Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Ausstellung ‘Öffentlich machen!’ in Weimar; Eröffnung am 30. April 2026
ja h r e s b e r i c h t d e r h a a b 4 Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek im Jahr 2025 mit blick auf 2026 »Öffentlich machen« Themen des Jahres und Perspektiven »Öffentlich machen!« ist das ABC der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Thema ihrer Jahresausstellung 2026 und Leitfaden ihrer strategischen Ausrichtung: Bibliothe- ken sind Institutionen der offenen Gesellschaft, die mit ihren Mitteln Öffentlichkeit herstellen. In der Herzogin Anna Amalia Bibliothek sind das die Räume, Sammlungen, kulturellen Praktiken und alle weiteren Angebote. Sie ermöglichen Kommunikationen, Perspektiven- vielfalt und nicht zuletzt Wissen. Agenda der Bibliothek Ausrichtungen und Ergebnisse (2018 – 28) »Öffentlich machen!« bestimmt auch die Agenda der Bibliothek, die am 6. November 2018 im Grundsatz vom Stiftungsrat der Klassik Stiftung Weimar bestätigt, organisatorisch in Profilbereiche einer Agenda 2020plus überführt und 2024 als Future Memory Herzogin Anna Amalia Bibliothek in den Linien ›Sammlungen ent decken‹, ›Originale erhalten‹ und ›Zeitzeugen berichten‹ aktualisiert wurde.1 Sie hat eine Laufzeit bis 2028 und folgende Schwerpunkte gesetzt: Originalerhalt, Samm- lungsaufbau sowie Sammlungserschließung und -ver- mittlung. In Anknüpfung an die Neuaufstellung der Bibliothek nach dem Brand von 2004 ging es seit Okto- ber 2016 um eine Profilierung der zukunftsfähigen Handlungsfelder einer Archiv- und Forschungsbiblio- thek. Dazu zählen mit Blick auf ihre Archivfunktion die Erhaltung der Bestände und die Restaurierung der brandgeschädigten Materialien auf dem neuesten Entwicklungsstand und die Fortführung der Arbeit an den restaurierungsfähigen Aschebüchern (1). Zu ihrer Absicherung auf höchstem Niveau wurde 2019 in Zusammenarbeit mit der HAWK Hildesheim und der Universität für Bodenkultur Wien eine Akademische Lehrwerkstatt begründet, mit der die Arbeit der Weimarer Werkstatt sowie die Papierrestaurierung und -stabilisierung im Mengenverfahren unterstützt wird. Hiermit wird die Weiterentwicklung der Ver- fahren zur Bearbeitung der brandgeschädigten Mate rialien gesichert. Die Übertragung des Wissens auf den Gesamtbestand der Bibliothek ist vorgesehen und die Arbeit in Projekten mit weiteren Einrichtungen wird möglich. Im Sammlungsaufbau (2) wird die Wieder herstellung der Aussagefähigkeit der Sammlungen und die Arbeit an einem zeitgemäßen Sammlungsprofil gesichert. In der Sammlungserschließung und -vermitt lung geht es in mehreren Projektlinien um die Anschluss- fähigkeit der Sammlungen (3): Ein ebenso wichtiger wie aufwendiger Baustein war die Überarbeitung und Aktivierung öffentlicher Flächen. Sie reicht vom Renais- sancesaal mit Cranach und dem 16. Jahrhundert über den Bibliotheksturm mit Militärkabinett, eine Galerie der Sammlungen oberhalb der Romanbibliothek und mit neuen Wissensräumen des 21. Jahrhunderts im Studien- zentrum: Makerspace (Digitale Werkstatt), Leselounge, Ausstellungsflächen und Kommunikationsbereichen. Neben diesen Schaufenstern wird das Wissen der Samm- lungen mit der Arbeit an einem neuen Online-Katalog aktiviert. Ziel ist eine sog. »normdatenbasierte« Suche, vor allem auch nach Provenienzen und Sammlungen, und die intensivierte Produktion von standardisierten Erschließungsdaten, die in Netzwerken der Klassik Stiftung Weimar ebenso nachgenutzt werden können wie in den Bibliotheksverbünden. Schwerpunkte sind die Provenienzerschließung und die Ermittlung von vorbe- reitenden Informationen durch Sammlungsforschung. Für den Digitalen Service wurde die Digitale Bibliothek als Abteilung gestärkt und in der Agenda eine moderni- sierte Ausstattung, Optimierung von Arbeitszusammen- hängen und vor allem die Multispektraldigitalisierung als Instrument für bildgebende Verfahren in Betrieb ge- nommen, um die schwer geschädigten Musikalien nach ihrer Stabilisierung zu lesen und nutzbar zu machen.
s u p r a l i b ro s j u l i 2 0 2 6 5 Inzwischen wurden zentrale Meilensteine erreicht, so die Aktivierung von öffentlichen Flächen und Samm- lungsräumen. Mit Eröffnung der Cranach-Ausstellung, dem Foyer und weiterer angrenzender Flächen und Wegeführungen 2022 im Historischen Gebäude sowie von neu gestalteten Wissensräumen im Studienzen trum 2025 konnten wichtige Ziele mit Unterstützung der Baudirektion und der Direktion Museen der Stif- tung für die Öffentlichkeit der Bibliothek verwirklicht werden. Die neu gebildeten Flächen im Studienzent- rum wurden zum 20. Jahrestag seiner Eröffnung vorge- stellt und mit einer Festrede von Peter Strohschneider über »Sammlung – Historisierung – Demokratie« eingeweiht.2 Die Arbeiten an der Digitalen Werkstatt und den Ausstellungsbereichen konnten zur Eröffnung der Ausstellung »Öffentlich machen!« am 30. April 2026 abgeschlossen werden. Die Restaurierungswerk- statt in Legefeld entwickelt sich neben der Arbeit im Kerngeschäft der Papierrestaurierung und -stabilisie- rung als attraktive Ansprechpartnerin einer geteilten Infrastruktur. Pilotprojekte mit dem Bundesarchiv und dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv Pots- dam demonstrieren die Leistungsfähigkeit der erar beiteten Kompetenzen. Die Ergebnisse der Erschlie- ßungsprojekte der Bibliothek können in einem neuen Online-Katalog ebenso nachvollzogen werden wie in den Digitalen Sammlungen, die einen Schwerpunkt auf Provenienzen und Informationen zur kulturellen Über- lieferung legen. Ministerpräsident Mario Voigt und Bundeskanzlerin a. D. Angela Merkel besuchen am 9. September 2025 die Bibliothek. »N« wie »Neuerwerbungen« und »Nutzer«: Blick in die Aus- stellung »Öffentlich machen!«
ja h r e s b e r i c h t d e r h a a b 6 Christoph Martin Wieland: Die Sammlungen im Dienst von Weimars Kulturprogramm Kurz vor seinem Tod, am 24. Oktober 1812, hielt Chris- toph Martin Wieland in der Loge »Amalia zu den drei Rosen« eine Rede »Ueber das Fortleben im Andenken der Nachwelt«, die zugleich ein Weimarer Kulturpro- gramm formuliert, das mit den Sammlungen begründet wird. Nach dem Ende der plausiblen Rede von der Wie- derauferstehung oder der Seelenwanderung nach dem Tod setzt Wieland auf das Fortleben mit Mitteln der Kul- tur: Es gehe um »eine andere Art von Leben nach dem Tode«, »die in gewissem Sinne von uns selbst abhängt, und, anstatt allen unsern Verhältnissen mit den Leben- den auf einmal ein Ende zu machen, uns vielmehr in einer höchst angenehmen Verbindung mit ihnen erhält; ich meine, das Fortleben im Angedenken der Nachwelt«. Was hier so locker formuliert wird, begründete eine neue Erinnerungskultur. Es sind dann die Verdienste und Werke zu Lebzeiten und damit eben auch die Werke, die Gebäude und Sammlungsräume prägen und von denen einige auf den Regalen dieser Bibliothek stehen. Ein ent- scheidender Gedanke, eine Beobachtung, kommt hinzu, der die Gesellschaft und ihre Sammlungen einbezieht: »Das Leben im Andenken der Nachwelt, da es nur die natürlichste Folge ausgezeichneter und immerfortwir- kender Verdienste ist, sei mit dem vorhergegangenen sichtbaren Leben in der Mitwelt gleichsam aus einem Stücke, und als eine wirklich fortgesetzte Persönlichkeit in derselben zu betrachten.« Jan Philipp Reemtsma gibt einen wichtigen Hinweis auf die Pointe; denn hier geht es offensichtlich um ein besonders zu erfassendes »Leben« bzw. Weiterleben. Das »Ich« wird an eine »Mitwelt« und damit an Kommunikationen geknüpft.3 Die können nun tatsächlich fortleben, vorzugsweise in Medien wie Literatur, die nicht an die Endlichkeit menschlichen Lebens gebunden sind. Auch in der Lektüre, in Gesprächen und vielfältigen Formen der Kommunikation wird Fortleben gesichert, in dieser Bibliothek in Auseinandersetzung mit Sammlungen und in ihrem Kulturprogramm. Kulturprogramm der Bibliothek 2025 mit Blick auf 2026 Die Gegenwart einer Bibliothek ereignet sich durch ihre Besuche, Angebote und Nutzungen. In einem Kalender- jahr sind das zahlreiche Veranstaltungen und Sternstun- den, die wir zusammen mit der Gesellschaft Anna Ama- lia Bibliothek ausrichten. Dazu gehörten am 8. Mai 2025 die Ausstellungseröff- nung »Teuflisch! Mephisto in der Bibliothek« mit dem Fest- vortrag von Katherina Keim »Ohne Mephisto kein Faust« und einem Faust-Mephisto-Dialog vom Schauspieler Sebastian Kowski vom Weimarer DNT. Als Beitrag zum Themenjahr Faust der Klassik Stiftung Weimar setzte die Faust-Mephisto-Dialog des Schau- spielers Sebastian Kowski vom Deutschen Nationaltheater Weimar
s u p r a l i b ro s j u l i 2 0 2 6 7 Bibliothek 2025 somit auf »Teuflisch!«, um mit diesem Blick die weltweit größte Faust-Sammlung in ihrer media- len Vielfalt zu präsentieren. Mephisto begleitet Faust als eine Figur der permanenten Infragestellung, die in Illus trationen, Bildern, Musik, Film und Werbung zu einer multimedial erzeugten Ikone wird. Eine Ausstellung sowie ein Vortragsprogramm mit Themen vom Theater bis zur Musik und Lesekultur zeigen Mephisto im Gegenwarts bezug einer herausragenden Sammlung der Bibliothek. Im Begleitheft führt die Kuratorin Claudia Streim durch die Präsentation. Über Links gelangt man weiter in die vir- tuelle Ausstellung auf den Seiten der Deutschen Digitalen Bibliothek und in die Digitalen Sammlungen der Biblio- thek.4 Im stark nachgefragten Publikumsformat Schätze der Faust-Sammlung wurden an festen Terminen Originale aus den Sammlungen der Bibliothek gezeigt. Höhepunkt in der Reihe Übersetzen! war der Besuch des großen ungarischen Autors Péter Nádas und seiner ebenso bedeutenden Übersetzerin Christina Viragh am 13. Mai 2025. Den Anlass gaben die »Parallelgeschichten«, die vor 20 Jahren erschienen sind; ein monumentaler Jahrhundert roman, dessen deutsche Übersetzung durch Christina Viragh Maßstäbe setzte. Es war ein unvergesslicher Abend. Der Autor und seine Übersetzerin sprachen über Fragen des Schreibens, der Übersetzung und die literarische Form für die Erfassung von Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Moderiert wurde der Abend von Peter Neumann.5 Im Pro- gramm des Thomas-Mann-Jahres fanden im darauf folgen- den Monat zwei Abende auf dem Schreiber-Sofa statt: Am 6. Juni verzauberte der Musiker und Autor Peter Gülke im Gespräch mit Hellmut Seemann noch das Publikum mit seinen lebendigen Erinnerungen an den Weimar-Besuch des Literaturnobelpreisträgers im Jahr 1955. »Der politische Thomas Mann« war am 12. Juni Gegenstand des Gesprächs von Kai Sina und Peter Neumann.6 Ein Gespräch von Annette Seemann mit Hans Wißkirchen über »Thomas Manns Orte: Heimat, Reisen und Exile« bildete im Novem- ber den Abschluss der Reihe auf dem roten Sofa. Die Reihe Lesen! Buchvorstellungen in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek begann im April mit einer Buchvorstellung des bedeutenden Althistorikers Christian Meier mit dem Herausgeber Michael Knoche über »Vergangenheit ohne Ende? Texte und Gespräche zur Alten Geschichte und zur Gegenwart«. Im Rahmen der Weimarer Lesarten stellte Martina Hefter ihren Roman »Hey guten Morgen, wie geht es dir?« im Gespräch mit Mario Osterland vor. Im Jubiläumjahr 2025 präsentierte der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann seine aktuelle Publikation mit einem Vortrag über »Der Bauernkrieg von 1525 in Thüringen und in Deutschland – erinnert, erforscht, neu gesehen«. Jan Röhnert erläuterte im Gespräch mit Romina Nikolić seinen poetischen Essay »Wildnisarbeit. Schreiben, Tun und Nature Writing«. Besonders eindrucksvoll war eine Lesung mit Gedichten und Aufzeichnungen von Victoria Amelina und Volodymyr Vakulenko, die im Verlag Fried- rich Mauke (Weimar) erschienen und von Jan Uplegger gelesen wurden. Autor und Autorin wurden Opfer des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Einzelvorträge in der Konstellationen-Reihe beleuchteten weitere Themen in enger Verbindung zur Bibliothek und ihren Sammlungen: Steffen Höhne berichtete über »Franz Kafka bei Goeth