EPFL und Solidar Suisse verbessern Erdbebenschutz traditioneller Häuser im Norden Pakistans; lokal angepasste, kostengünstige Erdbebenertüchtigung

Pakistan: «Die Lösung muss aus den Gemeinschaften kommen»

Ein Wohnhaus in Pakistan, verstärkt mit Holzelementen.

Einblick in die Tests in den Laboren der EPFL.

Pakistan: «Die Lösung muss aus den Gemeinschaften kommen»

Sylvie Arnanda 6. August 2026 · 0 Kommentare

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Im Norden Pakistans bündeln die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne (EPFL) und Solidar Suisse ihre Kompetenzen in einem gemeinsamen Projekt: Traditionelle Wohnhäuser sollen besser gegen Erdbeben geschützt werden. Igor Tomić, Wissenschaftler und Projektleiter der EPFL, gibt Einblick in die angewandten Methoden, zeigt auf, weshalb Prävention entscheidend ist, und erklärt, was die Zusammenarbeit mit einer NGO ermöglicht.

Warum konzentrieren Sie sich auf den Norden Pakistans, um Wohnhäuser besser vor Erdbeben zu schützen?

Igor Tomić: Der Norden Pakistans liegt am Schnittpunkt mehrerer grosser Gebirgsketten, darunter der Himalaya, der Karakorum und der Hindukusch. Sie entstanden durch die Kollision tektonischer Platten, die bis heute aktiv sind. Deshalb zählt die Region zu den erdbebengefährdetsten Gebieten der Welt. Oft gerät in Vergessenheit, dass 2005, vor etwas mehr als 20 Jahren, ein schweres Erdbeben Kaschmir erschütterte. Es forderte in der Region fast 100’000 Menschenleben und richtete enorme Schäden an. Das Risiko ist auch heute noch sehr real.

Welche Lösungen eignen sich für die lokalen Gegebenheiten?

Es gibt zahlreiche moderne und wirksame Möglichkeiten, um Erdbebenrisiken zu verringern – etwa Konstruktionen aus Stahlbeton oder Stahl. Doch diese Techniken eignen sich nicht immer für die lokalen Gegebenheiten. In den abgelegenen Bergregionen Pakistans ist die Infrastruktur oft begrenzt, und manche Täler sind schwer erreichbar. Das erschwert den Transport von Materialien wie Stahl oder Beton. Umso wichtiger ist es, realistische Lösungen zu entwickeln, die sich vor Ort umsetzen lassen.

Unser Ziel ist es, die «beste Lösung zum besten Preis» zu finden: eine Methode, die die Sicherheit von Wohnhäusern deutlich verbessert, gleichzeitig finanziell erschwinglich bleibt und sich mit den vor Ort verfügbaren Ressourcen umsetzen lässt. Deshalb setzen wir auf Materialien und Techniken, die die lokalen Gemeinschaften bereits nutzen.

Das Projekt in Kürze Im Norden Pakistans sind traditionelle Wohnhäuser nach wie vor besonders anfällig für Erdbeben, wie das Erdbeben in Kaschmir 2005 gezeigt hat. Das Projekt entwickelt und testet einfache, kostengünstige und an den lokalen Kontext angepasste Massnahmen zur Erdbebenertüchtigung. Dabei stützt es sich auf Materialien und lokales Know-how, die vor Ort verfügbar sind. Das Projekt wird von der EPFL, der University of Engineering and Technology Peshawar, der lokalen Organisation SPADO und Solidar Suisse durchgeführt. Es verbindet wissenschaftliche Expertise, numerische Modellierung und das Wissen lokaler Gemeinschaften, um sicherere und nachhaltigere Bauweisen zu fördern.

Erfahren Sie im Video mehr über das Projekt: Igor Tomić erklärt die Hintergründe.

Welche Rolle spielen die lokalen Gemeinschaften im Projekt?

Die lokalen Gemeinschaften stehen im Zentrum des Projekts. Bei Feldbesuchen, Interviews und Workshops tauschen wir uns mit verschiedenen Menschen aus den Gemeinschaften aus: mit Hauseigentümerinnen, Maurern, Zimmerleuten, lokalen Verantwortungsträger:innen sowie Frauen und Männern unterschiedlicher Altersgruppen. Die Lösung muss aus den Gemeinschaften selbst kommen – nur dann wird sie von den Menschen vor Ort auch getragen. Wir wollen ihre Bedürfnisse, Einschränkungen und Präferenzen verstehen und ergänzen die lokal identifizierten Methoden anschliessend mit einer «wissenschaftlichen Perspektive».

Worin besteht diese «wissenschaftliche Perspektive»?

Für uns, die wir an Schweizer Hochschulen und NGOs arbeiten, ist dies eine besondere Gelegenheit, Forschung in den Dienst des Handelns zu stellen. Zugleich tragen wir eine gemeinsame Verantwortung: langfristig zu denken und stärker in Prävention zu investieren. Sobald die lokalen Bedürfnisse und Praktiken identifiziert sind, nutzen wir wissenschaftliche Methoden, um die Wirksamkeit verschiedener Techniken zu bewerten.

An der EPFL und in den Laboren unserer Partner in Pakistan führen wir Versuche in Originalgrösse an Mauern oder Gebäuden durch. Dabei setzen wir sie Kräften aus, die jenen eines Erdbebens ähneln, um ihr Verhalten zu untersuchen. Wir analysieren insbesondere ihre Festigkeit, Steifigkeit und ihre Fähigkeit, sich zu verformen, ohne einzustürzen. Diese Daten erlauben es uns, die unterschiedlichen Bautechniken objektiv zu vergleichen.

Warum arbeiten Sie mit einer NGO wie Solidar Suisse zusammen?

Ohne die Expertise von Solidar Suisse und ihren lokalen Partnerorganisationen hätte das Projekt nicht dieselbe Wirkung. Die Forschenden bringen wissenschaftliches Wissen ein, während die Organisationen vor Ort die Gemeinschaften, ihre Bedürfnisse und ihren Alltag kennen. Sie erleichtern den Austausch mit den Bewohner*innen und tragen dazu bei, die Lösungen zu verbreiten, sobald diese erprobt sind. Diese Ergänzung von Forschung und Praxis vor Ort ist eine der grossen Stärken des Projekts.

Sie haben im Rahmen dieses Projekts viele Menschen in Pakistan getroffen. Gibt es eine besondere Erinnerung daran?

Ja, in einem Workshop mit rund hundert Teilnehmenden berichteten mehrere von ihnen, dass sich viele internationale Projekte auf öffentliche Gebäude konzentriert hätten. Das ist natürlich wichtig. Umso bewegender war es zu sehen, wie sehr es die Menschen berührte, dass sich dieses Projekt mit den Wohnhäusern befasst, in denen Familien ihren Alltag leben. Diese Rückmeldung hat uns daran erinnert, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse der Gemeinschaften ins Zentrum unserer Arbeit zu stellen.

«Wir, die wir an Schweizer Hochschulen und NGOs arbeiten, tragen eine gemeinsame Verantwortung: langfristig zu denken und stärker in Prävention zu investieren.»

Was bedeutet dieses Projekt für Sie persönlich?

Für mich verbindet dieses Projekt zwei Leidenschaften: Erdbebeningenieurwesen sowie das Kennenlernen unterschiedlicher Kulturen und Orte weltweit. Es ist zudem eine besondere Gelegenheit, Forschung in konkrete Wirkung zu übersetzen. Wer im Bereich der Katastrophenprävention arbeitet, handelt langfristig. Die positiven Auswirkungen können über Jahrzehnte spürbar sein und dazu beitragen, Leben zu schützen. Das motiviert mich sehr.

Indem wissenschaftliche Forschung, Kenntnisse der lokalen Gegebenheiten und die Beteiligung der Bevölkerung zusammengebracht werden, lassen sich nachhaltige Lösungen für künftige Katastrophen entwickeln.

Für eine nachhaltige Zukunft handeln

Sich gemeinsam mit Solidar Suisse zu engagieren bedeutet, Projekte mit langfristiger Wirkung zu unterstützen – gemeinsam mit den betroffenen Gemeinschaften.

Sylvie Arnanda 6. August 2026

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