Maria Bassier spricht in Berlin über Debatte um § 218 StGB und Schwangerschaftsabbrüche; psychosoziale Beratung stärkt freie Entscheidung in Konfliktschwangerschaft
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Interview mit Frau Maria Bassier Bundesvorstandsmitglied von donum vitae e.V.
KDFB Berlin: Die Debatte um § 218 StGB und Schwangerschaftsabbriiche wird in Deutschland seit Jahren intensiv gefthrt. Der KDFB vertritt dabei cine doppelte Anwaltschaft fiir Frau und Kind. Welche Aspekte kommen Ihrer Meinung nach in der 6ffentlichen Dis- kussion derzeit zu kurz?
Maria Bassier: Wir begriifen es sehr, dass der KDFB die doppeite Anwalt- schaft fiir Frau und Kind unterstiitzt. Fiir ist entscheidend, beide Rechtsgiiter zu schiitzen: das Recht der schwangeren Frau auf kérperli- che Unversehrtheit und Selbstbestim- mung sowie das Recht auf Leben des ungeborenen Kindes. Die in Deutsch- land geltende Beratungsregelung soll Frauen dabei unterstiitzen, eine wohi- iiberlegte und langfristig tragfahige Entscheidung zu treffen. Psychoso- ziale Beratung kann dabei wesent-
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lich zur Klérung und Stabilisierung beitragen. In der offentlichen Debatte fehlt mir hdufig der Blick darauf, dass jedes menschliche Leben wirksamen Schutz verdient und dass die psycho- soziale Beratung einen geschiitcten Raum mit den notwendigen Informa- tionen fir eine freie Entscheidung in der Konfliktschwangerschaft gewéhr- leistet.
KDFB Berlin: Wo sehen Sie derzeit die gré8ten Hindernisse fiir echte reproduk- tive Selbstbestimmung — insbesondere angesichts sozialer, finanzieller und struktureller Hiirden, die freie Entschei- dungen iiber Kérper, Familienplanung und Schwangerschaft einschrinken kénnen?
Maria Bassier: Es gibt keine Selbstbe- stimmung im Sinne vélliger Autonomie, frei von duBeren Einfliissen. Praktische
Selbstbestimmung bedeutet vielmehr eine selbstgestaltete und selbstver- antwortete Lebensfiihrung, die stets in Beziehungen und individuelle Lebens- umsttinde eingebettet ist. Das Selbstbe- stimmungsrecht ungewollt Schwangerer kann durch soziale, finanzielle oder strukturelle Bedingungen eingeschrankt werden. Hiéufig spielen dabei fehlende Informationen, psychischer Druck, Ein- flussnahme durch Angehdrige, sprach- liche oder rdumliche Zugangsbarrie- ren, patriarchalische Strukturen sowie fmanzielle und seziale Notlagen eine Rolle. In der Beratung unterstiitzen wir Frauen dabei, ihre eigenen Ressourcen und Handlungsméglichkeiten frei von sozialem Druck in den Blick zu nehmen und stéirken sie in ihren Entscheidungs- prozessen.
KDFB Berlin: Fragen zu Schwanger- schaft, Sexualitat und Familienplanung
gehGren seit Jahrzehnten zu den The- men, die innerhalb der katholischen Kirche kontrovers diskutiert werden. Viele Gldubige wiinschen sich einen offenen Dialog iiber die Lebensreali- taten von Frauen und Familien heute. Wie erleben Sie die Haltung der Kir- che zu Fragen von Schwangerschaft, Sexualitét und Familienplanung?
Maria Bassier: Da bin ich persén- lich etwas zwiegespalten. Einerseits erleben wir bei donum vitae, dass Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland wieder den Kontakt zu uns suchen. So haben etwa Bischof Batzing und der Vorsitzende der Deut- schen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Wilmer, uns auf dem Evangelischen Kirchentag 2025 besucht und ihre Wertschdtzung fiir unsere Arbeit zum Ausdruck gebracht. Auch die Zusam- menarbeit mit dem Katholischen Biiro in Berlin ist sehr gut.
Andererseits irritieren mich Stellung- nahmen einzelner Bischéfe zur Unter- Stiitzung des ,,Marschs fiir das Leben“, bei denen aus meiner Sicht der Fokus auf dem Schutzrecht des ungeborenen Lebens unausgewogen gegeniiber der Situation der schwangeren Frau im Konflikt liegt.
KDFB Berlin: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen fiir Familien haben sich in den vergan- genen Jahren stark veriindert. Haben sich dadurch auch die Beratungsanlie- gen verandert?
Maria Bassier: Das Portfolio der Beratungsthemen ist in den letzten Jahren sicherlich breiter geworden.
Neue Angebote wie die psychosoziale Kinderwunschberatung, die Bera- tung rund um prdnataldiagnostische Befunde sowie die Begleitung bei Kindesverlust und Trauer sind hinzu- gekommen. An einigen Standorten gibt es spezielle Angebote fiir Manner und Vater sowie fiir Menschen mit Lern- schwierigkeiten oder Behinderungen. Auch die Beratung von Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung ist inzwischen fester Bestandteil unserer Arbeit. Zudem steigt der Bedarf an Beratung zu sozialen und finanziellen Hilfen vor und nach der Geburt. Insgesamt sind die Anliegen unserer Klient*innen komplexer geworden, wodurch auch die Beratungsumfinge zgunehmen. Dank mehrerer Bundes- modellprojekte verfiigen unsere Fach- krdfte iiber hohe Kompetenz und Sensi- bilitdt fiir die Anliegen verschiedener, insbesondere vulnerabler Zielgruppen. Auch die Zugangswege haben sich durch die Digitalisierung erweitert. Dabei zeigt sich immer wieder: Gute Beratung braucht Zeit, Fachwissen, Empathie und ein hohes Maf an Ver- antwortung.
KDFB Berlin: Welche Auswirkun- gen haben Digitalisierung und soziale Medien auf junge Frauen und ihre Ent- scheidungen zu Sexualitat, Beziehun- gen und Schwangerschaft?
Maria Bassier: In der sexuellen Bil- dung geht es um wissenschafts- und faktenbasierte Erkenntnisse, die wir den jungen Menschen vermittein. In den sozialen Medien ist das nicht immer der Fall. Umso wichtiger wird
also der konsequente Auf- und Ausbau
von qualifizierten analogen und digi- talen Informationsangeboten: beim Bundesinstitut fiir Offentliche Gesund- heit (BIOG) ebenso wie bei den staat- lich anerkannten Organisationen wie donum vitae.
Kurzbiographie Maria Bassier
Maria Bassier stammt aus dem Rheinland und lebt seit 1999 in Berlin. Die Diplom-Verwaltungs- wirtin war viele Jahre im Bundes- ministerium des Innern tatig. Mit donum vitae ist sie seit Ende der 1990er-Jahre verbunden, seit 2006 engagiert sie sich im Landesverband Berlin-Brandenburg. Seit 2023 ist sie stellvertretende Landesvorsit- zende des Landesverbandes Ber- lin-Brandenburg und Mitglied des Bundesvorstands von donum vitae.
Foto: privat
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