Nathalie Schmolke, 22, Studentin der Wirtschaftswissenschaften, läuft Marathon in Berlin; Sammeln Spenden für Epilepsie-Forschung in Großbritannien
Universität Leipzig: Studentin Nathalie Schmolke läuft Marathon für Epilepsie-Forschung
„Falsche Scham können wir uns nicht leisten“
Studentin Nathalie Schmolke läuft Marathon für Epilepsie-Forschung
Nathalie Schmolke tritt im September beim Berlin-Marathon an. Die 22-jährige Studentin der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Leipzig geht dort als Charity-Läuferin für das britische Forschungsinstitut Epilepsy Research Institute UK an den Start. Ihr Ziel: Spendengelder für die Epilepsie-Forschung sammeln und Bewusstsein für die Krankheit schaffen, die im Alltag meist unsichtbar bleibt, zumindest für Außenstehende. Sie selbst hat seit ihrer Diagnose einen langen Weg zurückgelegt und möchte nun anderen helfen.
Nathalie Schmolke erinnert sich noch genau an jenen Tag vor acht Jahren, als sie plötzlich auf dem Fußboden ihres Kinderzimmers aufwachte. „Es ging mir schlecht und ich wusste nicht warum“, erinnert sie sich. Waren es Kreislaufprobleme gewesen oder etwas anderes bei der damals 13-Jährigen? Doch dann häuften sich die Anfälle innerhalb kürzester Zeit. Die Diagnose lautete: Epilepsie.
„Es gibt viele Arten, in denen sich Epilepsie zeigt“, erläutert Schmolke. „Bei mir handelt es sich um tonisch-klonische Anfälle: Man wird erst starr, bekommt rhythmische Zuckungen am ganzen Körper und verliert das Bewusstsein“, so Schmolke. Solche Anfälle bedeuten Lebensgefahr – sei es, weil ein:e Betroffene:r stürzt und sich am Kopf verletzt oder weil die Atemmuskulatur so sehr verkrampft, dass man keine Luft mehr bekommt. „Meine Anfälle waren so schwer, dass sie Minuten lang anhielten und mit Notfallmedikamenten gestoppt werden mussten“, erklärt die Studentin.
Vieles, was selbstverständlich gewesen war, rückte in weite Ferne. „Das Wissen, dass man jeden Moment umfallen und sich nicht mehr selbst helfen kann, verändert das ganze Leben“, sagt sie. „Was passiert mit meinem Hund, wenn ich beim Gassi-Gehen umkippe?“, war eine ihrer Sorgen. Im Sportunterricht wurde sie von fast allen Aktivitäten befreit. „Joggen ging, aber der Sportlehrer lief mit den Notfallmedikamenten neben mir her, um mich im Notfall auffangen und behandeln zu können“, berichtet sie. Die ganze Klasse wusste Bescheid. „Auf der einen Seite ist das gut, aber auf der anderen Seite fangen Bekannte an, einen nicht belasten zu wollen und hören sogar auf, einen zu Partys einzuladen“, gibt Schmolke zu bedenken. In der Schule fehlte sie häufig wegen unzähliger Arzttermine. Sie bekam unterschiedliche Medikamente teilweise zeitgleich, einige hatten schwere Nebenwirkungen.
„Epilepsie ist sehr individuell, daher kann man die Suche nach dem richtigen Medikament leider nicht vermeiden“, sagt sie. Während eines mehrwöchigen Aufenthalts im Epilepsiezentrum Wachau im Jahr 2020 fanden die Ärzt:innen endlich ein Präparat, das anschlug. „Nach einer gewissen Anlaufphase hatte ich endlich keine Anfälle mehr“, sagt Schmolke rückblickend. Abgesehen von zeitweisen Konzentrationsstörungen verträgt sie es gut. Doch schwanger werden sollte sie derzeit nicht: Jungen Frauen werde das Präparat sehr ungern verschrieben, „weil es schwerwiegende Behinderungen bei ungeborenen Babys verursachen kann“, erläutert sie. Aber eine eigene Familie zu gründen, stehe bei ihr derzeit ohnehin nicht an. „Ich bin so dankbar, dass ich mit dem Medikament stabil bin“, sagt sie.
„Was mache ich mit meinem Leben?“
Ihr Abitur meisterte Nathalie Schmolke trotz aller Hindernisse erfolgreich. „Ich habe mich irgendwie ins Leben zurückgekämpft“, sagt sie. Eine Psychotherapie half ihr dabei – und der Umstand, dass ihr Therapeut selbst Epileptiker war und wertvolle Hinweise geben konnte.
Nach dem Abi stand die Berufswahl an – auch hier haben es Epileptiker:innen nicht leicht: „Der Beruf darf nicht zu stressig sein, weil das wieder Anfälle triggern kann und ich fragte mich: Was mache ich denn nun mit meinem Leben?“ Die Wahl fiel auf Wirtschaftswissenschaften. „Mein Vater ist Wirtschaftsinformatiker und das hat mich ermutigt“, so die Studentin. Ihre Prüfungen hat sie bereits abgeschlossen, ihre Bachelorarbeit schreibt sie über die „gesundheitsökonomische Belastung durch Rückenschmerzen in Deutschland und zur Prävention“. Anschließend wird sie sich zur Physiotherapeutin ausbilden lassen. „Ich bin einfühlsam und der soziale Aspekt gefällt mir.“
Laufen für Forschung und Aufklärung
Parallel trainiert Nathalie Schmolke derzeit für den Marathon am 27. September in Berlin. Langstrecken sind mittlerweile Normalität für sie. „In Berlin gehe ich als Charity-Läuferin für das Epilepsy Research Institute UK an den Start“, freut sie sich. Das heißt, sie ist eine jener Läufer:innen, die mit ihrem Lauf eine wohltätige Organisation unterstützen. Das Prinzip ist, dass die Läufer:innen bereits im Vorfeld die Werbetrommel rühren und Geld über eine Spendenplattform sammeln, das dann komplett „ihrer“ jeweiligen Organisation zugutekommt – in Schmolkes Fall der Epilepsieforschung in Großbritannien. Im Moment hat sie schon über 1.700 Euro von den avisierten 2.000 Euro zusammen.
„Vor allem geht es mir darum, Bewusstsein für die Erkrankung zu schaffen“, erläutert sie ihre Motivation. „Epilepsie ist nicht so greifbar, weil man es niemandem gleich ansieht. Hinzu kommt, dass viele Menschen sich nicht trauen, Betroffenen während eines Anfalls zu helfen – aus Angst etwas falsch zu machen.“ Es kursiere zudem noch veraltetes Wissen, wie etwa Betroffenen etwas in den Mund zu stecken. Das alles kann Leben kosten. Epileptiker:innen rät sie: „Geht offen mit der Erkrankung um und sagt Freund:innen, Kolleg:innen und Familie, was im Ernstfall zu tun ist. Falsche Scham können wir uns einfach nicht leisten.“
Nathalie Schmolkes Spendenseite: Jetzt besuchen
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Was tun, wenn man Zeug:in eines epileptischen Anfalls wird? - Notruf 112 - Gefahren im unmittelbaren Umfeld eliminieren (z.B. spitze Gegenstände) - dableiben - Zeit stoppen, wie lange der Anfall dauert (wichtig für Ärzt:innen)
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