Dr. Christian Barth, Amtschef im Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz, geht in den Ruhestand in Bayern; HQ100-Schutz Donau, Bund beteiligt über 20%
Interview Dr. Barth
48(2), 2026 ANLIEGEN NATUR Sehr geehrter Herr Dr. Barth, nach 15 Jahren als Amtschef im Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz gehen Sie nun in wenigen Monaten in den Ruhestand. Für den Naturschutz in Bayern waren es bewegte Jahre und Sie haben als Amtschef stets die Interessen der Bayerischen Naturschutzverwaltung im Blick gehabt und sich für die Belange der Belegschaft eingesetzt. Dafür möchten wir uns im Namen der Bayerischen Naturschutz verwaltung bei Ihnen bedanken und die Gelegenheit nutzen, mit Ihnen zurückzuschauen sowie den Blick nach vorne zu wagen! Abbildung 1: Dr. Christian Barth, Amtschef im Bayerischen Staatsministeri um für Umwelt und Verbrauch- erschutz, geht in den Ruhe stand (Foto: StMUV). Naturschutz in Bayern – eine Bilanz nach 15 Jahren als Amtschef im Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz Ein Interview mit Dr. Christian Barth https://doi.org/10.63653/dwfk6966 ANL: Herr Dr. Barth, als Amtschef im Umwelt- ministerium sind Sie natürlich nicht nur für den Naturschutz zuständig. Welche Meilen steine der Naturschutzarbeit sind Ihnen dennoch, auch persönlich, besonders in Erinnerung geblieben? Dr. Barth: Ich bin im November 2011 an den Rosenkavalierplatz gekommen. Zu dieser Zeit wurde bereits seit Jahren über den Donauausbau zwischen Straubing und Vilshofen diskutiert – leider auch erbittert und feindselig. Mit der Donaubereisung des damaligen Ministerpräsi denten Horst Seehofer, zusammen mit unserem damaligen Umweltminister Dr. Marcel Huber, haben sich die Wogen langsam geglättet. Der Weg war frei für einen umweltverträglichen Donauausbau mit Hochwasserschutz für die Menschen. Neue Staustufen waren vom Tisch. Mit diesem tragfähigen Kompromiss bleibt zum 1 Interview
Amtschef Dr. Barth geht in den Ruhestand Interview 48(2), 2026 online preview ANLIEGEN NATUR einen die einmalige Artenvielfalt dieses letzten freifließenden Abschnitts der Donau erhalten, zum anderen wird die Wasserstraße mit ihren wichtigen Wirkungen für den Wirtschaftsstand ort gestärkt. Die Umweltverwaltung hat zu die ser bedeutenden Entscheidung einen ganz wichtigen Beitrag geleistet. Das große Hochwasser 2013 mit dem Deichbruch bei Fischerdorf hat uns nur zu klar gezeigt, wie wichtig es war, die Voraussetzungen für die Ver wirklichung eines HQ100-Schutzes an der Donau zu schaffen. Dass es gelungen ist, den Bund zu über 20 Prozent an den Kosten zu beteiligen, darauf bin ich heute noch stolz! Ein weiterer Meilenstein war das Volksbegehren Plus, also die Kombination aus Volksbegehren und Begleitgesetz. Auch hier hat die Verwaltung ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt und maßgeblich zur Versöhnung zwischen Natur schutz und Landwirtschaft beigetragen. Vor allem konnten wir aber die finanziellen und personellen Ressourcen für den Naturschutz entscheidend verbessern. Das zusätzliche Personal in der Beratung, insbesondere an den unteren Naturschutzbehörden, und die verbesserte finanzielle Ausstattung in der Fläche waren ein Quantensprung für die Naturschutzarbeit. Ein letzter Punkt: Sicherlich immer positiv in Erinnerung bleiben werden mir die Erweiterung des Nationalparks Bayerischer Wald zum größ ten Waldnationalpark Deutschlands und die beinahe Verdoppelung des Biosphärenreservats Rhön mit der überfälligen Schaffung der benö tigten Kernzone. Beide Beispiele zeigen, dass Naturschutz mit den Menschen funktioniert und sehr gute Ergebnisse für eine Region bringen kann. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt in die sem Zusammenhang aber natürlich die Diskus sion um einen dritten Nationalpark, die wir vor ein paar Jahren intensiv geführt haben und der leider nicht verwirklicht wurde. ANL: Wie hat sich die Naturschutzarbeit aus Ihrer Sicht verändert? Womit hat der Natur schutz in Ihrer Amtszeit besonders gepunktet? Und wo sollte er wieder mehr an Profil gewinnen? Dr. Barth: Unsere Erfolgsformel heißt kooperativer Naturschutz. Lassen Sie es mich aus der Pers pektive eines vierfachen Vaters sagen: Druck und Zwang bringen häufig gar nichts. Es braucht Überzeugung, Motivation und Wertschätzung für das Geleistete. Das ist im Naturschutz nicht anders als in der Familie. Nehmen wir das Ver tragsnaturschutzprogramm: In diesem Programm engagieren sich rund 29.000 Bäuerinnen und Bauern auf 170.000 Hektar freiwillig für die Natur. Das macht das VNP deutschlandweit zum größ ten Naturschutzprogramm. In Kombination mit den Landschaftspflege- und Naturpark-Richtli nien und der Förderung für die Naturschutzver bände zeigt es außerdem: Nur gemeinsam kann Großes entstehen. Daran sollte die Naturschutz verwaltung auch in Zukunft arbeiten. ANL: Sie haben sich in Ihrer Amtszeit sehr für notwendige Stellenmehrungen eingesetzt. Sehen Sie die Naturschutzverwaltung für die Zukunft gut aufgestellt? Dr. Barth: Wir haben bayernweit eine fachlich hochqualifizierte und motivierte Mannschaft in der Naturschutzverwaltung. Seit 2011 konnten wir die Stellen an den unteren und höheren Naturschutzbehörden von rund 230 auf fast 400 erhöhen. Dazu trägt auch unsere Kampagne #Naturtalente bei. Und wir haben die guten Zeiten genutzt, die uns das Volksbegehren beschert hat. Darauf können wir aufbauen. Gleichzeitig muss uns allen aber klar sein, dass neue Stellen in den aktuellen, wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht realistisch sind. Beim Personal liegt deshalb unser Fokus auf der Umwandlung befristeter in unbefristete Stellen. Hier bin ich um jede Entfristung froh, die in den letzten Jahren gelungen ist. „Druck und Zwang bringen häufig gar nichts. Es braucht Überzeugung, Motivation und Wertschätzung für das Geleistete.“
Dr. Christian Barth 2
Amtschef Dr. Barth geht in den Ruhestand Interview 48(2), 2026 online preview ANLIEGEN NATUR ANL: Naturschutz ist eine Gesellschaftsauf gabe. Verbände, Ehrenamtliche und Part nerschaften mit Unternehmen und anderen Institutionen sind dabei nicht mehr wegzu denken. Wo braucht es aus Ihrer Sicht noch mehr Kooperationen oder ressortübergrei fende Zusammenarbeit und Verantwortung? Dr. Barth: Ohne die vielen Ehrenamtlichen wäre der Naturschutz in einem Flächenland wie Bayern nicht denkbar. Für dieses Engagement kann man nicht oft genug danken. Gleichzeitig braucht der Naturschutz Flächen, das sehen wir immer wieder, zum Beispiel beim Moorschutz. Hier haben wir noch eine Strecke zu gehen. Dabei sind intakte Moore nicht nur einzigartige Lebensräume, sondern auch wichtige Bausteine auf dem Weg in eine klimaneutrale Zukunft. Auf diesem Weg brauchen wir die anderen Res sorts, wie Landwirtschaft, Innen und Finanzen, als Flächeneigentümer, um als Staat mit gutem Beispiel voranzugehen. Politik und Verwaltung müssen auch den Landbewirtschaftern neue Möglichkeiten bieten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, zum Beispiel mit regionalen Klima zertifikaten, die wir auf den Weg gebracht haben. ANL: Sie arbeiten an der Schnittstelle zwi schen Verwaltung und Politik – welche Rat schläge würden Sie Engagierten im Natur- schutz auf den Weg geben, um die Ziele des Naturschutzes und der Landschaftspflege sowohl in der Lokal- als auch in der Landes politik weiter zum Erfolg zu bringen? Dr. Barth: Wir sitzen alle in einem Boot. Deshalb ist es wichtig, miteinander zu sprechen – gerade, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Nur so lassen sich Kompromisse finden und umsetzen. Ich bleibe im Bild von vorhin: Wenn ich als Vater immer allein entschieden hätte, wo wir in den Sommerferien Urlaub machen, wäre ich früher oder später wahrscheinlich allein verreist. ANL: Naturschutzziele verlieren in der poli tischen Diskussion angesichts der vielen Krisen- und Konfliktherde in der Welt sowie der aktuellen Herausforderungen in der Wirtschaft aktuell an Gewicht. Zunehmend werden naturschutzrechtliche Regelungen in Frage gestellt, das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ scheint vergessen. Womit kann der Naturschutz da eigentlich noch punkten? Dr. Barth: Ich bin ein optimistischer Mensch. Der Naturschutz punktet jeden Tag, wenn wir aus dem Fenster schauen, die Vögel zwitschern, wir im Wald oder an einem renaturierten Fluss spazieren gehen. Und selbst, wenn wir mit dem Auto oder der Bahn unterwegs sind, schauen wir in eine einmalige Landschaft. Ich freue mich immer, wenn ich dabei etwa gelun gene Beispiele der Landschaftspflege entdecke! Ich bin überzeugt, dass die Menschen das nicht anders wollen und sie daher bereit sind, die Natur zu erhalten. Natürlich kostet Naturschutz Geld. Geld, das manchmal mehr und manchmal weniger zur Verfügung steht. Denn zur Wahr heit gehört auch: Für einen guten Naturschutz brauchen wir eine florierende Wirtschaft. Wenn es uns gelingt, unseren Wirtschaftsstandort wieder wettbewerbsfähig zu machen, entsteht auch wieder mehr Raum für Naturschutz. Ich blicke da positiv nach vorn. Aber Hausaufgaben gibt es genug! ANL: Herr Dr. Barth, wir danken Ihnen für das Interview und wünschen Ihnen alles Gute für den Ruhestand! „Seit 2011 konnten wir die Stellen an den unteren und höheren Naturschutzbehörden von rund 230 auf fast 400 erhöhen.“ Dr. Christian Barth 3
Amtschef Dr. Barth geht in den Ruhestand Interview 48(2), 2026 online preview ANLIEGEN NATUR Dr. Christian Barth Geboren am 16.05.1960 in München, Jurist 1988–1991 Staatsministerium der Finanzen Referent in den Referaten • Überregionale Finanzierungen • Volkwirtschaftliches Grundsatzreferat • EU-Angelegenheiten 1991–2011 Bayerische Staatskanzlei • Referent im Büro des Amtschefs und im Referat Europapolitik (1991–1993) • Referatsleiter Grundsatzreferat Europapolitik (1994–1998) • Ministerratsreferent (1999–2004) • Abteilungsleiter Europapolitik und internationale Angelegenheiten
(2004–2006) • Abteilungsleiter Richtlinien der Politik (2006–2011) November 2011–Oktober 2013 Amtschef im Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit Seit Oktober 2013 Amtschef im Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz Der Amtschef ist der leitende Beamte des Staatsministeriums. Er lenkt, koordiniert und überwacht die Ziele und Tätigkeiten der Abteilungen. Zur Person Laufen, April 2026. Das Interview führte Paul-Bastian Nagel, ANL. 4