Prof. Dr. Torsten Bölting präsentiert Studie zu altersgerechtem Wohnen in Düsseldorf, NRW; 440.000 fehlende altersgerechte Wohnungen in NRW
“Wir brauchen seniorengerecht Quartiere” – BFW NRW
Düsseldorf, 6. August 2026. Seit Jahrzehnten ist vom demografischen Wandel die Rede. Die Gesellschaft wird älter. Wir benötigen also auf die Bedürfnisse des Alters ausgerichteten Wohnraum: barrierefrei, bezahlbar und sozial eingebunden.
Geredet wurde viel, passiert ist bislang zu wenig. Das belegt eine Studie, die Prof. Torsten Bölting beim Expertenforum Wohnen im Alter vorgestellt hat. Wir haben nachgefragt.
Herr Prof. Bölting, wie sehen die Quartiere von morgen aus? Prof. Dr. Torsten Bölting Quartiere der Zukunft müssen vor allem die Realität einer alternden Gesellschaft widerspiegeln. Schon heute ist fast ein Viertel der Bevölkerung 65 Jahre oder älter, und der Anteil der Hochaltrigen wird deutlich steigen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf das Wohnen: Wir brauchen mehr barrierefreie Wohnungen, wohnortnahe Versorgung und funktionierende soziale Infrastrukturen.
Der Bedarf scheint enorm zu sein. Wo stehen wir aktuell? Bölting Die Situation ist angespannt. In NRW fehlen bereits rund 440.000 altersgerechte Wohnungen, und bis 2040 wird der Bedarf weiter stark steigen. Gleichzeitig wohnen nur etwa drei Prozent der Haushalte wirklich barrierefrei. Das zeigt, wie groß die Lücke zwischen Bedarf und Angebot ist. Allerdings muss man sagen, dass sich im kommunalen Vergleich auch deutliche Unterschiede in der Versorgungsquote zeigen.
Warum wird so wenig gebaut oder angepasst? Bölting Ein zentraler Punkt ist die Bezahlbarkeit. Barrierefreie Wohnungen werden häufig teurer angeboten – sowohl in der Miete als auch im Eigentum. Für viele ältere Menschen ist ein Umzug deshalb finanziell schwer darstellbar, insbesondere wenn sie bisher günstig wohnen. Das bremst die notwendige Bewegung im Markt.
Viele Menschen möchten im Alter in ihrer Wohnung bleiben. Ist das realistisch? Bölting Der Wunsch ist sehr klar: Die meisten möchten so lange wie möglich zu Hause wohnen. Aber das funktioniert nur, wenn die Wohnung und das Umfeld passen. Pflege findet zunehmend in den eigenen vier Wänden statt, oft durch Angehörige oder unterstützt durch ambulante Angebote. Deshalb gewinnt das Quartier als Versorgungsraum enorm an Bedeutung.
Was bedeutet das für die Quartiersentwicklung? Bölting Wir müssen Wohnen viel stärker integriert denken. Es geht nicht nur um die Wohnung selbst, sondern um das Zusammenspiel von Wohnen, Versorgung, Pflege, Begegnung und Teilhabe. Quartiere sollten Orte sein, an denen Menschen sich versorgen, beteiligen und Gemeinschaft erleben können. Ein zentraler Ansatz sind multifunktionale Hubs möglichst in jedem Quartier: barrierefreie Wohnungen kombiniert mit Gemeinschaftsräumen und Serviceangeboten.
Welche Rolle spielen innovative Wohnformen? Bölting Innovative Wohnformen verbinden bauliche, soziale und oft auch technische Lösungen – das ist von Bedeutung. Gemeinschaftliches Wohnen oder Service-Wohnen kann Einsamkeit reduzieren und Selbstständigkeit fördern. Allerdings sehen wir, dass viele Projekte bislang stark auf ökologische Aspekte fokussieren. Die soziale Dimension muss noch konsequenter mitgedacht werden. Es reicht nicht, klassische Barrieren zu reduzieren; das Wohnumfeld, die soziale Einbindung und die Betreuung müssen ebenso forciert werden.
Einsamkeit ist ein wachsendes Thema. Welche Bedeutung hat das für die Wohnungswirtschaft? Bölting Einsamkeit betrifft zunehmend auch ältere Menschen in Städten und hat weitreichende soziale und gesundheitliche Folgen. Quartiere können hier aktiv gegensteuern – etwa durch Begegnungsangebote, Nachbarschaftstreffs oder gezielte Unterstützungsstrukturen. Wohnen wird damit auch zu einer sozialen Aufgabe.
Gibt es Beispiele, die Mut machen? Bölting Ja, durchaus. Projekte wie gemeinschaftliche Wohnmodelle oder Quartiersentwicklungen zeigen, dass integrierte Ansätze funktionieren können, auch wenn sie Zeit brauchen und komplex sind. Entscheidend ist der Nutzungsmix und die Orientierung an unterschiedlichen Lebensentwürfen.
Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Hebel für die Zukunft? Bölting Der Schlüssel liegt im Quartier. Wenn wir es schaffen, altersgerechtes Wohnen, soziale Einbindung und Versorgung konsequent zusammenzudenken, können wir den Herausforderungen des demografischen Wandels begegnen. Dafür braucht es aber mehr Tempo, mehr Kooperation und vor allem bezahlbare Lösungen.