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title: "Zehntausende Marokkaner erreichen Ceuta; Über 140 Tote, EU verschärft Grenzschutz"
sdDatePublished: "2026-08-07T07:10:00Z"
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Zehntausende Marokkaner erreichen Ceuta; Über 140 Tote, EU verschärft Grenzschutz

Über 140 Tote in Ceuta: Europa verrät seine Menschlichkeit | PRO ASYL

Über 140 Tote in Ceuta: Europa verrät seine Menschlichkeit

In den letzten Julitagen kamen zehntausende Menschen von Marokko aus schwimmend oder über die Landgrenze in die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika. Über 140 Menschen starben. Eine menschliche Tragödie. Doch für Trauer ist kaum Raum, stattdessen überbieten sich EU-Politiker*innen in ihrem Ruf nach noch mehr Abschottung.

Es waren bei­spiel­lo­se Stun­den in Ceu­ta, der spa­ni­schen Exkla­ve in Nord­afri­ka, Ende Juli 2026. Inner­halb kur­zer Zeit schaff­te es eine gro­ße Zahl von Men­schen, Spa­ni­en spricht nun von 72.000 Men­schen , in die klei­ne Stadt. Bei dem Ver­such, Ceu­ta schwim­mend zu errei­chen, star­ben nach aktu­el­lem Stand zwi­schen dem 30. Juli und dem 4. August über 140 Men­schen, dar­un­ter Kin­der und Min­der­jäh­ri­ge. Vie­le sind noch ver­misst, so dass zu erwar­ten ist, dass wei­te­re Tote in den kom­men­den Tagen und Wochen gebor­gen werden.

Die Bil­der derer, die es lebend nach Ceu­ta geschafft haben, schla­gen ein. Zu sehen sind vor allem jun­ge Marokkaner*innen, die zwar erschöpft und nass, aber den­noch zunächst hoff­nungs­voll in der euro­päi­schen Stadt ankom­men. Euro­pa ist und bleibt in Zei­ten wirt­schaft­li­cher Kri­sen, Armut und Per­spek­tiv­lo­sig­keit ein Ort der Hoff­nung, für den das eige­ne Leben ris­kiert wird. Jedoch: Vie­le der Men­schen, die über die Gren­ze kamen, haben die Exkla­ve nach weni­gen Tagen bereits wie­der in Rich­tung Marok­ko ver­las­sen (müs­sen).

In Euro­pa gera­ten Spitzenpolitiker*innen ange­sichts der Ereig­nis­se in Streit, zu wich­tig ist das unge­bro­che­ne Bild der Här­te. Doch rasch fin­det man wie­der Einig­keit in einer gemein­sa­men Ant­wort: Ver­schärf­te Abschot­tung. Höhe­re Mau­ern, här­te­re Geset­ze und das Ende jeg­li­cher Libe­ra­li­tät. Buch­stäb­lich wird über Lei­chen gegan­gen, denn sie fin­den kaum Erwäh­nung. Ver­ges­sen geht auch, dass Euro­pa mit der Ein­füh­rung des Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tems (GEAS), dem Beschluss soge­nann­ter Return Hubs außer­halb der EU und wei­te­ren Ver­schär­fun­gen im Asyl­be­reich ohne­hin gera­de erst mas­si­ve Ver­schär­fun­gen vor­ge­nom­men hat.

In Ceu­ta wird deut­lich: Euro­pa hat sei­nen men­schen­recht­li­chen Kom­pass ver­lo­ren. Ein neu­er­li­cher beschä­men­der Tief­punkt. Wenn sich zudem Geor­gia Melo­ni, JD Van­ce, Neigel Fara­ge oder Ali­ce Wei­del in Stel­lung brin­gen , geht es nicht um die Men­schen und die fak­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen in Ceu­ta, son­dern um die Pro­fil­bil­dung am rech­ten Rand.

Als die ers­ten Bil­der die euro­päi­sche Pres­se errei­chen, und noch bevor Ursa­chen und Hin­ter­grün­de bekannt und ana­ly­siert wur­den, gehen die Wogen in Euro­pas Regie­rungs­sit­zen hoch – von Rom, über Ber­lin bis nach Kopen­ha­gen. Ita­li­en setz­te kur­zer­hand das Schen­gen-Abkom­men mit Spa­ni­en außer Kraft . Minis­ter­prä­si­den­tin Geor­gia Melo­ni begrün­det dies damit, ver­hin­dern zu wol­len, dass Men­schen aus Ceu­ta nach Ita­li­en kom­men. Wohl­wis­send, dass eine Wei­ter­rei­se aufs spa­ni­sche Fest­land für Migrant*innen fast unmög­lich ist. Auch der deut­sche Innen­mi­nis­ter Alex­an­der Dob­rindt kün­dig­te mit Blick auf Ceu­ta an, die euro­pa­rechts­wid­ri­gen deut­schen Grenz­kon­trol­len über Sep­tem­ber hin­aus ver­län­gern zu wollen.

In Euro­pa gera­ten Spitzenpolitiker*innen ange­sichts der Ereig­nis­se in Streit. Doch rasch fin­det man wie­der Einig­keit in einer gemein­sa­men Ant­wort: Ver­schärf­te Abschottung.

Mit einem schar­fen Brief wand­ten sich 22 Regierungschef*innen , dar­un­ter auch Kanz­ler Fried­rich Merz, an den Euro­päi­schen Rat und die EU-Kom­mis­si­on: »Wir dür­fen nicht zulas­sen, dass unkon­trol­lier­te Mas­sen­über­trit­te, die Instru­men­ta­li­sie­rung der Migra­ti­on oder ande­re hybri­de Bedro­hun­gen den Ein­druck erwe­cken, eine ille­ga­le Ein­rei­se in die Euro­päi­sche Uni­on sei mög­lich. Dass sich die ille­ga­le Ein­rei­se eines Migran­ten in einen lega­len Auf­ent­halt ver­wan­deln kann.« Zwi­schen den Zei­len gehen sie damit die spa­ni­sche Lega­li­sie­rungs­kam­pa­gne , die seit April 2026 läuft, als ver­meint­li­chen Pull-Fak­tor an. Dabei sind die Rege­lun­gen restrik­tiv: Nur bereits län­ger im Land leben­de ille­ga­li­sier­te Men­schen kön­nen unter klar erbrach­ten Inte­gra­ti­ons­leis­tun­gen und stren­gen Vor­ga­ben einen gere­gel­ten Auf­ent­halt erlangen.

Die in dem Brief ver­wen­de­ten For­mu­lie­run­gen wie »Instru­men­ta­li­sie­rung von Migra­ti­on« und »hybri­den Bedro­hun­gen« ste­hen für Nar­ra­ti­ve, die immer wie­der genutzt wer­den, um Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen zu legi­ti­mie­ren, das Asyl­recht wei­ter aus­zu­höh­len und Gerichts­urs­tei­le anzu­grei­fen. Im Brief wird folg­lich auch auf die Erklä­rung von Chişinău ver­wie­sen – einem Vor­stoß im Euro­pa­rat, der dar­auf abzielt, die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te restrik­tiv zu beein­flus­sen –, und deren rasche Imple­men­tie­rung gefor­dert. Der spa­ni­sche Minis­ter­prä­si­dent Pedro Sán­chez reagier­te mit erheb­li­cher Irri­ta­ti­on auf das har­sche Schrei­ben sei­ner euro­päi­schen Partner.

Zugleich brach­te sich auch die extre­me Rech­te Spa­ni­ens – und auch Orga­ni­sa­tio­nen aus ande­ren euro­päi­schen Län­dern, nicht zuletzt Öster­reich und Deutsch­land – in Stel­lung und ver­such­te die Situa­ti­on für sich zu nut­zen. Kur­zer­hand reis­ten Pro­mi­nen­te der Bewe­gung nach Ceu­ta, um vor Ort und online Hass zu ver­brei­ten. Unter der loka­len Bevöl­ke­rung for­miert sich dage­gen Pro­test . Auch wenn sich unter ihnen vie­le von der aku­ten Situa­ti­on über­for­dert zei­gen, wol­len sie Ceu­ta als eine Stadt ver­tei­di­gen, in der ver­schie­de­ne Reli­gio­nen und Men­schen fried­lich zusammenleben.

Als sich zwi­schen den euro­päi­schen Regierungschef*innen die Wogen nach dem ad hoc ein­be­ru­fe­nem Video­tref­fen der EU-Innenminister*innen glät­te­ten, beton­ten sie in einer har­mo­nisch klin­gen­den Pres­se­er­klä­rung am 4. August ihre gemein­sa­men Plä­ne zur Abschot­tung: »Es herrsch­te Einig­keit dar­über, uner­müd­lich den Kampf gegen Schleu­ser­netz­wer­ke fort­zu­set­zen, die Rück­füh­rung vor­an­zu­trei­ben, die EU-Gren­zen zu stär­ken, enge Part­ner­schaf­ten mit Dritt­län­dern auf­zu­bau­en und die Vor­aus­schau zu ver­bes­sern.« Zudem sol­le die Kom­mu­ni­ka­ti­on bes­ser koor­di­niert wer­den, »ins­be­son­de­re, um bös­wil­li­gen exter­nen Akteu­ren ent­ge­gen­zu­wir­ken, die sich an aus­län­di­scher Infor­ma­ti­ons­ma­ni­pu­la­ti­on und Ein­mi­schung betei­li­gen«. Wer die­se bös­wil­li­gen exter­nen Akteur*innen genau sind, wird nicht benannt.

Leid vor Ort – Hintergründe unklar

Wäh­rend­des­sen bleibt die Lage vor Ort her­aus­for­dernd. Zwar ist der Groß­teil der Men­schen wie­der über die Gren­ze nach Marok­ko zurück­ge­kehrt, doch für die Zurück­ge­blie­be­nen ist die Ver­sor­gungs­la­ge äußerst pre­kär und von Hun­ger geprägt. Nach Schät­zun­gen der loka­len Behör­den sind noch zwi­schen 3.000 und 5.000 Per­so­nen in der Stadt, dar­un­ter min­des­tens 860 unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge . Die Men­schen, die beim Über­schwim­men der Gren­ze viel­fach mit dem Tod kon­fron­tiert waren, wer­den allei­ne gelas­sen. Huma­ni­tä­re Hil­fe gibt es laut Medi­en­be­rich­ten nur spärlich.

Wie genau die Rück­kehr der vie­len Tau­send Men­schen orga­ni­siert wur­de und ob Asyl­ge­su­che gestellt wer­den konn­ten, dar­über gibt es weni­ge Infor­ma­tio­nen. Die in Ceu­ta akti­ve Orga­ni­sa­ti­on No Name Kit­chen berich­tet, dass Betrof­fe­nen Schlä­ge ange­droht wur­den. Journalist*innen beob­ach­te­ten gewalt­sa­mes Vor­ge­hen sei­tens der spa­ni­schen Poli­zei, um die Men­schen aus Ceu­ta zu trei­ben. Auch dürf­te die deso­la­te Ver­sor­gungs­la­ge eine gewich­ti­ge Rol­le gespielt haben.

Was genau die Dyna­mik zu der für die Men­schen risi­ko­rei­chen Migra­ti­ons­be­we­gung aus­ge­löst hat, ist bis­lang noch unklar. Bei­spiel­los sind die Ereig­nis­se jedoch nicht, was Spe­ku­la­tio­nen befeu­ert: Bereits 2021 hat­te Marok­ko schon ein­mal die Grenz­kon­trol­len rund um Ceu­ta redu­ziert und so den Weg für rund 8.000 Per­so­nen in die Stadt frei­ge­macht – damals als Reak­ti­on auf einen poli­ti­schen Kon­flikt mit Spa­ni­en über den Sta­tus der Westsahara.

Es gibt Ver­mu­tun­gen, dass die­ser Kon­flikt auch die­ses Mal eine Rol­le gespielt haben könn­ten, denn nur weni­ge Tage vor den aktu­el­len Gescheh­nis­sen war der spa­ni­sche Minis­ter­prä­si­dent in Alge­ri­en, um die bila­te­ra­len Bezie­hun­gen zwi­schen den bei­den Län­dern zu ver­bes­sern. Alge­ri­en erkennt, zum Miss­fal­len Marok­kos, die Unab­hän­gig­keit der West­sa­ha­ra an. Aber, selbst wenn sich die­se Ver­mu­tun­gen erhär­ten soll­ten: Marok­ko ist für das euro­päi­sche Grenz­re­gime ver­mut­lich zu wich­tig, als dass Euro­pa hier einen Kon­flikt for­cie­ren würde.

Gesi­chert ist, dass sich in den Tagen vor dem mas­sen­haf­ten Ankom­men in Ceu­ta in den sozia­len Medi­en Bei­trä­ge häuf­ten , die sug­ge­rier­ten, dass der Weg nach Euro­pa offen stün­de. Im Zen­trum der Posts stand eine Ent­schei­dung des höchs­ten spa­ni­schen Gerich­tes, dass im Meer auf­ge­grif­fe­ne schwim­men­de Men­schen nicht direkt zurück­ge­scho­ben wer­den dür­fen. Mitt­ler­wei­le sind vie­le der Posts und Accounts, so wird berich­tet, wie­der ver­schwun­den . Augenzeug*innen schil­dern zudem, dass vor Ort Grenz­zäu­ne tat­säch­lich offen waren und dass marok­ka­ni­sche Poli­zis­ten, die Men­schen zum Grenz­über­tritt gedrängt hätten.

EGMR macht Rück­zie­her beim Schutz von Men­schen­rech­ten an der Grenze

Spanische Praxis der »hot returns«

Die Bei­trä­ge waren offen­sicht­lich irre­füh­rend und stan­den in schar­fem Kon­trast zu der fak­tisch har­ten spa­ni­schen Grenz­po­li­tik. Die Gren­ze zwi­schen Marok­ko und dem spa­ni­schen Ceu­ta ist auch abseits der aktu­el­len Auf­merk­sam­keit eine töd­li­che Zone: Allein 2026 wur­den bis Mai 18 Tote gezählt. Seit vie­len Jah­ren schon schickt Spa­ni­en Men­schen, die ohne Visum nach Ceu­ta oder in die zwei­te Exkla­ve Mel­il­la auf nord­afri­ka­ni­schem Boden gelangt sind, ohne Prü­fung direkt zurück. Die­se Pra­xis wird als »hot returns« bezeich­net, im spa­ni­schen Recht wird sie offi­zi­ell als Grenz­zu­rück­wei­sung benannt, fak­tisch sind es jedoch Pushbacks.

Seit 2015 gibt es im spa­ni­schen Recht eine Spe­zi­al­re­ge­lung zu den bei­den Exkla­ven, die direk­te Zurück­wei­sun­gen von Per­so­nen erlau­ben, die die Grenz­an­la­gen von Ceu­ta oder Mel­il­la uner­laubt über­wun­den haben. Dies sol­le im Ein­klang mit inter­na­tio­na­len Men­schen­rech­ten pas­sie­ren, was aller­dings höchst umstrit­ten ist. Schließ­lich sieht unter ande­rem die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EMRK) vor, dass vor einer Abschie­bung bezie­hungs­wei­se Zurück­wei­sung bei ent­spre­chen­den Hin­wei­sen (wie einem Asyl­an­trag) geprüft wer­den muss, ob Ver­stö­ße gegen das Ver­bot von Fol­ter drohen.

Das Urteil, das nun bei den jüngs­ten Ereig­nis­sen in den sozia­len Medi­en viral ging, war eins vom Obers­ten Gericht Spa­ni­ens Ende Juni zu einem Fall der direk­ten Zurück­wei­sun­gen. Ver­han­delt wur­de, ob »hot returns« nach spa­ni­schem Recht erlaubt sind, wenn die Per­son schwim­mend nach Ceu­ta gelangt. Wie schon die vor­he­ri­gen Instan­zen ver­nein­ten die Richter*innen dies, da das Meer kei­ne Grenz­an­la­ge dar­stel­le, die über­wun­den wor­den wäre. So sei­en die nor­ma­len Rege­lun­gen für Rück­füh­run­gen ein­zu­hal­ten und »hot returns« nicht legal. Laut Medi­en­be­rich­ten hat die spa­ni­sche Mari­ne mitt­ler­wei­le um Ceu­ta eine schwim­men­de Bar­rie­re im Meer errich­tet, um so die recht­li­che Lücke zu schlie­ßen. Die Fes­tung Euro­pa wird wei­ter ausgebaut.

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