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title: "Michael Schwarzer erklärt die erste WM in Deutschland in Düsseldorf; Olympia-Qualifikation im Blick"
sdDatePublished: "2026-08-10T11:28:00Z"
source: "https://www.dosb.de/aktuelles/news/detail/es-war-und-ist-eine-wilde-reise-die-uns-an-grenzen-gebracht-hat"
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Michael Schwarzer erklärt die erste WM in Deutschland in Düsseldorf; Olympia-Qualifikation im Blick

„Es war und ist eine wilde Reise, die uns an Grenzen gebracht hat“

„Es war und ist eine wilde Reise, die uns an Grenzen gebracht hat“

Michael Schwarzer (39) ist Geschäftsführer des American-Football-Verbands AFVD und Leistungssportdirektor für Flag Football. Vor der Heim-WM in Düsseldorf spricht er über die rasante Entwicklung seines Sports, die Ziele für die WM und den Traum von der Olympiateilnahme.

DOSB: Michael, welche Bedeutung hat die erste WM in Deutschland für euren Sport hierzulande?

Michael Schwarzer: Die mit Abstand größte, die ein Turnier in der noch jungen Geschichte unseres Sports je hatte. Wir haben schon einige internationale Events gespielt, aber noch nie zu Hause und vor allem auch noch nie mit der Aussicht auf die Qualifikation für Olympische Spiele.

Seit Flag Football 2023 ins Olympiaprogramm für Los Angeles aufgenommen wurde, ist sehr viel passiert in eurem Sport. Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Entwicklungsschritte, die gegangen wurden?

Die vergangenen drei Jahre waren wirklich eine super spannende Zeit, die uns in einem Rekordtempo auf ein anderes Niveau gehoben hat. Wir waren anfangs ein normaler nicht-olympischer Fachverband, der über die Aufnahme ins Programm der World Games in die Förderung gerutscht ist. Und nun sind wir zumindest vorläufig ein olympischer Fachverband. Das war und ist eine wilde Reise, denn die notwendigen Strukturen aufzubauen, um den Förderrichtlinien des DOSB und des Fördermittelgebers Bundeskanzleramt gerecht zu werden, war eine Herausforderung, die uns an Grenzen gebracht hat. Wir mussten eine Bundesliga aufbauen, die es in der Form nicht gab, um ein Zuhause für den Regelspielbetrieb zu schaffen. Dazu galt es, das notwendige qualifizierte Personal für den Trainings- und Organisationsbereich zu finden, was sehr wichtig war, um auf internationalem Niveau mithalten zu können. Und wir konnten dank der Unterstützung des DOSB und der Politik auch in den Altersklassen U15 und U17 Jugend-Nationalkader als Unterbau für die A-Nationalmannschaften aufbauen.

Wie hat sich die Zahl der Mitglieder und Vereine über die vergangenen Jahre entwickelt?

In einem Tempo, das uns ehrlich gesagt ein wenig über den Kopf gewachsen ist. Wir gehören weltweit zu den Top drei der am schnellsten wachsenden Sportarten, bei den Frauen ist es meines Wissens die am schnellsten wachsende. Es geht überall steil bergauf. Vor der Aufnahme ins olympische Programm hatten wir 780 Mitglieder in 52 Mannschaften, laut der aktuellen Erhebung von Mai 2026 sind wir nun bei 8784 Mitgliedern in 601 Mannschaften. Um diesem Ansturm gerecht zu werden, haben wir uns mit den Landesverbänden zusammengetan, um zu ergründen, welche Schritte wir gemeinsam gehen konnten. Zum Beispiel musste eine komplette Trainerausbildung implementiert werden, denn es gab schlicht keine Trainerinnen und Trainer, die auf Flag Football spezialisiert waren. Man muss aber die Tackle-Variante und Flag Football unbedingt differenziert betrachten. Das ist der Grund dafür, dass es bislang noch keine A-Lizenz-Inhaber in Deutschland gibt. Strukturell sind wir an manchen Stellen noch nicht so weit, wie wir sein müssten und sein wollten, so ehrlich müssen wir sein.

Welches Potenzial siehst du für den Flag Football im Vergleich zum Tackle-Football in Deutschland?

Der Anstieg wird so lange anhalten, bis der Markt gesättigt ist. Und das kann noch eine ganze Weile dauern. Der Einstieg in den Flag Football ist um ein Vielfaches einfacher als in die Tackle-Variante, denn Flag Football ist deutlich weniger verletzungsträchtig, und man benötigt keine komplette Schutzausrüstung. Das Potenzial ist riesig, vor allem mit Blick darauf, Kinder und Jugendliche an den Sport heranzuführen, aber die Strukturen müssen natürlich mitwachsen. Und was das Zuschauerpotenzial angeht, ist die Tackle-Variante klar dominierend, daran werden auch die Olympischen Spiele nichts ändern. Flag Football ist kein gewachsener Fernsehsport.

Die gesamte Organisation der Ausrichtung der WM übernimmt die Agentur D-Sports. Wie seid ihr als Verband dennoch in die Organisation eingebunden?

Tatsächlich gar nicht. Das lokale Organisationskomitee organisiert alles für alle 32 teilnehmenden Mannschaften. Wir konnten uns nicht einmal selbst ein Hotel buchen. Als bekannt wurde, dass es die WM in Düsseldorf geben wird, haben wir mit dem Landesverband Nordrhein-Westfalen unsere Hilfe für die Akquise von Freiwilligen angeboten. Ansonsten haben wir mit der Ausrichtung als Verband nichts zu tun.

Welche Rolle spielt die Stadt Düsseldorf für den Flag Football?

Eine ganz entscheidende, denn die Stadt hat sehr stark dafür geworben, diese WM ausrichten zu dürfen. Mit den Firecats gibt es in Düsseldorf im Frauenbereich ein absolutes Vorzeigeteam, das viel für das positive Image unseres Sports tut. Außerdem ist Düsseldorf seit 2022 Standort des Hauptquartiers der NFL in Deutschland. Insofern ist die Stadt extrem wichtig für den Flag Football.

In welcher Form unterstützt die NFL die Entwicklung des Flag Footballs in Deutschland?

Seit die NFL Deutschland ihr Büro in Düsseldorf hat, haben wir als Verband endlich Ansprechpartner, die die Probleme und Strukturen in Deutschland kennen. Amerikaner sind von den Vereinsstrukturen, die es hier gibt, schnell überfordert, so etwas gibt es in den USA nicht. Dank der NFL Deutschland, die mit Personal und finanziellen Mitteln wie zum Beispiel über das Projekt „Flag Up“, das Schulen oder Vereinen komplette Ausrüstungssets zur Verfügung stellt, unterstützt, ist Flag Football an die Schulen gekommen. Daraus generieren unsere Vereine eine Menge neuer Mitglieder.

Uns ist natürlich bewusst, dass die Gastgeberrolle auch Druck erzeugen kann, aber darauf bereiten wir die Mannschaften seit zwei Jahren gezielt vor, dass sie diesen Druck als Privileg empfinden und daraus Kraft schöpfen, die aus dem Heimspiel auch wirklich einen Heimvorteil macht. Michael Schwarzer Geschäftsführer American Football Verband Deutschland

Uns ist natürlich bewusst, dass die Gastgeberrolle auch Druck erzeugen kann, aber darauf bereiten wir die Mannschaften seit zwei Jahren gezielt vor, dass sie diesen Druck als Privileg empfinden und daraus Kraft schöpfen, die aus dem Heimspiel auch wirklich einen Heimvorteil macht.

Was erhoffst du dir für die WM vom Heimvorteil für eure Teams?

Das ist eine spannende Frage. Wir hoffen sehr darauf, dass zumindest der Tribünenbereich mit 4.000 Fans an allen Tagen ausverkauft sein wird. Unsere Spielerinnen und Spieler kennen es nicht, vor so vielen Fans zu spielen. Aber das geht den anderen Teams genauso. Deshalb hoffe ich, dass unsere Teams die Unterstützung als zusätzliche Motivation aufnehmen werden. Uns ist natürlich bewusst, dass die Gastgeberrolle auch Druck erzeugen kann, aber darauf bereiten wir die Mannschaften seit zwei Jahren gezielt vor, dass sie diesen Druck als Privileg empfinden und daraus Kraft schöpfen, die aus dem Heimspiel auch wirklich einen Heimvorteil macht.

Mit welchen sportlichen Erwartungen geht der AFVD in die Heim-WM, und was erhofft ihr euch von der Ausrichtung über den Sport hinaus?

Alle, die für das deutsche Flag-Football-Programm in diese WM gehen, müssen das Ziel haben, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, sonst bräuchten wir den ganzen Aufwand nicht auf uns zu nehmen. Neben Topfavorit USA, der als Gastgeber gesetzt ist, qualifizieren sich bei der WM zwei weitere Mannschaften pro Geschlecht für Los Angeles 2028. Wir sind realistisch genug, um zu wissen, dass das angesichts der Konkurrenz aus Mexiko und Kanada sehr schwierig wird. Unser klares Ziel für beide Teams ist es, die Gruppenphase zu überstehen und damit zu den besten acht der Welt zu gehören. Wenn man das erreicht hat, ist der Weg gar nicht mehr so weit. Über die WM hinaus erhoffe ich mir, dass wir unseren Sport noch bekannter machen und dadurch interessanter für neue Mitglieder, aber auch für neue Partner werden. Wir wollen mit unserem Sport die Menschen begeistern.

In Los Angeles werden nur sechs Teams pro Geschlecht die Olympiapremiere erleben. Hand aufs Herz: Wie realistisch ist es, dass Deutschland dabei sein wird?

Die Qualifikation ist extrem hart, das ist uns bewusst. Wer es über die WM nicht schafft, muss im kommenden Jahr bei den Kontinentalturnieren unter die besten zwei kommen, um sich einen Platz für das finale Qualifikationsturnier Anfang 2028 zu sichern. Und ich glaube, dass es realistisch für uns ist, mit einem Team in Los Angeles dabei zu sein. Damit es beide werden, muss wirklich alles passen und zusätzlich ein Wunder geschehen.

Welches Geschlecht hat denn die besseren Chancen?

Bei den Frauen ist die Chance höher, weil der Markt kontrollierbarer und deshalb besser planbar ist. Bei den Männern dürfen vom kommenden Jahr an die Profis aus der NFL im Flag Football trainieren und 2028 auch an Spielen teilnehmen. Ob das schon das finale Qualifikationsturnier einschließt, ist noch unklar. Aber dadurch wird das gesamte System extrem in Bewegung kommen. Ich hoffe sehr, dass Amon-Ra St. Brown Lust hat, für Deutschland Flag Football zu spielen. Er ist einer der besten Receiver der NFL, so jemanden hätte jedes Team gern im Kader. Aber ob das realistisch ist und welche Bewegung durch die Einbindung der NFL-Profis in das Thema kommt, bleibt abzuwarten.

Wenn du noch etwas weiter in die Zukunft schaust: Welche Perspektive hat Flag Football im Olympiaprogramm?

Ich fürchte, dass wir in Los Angeles leider eine einmalige Chance haben werden. Ohne die NFL wäre Flag Football auch dort nicht im Programm, unser Weltverband hätte das allein niemals geschafft. Und angesichts der Neuausrichtung im IOC, das das Wettkampfprogramm deutlich reduzieren möchte, scheint es mir sehr fraglich, dass wir in Brisbane 2032 noch dazugehören. Aber wir sind 2029 im Programm der World Games in Karlsruhe gesetzt – und als Gastgeber auch qualifiziert. Das ist ein schöner Anreiz, auch weiterhin mit voller Motivation am Ball zu bleiben. Meine Hoffnung ist, dass der Hype nicht nur kurz für die Olympischen Spiele anhält, sondern sich verstetigt und wir eine nachhaltige Entwicklung nehmen. Mein größter Wunsch ist, dass die, die heute in Deutschland Flag Football auf internationalem Niveau spielen, dem Sport auch in Zukunft erhalten bleiben und zum Beispiel Trainerinnen und Trainer werden, denn das brauchen wir, um nachhaltig erfolgreich zu sein.

Und was erhoffst du dir sowohl für euren Sport als auch für den gesamten deutschen Sport von Olympischen und Paralympischen Heimspielen?

Erst einmal sind wir sehr froh, dass wir in alle drei Konzepte der deutschen Bewerber Aufnahme gefunden haben. Dass ein so junger Sport wie Flag Football mitgedacht wird, ist toll. Und sollte Deutschland die Spiele wirklich bekommen, werden wir bereitstehen, falls wir Teil des Programms werden dürften. Der gesamte deutsche Sport und die Gesellschaft im Allgemeinen würde von Olympischen und Paralympischen Heimspielen einen enormen Schub bekommen. Deshalb unterstützen wir die Bewerbungspläne des DOSB vollkommen und versuchen, mit einer erfolgreichen WM unseren kleinen Teil dazu beizutragen, dass der Stellenwert des Sports stetig wächst.

Dafür wünschen wir größtmöglichen Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch!

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