Koch & Duelli untersuchen seltene Netzflüglerarten im Schweizerischen Nationalpark und Umgebung, Schweiz; 33 Arten nachgewiesen, darunter Schedli zuletzt 1963 beobachtet

Netzflüglerarten im Schweizerischen Nationalpark - Parc Naziunal Svizzer

Ein Beitrag von Bärbel Koch (Museo cantonale di storia naturale) & Peter Duelli (Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL) 5. August 2026

Bis in die 1980er-Jahre wurden im Schweizerischen Nationalpark und seiner Umgebung Netzflüglerarten entdeckt, die zuvor noch nie in der Schweiz nachgewiesen worden waren – seither jedoch auch nie wieder beobachtet wurden. Das Ziel dieses Forschungsprojekts war es herauszufinden, ob diese Arten in der Schweiz noch vorkommen.

Titelbild: Suche nach seltenen Taghaften und Staubhaften in der Val Mingèr, SNP (©Bärbel Koch)

Die Gruppe der Netzflügler, wissenschaftlich als „ Neuropterida “ bezeichnet, sind eine Ordnung der Insekten. Sie sind in der Schweiz mit rund 125 Arten vertreten. Die Körpergrösse der Arten variiert von wenigen Millimetern bis zu mehreren Zentimetern, und auch ihr Erscheinungsbild ist vielfältig. Allen Organismen ist jedoch das charakteristische, nervenartige Adernetz in den Flügeln gemeinsam. Zu den Netzflüglern gehören zum Beispiel der Schmetterlingshaft, die Ameisenjungfern oder die Schlammfliegen. Viele Netzflügler leben versteckt, sind sehr scheu und nachtaktiv. Dadurch sind sie schwer nachzuweisen. Mehrere Arten sind weitgehend unbekannt. Interessieren sollten sie uns trotzdem – die Larven fast aller Netzflügler ernähren sich von anderen Insekten, was sie für die biologische Schädlingsbekämpfung in der Land- und Forstwirtschaft interessant macht. Zudem ist es aus Sicht des Naturschutzes wichtig, ihr Vorkommen beziehungsweise Verschwinden zu kennen.

Abb.1: Ein Weibchen vom Schedls Taghaft (Hemerobius cf schedli) gefunden auf dem Munt Baselgia (©Peter Duelli)

In den letzten zehn Jahren haben wir uns mit der Revision und Digitalisierung der Netzflügler-Sammlungen in den Schweizer Naturhistorischen Museen beschäftigt. Unter den Belegen befand sich Material des Netzflügler-Experten Willy Eglin sowie weiterer Entomologen, welches sie zwischen 1938 und 1978 im Schweizerischen Nationalpark und seiner Umgebung gesammelt hatten. In diesem Zeitraum wurden über 3’000 Individuen aus 55 Arten erfasst, darunter auch sehr seltene Arten – und sogar Neufunde, die für die Wissenschaft besonders spannend waren. Einige dieser Arten wurden seither in der Schweiz nie wieder nachgewiesen. Auch in anderen Teilen Europas liegen spärliche und räumlich weit verstreute Nachweise vor. Dies ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass sich nur wenige Fachleute mit dieser Organismengruppe beschäftigen – teilweise aber auch darauf, dass einige Arten nur schwer nachzuweisen und zu bestimmen sind.

Abb.2: Klopfen von Bergföhren in God la Drossa, SNP (©Bärbel Koch)

Die Suche nach seltenen Arten im Schweizerischen Nationalpark und seiner Umgebung

Um das heutige Vorkommen der seltensten Netzflüglerarten nachzuweisen, haben wir in den Sommern 2024 und 2025 die von Willy Eglin und Kollegen untersuchten Fundorte besucht und alle auffindbaren Arten erfasst. Innerhalb des Perimeters des Nationalparks haben wir mittels Klopfens an Bäumen und Büschen gesucht, in der Umgebung ausserhalb des Parks zusätzlich mit Lichtfallen. In sieben Tagen Feldarbeit konnten wir 33 Arten nachweisen. Darunter waren auch zwei sehr seltene Arten (Kiefernwald-Taghaft Wesmaelius ravus und Wesmaelius helveticus ) , sowie der Schedls Taghaft ( Hemerobius schedli ), der seit 1963 in der Schweiz nicht mehr beobachtet worden war. Das Vorkommen von Eglins Staubhaft ( Helicoconis eglini) konnten wir nicht bestätigen. Diese Staubhaft wurde zwischen 1955 und 1977 von Willy Eglin in vier männlichen Exemplaren im Nationalpark nachgewiesen. Da sich ihr Lebensraum nicht wesentlich verändert hat, nehmen wir an, dass die Art in der Gegend noch immer vorkommt. Vermutlich hält sich die sehr kleine H. eglini aber tagsüber in Baumkronen auf, weshalb die Art ohne Lichtfallen nur mit viel Glück gefunden werden kann. Die Suche setzen wir nun ausserhalb des Perimeters des Nationalparks fort, um weitere Daten zu den wenig erforschten Netzflüglern zu sammeln.

Abb.3: Lichtfallenfang am Pass dal Fuorn (©Bärbel Koch)

Eglin-Dederding W (1980) Die Netzflügler des Schweizerischen Nationalparks und seiner Umgebung (Insecta: Neuropteroidea). Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen im Schweizerischen Nationalpark. Herausgegeben von der Kommission der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung des Nationalparks. Band XV: 280–351.

Eglin-Dederding W (1986) Ökologische Untersuchungen im Unterengadin D7: Netzflügler und Schnabelfliegen (Neuropteroidea, Mecoptera). Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen im Schweizerischen Nationalpark. Herausgegeben von der Kommission der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung des Nationalparks. Band XII: D168–D200.

Koch B & Duelli P (2025) The alpine brown lacewing insect Hemerobius schedli (Neuroptera, Hemerobiidae) in Switzerland. Alpine Entomology, 9: 65-71. https: