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title: "Google sendet Android-Warnmeldungen in Venezuela; Zehntausende gewarnt, 8 bis 25 Sekunden Vorlauf"
sdDatePublished: "2026-08-07T08:07:00Z"
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Google sendet Android-Warnmeldungen in Venezuela; Zehntausende gewarnt, 8 bis 25 Sekunden Vorlauf

«Eine Erdbeben-Frühwarn-App kann 10 bis 30 Prozent der Opfer vermeiden.»

Mitteilung Veröffentlicht am 7. August 2026

«Eine Erdbeben-Frühwarn-App kann 10 bis 30 Prozent der Opfer vermeiden.»

Wenige Sekunden vor den Erschütterungen in Venezuela erhielten Menschen mit einem Android-Handy eine Warnung auf ihr Smartphone. Solche Vorwarnungen können Leben retten. Im Interview erklärt ETH-Wissenschaftler John Clinton, wie Erdbeben-Frühwarnsysteme funktionieren, weshalb die von der DEZA unterstützten Systeme in Zentralamerika zu den modernsten der Region gehören, und wie dieselbe Technologie bald auch in der Schweiz eingesetzt werden soll.

Sekunden bevor die Erde am 24. Juni 2026 bebte, sendete Google den Menschen in Venezuela eine Warnmitteilung auf die Smartphones. Konnten so noch höhere Opferzahlen verhindert werden?

Dr. John Clinton: Es ist richtig, dass Google beim Doppelerdbeben in Venezuela Warnungen auf zahlreiche Android-Smartphones übermittelt hat, teils einige Sekunden, bevor die zerstörerischen Bodenerschütterungen eintrafen. Schon diese kurze Vorwarnzeit kann für die Betroffenen einen bedeutenden Unterschied ausmachen: Sie können vor Ort Deckung suchen oder das Gebäude verlassen. Solche Massnahmen können die Zahl der Opfer erheblich verringern.

Wie viele Opfer konnten sich in Venezuela dank der Warnung in Sicherheit bringen?

Wie leistungsfähig und wirksam die Warnungen in Venezuela waren, wurde bislang nicht umfassend untersucht. In den sozialen Medien gibt es aber einige Videos, die zeigen, wie Personen Warnungen erhielten, noch bevor es merkbar schüttelte. Die grösste Stärke der Android-Warnungen liegt in der Anzahl der potenziellen Nutzenden und der Fähigkeit, Warnungen mit sehr geringer Verzögerung zu versenden.

Aber es profitieren eben nur Menschen mit einem Android-Gerät. Ein nationales System für alle Bürgerinnen und Bürger fehlt.

Derzeit verfügt Venezuela über kein von den nationalen Behörden betriebenes Erdbeben-Frühwarnsystem, wie wir es mit unseren zentralamerikanischen Partnern aufgebaut haben.

Das heisst, andere Länder in dieser seismisch hochgefährdeten Region sind weiter.

Ja, nationale Frühwarnsysteme sind heute in Guatemala, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica in Betrieb. Die DEZA hat die ETH Zürich und die Erdbebeninstitute in diesen Ländern beim Aufbau entsprechender Systeme unterstützt. Ihr Engagement war dabei in vielerlei Hinsicht wegweisend: Ohne diese Anschubfinanzierung gäbe es heute in keinem dieser Länder ein nationales Frühwarnsystem. Oder anders gesagt: Vor dem DEZA-Projekt verfolgte keines dieser Länder die Entwicklung eines Frühwarnsystems. Es fehlten sowohl die finanziellen Mittel als auch das wissenschaftliche und technische Fachwissen, um solche Systeme eigenständig zu entwickeln und zu betreiben.

Und wie ist Zentralamerika heute geschützt?

Das Projekt der DEZA wurde 2024 abgeschlossen. Seither betreiben die nationalen Institute der erwähnten Länder ihre eigenen Frühwarnsysteme. Die nationalen Institute haben dafür die im Projekt entwickelte mobile App leicht auf die Bedürfnisse ihrer Länder angepasst. Diese Apps sind im Google Play Store und im iOS App Store verfügbar. Die im Rahmen des Projekts entwickelte App hat mittlerweile bei zahlreichen mittelstarken bis starken Beben erfolgreich Warnmeldungen versendet. Die Meldungen wurden innerhalb von 8 bis 25 Sekunden nach Beginn des Bebens an Zehntausende zugestellt. Etwas weiter vom Epizentrum entfernt blieben den Menschen so wenige Sekunden, bevor die Erschütterungen eintrafen. So erhielten beispielsweise während eines Erdbebens der Stärke 5,8 vor der Küste Guatemalas im Jahr 2025 mehr als 35 000 Personen eine Warnung wenige Sekunden, bevor sie das Beben spürten. Während der Erdbebenserie damals stieg die Zahl der aktiven Nutzenden in Guatemala vorübergehend auf über eine Million.

Wie wird die internationale Zusammenarbeit seither fortgeführt?

Die nationalen Erdbebendienste betreiben und bewerben die Frühwarn-App in ihren Ländern. Das Team der ETH Zürich arbeitet weiterhin eng mit den Partnerinstitutionen zusammen, um die App laufend zu optimieren und weiterzuentwickeln. Darüber hinaus unterstützt die ETH Zürich gemeinsam mit dem nationalen Erdbebendienst und dem Roten Kreuz die Weiterentwicklung des Erdbeben-Frühwarnsystems in Guatemala und teilweise auch in El Salvador im Rahmen eines von «ETH for Development» (ETH4D) finanzierten Projekts. Weitere, von der Europäischen Union unterstützte Projekte ermöglichen es uns zudem, das System in Europa einzuführen. Die dabei gewonnenen Erfahrungen und technologischen Fortschritte fliessen wiederum in die Systeme in Mittelamerika zurück.

Ja, die in Mittelamerika entwickelte Technologie und die dort gewonnenen Erfahrungen bilden die Grundlage für die Einführung eines Erdbeben-Frühwarnsystems in der Schweiz. Wir planen, das System in den kommenden Monaten auch hierzulande bereitzustellen. Derzeit arbeiten wir daran, die App noch benutzerfreundlicher und barrierefreier zu gestalten. Die dabei entwickelten Verbesserungen fliessen anschliessend wiederum in die Anwendungen in Mittelamerika zurück.

Sind wir hierzulande auf Beben gut vorbereitet?

Den wirksamsten Schutz vor Erdbeben bietet eine erdbebengerechte Bauweise. In der Schweiz haben die meisten Gebäude eine unbekannte und oft ungenügende Erdbebensicherheit. Bestehende Gebäude aufzurüsten ist zeitaufwändig und teils kostspielig.

Im Gegensatz dazu lassen sich Erdbeben-Frühwarnsysteme zu einem Bruchteil der Kosten umsetzen. Indem sie es den Menschen ermöglichen, unmittelbar vor dem Eintreffen der Erschütterungen Massnahmen zu ergreifen, können Erdbeben-Frühwarnungen die Zahl der Opfer verringern – unsere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass dies in der Grössenordnung von 10 bis 30 Prozent möglich ist.

Wie sieht Ihre Vision für die nächste Generation von Erdbeben-Frühwarnsystemen aus?

Meine Vision besteht aus einem Warnsystem, in dem die Erdbeben-Frühwarnungen mit möglichst wenig Verzögerung über möglichst viele, verschiedene Kanäle verbreitet werden. Im Idealfall wären Erdbebenwarnungen auch in andere Apps eingebunden oder würden über Mobilfunk-Rundsendungen und Sirenen-Alarme verbreitet. Darüber hinaus ist es wichtig, in Informations- und Präventionskampagnen zu investieren: Die Empfängerinnen und Empfänger müssen wissen, wie sie im Notfall reagieren müssen.

Zwei Eigenschaften, die mit der Geschwindigkeit in Verbindung stehen, machen Erdbeben-Frühwarnung möglich. Erstens entstehen bei einem Erdbeben verschiedene Arten seismischer Wellen: P-Wellen sind am schnellsten und bewegen sich rund doppelt so schnell fort wie die darauffolgenden, schadenbringenden S-Wellen und Oberflächenwellen. Zweitens sind seismische Wellen viel langsamer als die in modernen Kommunikationssystemen zur Informationsübermittlung verwendeten elektromagnetischen Wellen. Mithilfe eines dichten seismischen Netzwerks zeichnet ein wirksames Frühwarnsystem die P-Wellen auf, sobald diese die Erd- oder Wasseroberfläche erreichen. Die Daten werden dann unverzüglich mit Lichtgeschwindigkeit an ein Datenzentrum übermittelt. Dort werden die Informationen verschiedener Stationen zusammengeführt, um die zu erwarteten Bodenerschütterungen zu ermitteln. Bei den an der ETH Zürich entwickelten Systemen basiert die vorhergesagte Bodenbewegung auf der Lokalisierung und Charakterisierung eines Erdbebens. Auf Grundlage der vorhergesagten Bodenerschütterungen kann das Erdbeben-Frühwarnsystem dann Warnungen an die betroffenen Gebiete senden. Zielgerichtete Warnungen ermöglichen es der Bevölkerung beispielsweise, Schutz zu suchen und Maschinen können automatisch in einen sicheren Betriebszustand umschalten (z. B. Lifte).

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