Gesundheitsamt der Stadt Köln beantwortet Anfrage zur ChemSex-Versorgung MSM/queeren Menschen; Keine eigenständige ChemSex-Beratung, Kooperation mit Aidshilfe Köln

Beantwortung

Dezernat, Dienststelle V/53

Vorlagen-Nummer 07.08.2026

2140/2026 Beantwortung einer Anfrage nach § 4 der Geschäftsordnung öffentlicher Teil Gremium Datum Stadtarbeitsgemeinschaft Queerpolitik 10.09.2026 Ausschuss Soziales, Gesundheit, Seniorinnen und Senioren 17.09.2026

Beantwortung einer schriftlichen Anfrage der Aidshilfe Köln aus der Sitzung des ASGS vom 11.06.2026 (AN/0785/2026) betreffend “Versorgungssituation im Konsummuster Chemsex und sexualisiertem Substanzkonsum”

Die Aidshilfe Köln stellt die folgenden Fragen:

  1. Wie gewährleistet die Stadt Köln ab 2027 Prävention, Information, Beratung, Begleitung und Versorgung, für MSM/queere Menschen in den Themen sexualisierter Substanzkon- sum und ChemSex?

  2. Sieht das Gesundheitsamt eine Notwendigkeit in der Beratung und Versorgung der Ziel- gruppe und in welchem Fachbereich wird das Konsummuster ChemSex innerhalb des Ge- sundheitsamtes verortet?

  3. Liegen dem Gesundheitsamt aktuelle Erkenntnisse zu Demografie, Konsummustern, Ge- sundheitsaspekten der Zielgruppen und ChemSex - Drogennotfällen in der Szene und im Stadtgebiet vor?

  4. Die bisherigen Bemühungen der Aidshilfe Köln, kommunal geförderte Suchtberatungs- stelle für den Bereich ChemSex zu werden, sind bislang ins Leere gelaufen. Wie bewertet die Stadt Köln die Verteilung der Suchtberatungsangebote auf die unterschiedlichen Kon- summuster und sind alle Konsummuster bedarfsgerecht in der Versorgung abgedeckt?

  5. Wie sieht der langfristige Plan aus, bedarfs- und zielgruppengerechte Angebote in der re- gionalen Suchthilfe zum Thema ChemSex vorzuhalten?

Die Verwaltung antwortet wie folgt:

Zu 1.

Das Gesundheitsamt beobachtet seit mehreren Jahren eine zunehmende fachliche Relevanz des Themenfeldes ChemSex. Vor diesem Hintergrund besteht ein kontinuierlicher fachlicher Austausch zwischen der Aidskoordination des Gesundheitsamtes und der Aidshilfe Köln.

2

Im Rahmen der bestehenden Beratungs- und Testangebote des Gesundheitsamtes werden vereinzelt auch Fragestellungen zum sexualisierten Substanzkonsum thematisiert. Diese stel- len jedoch in der Regel keinen eigenständigen Beratungsanlass dar, sondern ergeben sich häufig im Zusammenhang mit Fragestellungen der sexuellen Gesundheit sowie der HIV- und STI-Prävention.

Ein spezialisiertes Beratungs- und Unterstützungsangebot für Menschen mit problematischem ChemSex-Konsum hält das Gesundheitsamt derzeit nicht vor. Ergeben sich im Rahmen der Beratung Hinweise auf einen weitergehenden Unterstützungsbedarf, wird auf geeignete spezi- alisierte Beratungsangebote hingewiesen und im Bedarfsfall eine Kontaktvermittlung unter- stützt.

Nach fachlicher Einschätzung des Gesundheitsamtes erfordert die Beratung von Menschen mit problematischem ChemSex-Konsum neben suchtfachlicher Expertise auch spezifische Kenntnisse der Lebenswelten, Kommunikationswege und Versorgungsstrukturen der betroffe- nen Community. Eine bedarfsgerechte Versorgung setzt daher die Zusammenarbeit unter- schiedlicher Hilfesysteme sowie den Zugang zu spezialisierten zielgruppenspezifischen Bera- tungsangeboten voraus. Die Aidshilfe Köln hält hierfür langjährige Erfahrung und entspre- chende Expertise vor und ist ein wichtiger Bestandteil der regionalen Versorgungsstruktur.

Aussagen über die zukünftige Finanzierung oder den Ausbau entsprechender Angebote kön- nen ausschließlich im Rahmen der politischen Haushaltsberatungen und der hierfür zuständi- gen Gremien getroffen werden.

Zu 2.

Das Gesundheitsamt sieht einen fachlichen Bedarf für zielgruppenspezifische Präventions-, Beratungs- und Unterstützungsangebote im Themenfeld ChemSex.

Nach fachlicher Einschätzung handelt es sich hierbei um ein interdisziplinäres Schnittstel- lenthema zwischen Suchthilfe, HIV-/STI-Prävention, sexueller Gesundheit, psychosozialer Be- ratung sowie medizinischer Versorgung. Aufgrund der unterschiedlichen fachlichen Bezüge erfolgt die Bewertung des Themenfeldes unter Einbeziehung der jeweiligen Fachkompeten- zen.

Die suchtfachliche Zuständigkeit für das Suchthilfesystem, das allen Menschen mit Suchter- krankungen offensteht, ist innerhalb des Gesundheitsamtes grundsätzlich der Suchtkoordina- tion zuzuordnen. Die Aidskoordination bringt ihre fachliche Expertise insbesondere hinsichtlich HIV-/STI-Prävention, sexueller Gesundheit sowie der spezifischen Bedarfe von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) in die fachliche Bewertung und Vernetzung des Themas ein. Hierzu gehört insbesondere die Einbindung des Themas in bestehende Netzwerkstrukturen, beispielsweise im Rahmen des HIV-Boards.

Zu 3.

Dem Gesundheitsamt liegen derzeit keine kommunalen Routinedaten oder ein systemati- sches Monitoring zu ChemSex-bezogenen Konsummustern oder Drogennotfällen im Stadtge- biet vor.

Zwischenzeitlich liegen jedoch aktuelle wissenschaftliche Schätzungen auf Grundlage der EMIS-2024-Studie vor. Danach wird für Köln geschätzt, dass rund 3.000 MSM in den vier Wo- chen vor der Befragung ChemSex praktiziert haben, etwa 900 Personen injizierenden Kon- sum angaben und rund 1.400 Personen ihren eigenen Konsum als problematisch einschätz- ten. Diese Ergebnisse stellen populationsbezogene Hochrechnungen dar und ersetzen keine kommunale Gesundheitsberichterstattung, liefern jedoch wichtige Hinweise auf die Größen- ordnung möglicher Unterstützungsbedarfe.

Die dargestellten Hochrechnungen ermöglichen keine Aussagen über den konkreten individu- ellen Hilfebedarf oder die tatsächliche Inanspruchnahme kommunaler Angebote. Sie stellen jedoch einen wichtigen Beitrag zur fachlichen Bedarfsabschätzung dar.

3

Darüber hinaus liegen dem Gesundheitsamt Stellungnahmen der Aidshilfe NRW sowie meh- rerer HIV-Schwerpunktpraxen und infektiologischer Versorgungseinrichtungen aus Köln und der Region vor. Diese beschreiben übereinstimmend eine zunehmende Inanspruchnahme spezialisierter Beratungs- und Unterstützungsangebote sowie Hinweise auf bestehende Ver- sorgungslücken. Diese Einschätzungen werden gemeinsam mit den wissenschaftlichen Er- kenntnissen in die fachliche Bewertung des Gesundheitsamtes einbezogen.

Zu 4.

Nach fachlicher Einschätzung des Gesundheitsamtes stellt ChemSex ein komplexes Themen- feld dar, das unterschiedliche gesundheitliche und psychosoziale Fragestellungen miteinander verbindet.

Die gesundheitlichen Fragestellungen umfassen Aspekte der Suchthilfe, der sexuellen Ge- sundheit, der HIV-/STI-Prävention, der psychischen Gesundheit sowie der psychosozialen Be- gleitung. Eine bedarfsgerechte Versorgung setzt daher eine enge Zusammenarbeit verschie- dener Hilfesysteme voraus.

Darüber hinaus setzt die Beratung dieser Zielgruppe neben suchtfachlicher Kompetenz auch spezifische Kenntnisse der Lebenswelten, Kommunikationswege und Versorgungsstrukturen der betroffenen Community voraus. Spezialisierte zielgruppenspezifische Beratungsangebote übernehmen daher innerhalb der regionalen Versorgungslandschaft eine wichtige ergänzende Funktion.

Die dem Gesundheitsamt vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse sowie die Stellung- nahmen verschiedener Akteur*innen des regionalen Versorgungssystems weisen darauf hin, dass die Nachfrage nach entsprechenden Unterstützungsangeboten in den vergangenen Jah- ren zugenommen hat.

Aus Sicht des Gesundheitsamtes sollte die fachliche Weiterentwicklung entsprechender Un- terstützungsangebote grundsätzlich sektorenübergreifend betrachtet werden. Welche Ange- botsformen künftig im Rahmen der Suchthilfe, der HIV-/STI-Prävention oder anderer Förder- bereiche weiterentwickelt beziehungsweise finanziert werden können, ist im Rahmen der je- weiligen fachlichen Zuständigkeiten sowie der politischen Haushaltsentscheidungen zu bewer- ten.

Zu 5.

Das Gesundheitsamt wird die Entwicklung des Themenfeldes ChemSex weiterhin fachlich be- gleiten und hierzu den regelmäßigen Austausch mit den beteiligten Akteur*innen des regiona- len Versorgungssystems fortführen.

Die zwischenzeitlich vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der EMIS-2024-Aus- wertung sowie die fachlichen Rückmeldungen aus dem Versorgungssystem unterstreichen die Bedeutung einer kontinuierlichen Beobachtung der Bedarfsentwicklung. Diese Erkenntnisse werden in zukünftige fachliche Bewertungen und Planungsprozesse des Gesundheitsamtes einbezogen.

Das Gesundheitsamt wird die weitere Entwicklung des Themenfeldes fortlaufend beobachten und die Erkenntnisse aus Wissenschaft, Gesundheitsberichterstattung sowie den Rückmel- dungen der beteiligten Versorgungspartner in seine fachlichen Bewertungen einfließen lassen. Entscheidungen über strukturelle oder finanzielle Weiterentwicklungen erfolgen im Rahmen der hierfür vorgesehenen politischen und haushaltsrechtlichen Entscheidungsprozesse.

Gez. Dr. Rau