbeitet. Was kann Europa von Australien lernen? Seit Jahrzehnten setzt Australien darauf, die Widerstandsfähigkeit gegenüber Waldbränden von der Gemeindeebene aus zu stärken. Menschen, die in waldbrandgefährdeten Gebieten leben, werden aktiv dazu ermutigt, sich mit den Risiken auseinanderzusetzen und zu lernen, wie sie diese durch geeignete Vorsorgemassnahmen verringern können.
Und in Europa? Europa verfolgt hingegen noch immer überwiegend einen Top-down-Ansatz, bei dem die Behörden der Bevölkerung vorgeben, wie sie sich im Notfall verhalten soll. In Australien hingegen setzt man deutlich stärker auf den Austausch von Wissen und eine gemeinsame Verantwortung von Behörden und Bevölkerung.
Wie sieht das in der Praxis aus? Das beginnt mit einfachen Massnahmen: sich für die Risiken vor Ort bewusst sein, mit den Nachbarn sprechen, Evakuierungswege kennen und Brandgefahren rund um das eigene Zuhause reduzieren. Studien zeigen, dass Menschen, die ihre Nachbarn kennen, häufig deutlich besser vorbereitet sind. Gemeinden werden widerstandsfähiger, wenn sich die Menschen gegenseitig unterstützen und wissen, wer im Ernstfall Hilfe benötigt.
Wie gut ist die Schweiz vorbereitet? Einige Kantone, etwa das Tessin, verfügen bereits über Erfahrung im Umgang mit Waldbränden. Die Schweiz profitiert zudem von einer gut funktionierenden Waldbewirtschaftung und sorgfältig gepflegten Schutzwäldern. Gleichzeitig braucht es jedoch mehr speziell ausgebildete Einsatzkräfte für die Waldbrandbekämpfung. Zudem könnte die Einbindung der Gemeinden weiter gestärkt werden. Die Schweiz kann auf eine starke Tradition der Solidarität und des freiwilligen Engagements bauen. Diese Stärken könnten künftig noch gezielter genutzt werden – bevor Katastrophen eintreten und nicht erst danach.
Sie verwenden häufig den Ausdruck «mit Feuer zu leben». Was meinen Sie damit? Das bedeutet anzuerkennen, dass nicht jedes Feuer schädlich ist. Viele indigene Gemeinschaften unterscheiden zwischen «gutem Feuer» und «schlechtem Feuer». Gutes Feuer trägt dazu bei, gesunde Ökosysteme zu erhalten – auch in Europa. Schlechtes Feuer hingegen bezeichnet jene katastrophalen Waldbrände, wie wir sie heute erleben. Mit Feuer zu leben bedeutet, die Rolle des Feuers in der Landschaft zu verstehen und einen bewussten Umgang damit zu entwickeln, anstatt davon auszugehen, wir könnten es vollständig kontrollieren oder beseitigen.
04.08.2026 von Christoph Elhardt, Hochschulkommunikation