Albert Rösti zur Trockenheit in der Schweiz; Wassertransporte mit Armeehelikoptern auf Bestellung

Bundesrat Albert Rösti zur Trockenheit: «Die Landwirtschaft ist am stärksten betroffen»

Publié le 6 août 2026

Bundesrat Albert Rösti zur Trockenheit: «Die Landwirtschaft ist am stärksten betroffen»

Albert Rösti Die hohen Temperaturen und die extreme Trockenheit haben den Umweltminister überrascht. Den Vorwurf der Tatenlosigkeit weist er aber zurück: Der Bundesrat sei vorbereitet gewesen.

Interview von Cyrill Pinto und Iwan Städler

Die Hitze macht vielen zu schaffen. Vor allem Ältere leiden auch gesundheitlich darunter. Und SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh spricht als oberster Älpler gar von einer «Notlage». Es brauche nun Massnahmen. Das findet auch die Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone. Sie wirft Umweltminister Albert Rösti (SVP) vor, «nicht fähig oder nicht bereit» zu sein, die Bevölkerung vor der Hitze zu schützen. Ihrer Ansicht nach muss er das Umweltdepartement verlassen. Wie reagiert Rösti darauf? Und was will er gegen die Hitze unternehmen?

Herr Rösti, viele leiden in diesen Wochen unter der Hitze. Sie auch?

Ja. Ich bin wegen meiner Rückenoperation noch nicht 100 Prozent fit und spüre die Hitze deshalb noch etwas stärker.

Als Büroarbeiter nicht wirklich. Das ist nicht zu vergleichen mit Bauarbeitern. Für sie ist die Hitze sehr hart. Hier im Büro ist es hingegen gut erträglich, wenn man morgens gut durchlüftet.

Nein, auch bei uns zu Hause nicht. Kühlt man in der Nacht und morgens gut herunter, geht es gut ohne.

Die Schweiz spart sich also die Klimaanlagen für ihre Bundesräte?

Wir sind ja in den heissesten Sommerwochen ohnehin oft in den Ferien. (lacht)

Ihr Parteikollege Ernst Wandfluh hat vergangene Woche Alarm geschlagen. Aufgrund der Trockenheit fehlt es vor allem auf den Alpen an Wasser und Futter. Teilen Sie seine Sorgen?

Absolut. Die extreme Trockenheit trifft die Landwirtschaft am stärksten. Sowohl auf den Alpen als auch im Mittelland, wo aufgrund der Hitze etwa der Mais ganz schlecht wächst.

Warum hat denn der Bundesrat nicht entschlossener gehandelt?

Dieser Eindruck ist falsch. Es braucht keine Krisensitzung des Bundesrats, um auf eine solche Situation zu reagieren. Zwar ist dieser Hitzesommer dramatisch. Aber es ist nicht der erste. Und es wird auch nicht der letzte sein. Entsprechend haben wir Instrumente vorbereitet.

Zum Beispiel Wassertransporte mit Armeehelikoptern auf die Alpen. Sie fliegen auf Bestellung der Kantone. Trotz der ausserordentlichen Hitze waren dieses Jahr aber weniger Flüge notwendig als in früheren Hitzeperioden. Weil die Älpler aufgerüstet haben, indem sie Wasserspeicher oder neue Wasserversorgungen bauten. Die einzelnen Departemente handeln, ohne dass es dafür eine ausserordentliche Bundesratssitzung bräuchte. So hat etwa Bundesrat Parmelin die Futterzölle auf null gesetzt, damit das Futter zu verkraftbaren Preisen importiert werden kann. Weiter unterstützt das Bundesamt für Umwelt in meinem Departement Klimaanpassungsmassnahmen wie Begrünungen und Entsiegelungen.

Es gibt offenbar auch einen Krisenstab Trockenheit unter der Leitung Ihres Generalsekretärs Yves Bichsel. Man hat aber nichts von ihm gehört. Wurde er aktiviert?

Nein. Dieser Krisenstab kommt dann zum Einsatz, wenn es kantonsübergreifende Massnahmen braucht – etwa wenn in weiten Teilen des Landes Wassermangel herrscht. Das ist bislang nicht der Fall.

Hätte es also den Alarmruf von Wandfluh gar nicht gebraucht?

Ich habe vollstes Verständnis, dass er als Präsident des Alpwirtschaftlichen Vereins laut geworden ist. Das erwartet man von ihm. Es braucht aber jetzt keine Notlage. Natürlich ist es für die einzelnen Bauern eine Notlage.

Für den Bundesrat ist es in dem Sinn noch keine, als dass er keine neuen Kompetenzen bräuchte wie während der Covid-19-Pandemie. Damals musste er Gesetze und Verordnungen erlassen, um die ausserordentliche Lage zu bewältigen. Das ist jetzt nicht der Fall. Die notwendigen Massnahmen und Mittel können gestützt auf die existierende Gesetzgebung getroffen werden.

Für Seniorinnen und Senioren ist die Hitze gesundheitsgefährdend, etliche sind deswegen gestorben. Kann man dagegen nichts unternehmen?

Doch. Das Bundesamt für Raumentwicklung hat schon in diesem Frühling einen Leitfaden herausgegeben, der für eine klimaangepasste Siedlungsentwicklung sorgen soll. Es gibt auch Förderbeiträge für Anpassungen im Umfang von rund 30 Millionen Franken. Tätig werden müssen aber die Kantone und Gemeinden. Das gilt auch für die Sanierungen von Alters- und Pflegeheimen, wo es allenfalls Klimaanlagen braucht. Der Bund kann hier beratend und finanziell unterstützen.

Die grüne Parteipräsidentin Lisa Mazzone hat Ihnen vorgeworfen, Sie seien «nicht fähig oder nicht bereit», die Bevölkerung vor der Hitze zu schützen. Wie reagieren Sie?

Offenbar weiss sie nicht, was läuft. Wir haben bereits im letzten Jahr eine Risikoanalyse publiziert, die zum Schluss kommt, dass die Hitze das grösste Problem ist – grösser als das Risiko von Murgängen und Bergstürzen wie in Blatten. Die Gefahr, an Hitze zu sterben, ist höher. Entsprechend haben wir viel unternommen, wie ich bereits ausgeführt habe. Auch das Monitoring mit den Trockenheitskarten, die man bei Meteo Schweiz sieht, kommt vom Bundesamt für Umwelt. Schliesslich sind wir an der Erarbeitung einer nationalen Wasserstrategie zur Ressourcensteuerung beim Wasser. Aber die Hitze selbst lässt sich damit natürlich nicht aus der Welt schaffen.

Mazzone verlangt, dass Sie das Umweltdepartement verlassen. Gehorchen Sie?

Ärgern Sie sich über diese Kritik?

Wissen Sie: viel Widerstand, viel Ehr. Als früherer Parteipräsident der SVP weiss ich, wie die Mechanismen funktionieren. Aber auch als Parteipräsident hatte ich stets hohen Respekt vor der Landesregierung.

Inhaltlich fordert Mazzone unter anderem eine Begrünungsoffensive. Stimmen Sie zu?

Die Städte müssen sicher mehr begrünen, da bin ich einverstanden. Dafür braucht es allerdings keine Bundesoffensive. Unsere Aufgabe ist, zu beraten und zu begleiten und allenfalls finanziell zu unterstützen. Das ist längst eingeführt.

Die Grünen wollen auch gegen überhitzte Mietwohnungen vorgehen. Sorgt eine Vermieterin oder ein Vermieter nicht vor, soll man eine Mietzinsreduktion verlangen können. Ist das eine gute Idee?

Das scheint mir ein sehr grober Eingriff ins Mietrecht zu sein. Mit unserem Gebäudeprogramm fördern wir die Sanierungen von Wohnungen. Das finde ich sinnvoller.

In Altersheimen und Spitälern, wo besonders gefährdete Menschen betreut werden, sind Klimaanlagen absolut sinnvoll. Die Kantone sollten darauf achten, dass ihre Bauvorschriften solche Anlagen ermöglichen.

Sind Sie überrascht, dass selbst die Grünen auf Klimaanlagen pochen?

Nein, das kann ich nachvollziehen. Wir sollten auch private Klimaanlagen nicht stark erschweren. Wir sollten sie aber auch nicht subventionieren oder sogar reglementieren.

Wegen des Klimawandels dürfte es in Zukunft noch heisser werden. Macht Ihnen das Sorgen?

Ja, vor allem auch mit Blick auf die Landwirtschaft. Entscheidend ist, ob es uns gelingt, uns anzupassen. Denn wenn ich die internationalen Klimakonferenzen verfolge, habe ich meine Zweifel, ob das Netto-null-Ziel bis 2050 weltweit gelingt. Und die Schweiz allein kann das Klima nun einmal nicht beeinflussen.

Aber müsste die Schweiz nicht mehr unternehmen gegen den Klimawandel?

Sie unternimmt bereits sehr viel. Wir müssen Vorbild sein, auf fossile Energien verzichten und Innovationen entwickeln, die international eine breite Wirkung entfalten können. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren das CO2-Gesetz, das Klima- und Innovationsgesetz, das Stromgesetz sowie Regelungen für die Kreislaufwirtschaft, die alle diese Entwicklungen fördern, umgesetzt.

Fahren Sie selbst ein Elektroauto?

Ja, wenn auch noch nicht sehr lange. Es fährt sich sehr angenehm und funktioniert gut.

Ihre Partei hat den Klimawandel lange heruntergespielt. Als SVP-Präsident bezeichneten Sie die Klimadebatte 2019 als «schrille Panikmache». War das falsch?

Selbstkritik ist immer gut. Aber grundsätzlich falsch war es nicht. Wenn man gegenüber den Leuten so tut, als stünde unmittelbar die Apokalypse bevor, bringt das nichts oder ist sogar kontraproduktiv.

Haben Sie den Klimawandel unterschätzt?

Eine derart heftige Hitze wie in diesem Sommer hätte ich nicht erwartet. Aber den Klimawandel habe ich nie infrage gestellt.

Warum haben Sie zusätzliche Gelder für den klimatauglichen Umbau des Waldes gestrichen?

Wenn jetzt der Eindruck erweckt wird, ich hätte die Beiträge für eine klimagerechte Waldpflege gestrichen, stimmt das nicht! Der Bund zahlt weiterhin durchschnittlich rund 115 Millionen Franken pro Jahr für den Wald. Dazu gehört auch die Anpassung an den Klimawandel. Weggefallen ist im Rahmen des Entlastungspakets eine Zusatzfinanzierung, die das Parlament einst beschlossen hatte. Wenn es will, kann es diese Mittel im Budget wieder sprechen.

Ich werde dem Parlament die umwelt- und waldpolitischen Vorteile dieser Massnahmen darlegen, muss aber ebenso auf die Schuldenbremse hinweisen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Parlament nach diesem Sommer die zusätzlichen Gelder wieder spricht.

Sie hatten Anfang Juni eine Bandscheibenoperation, hielten zum 1. August aber fünf Reden. Geht es Ihrem Rücken wieder gut?

Ja, danke der Nachfrage. Die Auftritte waren bereits vor der Operation vereinbart und sind für mich eine Gelegenheit, mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten. Aus solchen Begegnungen schöpfe ich Energie.

Für den Redemarathon sind Sie mit dem Helikopter quer durch die Schweiz geflogen. Ist das das richtige Signal?

Ich versuche grundsätzlich, möglichst mit dem Zug oder mit dem Auto zu reisen. Wenn es zeitlich nicht anders geht, nehme ich den Helikopter. Am Nationalfeiertag stand der Kontakt mit der Bevölkerung im Vordergrund.

Links Grundsätze der Umweltpolitik Klimaschutz Tages-Anzeiger, 06.08.2026 (Abo-Artikel)