Franz Gertsch Blow-Up-Doppelretrospektive in Kunstmuseum Bern und Museum Franz Gertsch Burgdorf, Schweiz; Rekordumfang: bislang größte Gertsch-Schau weltweit

06.08.2026 / 11h00 - Im Kleinen fand er ein ganzes Universum

Der Maler und Druckgrafiker Franz Gertsch schenkte selbst Nebenschauplätzen seine grösste Aufmerksamkeit. Die Doppel-Retrospektive «Blow-Up» vereint im Kunstmuseum Bern und im Museum Franz Gertsch in Burgdorf so viele Werke des Fotorealismus-Pioniers wie nie zuvor.

Fünf junge Männer mit langen Haaren und weiten Hosen lehnen sich an einen Bauzaun. Festgehalten ist das im monumentalen, vier auf sechs Meter grossen Bild «Medici», das Franz Gertsch 1972 international bekannt machte. An der Wand gegenüber, nicht weniger wuchtig, ist das Familienporträt «Maria mit Kindern» aus derselben Schaffensphase zu sehen. Es zeigt einen flüchtigen Moment während eines Familienausflugs auf einer Bergwiese.

So unterschiedlich diese Motive sind, verbindet sie das Gemeinschaftliche – und der Aufbruch: Die alternative Künstlergruppe in «Medici» widersetzt sich den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit, während «Maria mit Kindern» den privaten Alltag auf ungewohnt natürliche Weise zeigt. «Zu dieser Zeit hätte sich eine Familie nie so für ein Foto inszeniert», sagt Kathleen Bühler, Kuratorin der Ausstellung «Franz Gertsch. Blow-Up (Part I)».

Bern und Burgdorf ergänzen sich

Die zwei fotorealistischen Gemälde leiten die Schau im Kunstmuseum Bern ein, die sich ausschliesslich Gertschs Malerei widmet. Die Ausstellungsräume führen durch sein Frühwerk, das erst von der italienischen Frührenaissance geprägt war und ab Mitte der 1960er-Jahre zur Pop-Art wechselte. Schliesslich kam er ab 1969 zur Fotovorlage, die er mit Diaprojektor auf die Leinwand vergrössert übertrug. Diese Technik möge heute banal klingen, doch damals sei sie revolutionär gewesen, sagt Bühler. Das Museum zeigt die fotorealistischen Gemälde aus den 1970er-Jahren sowie aus seinem Spätwerk ab den 2010er-Jahren.

Währenddessen legt das Museum Franz Gertsch in Burgdorf den Fokus auf seine Holzschnitte, für die der Künstler eine eigene Technik mit zahlreichen kleinen Punkten entwickelte. Aber auch ausgewählte Gemälde mit androgynen Gesichtern – etwa von der Lyrikerin und Musikerin Patti Smith oder der Zürcher Edelprostituierten Irene Staub – sind in der Schau «Blow-Up (Part II)» zu sehen, die Anna Wesle kuratiert. Die Bilder zur Luzerner Künstlergruppe um Luciano Castelli sind in beiden Häusern vertreten. Zusammen stellen die zwei Institutionen so viele Werke des Malers und Druckgrafikers aus wie noch nie zuvor.

Zuvor war die Retrospektive «Blow-Up» im Louisiana Museum of Modern Art in Dänemark, danach in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen. Die Schweizer Doppelausgabe ist nun die erste Schau, bei der der 1930 in Mörigen geborene und 2022 verstorbene Künstler nicht mehr seine Vorstellungen zur Werkhängung einbringt.

Erstmals kann auch verglichen werden, mit welcher Detailtreue Gertsch den weichen Meerschaum oder hyperrealistisch glänzendes Haar seiner Figuren malte: Das Kunstmuseum Bern zeigt originale Fotografien, die ihm als Vorlage dienten. Obendrauf gibt es den Mal-Soundtrack zu hören, den Gertsch während der monatelangen Handarbeit auf den Ohren hatte, zum Beispiel von den Rolling Stones.

Auch wenn Gertsch besonders in den 70er-Jahren Figuren malte, stand der Mensch in seinem Verständnis nicht über allem: «Beim Betrachten der Bilder sehen wir, dass Gertsch dem Nebenschauplatz genauso viel Aufmerksamkeit schenkte, er malte alles mit der gleichen Hingabe», so Bühler.

Im Bild «Luciano I» etwa sind die Zigarettenstummel im Teller vor dem Künstler Luciano Castelli mit derselben Präzision dargestellt wie der junge Mann selbst. Gleiches gilt für einen Plastiksack im Hintergrund von «Marina schminkt Luciano». Es ist das Gegenteil der heutigen Handy-Porträteinstellung: Alles ist im Fokus. Es scheint, als habe Gertsch auch im Kleinen ein ganzes Universum gefunden.

In seinem der Natur gewidmeten Spätwerk ist ebenso eine nicht-hierarchische Sicht auf Mensch und Natur auszumachen. Beispielsweise an der Pestwurz zeige sich sein wahrhaftiger und nicht-wertender Blick auf die Dinge, sagt Bühler. Gertsch widmete sich dem Unkraut mehrfach. Wenn wie auf einem der Werke goldener Saharastaub an den Blättern liegt, dann mutet bei Franz Gertsch sogar eine unscheinbare Pflanze heilig an.

Vernissage: Do., 13.8., 18.30 Uhr

Vernissage: Fr., 18.9. Ausstellung bis 28.2.2027

Vernissage: Franz Gertsch. Blow-Up (Part I)

Franz Gertsch. Blow-Up (Part I)

Franz Gertsch. Blow-Up (Part II)